Sezession
1. Juni 2009

Soziale Siebung – eine Konstante

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 30 / Juni 2009

von Thomas Bargatzky

In allen menschlichen Symbioseformen bilden sich Eliten heraus – jedenfalls ist den Geschichts- und Gesellschaftswissenschaften bislang kein Gegenbeispiel bekannt geworden. Elitebildung ist eine anthropologische Konstante, denn jede menschliche Gruppe »besteht aus Menschen, die sich voneinander unterscheiden, zumindest hinsichtlich ihres Geschlechts oder Alters, normalerweise jedoch auch noch in anderer Hinsicht. Eine Gruppe von Menschen ist nie nur eine Ansammlung von Individuen, deren Beziehungen zueinander ohne Belang wären. Es handelt sich vielmehr immer um einen Verband, dessen einzelne Mitglieder eine bestimmte gesellschaftliche Stellung besetzen, die bestimmte Erwartungen, Rechte und Pflichten, Privilegien und Verbindlichkeiten mit sich bringt« (Ernest Gellner). Die Personen, deren Handlungen den Normen und Werten am besten entsprechen, die sich in dem Bündel an Rechten, Pflichten, Privilegien und Verbindlichkeiten eines bestimmten Gemeinwesens ausdrücken, gehören zu dessen Elite. Zur Elite zählen in der Moderne unter bestimmten Voraussetzungen aber auch jene, die über diese Grenzen hinaus neue Wege weisen und beschreiten.

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Um der These Plausibilität zu verleihen, Elitebildung sei ein universelles Phänomen, müssen wir nicht alle gegenwärtigen und vergangenen Kulturen und Gesellschaften Revue passieren lassen – das wäre auch weder hier noch an anderer Stelle möglich. Ein Blick auf Polynesien möge genügen, denn seit dem Zeitalter der Entdeckungsreisen im 18. Jahrhundert dienen polynesische Kulturen als Beispiele für die Verwirklichung der herrschaftsfreien Schlaraffenländer europäischer Fluchtphantasien. Sollte selbst in diesen »Paradiesen« Elitebildung ein durchgängiger Kulturzug sein, dann dürfte es um die Chance schlecht bestellt sein, eine realexistierende Gesellschaft ohne eine Auslese der Besten dingfest zu machen.
Nehmen wir Samoa als Beispiel. Wie alle anderen polynesischen Kulturen verfügt es über ein kompliziertes System gesellschaftlicher Ränge und Häuptlingstitel. Wer sich als Mann dem Ethos der samoanischen Kultur gemäß in vorbildlicher Weise verhält, hat gute Chancen, einen oder mehrere Häuptlingstitel zu gewinnen. Das samoanische Ethos kondensiert sich unter anderem in zwei Sprichwörtern, die schon kleine Kinder kennen:

»Das Dienen ist der Weg zum Herrschen.«
»Ein Mensch hat mehr Wurzeln als ein Baum.«

Gehorsam gegenüber den Eltern, Respekt vor den Älteren und den Ranghöheren sind tief im samoanischen Ethos verwurzelte Grundsätze. Aus ihnen folgt die unbedingte Verpflichtung, den Eltern, der Familie, dem Clan, der Polis, den Häuptlingen, und heute auch der eigenen Kirche zu dienen. Ein Mann, der seiner Familie treu gedient hat, hat gute Chancen, von ihr eines Tages in ein Häuptlingsamt berufen zu werden. Damit eröffnet sich für ihn eine Vielfalt an Wirkungsmöglichkeiten, denn wegen des komplexen und verflochtenen Systems der Abstammungsgruppen hat er »mehr Wurzeln als ein Baum«. Diese weitverzweigten verwandtschaftlichen Beziehungen kann er wiederum ausnutzen, um sich im allgegenwärtigen Statuswettbewerb – etwa im Streben nach ranghöheren Titeln – gegenüber Mitbewerbern eine bessere Ausgangslage zu verschaffen. Die Wege zu den Titeln wirken als Filter für die Auslese der Besten, wobei hier zugleich ein allgemeiner »Mechanismus« der Elitebildung sichtbar wird: Zur Elite gehört, wer das Ethos seiner Gemeinschaft in seinem Handeln am besten verkörpert.

