“Zwo Welten auf einmal” Auf der Suche nach der menschlichen Natur

pdf der Druckfassung aus Sezession 28 / Februar 2009

von Thomas Bargatzky

Was ist der Mensch? Johann Gottfried Herder hält eine schöne Antwort auf diese Frage bereit:

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Der Mensch sei der »Mit­tel­ring zwi­schen zwei inein­an­der­grei­fen­den Sys­te­men der Schöp­fung«. Er schließt die Ket­te der »Erd­or­ga­ni­sa­ti­on als ihr höchs­tes und letz­tes Glied«; mit ihm beginnt aber zugleich »die Ket­te einer höhern Gat­tung von Geschöp­fen«, deren nied­rigs­tes Glied er ist. »Als Tier die­net er der Erde und hangt an ihr als sei­ner Wohn­stät­te; als Mensch hat er den Samen der Unsterb­lich­keit in sich«. Der Mensch »stel­let also zwo Wel­ten auf ein­mal dar, und das macht die anschei­nen­de Dupli­zi­tät sei­nes Wesens«.

Es ist kein Zufall, daß Her­der gera­de im Schat­ten der her­auf­zie­hen­den Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on ver­such­te, dem zwi­schen Tier und Engel ste­hen­den Geschöpf einen fes­ten Platz in der Ord­nung der Din­ge zuzu­wei­sen. In Kri­sen­zei­ten hat die Fra­ge nach dem Wesen des Men­schen Kon­junk­tur. 1945, im Jahr des Endes der Ver­hee­run­gen des Zwei­ten Welt­kriegs, ver­öf­fent­lich­te der ame­ri­ka­ni­sche Eth­no­lo­ge Geor­ge Peter Mur­dock einen Auf­satz, in dem er 73 trans­kul­tu­rel­le Uni­ver­sa­li­en auf­zählt, über die sei­ner Mei­nung nach jed­we­de Kul­tur ver­fügt. Man hielt gleich­sam nach Fix­punk­ten Aus­schau, an denen das Bild vom Men­schen neu jus­tiert wer­den konnte.
Heu­te liegt zwar kei­ne mit dem Zwei­ten Welt­krieg ver­gleich­ba­re zivi­li­sa­to­ri­sche Kata­stro­phe hin­ter uns, aber inner­halb von nur knapp zwan­zig Jah­ren muß­ten gleich zwei Großideo­lo­gien Bank­rott erklä­ren: zuerst der Mar­xis­mus-Leni­nis­mus sowje­ti­scher Prä­gung, dann im Jah­re 2008 der »Casi­no-Kapi­ta­lis­mus« – der »Kapi­ta­lis­mus als Reli­gi­on«, wie ihn Wal­ter Ben­ja­min fast pro­phe­tisch 1921 vor­aus­ge­sagt hat­te. Auch in der Gegen­wart ist daher von neu­em der Wunsch nach Ori­en­tie­rung zu ver­spü­ren. Die Fra­ge nach der mensch­li­chen Natur gewinnt an Aktua­li­tät. Wel­che sozia­len und poli­ti­schen Ord­nun­gen sind dem Men­schen gemäß, wel­che nicht? Plau­si­ble Ant­wor­ten auf die­se Grund­fra­gen tun not, gera­de ange­sichts einer »Zivil­re­li­gi­on« der poli­ti­cal cor­rect­ness cum Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus und der Radi­k­al­eman­zi­pa­ti­on von der Natur in der Gestalt des gen­der main­strea­ming, die sich als ideo­lo­gi­sches Kor­re­lat im Gefol­ge des glo­ba­li­sier­ten Casi­no-Kapi­ta­lis­mus aus­ge­brei­tet hat und uns tag­täg­lich in Pres­se, Rund­funk und Fern­se­hen gepre­digt wird. Erst­mals in der Geschich­te der Mensch­heit rückt die Ver­wirk­li­chung der Hor­ror­vi­sio­nen Aldous Hux­leys (Bra­ve New World) in den Bereich des Mach­ba­ren: die Erschaf­fung des »Neu­en Men­schen« durch Indok­tri­nie­rung und durch Mani­pu­la­ti­on des Genmaterials.
Die The­se, dem Men­schen kom­me ein bestimm­tes Wesen zu, durch­zieht die abend­län­di­sche Phi­lo­so­phie seit ihren Anfän­gen in der Anti­ke bis heu­te. Schon zu den Zei­ten der Stoa wur­de ihr jedoch wider­spro­chen. Die früh­neu­zeit­li­chen Ver­trags­theo­re­ti­ker und Empi­ris­ten (John Locke, David Hume) gaben dem Wider­spruch schließ­lich sein moder­nes begriff­li­ches Gewand: Die mensch­li­che See­le sei wie ein unbe­schrie­be­nes Blatt (tabu­la rasa), das nur im Nach­hin­ein durch die Erfah­rung gleich­sam beschrie­ben wer­de. Im Streit um beha­vio­ris­tisch-milieu­theo­re­ti­sche Posi­tio­nen wur­de die Aus­ein­an­der­set­zung um die Fra­ge nach der Natur des Men­schen in der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts fort­ge­setzt. Mit der Ent­de­ckung des beding­ten Refle­xes ergab sich für die Ver­hal­tens­wis­sen­schaf­ten die Mög­lich­keit, nach dem Vor­bild der exak­ten Natur­wis­sen­schaf­ten Ver­hal­tens­ex­pe­ri­men­te an Mensch und Tier durch­zu­füh­ren. Man hoff­te, auf die­se Wei­se zu einer Erklä­rung des mensch­li­chen Ver­hal­tens in sei­ner Gesamt­heit zu gelan­gen. In den USA ent­wi­ckel­te sich auf die­ser Grund­la­ge der Beha­vio­ris­mus, des­sen Ver­tre­ter vol­ler Opti­mis­mus glaub­ten, alle Pro­ble­me des mensch­li­chen Zusam­men­le­bens durch Erzie­hung lösen zu kön­nen. Die­sen Opti­mis­mus teil­ten sie übri­gens mit den Ideo­lo­gen des Sowjetkommunismus.

