Autrorenportrait Wolfgang Sofsky

pdf der Druckfassung aus Sezession 29 / April 2009

Der Amoklauf von Winnenden, bei dem im März dieses Jahres ein Schüler 15 Menschen erschoß, bevor er sich selbst richtete, ist ein Phänomen, das in den Interessenbereich von Wolfgang Sofsky fällt. Deswegen wurde er von zahlreichen Tageszeitungen befragt, wie diese Tat einzuschätzen sei. Nüchtern warnte er vor dem Ruf nach Präventivmaßnahmen, denn »die Welt besteht nun einmal aus Ereignissen, die man beeinflussen kann, und Widerfährnissen, bei denen das unmöglich ist. Das muß man wissen, sonst entsteht in einer Mediengesellschaft falscher Aktionismus, der in die Irre führt und obendrein Freiheitsrechte bedroht.« Doch hinter Forderungen nach Prävention steckt keineswegs nur Hysterie der Massen, sondern die Sinnfrage des Einzelnen. Der Mensch will Sinnloses nicht ertragen: »Verzweifelt sucht man nach Gründen und muß dann regelmäßig feststellen, daß die Motive von ungeheurer Banalität sind und millionenfach in der Gesellschaft vorkommen.« Sofsky weiß wie kaum ein anderer Gegenwartsdeuter um die Antinomie von Freiheit und Gewalt und die unerfüllbare Sehnsucht nach Sicherheit.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Sof­sky (gebo­ren 1952) wur­de der brei­te­ren Öffent­lich­keit bekannt, als er 1993 für sei­ne Göt­tin­ger Habi­li­ta­ti­ons­schrift über Die Ord­nung des Ter­rors. Das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger den Geschwis­ter-Scholl-Preis erhielt. Bis dahin hat­te sich sei­ne publi­zis­ti­sche Wir­kung auf das Sozio­lo­gen-Milieu beschränkt. Nach dem Stu­di­um der Sozio­lo­gie, Phi­lo­so­phie und Poli­tik­wis­sen­schaft war er 1982 mit einer Arbeit über Die Ord­nung sozia­ler Situa­tio­nen bei dem Sozio­lo­gen Hans Paul Bahr­dt (1918 – 1994), einem Pless­ner-Schü­ler, pro­mo­viert wor­den. Bahr­dt, der 1962 die Nach­fol­ge Pless­ners in Göt­tin­gen ange­tre­ten hat­te, war daher nicht nur Sozio­lo­ge, son­dern auch mit der Phi­lo­so­phi­schen Anthro­po­lo­gie ver­traut. Oben­drein war er einer der weni­gen, die an dem phä­no­me­no­lo­gi­schen Ansatz der Sozio­lo­gie festhielten.
Bei­de, die Phi­lo­so­phi­sche Anthro­po­lo­gie als auch die Phä­no­me­no­lo­gie, machen auch das Beson­de­re am Werk von Wolf­gang Sof­sky aus. Die­se Prä­gung hat ihn offen­bar nicht nur vom Mar­xis­mus geheilt, dem er als Schü­ler noch anhing, son­dern auch einen nüch­ter­nen und genau­en Blick auf den Men­schen gelehrt. Sei­ne Bücher zeich­nen sich durch eine prä­zi­se Spra­che und wohl­tu­en­de Zuspit­zung aus, die sie von den Her­vor­brin­gun­gen der meis­ten Sozio­lo­gen abhe­ben. Viel­leicht liegt es dar­an, daß er heu­te kei­nen Lehr­stuhl mehr beklei­det, nach­dem er in Göt­tin­gen und Erfurt Pro­fes­su­ren inne­hat­te. Er lebt mitt­ler­wei­le als frei­er Publi­zist in Göttingen.
Beweg­te sich Sof­sky in den vor­he­ri­gen Arbei­ten noch im vor­ge­ge­be­nen Rah­men, sei es durch das Inter­es­se sei­nes Leh­rers Bahr­dt an Indus­trie­so­zio­lo­gie oder durch all­ge­mei­ne Vor­ga­ben des uni­ver­si­tä­ren Wis­sen­schafts­be­trie­bes, über­schritt er die Gren­ze zum Ori­gi­nel­len 1996 im Trak­tat über die Gewalt. Aller­dings gibt es bereits in der Ord­nung des Ter­rors eine viel­fach irri­tiert auf­ge­nom­me­ne Nüch­tern­heit, mit der Sof­sky sei­nen Gegen­stand betrach­tet. Er schlägt im Grun­de den­sel­ben Ton an, mit dem er auch die Gegen­stän­de der Indus­trie­so­zio­lo­gie behan­del­te. Als Ziel der Arbeit über die Ord­nung des Ter­rors nennt er die »dich­te Beschrei­bung« der Macht­welt des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers. Sei­ne The­se lau­tet, daß »sich in den Lagern eine sozia­le Macht­form her­aus­ge­bil­det hat, die sich wesent­lich von den geläu­fi­gen Macht- und Herr­schafts­ty­pen unterscheidet«.

