Lieber Wolfram Weimer,

pdf der Druckfassung aus Sezession 29 / April 2009

von Halle an der Saale bis Hamburg ist man mit dem Zug etwa vier...

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Stun­den unter­wegs. Ich leg­te die­se Stre­cke jüngst zurück, weil ich in Ham­burg einen Vor­trag hal­ten muß­te, The­ma: »Was kön­nen Kon­ser­va­ti­ve heu­te tun?« In der Bahn las ich Ihr neu­es Buch: Frei­heit, Gleich­heit, Bür­ger­lich­keit. War­um die Kri­se uns kon­ser­va­tiv macht. Ehr­lich gesagt: Ich las Ihr Buch zwi­schen Bit­ter­feld und Ber­lin-Süd­kreuz, mehr Stre­cke war nicht nötig, ich war rasch fer­tig damit. Das lag nicht dar­an, daß ich alles schon wuß­te, was Sie auf 160 Sei­ten aus­brei­ten; es lag an der Dürf­tig­keit und der man­geln­den Dring­lich­keit Ihrer Ausführungen.

Es ist ja nicht so, daß Dring­lich­keit grund­sätz­lich ein Kri­te­ri­um für ein gutes Buch ist. Aber wer im Unter­ti­tel dar­auf hin­weist, daß »die Kri­se« etwas mit »uns« macht, der legt die Lat­te ziem­lich hoch, und es ist pein­lich, wenn er sie dann so deut­lich reißt, wie Sie das tun. Es wäre bes­ser gewe­sen, Sie hät­ten die­ses sug­ges­ti­ve »uns« nicht nur im Unter­ti­tel, son­dern über­haupt aus Ihrem gan­zen Buch weg­ge­las­sen. Man soll­te nicht im Gemein­de-Ton schrei­ben, wenn man so wie Sie in einem immer­hin schon 45 Jah­re andau­ern­den Leben auf das »Ich« fast alles, auf das »Wir« fast nichts gege­ben hat. Ihr Buch bekommt dadurch eine grund­sätz­lich tak­ti­sche Note, wenn ich das so sagen darf. Ich neh­me Ihnen Ihr »Wir« nicht ab. Ihr Ver­such, sich selbst als Pro­to­ty­pen einer 89er-Genera­ti­on zu ver­kau­fen, ist sogar pein­lich. So wie Sie haben viel­leicht ein paar tau­send frei­ge­schos­se­ne PR- und New eco­no­my-Typen gelebt.

Wir zogen die Kra­wat­ten aus, setz­ten die Son­nen­bril­len auf und schal­te­ten die Han­dys und Lap­tops ein. Die Welt­wirt­schaft schien ein spie­le­ri­sches Mono­po­ly, bei dem es vie­le Gewin­ner gab. Vor allem uns. Wir waren die wohl­ha­bends­te Genera­ti­on, die es je gege­ben hatte.

Sie nann­ten das Arbeit, nicht? Man kann es auch »das Auf­ge­schäum­te« nen­nen, und die­ser Schaum wird nun vom Bier geschlürft. Wie reagiert der Schaum? Für jeman­den, der sich selbst als bin­dungs­lo­sen Kos­mo­po­li­ten bezeich­net, haben Sie Ihr Fähn­chen etwas zu rasch umge­steckt. Sie lie­fen fünf­zehn Jah­re lang vor­ne­weg, haben jede Mark gemacht, die Sie machen konn­ten, waren flott unter­wegs mit jener Gewin­ner-Arro­ganz, die im Bewähr­ten und Her­ge­brach­ten bloß den Brems­klotz sieht – und nicht den Boden, auf dem man steht. Mir sind Leu­te suspekt, die über Jah­re hin­weg flei­ßig die Auf­lö­sung aller Din­ge betrie­ben haben, und die dann im Moment der Kri­se plötz­lich die Spra­che ändern und gleich wie­der ganz vorn mar­schie­ren, sich selbst erklä­rend und für unent­behr­lich hal­tend. Ich zitiere:

Die zwan­zi­ger Jah­re sol­len wild gewe­sen sein. Ein Kri­sen­jahr­zehnt voll geis­ti­ger und künst­le­ri­scher Ener­gie. Wenn wir heu­te von einer neu­en Kri­sen­zeit reden und sie auch her­bei­re­den, dann ist das Gegen­teil der Fall. Die intel­lek­tu­el­le Sze­ne der Repu­blik schläft, die künst­le­ri­sche macht letz­te Geschäft­chen, die lite­ra­ri­sche wälzt sich in Intro­spek­ti­on. Nicht ein­mal die poli­ti­sche Debat­te ist flir­rend – die Wirt­schafts­li­be­ra­len tau­chen ab, die Kon­ser­va­ti­ven füh­len sich bestä­tigt und strei­cheln selbst­ge­fäl­lig ihre alten Wer­te, die Lin­ke schaut dat­te­rig zu, als sei sie für das 20. Jahr­hun­dert zustän­dig gewe­sen, nicht mehr aber für die­ses. Merk­wür­dig: Es braut sich ein Gewit­ter zusam­men, und jeder weiß, dass wir zwei, drei rich­tig schlech­te Jah­re erdul­den müs­sen, aber alle kau­ern nur lei­se da zusam­men wie in einer Wet­ter­schutz­hüt­te auf der Angela-Alm.

Das ist flott, »Ange­la-Alm«, nein so etwas. Aber, lie­ber Wolf­ram Wei­mer, es ist vor allem ziem­lich blind, und der flot­te Ton sowie Ihre Nei­gung zur Meta­pher kön­nen die Dürf­tig­keit nicht über­tün­chen. Ich will aber fair sein und eine zwei­te Stel­le zitie­ren, die ein­zi­ge Stel­le, an der so etwas wie Geist auf­blitzt. Es geht um die poli­ti­sche Mitte:

Sie ist nicht ein­mal ein ori­gi­nä­res Maß, denn die Mit­te wird immer von den Rän­dern defi­niert. Wenn es am lin­ken Rand rumort, dann wird die Mit­te plötz­lich lin­ker. Soll­te sich am rech­ten Rand etwas bewe­gen, wan­dert sie nach rechts. Die Mit­te sug­ge­riert also Ste­tig­keit, dabei gibt es sie nur als Varia­ble, sie ist kei­ne Über­zeu­gung, son­dern Funk­ti­on, kei­ne Posi­ti­on, son­dern Treib­holz, kein Fels, nicht ein­mal eine Strö­mung. Logisch bese­hen: der rei­ne Opportunismus.

War es nun so ganz und gar unmög­lich für Sie, in Ihrem durch­aus über­sicht­li­chen Buch das eine Zitat mit dem ande­ren zu ver­knüp­fen und Schluß­fol­ge­run­gen zu zie­hen? Kon­se­quen­zen zu zie­hen aus dem, was man selbst zu Papier gebracht hat, ist der Beweis für die Ernst­haf­tig­keit der Arbeit. Das ist kon­ser­va­tiv. Alles im Vagen zu las­sen und abzu­war­ten, wel­che Sei­te die Gewin­ner­sei­te sein wird: Das ist im schlech­ten Sin­ne bür­ger­lich. Sie, Wolf­ram Wei­mer, neh­men sich selbst nicht ernst. Sie kom­men in Ihrem Buch und in Ihrem Trei­ben als ver­ant­wort­li­cher Redak­teur des Maga­zins Cice­ro nicht zu den Schlüs­sen, die Sie selbst nahelegen:

1. Die wil­de Ener­gie der zwan­zi­ger Jah­re, die Stim­mung des Alles-oder-Nichts kam von den Rän­dern, Natio­na­lis­ten und Kom­mu­nis­ten gegen­ein­an­der und dann wie­der unun­ter­scheid­bar gegen die Mit­te, ein der poli­ti­schen Kri­se ange­mes­se­ner poli­ti­scher Kampf.
2. Sie ver­ant­wor­ten den Cice­ro, und es gibt – mit Ver­laub – kein ande­res Heft, das so exakt aus einer auf­ge­dun­se­nen Mit­te kommt wie Ihres. Sie machen es nicht zu einer Platt­form für Lin­ke und Rech­te, die dann im Gefecht die Mit­te defi­nie­ren (ich zitie­re Sie ständig!).
3. Sie wis­sen sehr wohl, daß es neben einer intel­lek­tu­el­len Lin­ken (bei der es lei­der stark nach Ver­we­sung riecht) eine des Gedan­kens und des Wor­tes mäch­ti­ge Rech­te gibt. Es wäre für Sie aber unge­müt­lich, das meta­po­li­ti­sche Gefecht in Ihrer Are­na aus­tra­gen zu las­sen. Nur so kann ich mir Ihre Beschrei­bung einer geis­ti­gen Lan­ge­wei­le erklä­ren, in die nun Ihr Buch hin­ein­plat­zen soll.