Schon die­ser kur­ze ideen­ge­schicht­li­che Über­blick macht deut­lich, daß die Fra­ge nach der mensch­li­chen Natur, wie alle die mensch­li­che Exis­tenz berüh­ren­den Grund­fra­gen, nicht mit empi­risch-wis­sen­schaft­li­chen Mit­teln allei­ne zu lösen ist. Dies zeig­te auch die Mur­dock-Lis­te, die im Grun­de nicht mehr ist als ein Sam­mel­su­ri­um höchst unter­schied­li­cher Din­ge. Sie stellt bei­spiels­wei­se kom­ple­xe Insti­tu­tio­nen und Glau­bens­sys­te­me (Eigen­tums­re­geln, Arbeits­tei­lung, »government«, Mytho­lo­gie, Magie, reli­giö­se Ritua­le) auf die glei­che Ebe­ne wie das Kochen und das Ent­wöh­nen von Klein­kin­dern. Nur aus der phi­lo­so­phi­schen oder ideo­lo­gi­schen Spe­ku­la­ti­on her­aus kann man jedoch auch kein wirk­lich­keits­ge­rech­tes Bild vom Men­schen gewin­nen, son­dern nur ein Zerrbild.
Die Ver­hal­tens­for­schung (Etho­lo­gie), um die sich Kon­rad Lorenz so ver­dient gemacht hat, die auf Lorenz’ Werk auf­bau­en­de Human­etho­lo­gie als Erfor­schung der Bio­lo­gie des mensch­li­chen Ver­hal­tens, sowie die Eth­no­lo­gie als kul­tur­ver­glei­chen­de Wis­sen­schaft hal­ten eine Rei­he von Ergeb­nis­sen bereit, die uns in der Gesamt­schau einen Weg zur Klä­rung der Fra­ge nach der mensch­li­chen Natur wei­sen und den dog­ma­ti­schen Spiel­ar­ten des beha­vio­ris­ti­schen Ansat­zes wider­spre­chen. Der Mensch ist eben nicht durch erzie­he­ri­sche Ein­flüs­se belie­big form­bar. Die­se fun­da­men­ta­le Erkennt­nis wird in der Gegen­wart lei­der igno­riert, denn wie­der ein­mal sind wir – in der Gestalt der Leh­ren des gen­der main­strea­ming – mit einer tota­li­tä­ren Vari­an­te der Dok­trin von der gren­zen­lo­sen Form­bar­keit des Men­schen im Sin­ne vor­ge­ge­be­ner ideo­lo­gi­scher Zie­le kon­fron­tiert. Umso gebo­te­ner ist es, uns die Tat­sa­che ins Gedächt­nis zu rufen, daß mensch­li­ches Ver­hal­ten in Teil­be­rei­chen eben auch durch stam­mes­ge­schicht­li­che Anpas­sun­gen beein­flußt ist.
Die Resul­ta­te der ent­spre­chen­den eth­no­lo­gi­schen und human­etho­lo­gi­schen For­schun­gen erge­ben einen Befund, der sich in Form von vier Axio­men ding­fest machen läßt:

