Bündnisträumereien

pdf der Druckfassung aus Sezession 30 / Juni 2009

von Wiggo Mann

In Krisenzeiten verwischen die Grenzen der politischen Lager, die Mitte dünnt aus, Ränder und Querfront haben Oberwasser. Mancher träumt sogar schon von Bündnissen zwischen Lagern, die sich gestern noch feindlich gegenüberstanden. Auch der Publizist Jürgen Elsässer nährt diese Hoffnung. Mit seiner Forderung nach einer Volksinitiative von Lafontaine bis Gauweiler und dem Ruf nach einem starken Nationalstaat als Antwort auf die Finanzkrise fliegt ihm derzeit manch konservatives Herz zu.

 Gastbeitrag

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In Ver­ges­sen­heit gerät, daß Elsäs­ser als Ver­tre­ter des anti­deut­schen Lagers jah­re­lang nicht nur gegen die­sen Staat, son­dern auch des­sen Volk publi­zis­tisch gewet­tert hat. In der Jung­le World drosch er auf Kri­ti­ker des Holo­caust-Mahn­mals ein und ver­höhn­te die Befür­wor­ter des Ber­li­ner Stadt­schlos­ses als »Preu­ßen-Nost­al­gi­ker«, die die Haupt­stadt nach dem Eben­bild des schwarz­weiß-roten Kai­ser­reichs gestal­ten woll­ten. Heu­te scheint Elsäs­ser dage­gen mit den Preu­ßen kei­ne Pro­ble­me mehr zu haben: Natio­nal­staat und Glo­ba­li­sie­rung. Als Lin­ker vor der Preu­ßi­schen Gesell­schaft heißt sein neu­es Buch (Waltrop/ Leip­zig: Manu­scrip­tum, 101 S., 8.80 €).
Nun hat jeder das Recht, sei­ne Posi­tio­nen zu über­den­ken, und viel­leicht meint es auch Elsäs­ser ernst mit sei­nen Ansich­ten. Es ist jedoch bezeich­nend, mit wel­chem Eifer Kon­ser­va­ti­ve und Rech­te jetzt um die Auf­merk­sam­keit des Jour­na­lis­ten bet­teln. Ihre Dank­bar­keit, daß sich hier einer her­ab­läßt und mit ihnen dis­ku­tiert, hat etwas vom geprü­gel­ten Hund, der für den kleins­ten Kno­chen artig mit dem Schwanz wedelt – anstatt die Hand zu bei­ßen, die ihn für gewöhn­lich schlägt. Wenn ein ehe­mals Lin­ker sich auf das kon­ser­va­ti­ve Lager zube­wegt, wird ihm dort alles Frü­he­re ver­zie­hen. Einem von Rechts­au­ßen hin­ge­gen wür­den die­sel­ben Kon­ser­va­ti­ven bloß die kal­te Schul­ter zei­gen, denn das Wan­dern zwi­schen den poli­ti­schen Wel­ten ist nur in eine Rich­tung geduldet.
Bei Elsäs­ser wäre es wich­tig und inter­es­sant, ihn nach sei­ner Auf­fas­sung zum deut­schen Schuld­kult zu befra­gen und her­aus­zu­kit­zeln, wie er denn mit jenen Deut­schen, die er bis­her ohne mul­ti­kul­tu­rel­le Abfe­de­rung kaum zu ertra­gen ver­moch­te, nun die Nati­on in Stel­lung brin­gen möch­te. Für den einen oder ande­ren Quer­front-Träu­mer dürf­te dies ein bit­te­res Erwa­chen geben.
Und auch anders­wo wird der Ruf nach einem lager­über­grei­fen­den Bünd­nis lau­ter, etwa bei der Anti-Islam­be­we­gung. Deren Teil­neh­mer rei­chen mitt­ler­wei­le von klei­nen Rechts­par­tei­en über Frau­en­recht­le­rin­nen bis hin zu jüdi­schen Publi­zis­ten und israel­fa­na­ti­schen Inter­net­fo­ren. Zwar sind die Islam­geg­ner von einem gemein­sa­men Bünd­nis noch weit ent­fernt, doch der Applaus, der einem Ralph Gior­da­no oder einem Hen­ryk M. Bro­der regel­mä­ßig aus der kon­ser­va­ti­ven Ecke zuteil wird, erin­nert auch hier stark an das kurz­sich­ti­ge Pri­mat der ame­ri­ka­ni­schen Außen­po­li­tik, wonach der Feind des Fein­des ein Freund sein muß. Sicher, war­um soll­te man bei dem The­ma nicht einen gemein­sa­men Weg mit Gior­da­no, Bro­der oder auch Ali­ce Schwar­zer ein­schla­gen? Immer­hin läßt sich dadurch ein brei­te­res Publi­kum errei­chen. Aller­dings soll­te man dabei eben nicht ver­ges­sen, daß ein gemein­sa­mer Weg auch ein gemein­sa­mes Ziel vor­aus­setzt, und die­ses dürf­te zwi­schen Gior­da­no und Anhän­gern einer Rechts­par­tei genau­so­we­nig bestehen, wie zwi­schen Schwar­zer und Ver­tre­tern des christ­lich-kon­ser­va­ti­ven Lagers.
Wer sich ein sol­ches Bünd­nis wünscht, soll­te beden­ken, daß es auf­grund der Angriffs­flä­che an sei­nen Naht­stel­len bei der ers­ten Gele­gen­heit wie­der aus­ein­an­der­bre­chen wird. Die Part­ner sol­cher Alli­an­zen bekämp­fen sich meist gegen­sei­tig, sobald der gemein­sa­me Feind besiegt und damit die Grund­la­ge des Bünd­nis­ses hin­fäl­lig gewor­den ist. Als bei­spiels­wei­se am 19. und 20. Sep­tem­ber ver­gan­ge­nen Jah­res Pro Köln gegen den Bau einer Groß­mo­schee einen »Anti-Isla­mi­sie­rungs­kon­greß « und eine Kund­ge­bung durch­füh­ren woll­ten, distan­zier­te sich Gior­da­no laut­stark und bezeich­ne­te die Grup­pie­rung als »loka­le zeit­ge­nös­si­sche Vari­an­te des Natio­nal­so­zia­lis­mus«, deren Mit­glie­der »wenn sie könn­ten, mich in eine Gas­kam­mer ste­cken wür­den.« Das ist nun so ziem­lich die größ­te Keu­le, die man gegen einen im The­ma Ver­bün­de­ten schwin­gen kann.

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