1. Februar 2009

Verhaltensforschung und Politik

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 28 / Februar 2009

von Karlheinz Weißmann

Wer in den siebziger Jahren ein westdeutsches Gymnasium besuchte, erinnert sich noch an die Schärfe der politischen Diskussionen im Unterricht. Ob Deutsch oder Gemeinschaftskunde, Religion oder Geschichte, es ging immer ums Prinzipielle: die Überlegenheit oder Unterlegenheit der DDR im »Systemvergleich«, Recht oder Unrecht des RAF-Terrors, der »Berufsverbote« für Kommunisten, der militärischen Verteidigung, des Kapitalismus oder des Leistungssports. Man lebte in ideologisch geladener Atmosphäre, und die Auseinandersetzungen wurden mit Vehemenz geführt, weil die Beteiligten überzeugt waren, daß es sich um Existenzfragen handele, eigentlich um die Entscheidung zwischen Gut und Böse. Ein Grund für die Intensität der Meinungskämpfe war auch die Stärke der gegnerischen Lager, der Linken einerseits, die in Folge von 68 Auftrieb erhalten hatte, der Bürgerlichen andererseits, die aus immer noch gefestigten Positionen fochten. Keine der beiden Parteien verließ sich nur auf die Mannstärke, es ging immer auch um argumentative Zurüstung, und damals – im Gegensatz zu heute – glaubten die Bürgerlichen an die Bedeutung von Weltanschauung und daran, einen Vorsprung auf diesem Feld zu haben. Der »Sukkurs aus der Wissenschaft« (Armin Mohler) spielte eine wichtige Rolle, die ätzende Kritik von Soziologen wie Arnold Gehlen, Helmut Schelsky, Helmut Schoeck oder Ernst Topitsch und Staatsrechtlern wie Ernst Forsthoff an den utopischen Erwartungen der Linken etwa, die kaum etwas übrigließ von der Hoffnung auf allgemeine Emanzipation, Selbstbestimmung, freie Liebe und humanitären Sozialismus, samt Landkommunen und selbstverwalteten Industriebetrieben.

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Zu den Vorgaben dieses »neokonservativen« Denkens gehörte eine skeptische Anthropologie, die aus der Tradition hinreichend zu begrün den war, aber – im Falle Gehlens etwa – auch auf neue Erkenntnisse der Naturwissenschaften zurückgriff. Die boten vor allem im Hinblick auf die Intelligenz- und die Verhaltensforschung Argumente, die die Linke, die sich soviel auf ihre Rationalität und ihre Aufgeklärtheit zugute hielt, in Bedrängnis bringen mußten. In Deutschland hat man zwar die Forschungen des Amerikaners Arthur Jensen zu Leistungs- und IQ-Unterschieden schwarzer und weißer Schulkinder nur zurückhaltend aufgenommen, aber das Buch von Hans J. Eysenck mit dem programmatischen Titel Die Ungleichheit der Menschen entwickelte sich zum Bestseller, obwohl oder gerade weil man hier eine radikale Antithese zum neuen Egalitarismus fand. Ähnliches galt für die Arbeiten des Außenseiters Robert Ardrey, der mit seinen allgemeinverständlichen Darstellungen zu den natürlichen Ursachen von Territorialität, Kollektivität und Aggressivität des Menschen ganz entscheidend zur Popularisierung verhaltensbiologischer Erkenntnisse beigetragen hat.