1. die bio­ti­sche Ein­heit aller Menschen,
2. die psy­chi­sche Ein­heit aller Menschen,
3. die erkennt­nis­theo­re­ti­sche Ein­heit aller Menschen,
4. die Kul­tur­ge­prägt­heit des mensch­li­chen Verhaltens.

Der Mensch ist die ein­zi­ge Spe­zi­es, die auf allen Kon­ti­nen­ten und in allen Kli­ma­zo­nen ver­brei­tet ist. Bio­lo­gisch gese­hen gehö­ren alle Men­schen der Jetzt­zeit der Art Homo sapi­ens sapi­ens an. Auf­grund der nahen Ver­wandt­schaft von Mensch und Men­schen­af­fen trifft man auf vie­le ana tomi­sche, phy­sio­lo­gi­sche und ver­hal­tens­mä­ßi­ge Gemein­sam­kei­ten. Um nur eini­ge zu nen­nen: Begrü­ßungs­ver­hal­ten (Kuß, Aus­stre­cken der Hand), Droh­mi­mik (Ent­blö­ßen der Eck­zäh­ne), Ter­ri­to­ria­li­tät, mimi­scher Aus­druck von Furcht, Wut, Lachen, Wei­nen; Rang­ord­nungs­ver­hal­ten, Rol­le der Mut­ter-Kind-Bezie­hung, Klam­mer­re­flex des Säuglings.