Der Elite-Gedanke ist also unmittelbar mit der Ethik verbunden. Das griechische Wort ethos bezieht sich auf Dinge wie Sitte, Brauch, Gewohnheit, Charakter, Sinnesart. Ethos ist die den Einzelnen prägende und kennzeichnende Lebensgewohnheit, deren Wert sich uns durch den Blick auf den »Bauplan« der Gesellschaft enthüllt, in der ein Mensch lebt. Die Vorstellungen darüber, was als ethisch wertvolles, was als unethisches Verhalten zu gelten habe, unterscheiden sich daher von Fall zu Fall ganz erheblich. Was zum Beispiel in den modernen nachaufklärungszeitlichen National- und Industriestaaten als korrupt gilt, ist unter vormodernen Verhältnissen nicht nur toleriert, sondern sogar geboten. Diese Behauptung kann man durch zwei idealtypische Ordnungsmodelle illustrieren, die ich vereinfacht »vormodern« und »modern« nenne. Sie sind die Grundtypen gesellschaftlicher Ordnung.
Welthistorisch betrachtet ist die »vormoderne Ordnung« der Normalfall. Sie kennt die Trennung zwischen dem Allgemeinen und Besonderen als Bereichen des Handelns nicht, sondern sie ist eine Ordnung des Status und der Privilegien. Sie wird durch ein komplexes Gefüge von Patronage-, Gefolgschafts- und Klientelsystemen untermauert, die unter anderem auch durch den Code der Verwandtschaft ausgedrückt werden, wobei Verwandtschaft nicht nur als Bluts-, sondern auch als symbolische Verwandtschaft verstanden wird. Auf diese Weise sind sowohl staatenlose Wildbeuterhorden und Stammesgesellschaften mit ihrem Machtgleichgewicht zwischen den einzelnen Verwandtschaftsgruppen verfaßt, als auch die hochkulturlichen hierarchisch-dynastischen Reiche, deren Ordnung durch die auf göttliche Stiftungen zurückgehenden Rangabstufungen und Schichten legitimiert wird. Es gilt das Primat der primären Beziehungen. Ehre, Gegenseitigkeit, Loyalität sind Leitprinzipien des Handelns. Am meisten fühlt man sich den Nächsten verpflichtet: den Eltern, dann den übrigen Verwandten, den Angehörigen der eigenen Ethnie, des eigenen Volks. Ihnen schuldet man Loyalität und vorrangig ihnen gegenüber gilt der Grundsatz der Gegenseitigkeit. Je größer und umfassender die soziale Einheit, desto mehr nimmt der Grad an geschuldeter Loyalität und Gegenseitigkeit ab. Um den einzelnen legen sich gleichsam Kreise der Verbindlichkeitsdichte. Der Soziologe Trutz von Trotha spricht daher von einer »konzentrischen Ordnung«. Man könnte sie auch »konfuzianisch« nennen: Konfuzius schätzt beispielsweise die Loyalität gegenüber dem Vater höher ein als die Loyalität gegenüber dem Gemeinwesen, und wenn nur alle diesem »Weg« folgen würden, dann sei der Staat gesichert.
In der vormodernen Ordnung sind die territorialen Grenzen eines Gemeinwesens diffus, sie fallen mit den Grenzen der Beziehungsnetze zusammen. In der modernen staatlichen beziehungsweise nationalstaatlichen Ordnung nimmt dagegen eine sozial mobile anonyme Masse an derselben »Hochkultur« teil und identifiziert sich gleichzeitig stark mit den politisch definierten Grenzen ihres Gemeinwesens. In ethischer Hinsicht gilt das Primat des Allgemeinen: Der Einzelne hat sich den Belangen des Staates, der Nation – also dem Allgemeinen – unterzuordnen.