Sein Inter­es­se ist ein ganz ande­res als das bis dahin übli­che. Für ihn sind die deut­schen Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger nicht mehr als ein Bei­spiel für abso­lu­te Macht­aus­übung und mensch­li­che Destruk­ti­vi­tät. Sie sind für ihn die »extrems­te Form der Macht und moder­nen Orga­ni­sa­ti­on«. Die­se Form der Macht ist wie jede ande­re ver­steh­bar und ver­gleich­bar. Wer das leug­net, will mora­lisch argu­men­tie­ren und, so Sof­sky, »his­to­ri­schen Sinn« stif­ten. Für Sof­sky ist die Sache klar: Ver­steh­bar ist es, weil es sich um Men­schen­werk han­delt, und erst der Ver­gleich kann zei­gen, ob die Gemein­sam­kei­ten oder die Unter­schie­de über­wie­gen. Er ist jedoch nicht so naiv anzu­neh­men, daß das Ver­ste­hen die­ses Pro­zes­ses zu sei­ner Abschaf­fung füh­ren wür­de. Dazu ist der Mensch zu sehr von anthro­po­lo­gi­schen Kon­stan­ten abhän­gig, und die­se wer­den ihn immer wie­der nach der »abso­lu­ten Macht«, nach einer »Ord­nung des Ter­rors« stre­ben lassen.
Ein Merk­mal, das abso­lu­te Macht von ande­ren For­men der Macht abhebt, ist die Inten­si­tät der Gewalt: »Die direk­tes­te Form abso­lu­ter Macht ist die schie­re Gewalt.« Gera­de die­ses Merk­mal kommt nicht dem Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger allein zu, son­dern ist offen­bar ein all­ge­mein­gül­ti­ges Phä­no­men. Es ist für Sof­sky Aus­druck der moder­nen Gesell­schaft. Von hier aus nimmt sein Nach­den­ken über die Gewalt sei­nen Aus­gang. »Wie der Ver­nich­tungs­krieg, so fällt auch die Ord­nung des Ter­rors und die Aus­rot­tung gan­zer Bevöl­ke­rungs­grup­pen in eigens dafür ein­ge­rich­te­ten Lagern und Todes­stät­ten nicht aus dem Rah­men der moder­nen Zivi­li­sa­ti­on.« Sof­sky warnt des­halb davor, hier­in einen ein­zig­ar­ti­gen »Rück­fall in Bar­ba­rei « zu erblicken.
Viel­mehr, und das führt Sof­sky in sei­nem Trak­tat aus, gehö­re die Gewalt zum Men­schen, nur die Aus­ma­ße der Gewalt ändern sich von Zeit zu Zeit. Pha­sen der Ent­gren­zung wer­den von Zei­ten geheg­ter Gewalt abge­löst. Die Ent­fes­se­lung ist jeder­zeit mög­lich. Die­se an sich nicht neue Ein­sicht war in Ver­ges­sen­heit gera­ten und wird auch heu­te nicht als gül­tig akzep­tiert. Schon die Fest­stel­lung der stän­di­gen Anwe­sen­heit von Gewalt, die sich kei­nem offe­nen Auge ver­schließt, gilt als Denun­zia­ti­on von Demo­kra­tie und Sozi­al­päd­ago­gik. Das hat sei­nen Grund in der Ver­schleie­rung von Macht, die sich immer auf Gewalt gründet.