Die Vorstellung, daß die Menschen wesentlich ungleich sind und wesentlich durch das Unverfügbare – ihr biologisches Erbe – bestimmt werden, mußte einer »rechten« Position nützen. Die Richtung der Rezeption war allerdings nicht von vornherein festgelegt. Als Der Spiegel im Dezember 1965 eine Titelausgabe »Verhaltensforschung: Der Mensch und seine Instinkte« brachte, hatte das jedenfalls eher mit dem Geist des Positivismus und der Modernität zu tun, mit dem Bemühen, religiöse Vorbehalte gegenüber dem Tierischen im Menschen abzuschleifen oder der Lächerlichkeit preiszugeben. Im Kern ging es um die Behauptung, daß homo sapiens nachhaltig durch instinktive oder instinktartige Verhaltensweisen determiniert sei, daß es insofern keinen qualitativen Unterschied zum Tier gebe und die Vorstellung von einem »Geistwesen«, das sich mit Hilfe seines »freien Willens« von allen naturhaften Bindungen emanzipieren könne, obwohl in der abendländischen Tradition so tief verankert, als abwegig betrachtet werden müsse. Man wies auch auf das Streben der Verhaltensforschung nach einer Synthese hin, die ein neues Menschenbild schaffen und dem Politiker umfassende Systemsteuerung ermöglichen sollte, so daß er »… mit seinen gegnerischen Berufskollegen in gleichsam stillschweigender Übereinkunft diese agile, schwelende und explosive Masse Mensch planmäßig lenkt; der hier ableitet, dort befriedigt, vielleicht sogar kleine Kriege und Revolutionen in Gang setzt oder duldet, um große zu verhindern« (Erich von Holst).
Derartige Gedankenspiele entsprachen dem kybernetischen Zeitgeist der sechziger Jahre und hatten kaum mit konkreter Parteinahme zu tun. Die Politisierung der Verhaltensforschung kam auch nicht auf direktem, sondern auf indirektem Weg zustande, als eine Art Reaktion auf den Wandel der gesellschaftlichen Leitideen. Der Vorgang ist an den Stellungnahmen des Gründervaters der Ethologie, Konrad Lorenz, besonders deutlich ablesbar. Lorenz hatte sich zwar niemals nur an die Fachwelt gewandt, sondern mit Büchern wie Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen (1949) und So kam der Mensch auf den Hund (1950) und schließlich Das sogenannte Böse (1963) ein breites Publikum angesprochen. Aber die meisten seiner Aussagen waren unverfänglich. Das änderte sich drastisch nach Erscheinen seines »Hauptwerks«, das 1973 mit dem Titel Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte des menschlichen Erkennens herauskam, und der Veröffentlichung einer scharfen Polemik, die Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit behandelte.
Lorenz Rede von der »Domestikation« des Menschen wirkte ebenso aufreizend wie seine These, daß die moderne Industriegesellschaft eine »Involution« durchlaufe, das heißt nicht dem Gesetz des »Fortschritts«, sondern dem des »Verfalls«, auch und gerade des genetischen Verfalls, unterliege, da der Mensch ein zivilisatorisches Niveau erreicht habe, das den Druck der Selektion vollständig ausschalte. Als eigentliche Gefahr betrachtete die linke Intelligenz aber die Schaffung eines theoretischen Ansatzes, der als wissenschaftliche Basis der Gegenrevolution dienen konnte. Denn wenn die Grundannahmen der Ethologie zutrafen und akzeptiert wurden, standen alle Paradigmen, die man gerade durchgesetzt hatte, in Frage: die Idee, daß der Mensch als »weißes Blatt« auf die Welt komme, weshalb alle Menschen gleich seien, jedenfalls keine natürliche Verschiedenheit nach Geschlechtern oder Rassen bestehe, die Annahme einer durchgängigen Vernunftbegabung und allmächtigen Sozialisierung, die im besten Fall zur Schaffung eines »neuen Menschen« in einer neuen, sozialistischen Gesellschaft führen werde, und die These, daß die eigene, die »zweite Aufklärung« einen Monopolanspruch auf Rationalität erheben konnte.

