Sezession
15. Oktober 2009

Ist das nicht geschmacklos?

Ellen Kositza

… dachte ich zunächstlesenswert, als ich (auch hier auf der Seite) die Werbung 100oplus der Frauenhilfsorganisationen Birke e.V. und Stiftung Ja zum Leben sah. Unser Abtreibungsrecht als wenigstens kritisch und die Abtreibungspraxis als furchtbar ansehen – für mich keine Frage. Aber darf man, besser: soll man mit solch einem Schocker kommen?

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Zehn putzige Krabbelkinder schauen uns an, und dazu die Frage: „Und welches hätten Sie abgetrieben?“ So nach dem Motto: Welches Schweinderl hätten´s denn gern? Ist das nicht ein bißchen kraß, zu effektheischerisch?

Seitdem die Werbung läuft, hab ich etliche emails erhalten: Wie siehst Du das denn? Muß man so obzsön werden? Ist das nicht eine Vermischung von Privatangelegenheit und Politik?

Es gilt, die Reflexe zu überprüfen. Das Thema Abtreibung ist ja kein randständiges, auch wenn es aufgrund seiner Polarisierung durch Radikale so scheint. Nahezu jede und jeder Erwachsene/r (die Trennung nach Geschlechtern ist hier sinnvoll, mich berührt´s immer seltsam, wenn Männer bei diesem Thema lautstark und entschieden die Stimme erheben) hat sich schon mal mit dem Thema befaßt. Zumindest in Annäherungen: Sexuelle Aktivität und Fortpflanzung sind selbst für die meisten Christen und Lebensrechtler weitgehend voneinander abgekoppelt. Drum wird verhütet, drum sind Kinder heute und hierzulande meist Wunschkinder. Was tun, wenn´s schiefgeht, zu äußerst ungelegener Zeit?

Es heißt immer wieder: Keine Frau treibt doch leichtfertig ab! Eine relative Aussage. Ich kenne eine Frau, die sieben Abtreibungen hatte´(und sie würde diese Eingriffe sicher als unangenehme Prozeduren bezeichnen), und wars nicht Jutta Ditfurth, die mal bekundete, sie halte ihre zwei Abtreibung im Rahmen eines jahrzehntelangen erfüllten Sexuallebens für erträglich? Also: Weil frau meist aus einer Notlage heraus abtreibt und nicht aus „Spaß“ – deshalb sei diese Werbung der Birke e.V. „gemein“? Darf man die intimen Seelengründe von Frauen so lauthals ans Licht zerren und hinterfragen?

Wichtig scheint mir, zu betonen, daß es nicht die Seite der Abtreibungsgener war, die die Abbruchsfrage zum Politikum gemacht hat. In der Sommerausgabe der Emma hatte Alice Schwarzer zum x-ten mal ihr Eintreten für eine möglichst liberale Abtreibungspraxis Revue passieren lassen. Ich finde: Das ist geschmacklos! Wo kaltlächelnd geleugnet wird, daß „Zellhaufen“ bzw. „Föten“ natürliche Vorstufen dessen sind, was Wochen oder Monate als Kind das Licht der Welt erblicken wird, wo der Ausdruck „werdendes Leben“ höhnisch in Anführungszeichen gesetzt wird – das ist Kälte, da ist auch Frauenfeindlichkeit im Spiel ! Und, vermutlich, wenn man sich die kaputten Reaktionen und Parolen der Abtreibungsfreunde auf der letzten Anti-Abtreibungsdemo in Berlin anschaut ("Hätt´Maria abgetrieben, wärt ihr und erspart geblieben"etc.), ein ganz schlechtes Gewissen, das mit Lärm übertüncht wird. Psychologen hätten bei derlei Schreihälsinnen vermutlich ein leichtes Spiel. Wenn die Werbung der Birke aufrüttelt und schockiert, ist das gut. Vor allem: Gerade diese Organisationen predigen nicht, sie handeln, indem sie Frauen in Not helfen. Und deren (ungeborenen) Kindern. Geschmacklos und unmenschlich ist etwas anderes.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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