Im Grun­de ist die Fra­ge nach der Rol­le der Gewalt ein­ge­schlos­sen in die Fra­ge nach der Macht. Da sich die­se in Form der Gewalt äußert, geht der Phä­no­me­no­lo­ge Sof­sky den Weg über die Gewalt. Macht zeigt sich als Gewalt. Er bezieht sich in sei­ner Her­lei­tung der mensch­li­chen Gesell­schaft aus der Gewalt auf Hob­bes und scheint dabei auch Carl Schmitt sehr auf­merk­sam gele­sen zu haben. Es ist das bekann­te Gleich­nis: Als alle Men­schen gleich und frei waren, konn­te jeder den ande­ren töten oder schä­di­gen. Also einig­te man sich auf einen Ver­trag, der das ver­hin­dern soll­te, jedoch konn­te nie­mand sicher sein, daß der ande­re sich dar­an hielt. Man über­gab die Waf­fen und damit die Gewalt an gewähl­te Füh­rer, die jetzt über die Ein­hal­tung des Frie­dens wach­ten, schließ­lich unter dem Ein­satz aller Mit­tel. Nur so war die Ord­nung auf­recht­zu­er­hal­ten. Irgend­wann wur­de die­ser Druck als zu groß emp­fun­den und die alte Frei­heit und Gleich­heit fand wie­der Anhän­ger, die schließ­lich die Ord­nung stürz­ten. In dem Gemet­zel waren wie­der alle frei und gleich gefährdet.

Mit die­sem Gleich­nis beginnt Sof­sky sei­nen Trak­tat über die Gewalt. Damit ist gleich der Rah­men vor­ge­ge­ben: Der Mensch ist ein Wesen, das sich nicht ändert, und die Geschich­te ist ein ewi­ger Ver­such, das Ver­hält­nis zwi­schen Ord­nung und Gewalt aus­zu­pen­deln. Wie Schmitt weiß Sof­sky, daß die Macht und die Gewalt dem Men­schen weder von Gott noch von der Natur gege­ben wur­de. Es gibt kei­ne Wolf-Lamm-Kon­stel­la­ti­on, weil der Mensch gera­de kein Tier ist. Schmitt sieht im Gespräch über die Macht in der Macht etwas, das sich nur zwi­schen Men­schen abspielt: »Der Mensch ist dem Men­schen ein Mensch.« Die­sen Weg der Betrach­tung, der kei­ne Über­hö­hung, aber auch kei­ne Beschrän­kung zuläßt, geht auch Sof­sky. Aller­dings ohne Schmitt, soweit ich sehe, auch nur zu erwäh­nen. Men­schen kom­men zusam­men, weil sie sich fürch­ten: »Nicht im Han­deln, im Lei­den liegt der Ursprung der Gesell­schaft.« Damit ist ein ewi­ger Kreis­lauf eröff­net: Gewalt erzeugt Angst, dar­aus ent­steht Herr­schaft und wie­der Gewalt: »Herr­schaft soll die Gewalt begren­zen, aber sie stei­gert sie bis zum Äußers­ten.« Wo sich Gewalt befin­det, ob sie Ord­nung stif­tet oder Frei­heit schafft, hängt davon ab, wer die Gewalt aus­übt. Die For­men glei­chen sich.
Ein­dring­lich schil­dert Sof­sky die Äuße­run­gen, Bedin­gun­gen und Umstän­de die­ser Gewalt, sei es als Tor­tur, Hin­rich­tung oder Mas­sa­ker. Immer geht es ihm dabei um die Gren­ze zwi­schen Frei­heit und Ord­nung, auf der sich die­se Phä­no­me­ne bewe­gen. Im Mas­sa­ker ent­fes­seln die Men­schen bei­spiels­wei­se ihre Destruk­tiv­kräf­te, »um für kur­ze Zeit den lang­ersehn­ten uto­pi­schen Zustand zu ver­wirk­li­chen, den abso­lu­ter Frei­heit und Gleich­heit, Ein­heit und Ganz­heit«. Die­ser Zustand bleibt Moment, weil der Rausch ver­fliegt und sich in der Nüch­tern­heit die Fra­ge auf­tun kann: Was habe ich getan? Die Fra­ge setzt vor­aus, daß es ein Bewußt­sein davon gibt, daß auf bei­den Sei­ten Men­schen ste­hen, die bei­de gleich gefähr­det und bedürf­tig sind. Die Zäh­mung der Gewalt ist dann nicht nur durch Gewalt mög­lich, son­dern auch durch das »Bewußt­sein untilg­ba­rer Schuld«. Hier spricht Sof­sky nicht mehr von Ord­nung oder Herr­schaft, son­dern von Kul­tur, die der Herr­schaft nach­folgt. Der inne­re Zwang hat den äuße­ren abge­löst. Doch die­se Unter­drü­ckung hat ihren Preis: »Die domes­ti­zier­te Sitt­lich­keit, wel­che die Des­po­tie der Ord­nung erset­zen soll­te, stei­gert das Bedürf­nis nach Entfesselung.«
Doch war­um züch­tet Kul­tur die Gewalt, die sie zer­stört? Kul­tur ist nichts Ver­söhn­li­ches, lau­tet die nüch­ter­ne Ein­sicht. Die opti­mis­ti­schen Wunsch­vor­stel­lun­gen gehen davon aus, daß Kul­tur das Lei­den aus­glei­chen wür­de, indem der Mensch in der Kul­tur Unsterb­lich­keit erlan­gen kön­ne. Der Preis der für die­se Illu­si­on gezahlt wer­den muß, die Ein­schrän­kung der Frei­heit und die Recht­fer­ti­gung neu­en Leids, ist hoch, Sof­skys Mei­nung nach zu hoch.
