Sezession
1. April 2009

Habermas liest Heidegger

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 29/ April 2009

von Harald Harzheim

Jürgen Habermas hat seine Kritik gegenüber dem Philosophen Martin Heidegger zu verschiedenen Anlässen publiziert. Die erste erschien 1953 in der FAZ. Die zweite folgte 1959 an gleichem Ort. Die dritte Auseinandersetzung fand in Der philosophische Diskurs der Moderne (1985) Platz, anläßlich einer Kritik an Frankreichs philosophischen Heidegger-Adepten, an Jacques Derrida und seiner »Dekonstruktion«, den Poststrukturalisten und an Jean-François Lyotard, dem damaligen Wortführer der philosophischen »Postmoderne«. Weiter ging es vier Jahre später in einem Vorwort, das Habermas zur deutschen Übersetzung von Victor Farias’ Heidegger und der Nationalsozialismus (1989) beisteuerte. Das Buch war im Kielwasser des Historikerstreits entstanden, an dem Habermas maßgeblich beteiligt war und den er in diesem Vorwort auch aufgriff. Hinzu kommen kritische Erwähnungen in Interviews (etwa 1979 in der Zeit oder 1989 im Journal de Genève).

Die Auseinandersetzung zieht sich also durch mehrere Jahrzehnte und ist nichts, womit Habermas irgendwann »fertig« geworden wäre. Wie auch? Verwandte er als Student doch die »Daseinsanalyse« aus Sein und Zeit in seiner Dissertation über Schellings »Weltalter«-Fragmente. Ist doch seine These von der »Lebenswelt «, die sich im Gespräch eröffnet, im weiteren Sinne orientiert an Husserl und an Heideggers Analyse vom »In-der-Welt-sein«. Nein, Habermas kann (und will) Heidegger nicht in Gänze verwerfen. Er will »Mit Heidegger gegen Heidegger denken« (so der Titel des FAZ-Artikels von 1953). Es ist der Glaube an die Vernunft, die den Sozialphilosophen zu seiner Bruchstück-Übernahme der Fundamentalontologen treibt: Lediglich der argumentative Teil des Heideggerschen Werks wäre der Rettung wert, im Gegensatz zum nicht-rationalen, der zudem noch weltanschaulich infiziert sei.
Wer so mit dem Finger auf das Erbe des Philosophen zeigt, zeigt zugleich und vor allem auf sich selbst: Habermas bringt, indem er das Erbe Heideggers so selektiv pflegt, die Grenzen und Leerstellen seiner eigenen Diskursphilosophie zum Vorschein. Schon in der Kritik von 1953 beschränkt sich die Lektüre der Neuauflage von Heideggers Einführung in die Philosophie (1935) nicht auf Enttäuschung über das einstige Idol. Heidegger hatte in seiner Schrift die technische Neuzeit als Gipfel der Seinsvergessenheit gebrandmarkt. In diesem apokalyptischen Szenario betraute er Deutschland mit einer »weltgeschichtlichen Mission«: der Überwindung des technischen Zeitalters. Habermas fürchtete nun eine Neuinfektion »begeisterungsfähiger Studenten « durch diesen Text, acht Jahre nach Beendigung des NS-Regimes. Diese Sorge durchzieht die Heidegger-Kritiken von Habermas wie ein roter Faden. Gestützt auf Hölderlin und Nietzsche habe Heidegger ausgerechnet in der NS-Bewegung das Potential für diese Aufgabe entdeckt, mochte sie auch später »korrumpiert« werden. Darauf spiele der Seinsdenker an, wenn er immer noch die »innere Wahrheit und Größe dieser Bewegung« beschwöre. Außerdem entziehe sich Heideggers Seinsverständnis der Logik, der Anruf des Seins (so Heidegger) werde durch Logik bloß trivialisiert. Vielmehr bleibe das Seinsdenken dem »Geistigen«, dem »Starken« vorbehalten: »Deshalb kennt der Gewalt-Tätige nicht Güte und Begütigung (im gewöhnlichen Sinne), keine Beschwichtigung und Beruhigung durch Erfolg und Geltung«, zitiert Habermas den Kritisierten. Dabei weiß er natürlich, daß man »Gewalt-Tätig« nicht einfach mit »gewalttätig« übersetzen darf. Aber es ist die martialische Aufladung der Terminologie, die der Sozialphilosoph kritisiert, das Assoziationsspektrum, das darin mitschwingt: »Denn Stil ist gelebte Haltung, von ihm springt der Funke spontaner Verhaltensbildung über«. Es ist die suggestive Macht des Nichtdiskursiven, die Habermas fürchtet. Ironischerweise hatte Heidegger selbst eine wesentlich höhere Meinung von der studentischen Mündigkeit: Ist der Attackierte doch in seiner Erwiderung »überzeugt, daß die Vorlesung die erwähnten Sätze durchaus verträgt für einen Leser, der das Handwerk des Denkens gelernt hat.«


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