Sezession
1. Februar 2009

Autorenportrait Konrad Lorenz

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 28 / Februar 2009

von Adolph Przybyszewski

»Freuds Aggressionslehre und die Verhaltensforschung von Lorenz werden neuerdings immer häufiger für die Entwicklung einer konservativen Gesellschaftstheorie herangezogen«, konstatierte Der Spiegel im Jahr 1971 irritiert. Damals, als in der BRD der Siegeszug des Vulgärmarxismus durch die Institutionen anhub, hätten eigentlich »die Ergebnisse der Verhaltensforschung (Ethologie) eine gründliche Verunsicherung all jener bewirkt haben« müssen, »deren Vorstellungen sich noch immer in den überkommenen Denkschemata des 19. Jahrhunderts bewegen.«

Diese Hoffnung äußerten hier nicht Konservative, sondern die jungen Vertreter eines akademischen »Neuen Nationalismus«: Mit den biologischen Wissenschaften sollte den auftrumpfenden Neomarxisten gesellschaftstheoretisch der Wind aus den Segeln genommen werden. Das Vertrauen auf eine ernüchternde Wirkung der Verhaltensbiologie auf die westdeutsche Linke, auf entsprechende Lernprozesse und damit auch die Aufwertung der eigenen Position war illusorisch, was im Rückblick nicht überrascht. Der Ansatz, sich im geteilten Deutschland gleichermaßen von einer »alten«, konservativen Rechten und einer theoretisch überholten Linken als blockfreier »neuer« Nationalismus mittels Rekurs auf jüngste naturwissenschaftliche Erkenntnisse abzusetzen, erschien unzeitgemäß. Die politische Gesäßgeographie des 19. Jahrhunderts ist, weil herrschaftstechnisch bislang bewährt, in Deutschland stabil, die Linke blieb in ihrem Menschenbild einem ideologischen Behaviorismus verhaftet, sie bewegte sich geistig nicht. Dabei sind Überlegungen und Motive jener nationalistischen Intellektuellen bedenkenswert, zumal sie sich mit Konrad Lorenz eines Kronzeugen versicherten, den der Spiegel (das »Sturmgeschütz der Demokratie«) damals nicht abschoß, sondern vielmehr zum »Einstein der Tierseele« adelte.
Daß Lorenz 1973 zusammen mit seinen Kollegen Nikolaas Tinbergen und Karl von Frisch der Nobelpreis für Medizin oder Physiologie verliehen wurde, belegte die wissenschaftliche Bedeutung der Verhaltensbiologie gleichsam amtlich. Es war keineswegs ein Mißverständnis, daß die unorthodoxen Nationalisten meinten, auf Lorenz und die Verhaltensforschung setzen zu können, denn der seinerzeit ungemein populäre Ethologe selbst vertrat ohne Scheu politische Ansichten, die er mit seinen Forschungen begründete und dem zunehmend linksliberalen Zeitgeist entgegenstellte. Wenn er gegen die »pseudodemokratische Doktrin« wetterte, »daß der Mensch ein unbegrenzt modifizierbares Erzeugnis seiner Umgebung sei«, wenn er beklagte, daß diese Doktrin »eine überragende politische Bedeutung erlangt« habe, liegt angesichts gegenwärtiger Debatten um gender mainstreaming und die Deformation des Bildungswesens sein anhaltender Provokationswert auf der Hand. »Begreiflicherweise«, so Lorenz 1971, müsse »diese Lehre allen jenen höchst willkommen sein, in deren Interesse und Absicht es liegt, große Menschenmassen gezielt zu manipulieren, und deshalb ist die pseudodemokratische Doktrin, von amerikanischen, russischen und chinesischen Machthabern in merkwürdiger Einmütigkeit vertreten, beinahe zur Weltreligion geworden.« In Konrad Lorenz begegnet also nicht nur ein Klassiker der modernen Biologie, sondern auch ein streitbarer Geist, dem es wie wenigen anderen gegeben war, wesentliche Einsichten seiner Forschung einer breiteren Öffentlichkeit fesselnd darzubieten. Da der Verhaltensbiologe von der Bedeutung seiner Wissenschaft für eine adäquate Erkenntnis der eigenen Lage durchdrungen war und er diese Lage für ernst hielt, wollte er über den Elfenbeinturm reiner Forschung hinaus wirken: Er werde deshalb langsam zum »Prediger«, schrieb er damals dem befreundeten Schriftsteller Carl Zuckmayer.


 Gastbeitrag

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