Ange­sichts die­ser pes­si­mis­ti­schen Anthro­po­lo­gie war es eini­ger­ma­ßen über­ra­schend, daß Sof­sky im Fall des Krie­ges der Ver­ei­nig­ten Staa­ten gegen den Irak den Preis, den es dafür zu zah­len galt, nicht für zu hoch hielt. Wenn wir sein Trak­tat ernst neh­men, gibt es kei­nen Aus­weg aus die­ser Spi­ra­le der Gewalt: »Die Ord­nung ist gül­tig, und des­halb soll sie für alle gel­ten, für Freund und Feind, für die gesam­te Welt.« Das wür­de als Erklä­rung des ame­ri­ka­ni­schen Vor­ge­hens eigent­lich genü­gen, ob man dabei von Herr­schaft oder Kul­tur redet, ist völ­lig neben­säch­lich. Doch die Gewalt nach außen hat offen­bar ihr Kal­kül und ihre Gren­zen, und so wird der kon­kre­te Fall doch zur Meß­lat­te für Sof­sky, der 2003 eine Art Tage­buch über den Irak­krieg ver­öf­fent­lich­te. So ein­leuch­tend sei­ne Kri­tik an den euro­päi­schen und ins­be­son­de­re deut­schen Gesin­nungs­po­li­ti­kern ist, die sich auf­grund mora­li­scher Skru­pel scheu­en, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men, so schwie­rig ist sei­ne fast schon bedin­gungs­lo­se Zustim­mung zum ame­ri­ka­ni­schen Vor­ge­hen. Daß der Hege­mon USA Unru­he­her­de welt­weit bekämp­fen muß, wenn er Hege­mon blei­ben will, leuch­tet ein. Doch glaubt Sof­sky jetzt ernst­haft, daß sich dadurch an dem Ver­hält­nis von Gewalt und Frei­heit etwas ändern würde?

Offen­bar schätzt Sof­sky die Frei­heit mitt­ler­wei­le höher ein, als das noch im Trak­tat der Fall war. In sei­nen bei­den zuletzt ver­öf­fent­lich­ten Büchern fin­det sich die Begrün­dung für sei­ne Begeis­te­rung für die »Ope­ra­ti­on Frei­heit«. In sei­nem Essay Das Prin­zip Sicher­heit plä­diert Sof­sky für die Ver­tei­di­gung der Frei­heit gegen­über dem Staat und des­sen über­bor­den­der Für­sor­ge, die die Frei­heit des Indi­vi­du­ums ein­schränkt: »Aus der Sehn­sucht nach Sicher­heit bezieht der Staat sei­ne Legi­ti­ma­ti­on.« Statt Frei­heit ist Sicher­heit die Leit­idee des Staa­tes, der dadurch zum Sicher­heits­staat wird. Die­ser beruht jedoch wei­ter­hin auf dem Prin­zip der Herr­schaft, die die Gewalt ein­dämmt, weil sie jeden ver­nich­ten kann. »Die­ses Zwangs­ge­häu­se gerät in Zei­ten demo­kra­ti­scher Rechts­staat­lich­keit rasch in Ver­ges­sen­heit. Aber auch Demo­kra­tien sind ver­gäng­lich. Im Kreis­lauf der Staats­for­men sind sie ledig­lich Epi­so­de.« Und oben­drein sind Demo­kra­tien nicht fried­li­cher und damit auch nicht weni­ger gewalt­tä­tig als ande­re Staatsformen.
