Sezession
19. Oktober 2009

Den alltäglichen Rassismus in Deutschland

Ellen Kositza

ein mann sieht schwarz-aushat Günter Wallraff mal wieder aufspüren wollen. Ihn an eigener, wiewohl geschwärzter Haut erleben. Einen Link spare ich mir, Wallraffs "Erlebnisse" als geschminkter Schwarzer bringt derzeit jede Zeitung, die in punkto Antirassismus was auf sich hält.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Sogar die Abendnachrichten im Fernsehen brachten zum Thema Buchmesse (vielleicht um zu zeigen, daß nicht nur in Gastland China furchtbare Zustände herrschen) vor allem Wallraff und seine Rassismus-Selbsterfahrung. Eine bessere Werbung für sein gerade erschienenes Buch Aus der schönen neuen Welt (es schnellte schwuppdiwupp wenige Tage nach Auslieferung auf Platz neun bei amazon) und seinen am Donnerstag anlaufenden Kinofilm Schwarz auf Weiß ist nicht denkbar. Das ist vor allem toll für Wallraff.

Allein von seinem Buch Ganz unten sind damals 5 Millionen Exemplare verkauft worden, zahlreiche Verkaufsschlager zum schwammigen Thema „Faschismus in Deutschland“ folgten. Wallraff, dieser Don Investigativo, dieser Rächer der „Entrechteten“, müßte also mittlerweile so reich sein, daß er seinen Wohnsitz zu einem Eldorado für seine Opferobjekte ausbauen könnte. Er könnte wöchentliche Gelage spendieren für sämtliche schwarze Rassismusopfer in Deutschland, oderoderoder.

Als Konkret-Macher Hermann L. Gremliza mal anläßlich einer der zahlreichen Preisverleihungen an Wallraff öffentlich machte, daß der medienhungrige Profiteur (der beizeiten die Schule abbrach und dem ein Bundeswehrpsychiater eine „abnorme Persönlichkeit“ diagnostizierte) seine Bücher zu großen Teilen von Co-Autoren schreiben lasse, reagierte Wallraff eingeschnappt und fühlte sich als Opfer einer Verleumdung. Er mag halt diese Opferrollen, es scheint wie eine Sucht zu sein.

Was erlebt er nun als Schwarzer in diesem fiesen Land? Auf einem Touristenboot wird er etwa als Kellner angesprochen, weil, so Wallraff, Schwarze in der Logik der Autochthonen wohl „Diener“ seien. Als er vom Boot aus eine Brennessel am Ufer ausrupft (wie gesagt, der Mann scheut keine Schmerzen), wird er zurechtgewiesen. Und daß, obwohl eine Weiße zuvor Farn ausriß.

Wer hier denkt: kraß!, darf wissen: es kommt alles noch schlimmer. Leute duzen ihn einfach so -- mich übrigens auf, ich sollte mal eine Kamera mitnehmen. Eine Juwelierin will eine goldene Uhr nicht aus der Hand geben -- ähnliches hat mich auch schon mal beim Ringkauf empört, da durfte ich nur ein Blindstück anprobieren. Vermutlich sind Juweliere einfach geizige & mißtrauische Menschen.

Eine Vermieterin will ihm kein Zimmer geben -- das soll sogar Weißen so gehen, wenn „rauskommt“, daß sie kleine Kinder haben. Wallraff weiß, daß es den ungefärbten Farbigen mindestens genauso schlimm gehen muß. Zitat: "ReachOut, eine Berliner Beratungsstelle für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt, verzeichnet allein für das Jahr 2008 140 tätliche oder verbale Angriffe allein in Berlin."

Meine Güte! Wenn es eine Beratungsstelle (vielleicht: EsReichtAus) für verbal oder tätlich attackierte Deutsche gäbe, woher bekämen die ihre Leute her, entsprechende Übergriffe zu zählen?

Just als ich von der Buchmesse mit dem autogrammgebenden Wallraff kam, hatte ich einen langen Gang in Frankfurt zu erledigen. Von früher her hab ich meine persönliche Übergriffquote (als "Opfer") noch ganz gut im Kopf. Pro halbe Stunde zu Fuß in rhein-mainischen Innenstadtgefilden sind´s etwa 5 "Übergriffe" aus Migrantenmund (Schwarze sind da allerdings noch weniger offensiv als deutsche Bauarbeiter), wenn ich Kinder dabei hab, reduziert sich's deutlich. Ich war mit Kindern unterwegs und zählte drei „Übergriffe“ auf dem langen Weg von der Innenstadt ins Gallusviertel. (Kommentar einer Freundin: "Selbst schuld, mit kurzem Rock und Stiefeln geht man halt nicht durch Frankfurt.")

Auf der Mainzer Landstraße gingen wir dann an einer Familie vorbei, deren Kinder Eicheln vom Boden aufhoben. Mein Sohn, der sich mit Sprachreglementierungen noch nicht so gut auskennt, fragte mich laut, ob er mit dem "Negerjungen" Eicheln sammeln dürfte. Die Eltern gingen ihn sofort bitterbös an: "Was hast Du gesagt?! Sag das noch mal!?" Ich schaltete mich moderierend ein, mein Sohn (der gleich mit dem anderen Eicheln tauschte) habe da nichts bös gemeint, in unserer Familie gelte "Neger" nicht als Schimpfwort. Als sie mir die üblichen Schmähworte (Nazi, Rassistin) an den Kopf warf, packte ich meinen Sohn: "Jetzt bitte, haben Sie sich nicht so, es gibt Schlimmeres!" Da spuckte sie aus - ein Klatscher auf meinen Schuh. Keine Ahnung, wie sich der Vorfall im Kopf meines Sohnes verknüpft. Wir werden's aufarbeiten.

Wallraff, ach.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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