Zur Elite zählt nach den Maßstäben der konzentrischen Ethik derjenige, dessen Handeln den Leitwerten Gegenseitigkeit, Loyalität, Fürsorge, Gefolgschaft, Mehrung der Ehre der Gruppe am besten entspricht. Um auf das Beispiel Samoa zurückzukommen: Das samoanische Wort für Gegenseitigkeit ist alofa, Liebe; damit ist aber nicht die geschlechtliche Liebe gemeint, sondern die durch Dienen und Fürsorge gezeigte, pflichtgemäße Verbundenheit zwischen Alt und Jung, Hoch und Niedrig, Eltern und Kindern im Rahmen ineinander verschachtelter Kreise einer konzentrischen Ordnung.
Die Römer bezeichneten diese Daseinshaltung als pietas. Zur Elite gehörte, wer dem Pietas-Ideal am markantesten entsprach – innerhalb seiner Gesellschaftsschicht. Fromm (pius) zu sein bedeutete nicht einfach, einer Autorität gegenüber gehorsam zu sein, sondern seine Verpflichtungen in einer auf Dauer und Gegenseitigkeit angelegten Beziehung zuverlässig zu erfüllen. Die Verpflichtungen, die man einging, galten während der gesamten Dauer einer Beziehung, die oft von langer Dauer war und sogar über die Beziehung einzelner Personen hinaus galt. Sie bezog sich auf Gruppen und Familien, auch auf die Beziehung von Individuen und Kollektiven zu den Göttern. Solche Beziehungen waren idealiter unauflöslich. Wer seine Pflichten erfüllte (Gefolgschaft, Abgaben, Unterstützung, Opfer), durfte auf Gegenseitigkeit rechnen, das heißt die andere Seite der Beziehung mußte ihren Verpflichtungen ebenfalls nachkommen. Nach dem Muster des Modells persönlicher reziproker Beziehungen der Unterstützung, des Gehorsams und der Hilfe seitens der Kinder und des Schutzes sowie der Fürsorge seitens der Eltern wurden auch die Beziehungen zu Kollektiven und sogar den Göttern geformt: Dem Vollzug der den Göttern zustehenden Opfer wurde mit göttlichen Segnungen geantwortet (Regen, Fruchtbarkeit von Acker, Mensch und Tier, Beistand und Sieg im Krieg). Auf pietas beruhende Beziehungen sollten verläßlich sein; kam eine der Seiten ihren Verpflichtungen nicht nach, hatte dies negative Sanktionen zur Folge. Dies gilt auch für die Beziehungen zwischen Mensch und Gottheit.
Die moderne Gesellschaft, die sich in Europa seit dem 17. Jahrhundert herausgebildet hat, stellt die Verhältnisse, das Ethos und damit auch die Form der Elitebildung, wie sie sich in der konzentrischen Ordnung herausgebildet hat, geradezu auf den Kopf. Die individualistische und universelle Vernunft der Aufklärung leitete die Pflichten und damit die Verwirklichung des Menschen nicht mehr vom gesellschaftlichen Status ab, sondern von der allen gemeinsamen Menschlichkeit. Sie war daher gegenüber dem Faktor der Kultur letztlich blind und bekämpfte die konzentrische Ordnung der vorausgegangenen Geschichtsperioden. Die intermediären Instanzen zwischen Individuum und Staat wurden abgeräumt und die konzentrische Ethik durch das Primat des Allgemeinen ersetzt. Die Menschenrechte wurden auf den Thron gesetzt. Zur Elite in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zählte von nun an, wer dem Primat des Allgemeinen und den Modernitätsnormen am besten entsprach. Das soll anhand zweier Beispiele verdeutlicht werden.

