Philosophische Anthropologie – ein deutscher Denkansatz?

pdf der Druckfassung aus Sezession 28 / Februar 2009

Zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert wurde das Wort »Anthropologie« zum Titel einer philosophischen Disziplin innerhalb der deutschen Schulphilosophie.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Sie eman­zi­pier­te sich von der theo­lo­gi­schen meta­phy­si­schen Tra­di­ti­on und fragt seit­dem nach dem Wesen des Men­schen jen­seits von Meta­phy­sik und expe­ri­men­tel­ler Natur­wis­sen­schaft. Vor die­sem Hin­ter­grund läßt sich bei jedem bedeu­ten­den Phi­lo­so­phen, egal wel­cher Zeit und wel­chem Ort er ent­stammt, so etwas wie eine »phi­lo­so­phi­sche Anthro­po­lo­gie« aus­ma­chen, als eine genu­in phi­lo­so­phi­sche Fra­ge nach dem Men­schen, sei­nem Wesen, sei­nem Maß und sei­ner Natur.

Im Gegen­satz dazu gibt es das rein deut­sche Phä­no­men der »Phi­lo­so­phi­schen Anthro­po­lo­gie «. Die Stu­die von Joa­chim Fischer Phi­lo­so­phi­sche Anthro­po­lo­gie. Eine Denk­rich­tung des 20. Jahr­hun­derts (Freiburg/München: Alber 2008. 684 S., geb, 48 €), bereits 1997 in Göt­tin­gen als Dis­ser­ta­ti­on ange­nom­men, behan­delt die »Phi­lo­so­phi­sche Anthro­po­lo­gie« als einen Denk­an­satz des 20. Jahr­hun­derts, der von der »phi­lo­so­phi­schen Anthro­po­lo­gie« als einer Sub­dis­zi­plin der Phi­lo­so­phie zu unter­schei­den sei. 1928 erschei­nen die bei­den Wer­ke, die den »Durch­bruch« für die Denk­rich­tung bedeu­ten: Die Stel­lung des Men­schen im Kos­mos von Max Sche­ler und Die Stu­fen des Orga­ni­schen und der Mensch von Hel­muth Pless­ner. Fischer ent­wi­ckelt davon aus­ge­hend die Real­ge­schich­te die­ses Ansat­zes auf eine gleich­zei­tig ver­ständ­li­che und span­nen­de Art und Wei­se. Zunächst konn­te sich die­ser Denk­an­satz nicht kon­so­li­die­ren, son­dern blieb rand­stän­dig. Vor allem die Exis­tenz­phi­lo­so­phie und die Spät­aus­läu­fer der Lebens­phi­lo­so­phie bestimm­ten die phi­lo­so­phi­schen Debat­ten der nächs­ten Jah­re. Sche­ler war da bereits tot, doch für Pless­ner war die­se Nicht­be­ach­tung bit­ter, zumal ihm noch unter­stellt wur­de, von Sche­ler abhän­gig zu sein, was er nicht war, wie Fischer zei­gen kann.
Die Ent­schei­dung über die Trag­fä­hig­keit des Ansat­zes fällt in den Jah­ren zwi­schen 1934 und 1944, als neue Autoren mit eige­nen Ansät­zen hin­zu­tre­ten: Neben Erich Rot­ha­cker und Adolf Port­mann ist es vor allem Arnold Geh­len, der mit sei­nem Buch Der Mensch den Denk­an­satz ret­tet und ausbaut.
Nach 1945 gab es sowohl für den Remi­gran­ten Pless­ner als auch den »Belas­te­ten« Geh­len Pro­ble­me, was die Lehr­stuhl­be­set­zun­gen anging. Bei­de lan­de­ten schließ­lich auf sozio­lo­gi­schen Lehr­stüh­len, was die Aus­bil­dung einer phi­lo­so­phi­schen Schu­le behin­der­te, dafür bekam die Phi­lo­so­phi­sche Anthro­po­lo­gie nach und nach ein ande­res Gesicht. In der Phi­lo­so­phie gab es zwar noch Den­ker, die sich von die­sem Ansatz inspi­rie­ren lie­ßen, wie Hans Blu­men­berg und Odo Mar­quard, viel eher herrsch­te jedoch ein Bemü­hen vor, ihn zu destru­ie­ren, sei es aus Rich­tung der Frank­fur­ter Schu­le oder der Sprach­phi­lo­so­phie und Sys­tem­theo­rie. Hin­zu kam erschwe­rend, daß sich die bei­den Haupt­prot­ago­nis­ten bis zum Schluß (Geh­len starb 1976, Pless­ner 1985) ableh­nend gegen­über­stan­den und das auch öffent­lich äußerten.
Fischer, lang­jäh­ri­ger Vor­sit­zen­der der Pless­ner­ge­sell­schaft und am Lehr­stuhl von Karl-Sieg­bert Reh­berg, dem Her­aus­ge­ber der Geh­len-Gesamt­aus­ga­be, beschäf­tigt, ver­sucht dage­gen, die Gemein­sam­kei­ten zu zei­gen. Das muß er auch, da sonst sei­ne The­se vom Denk­an­satz hin­fäl­lig wäre. Er macht einen Iden­ti­täts­kern aus, der in einer typi­schen Denk­be­we­gung besteht, die die Selbst­ge­wiß­heit des Geis­tes vor­aus­setzt, jedoch dort nicht ein­setzt, son­dern beim Objekt (dem Leben) und sich dann durch des­sen Stu­fen hin­auf zum Men­schen bewegt, bei dem sie einen Bruch mit dem all­ge­mei­nen Lebens­kreis kon­sta­tiert. Der Bruch kann sich dann als »Hand­lung« (Geh­len), »Welt­of­fen­heit« (Sche­ler) oder »exzen­tri­sche Posi­tio­na­li­tät« (Pless­ner) zei­gen. Soweit über­zeugt Fischers Argu­men­ta­ti­on, weil sie denk­an­sat­zim­ma­nent vor­geht. Was so nicht aus­rei­chend deut­lich wird, sind die Grün­de für das Schei­tern des Ansat­zes, war­um er sich gegen die Kon­kur­ren­ten nicht behaup­ten konn­te. Immer­hin war Geh­len einer der wirk­mäch­tigs­ten Den­ker der Bun­des­re­pu­blik und die Über­zeu­gungs­kraft sei­ner The­sen nimmt zu.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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