Hier kommt die Skep­sis zum Vor­schein, die Sof­sky eigent­lich aus­zeich­net und die er ange­sichts des Irak­krie­ges ver­ges­sen haben muß: »Aus­sichts­reich wäre der Export des euro­päi­schen Staats­mo­dells nur, wenn eine Nach­fra­ge danach bestün­de.« Wenn er damit die Demo­kra­tie meint, schließt das die Ver­ei­nig­ten Staa­ten mit ein. Es wird nicht deut­lich, ob Sof­sky ins­ge­heim der Mei­nung ist, daß in der Demo­kra­tie die Frei­heit ohne Gewalt exis­tie­ren kann. Das Para­do­xon der Frei­heit sieht Sof­sky aller­dings deut­lich. Damit alle in Frei­heit leben kön­nen, müs­sen alle dar­an gehin­dert wer­den, die Frei­heit des ande­ren zu beschrän­ken. Das geht nur, wenn jeder sei­ne Frei­heit ein­schränkt. Jeder muß sich, mög­lichst frei­wil­lig, Regeln unter­wer­fen. Frei­heit und Demo­kra­tie sind nicht iden­tisch, so Sof­sky aus­drück­lich. »Die Frei­heit einer poli­ti­schen Ord­nung bemißt sich zuerst an der Stär­ke der Bar­rie­ren, die den ein­zel­nen vor den Maß­nah­men der Obrig­keit, den Über­grif­fen der Nach­barn und den Atta­cken der Fein­de schüt­zen.« Da Demo­kra­tie Herr­schaft der Mehr­heit bedeu­te, die immer für die Sicher­heit optie­re, kann Demo­kra­tie kei­ne Frei­heit garan­tie­ren. Die Bür­ger sol­len, so Sof­sky, selbst für den Schutz vor­ein­an­der sor­gen, durch »Streit, Gemein­sinn, sozia­le Kon­trol­le und Selbst­dis­zi­plin«. Doch heißt das nicht, daß sie Ein­sicht in das Pro­blem haben und wie­der­um eine Ord­nung auf­bau­en müssen?
Die­sem Dilem­ma ist nicht zu ent­kom­men. Wohl aus sol­chen Grün­den hat sich Sof­sky in sei­nem letz­ten und sti­lis­tisch bes­ten Buch auf den Kern der Frei­heit, die Pri­vat­heit, bezo­gen: »Frei ist, wer nicht ange­grif­fen wird. Pri­vat­heit ist die Zita­del­le der per­sön­li­chen Frei­heit.« Pro­ble­ma­tisch dar­an ist, daß die Pri­vat­heit nicht mit der Frei­heit gleich­zu­set­zen ist, son­dern vor dem Dilem­ma aus­weicht. Die Pri­vat­heit ist leich­ter zu bewah­ren als Frei­heit. »Zu den weni­gen Errun­gen­schaf­ten der moder­nen Zivi­li­sa­ti­on gehört die For­de­rung, daß der Staat in sei­ne Schran­ken zu wei­sen und die Gesell­schaft vor dem Über­griff der Poli­tik zu schüt­zen sei.« Inso­fern ist das Pri­va­te nicht poli­tisch und hat es nicht zu sein. Doch haben wir es im Bereich des Pri­va­ten weni­ger mit der Poli­tik als Ein­dring­ling zu tun, als mit mora­li­sie­ren­den Zeit­ge­nos­sen und »sozia­ler Ver­dich­tung«. Das gleich­sam Beru­hi­gen­de dar­an ist, daß der Ein­zel­ne die Mög­lich­keit hat, sich dem zu ent­zie­hen und sei­ne Indi­vi­dua­li­tät, sein Geheim­nis zu bewah­ren. Wer sich nicht am Tratsch betei­ligt, ande­re nicht mit sei­ner Neu­gier beläs­tigt, hat gute Chan­cen, selbst unbe­hel­ligt zu blei­ben. Doch dazu bedarf es des Wil­lens zur Mün­dig­keit und der Fähig­keit des Rol­len­spiels. Die Gefah­ren, die hier lau­ern, sind oft beschrie­ben wor­den: Irgend­wann wird die Welt des Rol­len­spiels zur Rea­li­tät, die Pri­vat­heit zum Selbst­zweck und Frei­heit wie­der zur Illu­si­on. Daß Sof­sky ange­sichts die­ser unlös­ba­ren Auf­ga­be mensch­li­cher Exis­tenz auf die »Revo­lu­ti­on der Indi­vi­du­en« setzt, ist eine Kapi­tu­la­ti­on vor der Anti­no­mie der Freiheit.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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