Sezession
1. Juni 2009

Kalter Kaffee, Kalter Krieg

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 30 / Juni 2009

von Thorsten Hinz

Nichts Neues vom Historiker Hubertus Knabe, der in seinem jüngsten Buch »die Wahrheit über die Linke« (Hubertus Knabe: Honeckers Erben. Die Wahrheit über die Linke, Berlin: Propyläen 2009. 392 S., 22.90 €) enthüllen und dazu beitragen will, »Honeckers Erben auf den Müllhaufen der Geschichte zu befördern, auf dem die DDR zu Recht gelandet ist«. Der Direktor der Stasi-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen bleibt sich treu. Die Frage, warum die Entwicklung seit 20 Jahren konstant eine andere Richtung nimmt, als er das seitdem in einem Dutzend Bücher für vertretbar hält, diskutiert er nicht. Um so lauter schimpft er auf das moralische Versagen der übrigen Akteure.

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Honeckers Erben ist in drei Abschnitte gegliedert. Der erste, »Herkunft«, bietet einen Abriß von der Gründung der KPD 1918 bis heute. Der zweite, »Politik«, schildert die phantasieund trickreiche Transformation der SED zur akzeptierten Linkspartei. Im dritten wird ihr »Personal « kritisch durchmustert. Knabe macht Stasi-Spitzel, Betonköpfe, Mao-Freunde, verfassungsfeindliche Linksextremisten usw. in ihren Reihen aus. So weit, so wahr, so bekannt.
Die Redundanz ist ein Zeichen von Ratund Fassungslosigkeit. Knabe verfügt über kein theoretisches Gerüst, um vom Material zu abstrahieren. Seine Literaturliste enthält kein Werk zur Politik- und Geschichtstheorie, das von Belang wäre. Zu philosophischem Gleichmut könnte ihm verhelfen, die Linkspartei als Teil der »Ewigen Linken« zu begreifen, »einer Empfindungs- und Denktendenz, die an den vorhandenen gesellschaftlichen Verhältnissen Anstoß nimmt, weil sie sie für ›ungerecht‹ hält. Als ungerecht gilt jede Situation, die dem einen mehr an Gütern und Lebensmöglichkeit gibt als den anderen (...).« Da der Konflikt zwischen »Arm« und »Reich« der »gesellschaftliche Elementargegensatz schlechthin« ist (Ernst Nolte), läßt die Tatsache, daß die Linkspartei auf seiten der »Gerechtigkeit« steht, alle SED-Vergangenheits-Vorwürfe je länger, desto mehr verblassen. Natürlich ist ihre Kritik an den Hartz-IVGesetzen »demagogisch«, doch abwegig ist sie nicht. Ein Abgleich mit den Analysen von Panajotis Kondylis würde Knabe zeigen, daß die Partei die Bedürfnisse der Massendemokratie bedient, deren innerster Antrieb das Streben nach »Gerechtigkeit« durch voraussetzungslosen »Wohlstand für alle« ist.
Der entscheidende Kritikpunkt aber ergibt sich aus der Behauptung, nach dem Mauerbau hätte die SED-Führung doch »ungestört ihre Utopie verwirklichen können«. Das insinuiert eine Souveränität der DDR und ist folglich Unsinn. Den Versuch, ein Neues Ökonomisches System (NOES) einzuführen, das in begrenztem Maße auf Rentabilität basierte, beendete die Sowjetunion, indem sie der DDR 1965 ein Handelsabkommen aufzwang, das ihre Exportkraft praktisch an Moskau auslieferte und für den devisenbringenden Handel mit dem Westen nur noch Güter geringerer Qualität übrigließ.
Die DDR muß als sowjetisches Protektorat und Folge der Teilung Deutschlands beschrieben werden. Knabes Aufregung darüber, daß Links-Politiker den Mauerbau mit dem Kalten Krieg in Verbindung bringen, ist lächerlich. Mit Empörung zitiert er die Aussage des sächsischen PDS-Fraktionschefs Peter Porsch, die Mauer habe »1961 den Frieden in Europa und der Welt erhalten«. Kennt Knabe den Ausspruch von USPräsident Kennedy, die Mauer sei besser als ein Krieg? Kennt er das Fernsehinterview, das USSenator William Fulbright, Vorsitzender des Außenpolitischen Ausschusses, am 30. Juli 1961 führte und in dem er die DDR-Machthaber zur Grenzschließung ermunterte? Die Mauer war nicht nur von der DDR und der Sowjetunion gewollt, auch der Westen war hochzufrieden damit, weil sie den spannungsreichen Status quo in Europa befriedete.

