Sezession
1. April 2009

Diskurs und Macht – 80 Jahre Jürgen Habermas

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 29 / April 2009

von Harald Seubert

Wer, wie der Verfasser, Habermas aus einer gewissen Nähe zeitweise als akademischen Lehrer erlebte, wird nicht umhinkönnen, an die hohe Sachlichkeit und Diskussionskultur zu erinnern. Eitelkeiten, arroganten Gestus, Selbstgefälligkeit gab es bei ihm nicht. Politische Korrektheit galt nichts ohne Argument. In seinem Seminar schuf er in bestem angelsächsischen Sinn jene Anerkennungsverhältnisse, die er als öffentlicher Intellektueller allzu oft verweigerte. Es soll aus diesem Grund in diesem Beitrag um den Philosophen Habermas und sein Erbe gehen, nicht um den politischen Habermas. Man muß sich indes darüber im klaren sein, daß die wissenschaftliche Institution »Habermas« zu einem nicht geringen Teil (wenn nicht sogar meistenteils) durch geschickte Rezeptionspolitik, Diskursinszenierungen und ein wirkungsvolles, verdecktes Wegbeißen ideologischer Gegenspieler entstand.

Aber zur Philosophie: Habermas’ Prägungen hingen nicht von Anfang an von der Frankfurter Schule ab. Er ging in die Schule des Bonner Ordinarius Rothacker, des Anthropologen und Kulturphilosophen; hier bereits stieß er auf den um einige Jahre älteren langjährigen Frankfurter Kollegen Karl-Otto Apel. Schon als Student rezensierte Habermas für die FAZ. Die Besprechung der Edition von Heideggers Vorlesung Einführung in die Metaphysik im Juli 1953 machte ihn bekannt. Habermas war in dieser Zeit philosophisch noch von Heidegger geprägt, dessen Hauptwerk Sein und Zeit (1927) er bis heute seine Achtung nicht versagt. Daß Heidegger ohne eine Veränderung am Vorlesungstext von 1935 einen Satz publizierte, in dem von der »inneren Wahrheit und Größe« der nationalsozialistischen Bewegung die Rede ist, ließ Habermas den politischen Prozeß gegen ihn eröffnen.
Dabei war Habermas auch nie ein echter Schüler Adornos gewesen. Er hat selbst berichtet, daß der Bann der hermetischen Vorlesungen und ihrer Wunderkindvirtuosität ihm schnell steril wurde. Tatsächlich: Von der Verweigerung gegen den amerikanischen Pragmatismus, von dem messianischen Licht aus dem Paradies, diesem Grundgedanken Walter Benjamins, den Adorno auf das Feld der Ästhetik projizierte, ist bei Habermas nur noch in historischen Reminiszenzen die Rede.
Wir können eine tiefe Ambivalenz in Habermas’ Bildungsweg konstatieren: Einerseits verschieben sich seine Koordinaten nach der ersten Frankfurter Zeit weiter nach links. Die Habilitation bei Wolfgang Abendroth in Marburg ist ein Indiz dafür. Andererseits verwandelte sich Habermas die bürgerliche Strategie an, ganz in der Folge des ihm nicht eben gewogenen Max Horkheimer, der mit dem Frankfurter Rektorat, einem guten Gesprächsverhältnis zu Adenauer und wichtigen Aufträgen zu empirischen Untersuchungen in der Wirtschaft ausgesprochen erfolgreich gewesen war. Und es war Hans-Georg Gadamer, der ungemein einflußreiche Heideggerschüler und Hermeneutiker, der noch vor der Habilitation für einen Ruf von Habermas als Extraordinarius nach Heidelberg sorgte. Nicht zu Unrecht erinnerte sich noch der alte Gadamer, er habe Habermas »gemacht«. 1964 folgte Habermas dann Horkheimer auf dessen Lehrstuhl nach. Die Antrittsvorlesung über »Erkenntnis und Interesse«, ein pointiertes Lehrstück über traditionelle und kritische Theorie, nahm in aller Öffentlichkeit den Faden der frühen kritischen Theorie auf.


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