Moderne Gesellschaften beruhen nicht nur auf wirtschaftlichem, technischem und wissenschaftlichem Wachstum, sie legitimieren sich auch durch Wachstum. Regierungen, die für das wirtschaftliche Wachstum sorgen, beziehen daraus einen Teil ihrer Legitimität. Wachstum bringt Innovationen mit sich – neue Berufe und Arbeitsfelder entstehen, alte sterben aus. Die für die agrarische Gesellschaft mit ihrer konzentrischen Ordnung charakteristische Stabilität der sozialen Beziehungen und der Tätigkeiten weicht der beständigen sozialen und beruflichen Mobilität. »Wandel« lautet das moderne Credo; die Neuerung ist an sich wertvoll. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Statusgruppe, Schicht oder Kaste ist unter diesen Bedingungen nicht mehr das entscheidende Kriterium für die Besetzung einer Arbeitsstelle. Begabung und Qualifikation geben – jedenfalls idealiter – den Ausschlag. Der Innovator darf daher in der Regel mit gesellschaftlicher Annerkennung rechnen. Er zählt zur neuen Elite der modernen Gesellschaft, er ist nicht mehr der die Ordnung gefährdende Störenfried, wie noch in den vormodernen Epochen. Die soziologische Erforschung der Verbreitung (Diffusion) von Neuerungen bietet dafür eine Vielzahl von Belegen.
Eine berühmte Untersuchung im Rahmen der Innovationsforschung ist die Columbia University Drug Study zur Verbreitung eines neuen Medikaments. Sie ergab, daß diejenigen Ärzte, die in ihrer Berufsgemeinde am besten integriert waren und das größte fachliche Prestige genossen, auch die ersten waren, die das neue Medikament anwendeten. Sie galten als am kompetentesten, wurden daher von den Kollegen am meisten hinsichtlich fachlicher Fragen konsultiert, praktizierten in Gemeinschaftspraxen und verfügten über mehr Außenkontakte als andere Ärzte. Mit anderen Worten, sie waren diejenigen, die die Modernitätsnormen der Ärztegemeinde am besten verkörperten. Sie waren die informellen Meinungsführer, kurz: sie gehörten zur medizinischen Elite.
Es hieße jedoch die Bedeutung der Elite in der modernen Gesellschaft gründlich mißzuverstehen, wollten wir sie nur unter den verkürzten Maßstäben des Ökonomismus betrachten, wie die Entstehung des Nationalstaatsgedankens lehrt. Die individualistischen und traditionsfeindlichen Philosophien der Aufklärung haben insoweit dem Nationalstaat den Boden bereitet, als sie für die Zerstörung der Gemeinwesen des vormodernen Zeitalters mitverantwortlich waren und damit der Herausbildung des Immediatverhältnisses zwischen Individuum und Staat den Boden bereiteten. Die Sinnstiftungslücke, die hierdurch entstand, füllte der Gedanke der Nation aus. War die Vormoderne noch durch die kulturelle Heterogenität einer nach ethnischen und ständischen Gesichtspunkten organisierten Arbeitsteilung gekennzeichnet, so beruht die Idee der Nation auf der Vorstellung, daß der legitime politische Verband durch kulturelle Homogenität gekennzeichnet ist. Die Beherrschung einer allgemein akzeptierten Hochkultur und einer einheitlichen Schriftsprache stellt die notwendige Voraussetzung politischer, ökonomischer und sozialer Staatsbürgerschaft dar.
Mobilität und Anonymität kennzeichnen die moderne Gesellschaft. Nation und Nationalstaat sind daher notwendige Erscheinungen der Moderne, denn sie verbinden auf perfekte Weise den Wunsch, sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen, mit den Erfordernissen, die die Industrialisierung an die Mobilität ganzer Bevölkerungsschichten stellte. Sich jenseits des Dorfes, des Tals, der Region nicht in der Fremde zu fühlen, sondern bei Seinesgleichen, unter Landsleuten zu wissen – dies ist die historische Errungenschaft der Nation. Ohne sie wäre die Moderne nicht möglich gewesen. Zu den neuen Eliten der Moderne im 19. Jahrhundert gehörten daher die Anhänger des Nationalstaatsgedankens.
Die Eliten der Moderne verkörpern also nicht nur die Normen und Werte ihrer Epoche, sie können sich auch von der Überlieferung lossagen und neue, zukunftsträchtige Wege gehen, die dem Gemeinwesen auf mittlere oder längere Sicht nützen. Niemals zählten jedoch jene zur Elite, die, sozialdarwinistisch legitimiert, nur den eigenen Vorteil im Sinne hatten. Jüngst hat das Platzen der Finanzblase im Herbst 2008 die vermeintlichen »neuen Eliten« des Casino-Kapitalismus gründlich delegitimiert.


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