Aber: Es platzt da gar nichts. Im vor­letz­ten Kapi­tel kommt der gro­ße Wei­mer­sche Rat, das »Was tun?« für Gele­gen­heits­kon­ser­va­ti­ve. Ich war kurz vor Ber­lin-Süd­kreuz an die­ser Stel­le ange­langt und hielt – ich muß das sagen – selbst aus Ihrer Feder nicht für mög­lich, was da steht. Sie raten zur Gelas­sen­heit. Gelas­sen­heit? Das ist ja das Gegen­teil von dem, was ein Kon­ser­va­ti­ver tut, wenn er in der Kri­se zu wir­ken beginnt. Mei­nen Sie denn im Ernst, daß sich die Din­ge von selbst ein­pen­deln, daß es so etwas wie den eher­nen Ablauf der Geschich­te gibt, und der Kon­ser­va­ti­ve ist der­je­ni­ge, der die Biblio­thek sei­nes Groß­va­ters vor der in jeder Genera­ti­on ein­mal anste­hen­den Über­schwem­mung ret­tet? Nein, so ist das nicht, das ist nicht die Auf­ga­be des Kon­ser­va­ti­ven. Er hat gera­de nicht gelas­sen abzu­war­ten, bis die Kri­se vor­bei ist. Er hat zu han­deln, denn nicht jeder hat sei­ne Schäf­chen so sehr im tro­cke­nen wie Sie. Vie­le wer­den viel ver­lie­ren, und die Gelas­sen­heit des Land­adels (den Sie in Ihrem Buch irgend­wie stän­dig ima­gi­nie­ren, obwohl Sie ja dem Geld­adel ange­hö­ren) hat in sol­chen Zei­ten etwas Ekli­ges an sich.

Aber Sie neh­men sich ja selbst nicht ernst. Wenn Sie auf Ihren eige­nen Vor­schlag gehört hät­ten, hät­te Ihr Buch nicht erschei­nen dür­fen. Gelas­sen­heit fän­de in Ihrer Situa­ti­on ihren Aus­druck ent­we­der in einem unbe­irr­ten Wei­ter­ma­chen oder in der Beschäf­ti­gung mit einem die Kri­se gera­de­zu kon­ter­ka­rie­ren­den The­ma – einer Erzäh­lung über einen Kalk­bro­cken viel­leicht (im Sti­le Adal­bert Stif­ters) oder der Beschäf­ti­gung mit Lyrik. Hin­ge­gen Sie: Es müs­sen zuletzt »Die acht Grund­re­geln für den Kon­ser­va­ti­ven« sein, auf­ge­stellt von Ihnen selbst, der Sie sich (ganz fair gerech­net) seit etwa 10 Mona­ten (also seit dem wahr­nehm­ba­ren Beginn der Kri­se) auf dem kon­ser­va­ti­ven Pfad der Gelas­sen­heit befin­den. Die­se acht Grund­re­geln tra­gen alle Kenn­zei­chen eines Kon­ver­ti­ten-Bekennt­nis­ses: for­mu­liert aus Auf­ge­schnapp­tem, ohne geis­ti­ges Hin­ter­land, über­rascht und sehr zufrie­den über sich selbst vor­ge­tra­gen, eine Fin­ger­übung, eine Anfän­ger-Etü­de. Es lohnt sich kein Zitat dar­aus, es ist das Mani­fest des Gele­gen­heits-Kon­ser­va­tis­mus (ich benut­ze die­ses Wort zum zwei­ten Mal), der bei nächs­ter Gele­gen­heit schon wie­der kei­ner mehr ist. Nicht rechts, nicht links: immer vorn.

Gruß!
Götz Kubitschek
www.sezession.de

P.S.: Ken­nen Sie eigent­lich den »Kon­ser­va­ti­ven Kate­chis­mus« von Karl­heinz Weiß­mann? Ich habe ihn ange­fügt, blät­tern Sie ein­fach um.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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