Sezession
1. Juni 2009

Autorenportrait: Henry de Montherlant

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 30 / Juni 2009

von Alain de Benoist

Roman, Novelle, Essay, Erzählung, Lyrik, Notizen, Bühnenstück: kaum ein literarisches Genre, das Montherlant ausgelassen hätte. Und immer fand er in seinem eigenen Leben die wichtigste Inspiration für sein Wirken – nicht in einer oberflächlich-narzißtischen Weise (wie so viele heutige Autoren), sondern indem er dem am eigenen Leibe Erfahrenen höhere Bedeutung beimaß.

Henry (Millon) de Montherlant kam am 20. April 1895 in Paris zur Welt – bisweilen sollte er den 21. April als sein Geburtsdatum angeben, damit es auf das traditionelle Gründungsjubiläum Roms falle. Sein Vater entstammte einem picardischen Adelsgeschlecht, seine Mutter war katalanischer Herkunft. Nach dem frühen Tod des Vaters blieb seine Bildung und Erziehung der Mutter überlassen, die ihm schon in sehr jungen Jahren die Lust an der Literatur vermittelte. Henryk Sienkiewicz’ Geschichtswälzer Quo Vadis? hinterließ nicht nur einen lebenslangen Eindruck, sondern weckte auch sein Interesse für die römische Antike, als Heiden und Christen einander in ständiger Konfrontation gegenüberstanden. In diesem Buch sind bereits Topoi präsent, mit denen er sich in seinem eigenen Werk immer wieder auseinandersetzen sollte: das antike Rom, Stiere, Freundschaft und Selbstmord. Über seine Kindheit sagte er später: »Ich war so besessen von meinen Römern wie Don Quichotte von seinen Helden des Rittertums.«
Sein Ausschluß vom Collège Sainte-Croix in Neuilly-sur-Seine lieferte ihm den Stoff für gleich zwei Werke, das Theaterstück La ville dont le prince est un enfant (1951, dt. Die Stadt, deren König ein Kind ist) und den Roman Les garçons (1969, dt. Die Knaben), in denen er die Themen religiöser Erziehung und »spezieller Freundschaften« zwischen Jungen im Alter von 14 bis 16 Jahren verknüpft. »Alle Freundschaften, die von der Geschichte überliefert worden sind«, schrieb er, »hatten ihren Ursprung in der Schule oder auf dem Schlachtfeld.«
In den Schriften Friedrich Nietzsches und Maurice Barrès’, mit denen er seinen jugendlichen Lesehunger stillte, fand Montherlant ein Tapferkeitsideal und eine Initiation in die Ethik der Ehre. Im Ersten Weltkrieg wurde er 1916 zunächst zum Ersatz-, dann zum aktiven Kriegsdienst eingezogen. Die Verwundung, die er dabei erlitt, fand Eingang in sein 1914 entstandenes Frühwerk L’exil und in seinen 1922 erschienenen Debütroman Le songe. Nach Kriegsende wird er Sekretär des Vereins OEuvre de l’Ossuaire de Douaumont und veröffentlicht einen bemerkenswerten Totengesang, den Chant funèbre pour les morts de Verdun (1932 in Mors et vita nachgedruckt).
Der Text ist eine lange Meditation über den Tod, in der Montherlant en passant Fritz von Unruh und Goethe zitiert. »Alles, was den Menschen ausmacht, kommt in drei Monaten Krieg stärker zur Geltung als in einem ganzen Leben zu Friedenszeiten«, sagte er an anderer Stelle. Dabei hütete er sich wohlweislich, den Krieg zu verherrlichen: »Wenn man den Krieg abschaffen will, muß man beherzten Männern, vor allem jungen Menschen, etwas Gleichwertiges bieten … Man muß zu Friedenszeiten die Kriegstugenden erwecken … Ich fordere einen Frieden, in dem wir systematisch sämtliche Anlässe heraufbeschwören, Mut und Selbstaufgabe zu zeigen.« Unweigerlich fühlt man sich an Ernst Jünger erinnert.


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