Umgekehrt hoffte die intellektuelle Rechte, daß die »Einsicht in die Invarianten und in die konstitutiven Depravationsgefahren der menschlichen Natur, von der Lorenz’ Kultur- und Gesellschaftskritik ausgeht, … die Chance« eröffnete, »ein realistisch-anthropologisches Entfremdungstheorem zu formulieren: Zwischen der Scylla der Sanktionierung eines jeden, beliebigen, politischen, sozialen, kulturellen Status quo unter Berufung auf vorgebliche ›Naturkonstanten‹ … und der Charybdis einer empirisch nicht ausgewiesenen utopistisch-essentialistischen ›Entfremdungs‹- Theorie hindurch, kann aus den anthropologisch-ethologischen Befunden eine Konzeption erarbeitet werden, die sich an historisch realisierten und ontogenetisch realisierbaren optimalen Möglichkeiten der menschlichen Natur orientiert und deren Verlust, Verschüttung, Verfehlung in der Gegenwart als Entfremdung zu erfassen und darzustellen vermag.« (Heinrich Meier)
Angesichts dieser Lage war es kein Zufall, daß die Verstrickung von Lorenz in den Nationalsozialismus erst nachträglich gegen ihn und die Verhaltensforschung ins Feld geführt wurde. In erster Linie ging es um die politische Bedeutung der Ethologie, deren »große Popularität« man als das entscheidende Problem betrachtete, die »Wissenschaftsgläubigkeit« der unkritischen Masse im allgemeinen und die Methode des »Tiervergleichs« (Wolfgang Schmidbauer) im besonderen. Diese Frontstellung ergab sich zwangsläufig, weil die herrschenden intellektuellen Moden – der Marxismus, die Psychoanalyse, der Strukturalismus – in dem Punkt zusammenliefen, daß sie die naturhafte Seite des Menschen, eigentlich die Möglichkeit einer Anthropologie überhaupt, bestritten, sofern diese von Invarianten ausgeht. Denn wenn »Anthropologie … daran festhält, gewissermaßen ›ontologisch‹ zu verfahren, nämlich nur das Wiederkehrende, das Immergleiche, das Zugrundeliegende an Mensch und Menschenwerk zum Gegenstand zu machen, wird sie unkritisch und führt am Ende gar zu einer Dogmatik mit politischen Konsequenzen« (Jürgen Habermas), will sagen: politischen Konsequenzen, die der Linken nicht recht sein konnten.
Die Linke hat sich letztlich – trotz der dürftigen und fehlerhaften Begründung ihrer Position – durchgesetzt, was ein kluger Beobachter der Entwicklung, Dieter E. Zimmer, schlicht auf die Attraktivität ihres »soziopsycho- kulturpolitischen Gemeinverständnisses« zurückführte. Die Einschätzung war umso bemerkenswerter, als sich Zimmer ursprünglich selbst der Linken zurechnete, bevor er als Wissenschaftsjournalist über die »erste Natur« des Menschen zu arbeiten begann. Dabei wurde ihm klar, daß die Vorwürfe gegen die »Biologisten« oder »Nativisten« nicht nur fehlende Sachkenntnis prägte, sondern auch ein kalkuliertes Mißverstehen dahinterstand. Zimmer schrieb zwischen 1978 und 1982 eine Reihe großer »Dossiers« für die Zeit, in denen er mit allen Lieblingsvorstellungen der linken Intelligenz abrechnete: der Idee prinzipieller Gleichheit der Geschlechter, der Milieutheorie, der Möglichkeit die Menschheit zu pazifizieren oder sie in einem sozialistischen Weltstaat zusammenzuführen, der Tragfähigkeit der Psychoanalyse oder den Verheißungen antiautoritärer Pädagogik.

