Im Spiegel der Jahre (Fundstücke 5)

Ein geschätzter Freund und feinsinniger Waldgänger schickt mir heute per e-post ein langes Zitat aus dem autobiographischen Buch von Friedrich Georg Jünger, ...

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

… “Spie­gel der Jah­re” (1957). Der Spre­cher ist ein “Kon­ser­va­ti­ver Revo­lu­tio­när” der Zwan­zi­ger Jah­re, den Jün­ger “Pis­tor” nennt.

Wenn ich mir alle wider­li­chen Begeg­nun­gen und Erfah­run­gen mit Men­schen über­le­ge, so fin­de ich über­all das­sel­be Grund­übel: die Men­schen wol­len dem Außer­ge­wöhn­li­chen nicht die Inter­es­sen ihrer all­täg­li­chen Exis­tenz opfern, son­dern sie tun das Umge­kehr­te leich­te­ren Her­zens. Dar­in sehe ich das Wesen der Gemein­heit und des gemei­nen Men­schen. Er freut sich, wenn er die Unru­he los ist, die ihm die Begeg­nung mit dem Unge­wöhn­li­chen berei­tet, und er freut sich, wenn er leich­ten Kaufs los­kommt, näm­lich so, daß er das Unge­wöhn­li­che sei­ner eige­nen Gewöhn­lich­keit zum Opfer brin­gen kann.

Lei­der muß sich in Deutsch­land das Unge­wöhn­li­che mit dem herr­schen­den und zahl­rei­chen Gewöhn­li­chen immer wie­der ein­las­sen, wenn es nicht gleich, nach­dem es den Mut­ter­leib ver­ließ, Selbst­mord ver­üben will. Die­se Men­schen ver­ar­men sich dabei selbst ihr Leben, sie gehen in ihrer Bana­li­tät und ihrem arm­se­li­gen Berufs- und Ehe­le­ben unter, sie haben manch­mal, wenigs­tens einer oder der ande­re, einen Augen­blick der Besin­nung, in dem sie sich sagen: für eine Minu­te wah­ren Glücks wür­de ich die­ses gan­ze Elend hingeben.

Wenn aber jemand kommt, der ihnen die Hand reicht, dann benut­zen sie rasch die Gele­gen­heit, ihn als ihren schlimms­ten Feind rasch in ihren Sumpf hin­un­ter­zu­zie­hen. Wer nicht gleich­gül­tig ist, muß wenigs­tens Gleich­gül­tig­keit heu­cheln, damit ihn die Unmen­schen leben lassen.

Mein Freund, ein jun­ger, frei­be­ruf­li­cher Fami­li­en­va­ter, emp­fand die­se Stel­le als “melan­cho­lisch”.

Aber ist sie das, lie­ber Wald­gän­ger? In Pis­tors Rede erken­ne ich eine Para­phra­se und Umkeh­rung der berühm­ten Sät­ze von Pas­cal wieder:

Quand je m’y suis mis quel­que fois, à con­sidé­rer les diver­ses agi­ta­ti­ons des hom­mes, et les pèrils et les pei­nes où il s’ex­po­sent, dans la cour, dans la guer­re, d’ou nais­sent tant de que­rel­les, de pas­si­ons, d’en­tre­pri­ses har­dies et sou­vent mauvaises…

Wenn ich mich manch­mal damit beschäf­tigt habe, die man­nig­fa­che Unru­he der Men­schen zu betrach­ten, die Gefah­ren und die Müh­sal, denen sie sich bei Hofe und im Krie­ge aus­set­zen, aus denen so vie­le Strei­tig­kei­ten, Lei­den­schaf­ten, küh­ne und oft auch bös­ar­ti­ge Unter­neh­mun­gen und man­ches ande­re ent­ste­hen, so habe ich die Ent­de­ckung gemacht, daß das gan­ze Unglück der Men­schen aus einer ein­zi­gen Wur­zel stammt: sie kön­nen nicht ruhig in einem Zim­mer bleiben.

War Pis­tor so gese­hen nicht eher ein roman­ti­scher Opti­mist, als er dach­te, daß sich die Men­schen die Bana­li­tät ihres Lebens selbst erwäh­len? Und über­zeugt davon war, daß das Wun­der­ba­re, Außer­ge­wöhn­li­che, viel­leicht das abwe­sen­de “wah­re Leben”, das Rim­baud gemeint hat, stän­dig an unse­re Tür klopft, wir Feig­lin­ge und Faul­pel­ze es aber aus­sper­ren, abweh­ren, ersti­cken? Ich bin skep­tisch. Ist es nicht viel­mehr so, daß wir uns nach dem Außer­ge­wöhn­li­chen eher ver­geb­lich seh­nen, dar­auf war­ten wie auf Godot?

Und du war­test, erwar­test das Eine,
das dein Leben unend­lich vermehrt;
das Mäch­ti­ge, Ungemeine,
das Erwa­chen der Steine,
Tie­fen, dir zugekehrt.

Heut den­ke ich eher, daß Pas­cal recht hat­te, und immer mehr bewun­de­re ich die­je­ni­gen, die den Hero­is­mus des All­tags mit Weib, Kind und Müh­sal bewäl­ti­gen, ohne dabei zum Schwein­chen Schlau zu wer­den, gera­de in unse­rer Zeit der tota­len Mobil­ma­chung und Auf­lö­sung aller Din­ge und der tota­len Ent­or­tung, in der jede Ehe und jedes Haus und jeder Beruf wie auf Sand gebaut steht oder eben nicht steht.

Pis­tors Rede ist noch nicht zu Ende:

Was mei­nen Sie, wenn ich zur Ästhe­tik über­gin­ge, nach­dem ich durch zwei Sta­di­en hin­durch­ging, das phi­lo­so­phi­sche und das sozio­lo­gisch-poli­ti­sche? Aber wo ist Schön­heit? Dar­an, das Wah­re anzu­tref­fen, und dar­an, das rich­ti­ge poli­ti­sche Han­deln anzu­tref­fen, ver­zweif­le ich. Aber viel­leicht kön­nen wir das Schö­ne irgend­wo antref­fen, und viel­leicht liegt mir von Anfang an an dem Schö­nen mehr als an allem anderen.

Hier spricht er mir unein­ge­schränkt aus der Seele.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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