Die Human­etho­lo­gie erforscht die uni­ver­sel­len Grund­la­gen hin­ter den zahl­lo­sen Vari­an­ten mensch­li­chen Ver­hal­tens. Ihre Ergeb­nis­se stüt­zen die The­se der psy­chi­schen Ein­heit der Mensch­heit. Wut, Haß, Angst, Ekel, Trau­er, Über­ra­schung, Freu­de, Lie­be, Eifer­sucht, Neid, Scham sind ohne Zwei­fel mensch­li­che Grund­emo­tio­nen. Die ein­zel­nen Kul­tu­ren unter­schei­den sich durch die Art und Wei­se von­ein­an­der, in der sie den Aus­druck und das Aus­le­ben die­ser Emo­tio­nen erlau­ben, ver­bie­ten und for­men. Denn mensch­li­ches Ver­hal­ten tritt uns nie­mals in rei­ner, »kul­tur­frei­er « Form gegen­über – es ist stets kul­tur­ge­prägt. Um ein­fa­che Bei­spie­le zu geben: Trau­er ist zwar eine mensch­li­che Grund­emo­ti­on, aber die Far­be, in der ihr Aus­druck gege­ben wird, ist je nach dem kul­tu­rel­len Milieu Schwarz oder Weiß. Die Ter­ri­to­ria­li­tät ist des wei­te­ren eine stam­mes­ge­schicht­lich ererb­te Dis­po­si­ti­on des mensch­li­chen Ver­hal­tens, sie fin­det aber ihre jeweils spe­zi­fi­sche kul­tu­rel­le Aus­prä­gung erst unter den aku­ten sozia­len, geis­ti­gen und wirt­schaft­li­chen Bedin­gun­gen. Anglo-pro­tes­tan­ti­sche US-Ame­ri­ka­ner und Ara­ber sowie Men­schen aus roma­ni­schen Län­dern haben bekannt­lich unter­schied­li­che Vor­stel­lun­gen vom rich­ti­gen Abstand zwi­schen Per­so­nen, so daß der Ame­ri­ka­ner sich beim Gespräch von sei­nem Gegen­über immer wie­der ein wenig ent­fernt, wor­auf der ande­re stets etwas nachrückt.
Die von der Eth­no­lo­gie ermit­tel­te und beschrie­be­ne gro­ße Viel­falt der kul­tu­rel­len Phä­no­me­ne unter­streicht fer­ner, daß das Axi­om der erkennt­nis­theo­re­ti­schen Ein­heit der Mensch­heit eine Grund­vor­aus­set­zung ver­glei­chen­der Kul­tur­for­schung ist. Aus die­sem Axi­om folgt die The­se von den sich über­lap­pen­den Inhal­ten ver­schie­de­ner Denk- und Ver­hal­tens­mus­ter: Wären näm­lich die Denk­mus­ter in unter­schied­li­chen Kul­tu­ren tat­säch­lich völ­lig ver­schie­den von­ein­an­der, so könn­te man die­se Unter­schie­de nicht ein­mal arti­ku­lie­ren, geschwei­ge denn in unse­re Vor­stel­lungs­welt »über­set­zen « und erklären.
Die Kul­tur legt die Zie­le fest, nach denen die Men­schen stre­ben sol­len und baut dabei auf bio­tisch vor­ge­ge­be­nen Ver­hal­tens­mus­tern auf, die sie aber zugleich formt. Alles stam­mes­ge­schicht­lich Ererb­te ist beim Men­schen nicht direkt faß­bar, son­dern kann nur in sei­ner je spe­zi­fi­schen kul­tu­rel­len Prä­gung ding­fest gemacht wer­den. Daher kann der Mensch aus der Sicht der Bio­lo­gie als phy­sio­lo­gisch früh­ge­bo­re­ne, unspe­zia­li­sier­te Art von extre­mer Anpas­sungs­fä­hig­keit bezeich­net wer­den, die sich in natür­li­chen Umwel­ten unter­schied­lichs­ter Aus­prä­gung gleich­sam ein­zu­hau­sen ver­mag. Als Pri­mat besitzt der Mensch ein stam­mes­ge­schicht­li­ches Erbe – mit einem Bein steht er in die­sem Sin­ne im Bereich der Natur. Zugleich lebt er aber in einer »Zwei­ten Schöp­fung«, einer Welt der Sym­bo­le, Bedeu­tun­gen, Sinn­stif­tun­gen, Wert­vor­stel­lun­gen und tech­nisch-mate­ri­el­len Hilfs­mit­tel. Durch Wer­te, Nor­men und Insti­tu­tio­nen wird das Han­deln aus­ge­löst und gelenkt; die als Hand­lungs­po­ten­tia­le vor­han­de­nen Antrie­be erhal­ten somit eine kul­tur­ge­präg­te Rich­tung. Dies meint Arnold Geh­len mit sei­ner treff­li­chen For­mel, der Mensch sei »von Natur Kul­tur­we­sen«. Im Ver­lauf sei­ner Ein­hau­sung in je beson­de­re natür­li­che Umwel­ten ent­fal­te­te sich der Mensch als Schöp­fer einer »Zwei­ten Welt« als dar­stel­len­des Wesen. Wie ande­re Pri­ma­ten ist ja auch der Mensch zur ana­lo­gen Kom­mu­ni­ka­ti­on fähig, bringt die­se Fähig­keit aber auf spe­zi­fisch mensch­li­che Wei­se dar­stel­lend zur Anschau­ung. Der Mensch ist aber nicht nur zur ana­lo­gen Kom­mu­ni­ka­ti­on in der Lage, son­dern dar­über hin­aus auch zur digi­ta­len, also zur logisch-dis­kur­si­ven Dar­stel­lung in Wis­sen­schaft und Phi­lo­so­phie. Die­se Gabe macht den Men­schen zu einem Wesen, das sich selbst defi­nie­ren kann, das zur Selbst­re­fle­xi­on und damit zur Selbst­di­stan­zie­rung fähig ist.

