Sezession
1. Juni 2009

Mehr Sein als Schein? Militärische Elite

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 30 / Juni 2009

von Jörg Soldan

»In der Tierzucht, besonders in der Schafzucht, auch bei der Pflanzenzüchtung sind Eliten diejenigen Individuen, die dem Züchtungsziel am besten entsprechen«, belehrt uns Meyers Großes Konversations-Lexikon in seiner Jubiläumsausgabe von 1906. Man spreche in diesem Sinne auch von »Eliteherden«. Doch weiß dieses Lexikon aus dem Kaiserreich unter dem Lexem »Elite«, dem französischen Wort für »Auswahl«, von solchen gezüchteten Eliteherden kulturell geformte Elitetruppen zu unterscheiden: Diese bezeichne man so, weil sie »infolge ausgesuchten Ersatzes, besserer Bewaffnung, Ausbildung, Kriegserfahrung etc. eine vor den übrigen Truppen bevorzugte Stellung einnehmen.« Als frühes historisches Beispiel nennt das Lexikon die Prätorianer, die Leibgarde der römischen Kaiser, in der jüngeren Geschichte kann unter anderem auf Napoleon Bonapartes berühmte Garde verwiesen werden, die bekanntlich stirbt, aber sich nicht ergibt: Der französische Führer, Konsul und Kaiser hatte von 1804 an mit Elitetruppen »im Sinne einer Kerntruppe als Schlachtenreserve « operiert. Aufgrund des Kriteriums eines »ausgewählten Rekrutenersatzes « ist am Ende aber auch noch von militärischer Elite in einem »weiteren Sinne« die Rede.

Dieses kodifizierte Wissen aus einer Zeit, in der das Militär nicht nur in Deutschland als wichtiges Element der Gesellschaft anerkannt war und Rangunterschiede als selbstverständlich vorausgesetzt wurden, ist historisch gesehen bereits sehr differenziert und überdies aufschlußreich für die systematische Überlegung, was überhaupt als Wesen einer militärischen Elite erfaßt werden kann.
Die Garden der Herrscher hatten neben ihrer Schutzfunktion als Leibwache immer auch repräsentative Aufgaben als Ausweis der Stärke und des souveränen Selbstbewußtseins: Von den Hetairoi des Makedoniers Alexander bis hin zum preußischen Gardekorps im kaiserlichen Deutschland verstanden es die »Vornehmsten« als ihre Pflicht und ihr besonderes Anrecht, in der Garde zu dienen, unmittelbar am Zentrum der Macht als jener Teil derselben, der sie an den Zugängen sichtbar verkörperte. Die Garde konnte damit soziologisch eine »Elite«, eine gesellschaftliche Auslese abbilden, aber auch den einfachen Soldaten aus niederen Schichten durch seine Funktion aus der Allgemeinheit herausheben und gleichsam adeln. In der weiteren geschichtlichen Entfaltung hängt es von der jeweiligen Lage ab, wie die Funktionen solcher Garden zu gewichten sind – in längeren Friedenszeiten kann sich der Schwerpunkt zur Repräsentation verlagern, so daß der äußere Eindruck, etwa das »Gardemaß« der Soldaten, die Uniform und das Zeremoniell wichtiger erscheinen als die reale Kampfkraft der betreffenden Einheit. Der Gedanke einer Auswahl geeigneter oder gar im Wortsinn herausragender Individuen bleibt dann zwar erhalten, ist aber funktional auf die repräsentative Erscheinung ausgerichtet. Verbände wie das vorwiegend aus Wehrpflichtigen bestehende Wachregiment »Friedrich Engels« der Nationalen Volksarmee in der DDR oder das Wachbataillon beim Bundesministerium der Verteidigung in der BRD sind daher zwar nicht mit preußischen Gardekorps gleichzusetzen, behalten in ihrer Erscheinung und sichtbaren Nähe zur Macht aber doch Züge solcher seinerzeit zweifelsohne elitären Truppenteile.


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