Den alltäglichen Rassismus in Deutschland

hat Günter Wallraff mal wieder aufspüren wollen. Ihn an eigener, wiewohl geschwärzter Haut erleben. Einen Link spare ich mir, ...

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

… Wall­raffs “Erleb­nis­se” als geschmink­ter Schwar­zer bringt der­zeit jede Zei­tung, die in punk­to Anti­ras­sis­mus was auf sich hält.

Sogar die Abend­nach­rich­ten im Fern­se­hen brach­ten zum The­ma Buch­mes­se (viel­leicht um zu zei­gen, daß nicht nur in Gast­land Chi­na furcht­ba­re Zustän­de herr­schen) vor allem Wall­raff und sei­ne Ras­sis­mus-Selbst­er­fah­rung. Eine bes­se­re Wer­bung für sein gera­de erschie­ne­nes Buch Aus der schö­nen neu­en Welt (es schnell­te schwupp­di­wupp weni­ge Tage nach Aus­lie­fe­rung auf Platz neun bei ama­zon) und sei­nen am Don­ners­tag anlau­fen­den Kino­film Schwarz auf Weiß ist nicht denk­bar. Das ist vor allem toll für Wallraff.

Allein von sei­nem Buch Ganz unten sind damals 5 Mil­lio­nen Exem­pla­re ver­kauft wor­den, zahl­rei­che Ver­kaufs­schla­ger zum schwam­mi­gen The­ma „Faschis­mus in Deutsch­land“ folg­ten. Wall­raff, die­ser Don Inves­ti­ga­tivo, die­ser Rächer der „Ent­rech­te­ten“, müß­te also mitt­ler­wei­le so reich sein, daß er sei­nen Wohn­sitz zu einem Eldo­ra­do für sei­ne Opfer­ob­jek­te aus­bau­en könn­te. Er könn­te wöchent­li­che Gela­ge spen­die­ren für sämt­li­che schwar­ze Ras­sis­mus­op­fer in Deutsch­land, oderoderoder.

Als Kon­kret-Macher Her­mann L. Grem­li­za mal anläß­lich einer der zahl­rei­chen Preis­ver­lei­hun­gen an Wall­raff öffent­lich mach­te, daß der medi­en­hung­ri­ge Pro­fi­teur (der bei­zei­ten die Schu­le abbrach und dem ein Bun­des­wehr­psych­ia­ter eine „abnor­me Per­sön­lich­keit“ dia­gnos­ti­zier­te) sei­ne Bücher zu gro­ßen Tei­len von Co-Autoren schrei­ben las­se, reagier­te Wall­raff ein­ge­schnappt und fühl­te sich als Opfer einer Ver­leum­dung. Er mag halt die­se Opfer­rol­len, es scheint wie eine Sucht zu sein.

Was erlebt er nun als Schwar­zer in die­sem fie­sen Land? Auf einem Tou­ris­ten­boot wird er etwa als Kell­ner ange­spro­chen, weil, so Wall­raff, Schwar­ze in der Logik der Auto­chtho­nen wohl „Die­ner“ sei­en. Als er vom Boot aus eine Bren­nes­sel am Ufer aus­rupft (wie gesagt, der Mann scheut kei­ne Schmer­zen), wird er zurecht­ge­wie­sen. Und daß, obwohl eine Wei­ße zuvor Farn ausriß.

Wer hier denkt: kraß!, darf wis­sen: es kommt alles noch schlim­mer. Leu­te duzen ihn ein­fach so – mich übri­gens auf, ich soll­te mal eine Kame­ra mit­neh­men. Eine Juwe­lie­rin will eine gol­de­ne Uhr nicht aus der Hand geben – ähn­li­ches hat mich auch schon mal beim Ring­kauf empört, da durf­te ich nur ein Blind­stück anpro­bie­ren. Ver­mut­lich sind Juwe­lie­re ein­fach gei­zi­ge & miß­traui­sche Menschen.

Eine Ver­mie­te­rin will ihm kein Zim­mer geben – das soll sogar Wei­ßen so gehen, wenn „raus­kommt“, daß sie klei­ne Kin­der haben. Wall­raff weiß, daß es den unge­färb­ten Far­bi­gen min­des­tens genau­so schlimm gehen muß. Zitat: “ReachOut, eine Ber­li­ner Bera­tungs­stel­le für Opfer rech­ter, ras­sis­ti­scher und anti­se­mi­ti­scher Gewalt, ver­zeich­net allein für das Jahr 2008 140 tät­li­che oder ver­ba­le Angrif­fe allein in Berlin.”

Mei­ne Güte! Wenn es eine Bera­tungs­stel­le (viel­leicht: EsReicht­Aus) für ver­bal oder tät­lich atta­ckier­te Deut­sche gäbe, woher bekä­men die ihre Leu­te her, ent­spre­chen­de Über­grif­fe zu zählen?

Just als ich von der Buch­mes­se mit dem auto­gramm­ge­ben­den Wall­raff kam, hat­te ich einen lan­gen Gang in Frank­furt zu erle­di­gen. Von frü­her her hab ich mei­ne per­sön­li­che Über­griff­quo­te (als “Opfer”) noch ganz gut im Kopf. Pro hal­be Stun­de zu Fuß in rhein-mai­ni­schen Innen­stadt­ge­fil­den sind´s etwa 5 “Über­grif­fe” aus Migran­ten­mund (Schwar­ze sind da aller­dings noch weni­ger offen­siv als deut­sche Bau­ar­bei­ter), wenn ich Kin­der dabei hab, redu­ziert sich’s deut­lich. Ich war mit Kin­dern unter­wegs und zähl­te drei „Über­grif­fe“ auf dem lan­gen Weg von der Innen­stadt ins Gal­lus­vier­tel. (Kom­men­tar einer Freun­din: “Selbst schuld, mit kur­zem Rock und Stie­feln geht man halt nicht durch Frankfurt.”)

Auf der Main­zer Land­stra­ße gin­gen wir dann an einer Fami­lie vor­bei, deren Kin­der Eicheln vom Boden auf­ho­ben. Mein Sohn, der sich mit Sprach­re­gle­men­tie­run­gen noch nicht so gut aus­kennt, frag­te mich laut, ob er mit dem “Neger­jun­gen” Eicheln sam­meln dürf­te. Die Eltern gin­gen ihn sofort bit­ter­bös an: “Was hast Du gesagt?! Sag das noch mal!?” Ich schal­te­te mich mode­rie­rend ein, mein Sohn (der gleich mit dem ande­ren Eicheln tausch­te) habe da nichts bös gemeint, in unse­rer Fami­lie gel­te “Neger” nicht als Schimpf­wort. Als sie mir die übli­chen Schmäh­wor­te (Nazi, Ras­sis­tin) an den Kopf warf, pack­te ich mei­nen Sohn: “Jetzt bit­te, haben Sie sich nicht so, es gibt Schlim­me­res!” Da spuck­te sie aus – ein Klat­scher auf mei­nen Schuh. Kei­ne Ahnung, wie sich der Vor­fall im Kopf mei­nes Soh­nes ver­knüpft. Wir werden’s aufarbeiten.

Wall­raff, ach.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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