Bedenkt man den Erscheinungsort der »Dossiers«, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Zeit Zimmer als eine Art Hofnarren betrachtete, der ungestraft Wahrheiten aussprechen durfte, die man ansonsten verbarg oder leugnete. Als er zu Beginn der achtziger Jahre zunehmend unter politischen Druck geriet und der Faschismus-Vorwurf schärfer formuliert wurde, versuchte er noch für eine Weile an der Vorstellung festzuhalten, daß man den Gegner einfach besser informieren müsse. Sollte sich die Linke, so Zimmer in Verteidigung eigener Sache, den neuen Erkenntnissen über die Biologie des Menschen verschließen, werde sie letztlich »ins Abseits geraten. Sie wird einfach nicht mehr realitätsfähig sein.« Daß diese Erwartung trog, hatte mit Zimmers gutem Glauben zu tun, daß die Linke guten Glaubens sei. Es spricht aber mehr für die gegenteilige Annahme oder doch dafür, daß die Linke ihr Selbst verständnis als Menschenformer« (Otto Koenig) nicht beschädigen wollte durch die Annahme biologischer Prädispositionen und sich dabei der Unterstützung all jener sicher war, die aus anderen Motiven auf die modernen Sozialtechnologien zur Steuerung der Gesellschaft setzten.
Das erklärt, warum das »Anthropologieverbot« (Odo Marquard) im Laufe der achtziger Jahre etabliert und mit immer neuen Sanktionsdrohungen versehen werden konnte, die bis heute wirken und jede sachgerechte Auseinandersetzung um die Natur des Menschen verhindern. Das erklärt auch, warum der Versuch eines Horst Stern, die Ökologie- Debatte um Argumente aus der Verhaltensforschung zu ergänzen, ohne Resonanz blieb, und warum Eibl-Eibesfeldt im Zusammenhang mit der Diskussion um die »multikulturelle Gesellschaft« noch einmal gehört, aber dann konsequent ignoriert wurde, gerade weil der Hinweis auf die Natürlichkeit von Xenophobie oder die Probleme der »Pferchungsdichte« jede Duldung von Masseneinwanderung als unentschuldbaren Leichtsinn entlarvte. Und das erklärt weiter, warum es in Deutschland keine ernstzunehmende Beschäftigung mit der bell curve gegeben hat (die das Ende der Debatte über Erbe oder Umwelteinfluß bei der Intelligenz hätte bedeuten können) und schließlich, warum die Bücher eines Frank Salter (der politische Schlüsselfragen aus ethologischer Sicht analysiert) hier keinen Verlag finden.
Dem widerspricht auf den ersten Blick, daß ein gewisser Naturalismus längst Platz gegriffen hat: Wir haben uns an die Idee gewöhnt, daß unser Erbgut Gesundheit, Lebensdauer und Todesart bestimmt und daß man die Gefahr »genetischer Diskriminierung« im Blick behalten muß, oder daß jede Frau ihre persönliche Biopolitik treiben darf, wenn es um die Abtreibung ihres ungeborenen Kindes geht. Bezugspunkt hat aber stets die Menschheit in toto oder der einzelne zu sein, soweit es um die biologische Dimension unserer sozialen Existenz geht, ist ein wirksames Tabu errichtet. Daher auch die Entspanntheit, mit der man hierzulande auf die Soziobiologie reagiert hat, die ohne Zweifel wesentlich naturalistischer argumentiert als die Verhaltensforschung, aber wegen ihrer Fixierung auf die Individuen (»das egoistische Gen«) einerseits und die Spezies andererseits, unter Ausschaltung der Zwischengrößen (»Arterhaltung«) und wegen ihrer neodarwinistischen Tendenz ungefährlich erschien, bestenfalls geeignet, den Kapitalismus zu rechtfertigen, aber ohne problematische, weil konservative Tendenz der Argumentation.
Die ist der Verhaltensforschung inhärent. In einem Interview, das er 1974 Alain de Benoist gegeben hat, nahm Lorenz ausdrücklich und positiv auf die »Weltoffenheit« und notwendige Orientierung des Menschen an der Kultur Bezug. Er konstatierte nicht nur ausdrücklich die Übereinstimmung mit Gehlen (der oft fälschlich als sein Antipode genannt wird), sondern betonte auch die Fragilität der Kultur, die unter dem Druck von Selektionsprozessen wesentlich schlechter standhalte als die naturhaften Größen. Da aber nur die Kultur die »Unsterblichkeit des Geistes« verbürge, müsse man die Gegenwart pessimistisch betrachten, weil die »Neophilie« – die Sucht nach dem Neuen – alles beherrsche: »Damit das genetische Erbe weitergegeben wird, bedarf es einer gewissen Rigidität des Genoms. Gibt es in einer Art zu viele Mutationen, führt das zur Entstehung von Monstren. Gibt es nicht genügend Mutationen, erhält man lebende Fossilien, wie etwa … das Iguanodon. Das ist dasselbe im Fall der Kultur. Wie auf dem Gebiet der Genetik gibt es eine Wechselwirkung zwischen den erhaltenden Faktoren, der Unveränderbarkeit, und den verändernden Faktoren. In jeder Kultur hängt die Lebensfähigkeit vom Gleichgewicht zwischen diesen beiden Arten von Faktoren ab …«


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