Soweit trägt uns der empi­ri­sche Befund. Einer Ant­wort auf die Fra­ge nach der Natur des Men­schen nähern wir uns jedoch erst durch sei­ne rich­ti­ge Deu­tung. Dazu müs­sen wir auf phi­lo­so­phi­sche Kate­go­rien zurück­grei­fen, die zwar aus dem Befund nicht ableit­bar sind, ihm aber Sinn ver­lei­hen. Wie gewin­nen wir die ange­mes­se­nen Kate­go­rien? Wenn wir fest­stel­len, daß in einem bestimm­ten Gesichts­punkt, der für unser Pro­blem von fun­da­men­ta­ler Bedeu­tung ist, zumin­dest zum Teil eine Kon­ver­genz von ansons­ten völ­lig ver­schie­den gear­te­ten phi­lo­so­phi­schen Sys­te­men besteht, kön­nen wir nicht ganz falsch lie­gen. In unse­rem Fall han­delt es sich um die Hand­lun­gen des Men­schen als Aus­druck einer beson­de­ren Fähig­keit, für die es im tie­ri­schen Leben kein Gegen­stück gibt: das Ver­mö­gen der Produktion.
Karl Marx hat das Wesen der Arbeit auf den Punkt gebracht: »Wir unter­stel­len die Arbeit in einer Form, wor­in sie dem Men­schen aus­schließ­lich ange­hört. Eine Spin­ne ver­rich­tet Ope­ra­tio­nen, die denen des Webers ähneln, und eine Bie­ne beschämt durch den Bau ihrer Wachs­zel­len man­chen mensch­li­chen Bau­meis­ter. Was aber von vorn­her­ein den schlech­tes­ten Bau­meis­ter vor der bes­ten Bie­ne aus­zeich­net, ist, daß er die Zel­le in sei­nem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeits­pro­zes­ses kommt ein Resul­tat her­aus, das beim Beginn des­sel­ben schon in der Vor­stel­lung des Arbei­ters, also schon ideell vor­han­den war«. An ande­rer Stel­le hat Marx noch deut­li­cher gemacht, wor­in die Form der Arbeit besteht, die »dem Men­schen aus­schließ­lich ange­hört« und in der er sich die Natur aneig­net. Es ist die Pro­duk­ti­on: »Alle Pro­duk­ti­on ist Aneig­nung der Natur von sei­ten des Indi­vi­du­ums inner­halb und ver­mit­telst einer bestimm­ten Gesellschaftsform«.
Mensch­li­che Arbeit setzt also immer schon Gesell­schaft vor­aus. Aris­to­te­les’ berühm­te For­mel vom Men­schen als zoon poli­ti­kon, eines Wesens also, das gleich­sam »von Natur aus« auf Gemein­schaft und Gemein­schafts­bil­dung hin ange­legt ist, wird um die wich­ti­ge Bestim­mung des Pro­duk­ti­ons­ver­mö­gens als Teil der mensch­li­chen Natur erwei­tert. Las­sen wir nun Marx hin­ter uns und ver­fol­gen die Bedeu­tung des Wor­tes »Pro­duk­ti­on « bis zu sei­nen anti­ken Wur­zeln zurück. Dazu bege­ben wir uns in die Gedan­ken­welt des evan­ge­li­schen Phi­lo­so­phen Georg Picht. Eine über­ra­schen­de Ent­de­ckung steht uns bevor: Das all­ge­mei­ne Wesen der Dar­stel­lung heißt grie­chisch poie­sis; das latei­ni­sche Wort dafür ist pro­duc­tio. Der Mensch ahmt nach, was die phy­sis ihm vor­macht. »Phy­sis« ist hier mehr als »Natur« im moder­nen Wort­ver­ständ­nis – die neu­zeit­li­che Natur­wis­sen­schaft hat ihren Natur­be­griff gera­de­zu als Gegen­satz zum grie­chi­schen Phy­sis-Begriff ent­wi­ckelt. Anders als »Natur« steht »Phy­sis« für all das Mate­ri­el­le und Imma­te­ri­el­le, was her­vor­tritt, wächst, sich zeigt und auch wie­der ver­geht. Der Mensch, als Wesen in der Phy­sis, teilt mit die­ser das Schöp­fe­ri­sche, das Ver­mö­gen der Pro­duk­ti­on. Daher kann er in Form, Far­be, Klang, Wort, Schrift, aber auch in sei­nen sozia­len und poli­ti­schen Ver­hält­nis­sen her­vor­brin­gen, was zuvor nicht vor­han­den ist!

