Backelohren und Bekenner

pdf der Druckfassung aus Sezession 30 / Juni 2009

von Baal Müller

Bildung ist bekanntlich etwas anderes als Faktenwissen oder das bloße Aufsagenkönnen von Vokabeln, die außer Bildungspolitikern lange Zeit niemand zu kennen brauchte – man darf daher etwas Nachsicht mit unserem Altkanzler Schröder üben, der während einer Rede auf einem SPD-Bildungskongreß im Jahr 2000 über ein komisches Wort stolperte, das er wie »Backelohr « aussprach. Schließlich kultivierte Schröder stets das Image des Pragmatikers und Machertypen und malte einmal sogar den leibhaftigen Bildungsteufel an die Wand, der seiner Ansicht nach darin bestünde, daß sich in diesem weltfremden Land mehr Studenten mit Lessings Mitleidstheorie als mit Internet-Programmiersprachen beschäftigen würden. Wie aber sollen wir mit solchem Kuscheleckenwissen auf den »globalen Märkten der Zukunft bestehen«?

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Um dem aka­de­mi­schen Nach­wuchs dies zu erleich­tern, wur­de 1999 der Bolo­gna-Pro­zeß in Gang gesetzt, der eine weit­ge­hen­de Anglei­chung und Ver­gleich­bar­keit von Stu­di­en­gän­gen und ‑abschlus­sen (in 46 Län­dern!) bewir­ken und damit die größt­mög­li­che Mobi­li­tät künf­ti­ger Spit­zen­kräf­te in der euro­päi­schen Bil­dungs­zo­ne gewähr­leis­ten soll. Spä­tes­tens hier soll­te unse­re Nach­sicht mit Schrö­der aber auf­hö­ren: Es ist kei­ne Schan­de, nicht über »höhe­re Bil­dung « zu ver­fü­gen – auch Poli­ti­ker wie Wil­helm II. oder Ade­nau­er waren für eine sol­che nicht berühmt –, aber es ist eine Schan­de, der jun­gen Genera­ti­on ihre Mög­lich­kei­ten zu uni­ver­si­tä­rer Bil­dung mut­wil­lig zu beschnei­den und dies per­fi­der­wei­se mit dem Ziel zu begrün­den, die »Bil­dungs­chan­cen « für alle zu erhöhen.
In den Zei­ten Wil­helms II. oder Ade­nau­ers hat­te auch ein Groß­teil derer, die nicht zur Bil­dungs­eli­te gehör­ten, durch­aus noch ein gewis­ses Ver­ständ­nis davon, was Bil­dung war oder sein soll­te: selbst­be­stimm­te Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung gemäß der jewei­li­gen Anla­gen, und damit weder ein von Markt­nach­fra­ge abhän­gi­ges Spe­zia­lis­ten­tum noch ein für jeden glei­ches, aus­wen­dig zu ler­nen­des Abfra­ge­wis­sen. Zwar wur­de bereits wäh­rend des viel­ge­schmäh­ten Wil­hel­mi­nis­mus über den Ver­fall des klas­si­schen Bil­dungs­ide­als und das Auf­kom­men von Posi­ti­vis­mus und »Berufs­men­schen­tum« geklagt, aber zumin­dest die her­aus­ra­gen­den Reprä­sen­tan­ten von Phi­lo­so­phie und Geis­tes­wis­sen­schaft sorg­ten dafür, daß die Uni­ver­si­tät als Stät­te frei­er Bil­dung und For­schung noch bis ans Ende des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts erhal­ten blieb.

Heu­te gibt es nur weni­ge Pro­fes­so­ren, denen For­schung und Leh­re exis­ten­ti­el­le Anlie­gen sind. Einer von ihnen ist der Main­zer Theo­lo­ge Mari­us Rei­ser, der aus Pro­test gegen »Bache­lori­sie­rung « und »Modu­la­ri­sie­rung« unlängst von sei­nem Lehr­stuhl zurück­trat und sei­nen außer­or­dent­li­chen Schritt im Spie­gel-Inter­view mit der »Abschaf­fung der Uni­ver­si­tät« und dem »Ende der aka­de­mi­schen Frei­heit« begrün­de­te. Star­ke Wor­te – die aber merk­wür­dig fol­gen­los blei­ben. Irgend­wie scheint man sich an der­lei gewöhnt zu haben, wenn auch die Fra­ge des Alt­bun­des­prä­si­den­ten Roman Her­zog, ob man Deutsch­land ange­sichts der schlei­chen­den Ent­mach­tung des Bun­des­ta­ges durch die EU-Behör­den und der Ver­wi­schung der Gewal­ten­tei­lung über­haupt noch als Demo­kra­tie bezeich­nen kön­ne, unbe­ant­wor­tet ver­hallt, oder wenn es anschei­nend als nor­mal emp­fun­den wird, daß die Iren nach dem »geschei­ter­ten« Refe­ren­dum (das bei uns sowie­so »undenk­bar« wäre) noch ein­mal über den Ver­trag von Lis­sa­bon abstim­men müssen.
Zwar gilt ein »Bache­lor« längst als ein Schmal­spur-Aka­de­mi­ker, dem man für eine Art Zwi­schen­prü­fung nach dem 6. Semes­ter einen Mini­ti­tel ver­lie­hen hat (und mög­li­cher­wei­se davon abhält, bis zum »Mas­ter« wei­ter­zu­stu­die­ren), und gewiß grol­len vie­le von Rei­sers Kol­le­gen eben­so über die weit­ge­hen­de Abschaf­fung eines indi­vi­du­ell aus­ge­rich­te­ten, an per­sön­li­chen Bil­dungs­zie­len ori­en­tier­ten Stu­di­ums. Aber sie bal­len die Faust in der Tasche, statt sich – wie Rei­ser ein wenig pathe­tisch, aber in der Sache berech­tigt emp­fiehlt – Gan­dhi zum Vor­bild zu neh­men. Man könn­te auch auf ein etwas weni­ger pro­mi­nen­tes, aber um so direk­te­res Vor­bild Rei­sers ver­wei­sen: auf den Frank­fur­ter Ordi­na­ri­us Ernst Kan­to­ro­wicz, der sich 1933 aus Pro­test gegen die »Wie­der­her­stel­lung des Berufs­be­am­ten­tums« beur­lau­ben ließ und dies damit begrün­de­te, daß er als Pro­fes­sor »ein Beken­ner« sei.

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