Knabe ignoriert diesen Kontext. Man kann aber nicht vernünftig über die DDR, die SED, die Linkspartei und ihre aktuelle Akzeptanz auch im Westen reden, ohne die bizarre Situation zu benennen, in der das geteilte Deutschland sich zwischen 1945/49 und 1989 befand. Beide deut schen Teilstaaten wurden von ihren jeweiligen Vormächten eingeladen, ihnen zur Seite und so auf die Seite der Sieger zu treten. Der Preis war die doppelte Bereitschaft, die Selbstauslöschung Deutschlands im Fall eines bewaffneten Konflikts hinzunehmen. Politisch wie psychologisch ist das nur aus dem Erlebnis der totalen Niederlage von 1945 zu erklären, das die Deutschen davon überzeugt hatte, kein genuines Recht auf ein gesamtnationales Interesse mehr zu besitzen. Der Weltbürgerkrieg war damit auch ein innerdeutscher Bürgerkrieg. Die erfahrene Bürgerkriegspartei KPD war als SED identisch mit dem Staat und zugleich Statthalter Moskaus, während die Bundesrepublik dem US-Lager unter dem Banner des Antikommunismus beitrat. Die bürgerlichen Kräfte in der DDR waren in der deutsch-deutschen Auseinandersetzung zur Stummheit verurteilt und wanderten ab. Die DDR-Sympathisanten in der Bundesrepublik hatten mehr Freiraum, allerdings wirkte die Realität der DDR so abstoßend, daß selbst für die Westlinke die DDR eher eine abstrakte geschichtliche Hoffnung als praktische Option darstellte.
Um es noch komplizierter zu machen: Die Situation, die sowohl Sowjetunion als auch USA nach 1945 zu Supermächten aufsteigen ließ, hatte die Ausschaltung Deutschlands zur Voraussetzung. In diesem Sinne sagte US-Außenminister Dulles im Februar 1959 zum Regierenden Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt: »Wenn wir uns in hundert Fragen mit den Russen streiten, in der hundertersten sind wir mit ihnen einig: Ein neutrales, womöglich noch bewaffnetes Deutschland, das zwischen den Fronten hin und her marschieren kann, wird es nicht geben.« Da angesichts des atomaren Patts keine der beiden Supermächte die andere zwingen konnte, ihren Teil Deutschlands dem anderen Lager zu übergeben, bedeutete das die fortdauernde Teilung. Diese geo- und machtpolitische Sachlage wurde moralisch überhöht durch die Feier des Sieges über den Nationalsozialismus – in diesem Punkt waren Washington und Moskau sich einig. Die Fortexistenz der DDR aber setzte die Grenzschließung voraus – das war der Hintersinn von Senator Fulbrights Empfehlung. Weltanschaulich und geostrategisch durfte sich die SED-Führung als Vollstreckerin eines Weltwillens und geschichtlichen Gesetzes fühlen, als sie den Mauerbau betrieb.
Dieser Zusammenhang hätte nach dem Ende des Kalten Krieges thematisiert werden müssen! Stattdessen wurde die Bürgerkriegslogik wiederbelebt und die DDR auf den Homunculus reduziert, der das geschichtliche Unrecht verkörperte. Der westliche Teilstaat, dessen System sich als das stärkere erwiesen hatte, gerierte sich als Verkörperung des Ganzen und kostete seine neue Siegerstellung gegenüber der DDR, dem letzten Verlierer des Zweiten Weltkriegs, »noch einmal genüßlich aus« (Wolfgang Schivelbusch). Das löste und löst Gegenreaktionen aus wie die Renaissance der PDS. Auf eine perverse Weise war die Partei im Recht, als sie die Verurteilung des letzten SED-Chefs Egon Krenz als »Demütigung von Millionen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern der DDR« verurteilte. Pervers war das, weil die PDS ebenfalls mit der alten Bürgerkriegslogik argumentierte, anstatt diese im Lichte gesamtdeutscher Tragik zu deuten und aufzuheben.
Für die alten und nachträglichen Parteigänger der DDR im Westen hat sich die Situation mit dem Verschwinden des SED-Staates entscheidend verbessert, denn sie erspart ihnen die Konfrontation des linken Anspruchs mit der realsozialistischen Wirklichkeit. Verbessert hat sich die Stellung der Linken auch, weil der Sieg über den NS politisch-moralische Grundlage der Weltordnung geblieben ist, ohne daß diese jetzt durch die Konflikte des Kalten Krieges konterkariert wird. So kann die Linke darauf verweisen, mit den globalen Empfindungs- und Denktendenzen des Fortschritts konform zu gehen. Weil inzwischen alle deutschen Parteien diese Tendenzen teilen, gibt es für sie keinen Grund mehr, die Linke prinzipiell abzulehnen. Der gute, alte Antikommunismus der Bundesrepublik, dem Knabe nachtrauert, ist auf doppelte Weise obsolet. Um mit diesen Realitäten klarzukommen, ist eine andere Denk- und Schreibweise gefragt, als Hubertus Knabe sie uns bietet.


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