Sezession
1. Juni 2009

Elite-Denker

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 30 / Juni 2009

von Karlheinz Weißmann

Der Begriff »Elite« ist im Deutschen oft mit einem starken Pathos verbunden. Daher rührt die Neigung, von »wahren« Eliten im Gegensatz zu »falschen « zu sprechen, als »elitär« ein fehlgeleitetes Selbstverständnis zu betrachten, das jedenfalls von der erwarteten Bescheidung und Pflichterfüllung echter Elite zu trennen ist. Diese Ladung des Wortes hat mit der deutschen Mentalitätsgeschichte zu tun, da seit dem 18. Jahrhundert und der Krise des Adels nach immer neuen Abhilfen für die Bildung von Eliten gesucht wurde, die sich deutlich von der englischen – eine allmähliche Transformation der alten Aristokratie durch Verschmelzung mit dem neuen Besitzbürgertum – oder der französischen Konzeption – Entmachtung und partielle Vernichtung des Adels bei Schaffung einer neuen Führungsgruppe – unterscheiden sollte. Die Erwartungen, die dabei geweckt wurden, gingen häufig über das hinaus, was bestenfalls zu erreichen war, und konnten auch den Blick auf die Realität von Eliten überhaupt verstellen.

Der Terminus »Elite« kommt aus dem Französischen, wo man im 17. Jahrhundert unter Rückgriff auf das lateinische eligere – »auswählen« als Elite diejenigen bezeichnete, die infolge sozialer Siebung eine Sonderstellung in der Gesellschaft erlangten. Mit diesem Verständnis war im Grunde schon eine Kritik der Aristokratie verbunden, die ihre Privilegien ja daraus ableitete, daß ihre Glieder qua Geburt zu den »Besten«, griechisch aristoi, gehörten und nicht durch einen Akt der Willkür dazu gemacht worden waren. Die Maßnahmen der Krone zur Ergänzung des Blutadels um einen Amtsadel verschärften im Grunde nur das Problem, und der innere Verfall der französischen Führungsschicht im 18. Jahrhundert wird oft als Musterbeispiel für den Selbstmord einer Elite betrachtet.
Die Revolution hat dann neben den Utopien einer herrschafts- und also elitenfreien Gesellschaft alle möglichen Pläne zur Elitenrekrutierung hervorgebracht, die entweder an antike Muster anknüpften oder die Konstruktion einer neuen Adelsklasse für möglich hielten. Das Scheitern der zweiten Alternative unter Napoleon und die Probleme, die mit der ersten verbunden waren, zwangen in Frankreich früh zum systematischen Nachdenken über das Thema »Elite«. Das gilt einmal für die Soziologie, die sich intensiv mit dem Problem befaßte, zumal Auguste Comte der Meinung war, daß die Gesellschaftswissenschaft auch den praktischen Zweck haben sollte, einer Elite Herrschaftswissen zu liefern, die auf diese Weise die Macht über die unmündigen Massen behielt, und das gilt weiter für die Historiographie, die bei der Bilanzierung des revolutionären Jahrhunderts teilweise zu dem Ergebnis kommen mußte, daß ein gigantischer Elitenverschleiß stattgefunden hatte, der auf keinem Wege wiedergutzumachen sein würde. Unmittelbar nach der Niederlage gegen Deutschland, 1871, schrieb Ernest Renan in seinem Buch La Réforme intellectuelle et morale: »Der kriegerische Geist Frankreichs war germanischen Ursprungs; indem man die germanischen Elemente gewaltsam davonjagte und sie durch eine rationalistische und egalitäre Gesellschaftskonzeption ersetzte, hat Frankreich zugleich allen militärischen Geist in sich zerstört. Es blieb ein reiches Land, das den Krieg als eine Dummheit betrachtet, die sich kaum auszahlt. Frankreich ist so das pazifistischste Land der Welt geworden; alle Tätigkeit hat sich den sozialen Problemen zugewendet, dem Erwerb von Reichtum und dem Fortschritt der Industrie.


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