Auf der Grund­la­ge von Pichts Dar­stel­lung ent­hüllt sich also die wah­re Trag­wei­te des Pro­duk­ti­ons­be­griffs für unser Ver­ständ­nis von der Natur des Men­schen als eines Wesens in der Phy­sis, das aber den­noch kei­ne Art wie jede ande­re ist, da es sich als »Kul­tur­we­sen von Natur aus« mit Not­wen­dig­keit in einer »Zwei­ten Schöp­fung« aus eige­ner Kraft bewegt, die aber doch an die Natur zurück­ge­bun­den ist. Natur, schreibt der Phi­lo­soph Rein­hart Mau­rer, heißt näm­lich anthro­po­lo­gisch, daß auch am Men­schen nicht alles plas­tisch, ver­än­der­bar, mani­pu­lier­bar, kurz: mach­bar ist. Aus die­sem Grund ist eine kul­tu­rel­le Radi­k­al­eman­zi­pa­ti­on aus der Natur »zwar kurz­zei­tig und par­ti­ell mög­lich, aber auch so nur um den Preis einer Devi­ta­li­sie­rung und schließ­lich des Unter­gangs, da der irdisch leben­di­ge Men­schen­geist … gekop­pelt ist an natür­li­che Lebendigkeit«.
Für den Gläu­bi­gen ist frei­lich die Natur auch Got­tes Schöp­fung. Die Befrei­ungs­idee als Grund­nen­ner der neu­zeit­li­chen Geis­tig­keit, schreibt Joseph Ratz­in­ger, hat sich heu­te mit der femi­nis­ti­schen Ideo­lo­gie ver­schmol­zen. Dabei geht es nicht etwa nur um die Befrei­ung aus gesell­schaft­li­chen Rol­len­zwän­gen, son­dern letzt­lich um eine Befrei­ung von der bio­lo­gi­schen Bedingt­heit des Men­schen. »Dahin­ter steckt ein Auf­ruhr des Men­schen gegen die Gren­zen, die er als bio­lo­gi­sches Wesen in sich sel­ber trägt. Es han­delt sich letzt­lich um einen Auf­stand gegen unse­re Geschöpf­lich­keit. Der Mensch soll sein eige­ner Schöp­fer sein – eine moder­ne Neu­auf­la­ge des uralten Ver­suchs, sel­ber Gott – wie Gott – zu sein«.
Es bleibt jedem unbe­nom­men, den Men­schen an die Natur oder auch an einen Schöp­fer hin­ter ihr rück­zu­bin­den. Die Behaup­tung, es gebe kei­ne mensch­li­che Natur, ist jeden­falls nicht nur sach­lich falsch, sie leis­tet im Prin­zip auch der Rech­fer­ti­gung einer tota­li­tä­ren Fremd­be­stim­mung des Men­schen Vorschub.

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