Ecce Homo: Zum 25. Todestag von Franz Fühmann

pdf der Druckfassung aus Sezession 30 / Juni 2009

Da ist ein Dichter, der stets vorn dabei war: Kulturelite, unter welchem Banner auch immer. Als junger SA-Mann – ab 14 nennt er sich bekenntnisstolz »Faschist« – publiziert er in Goebbels Das Reich, hält Vorträge über »das ethische Leitbild des Germanentums«. Er veröffentlicht weiter in der DDR – als Stalinanhänger, 1a-Marxist und Vergangenheitsbewältiger zählt er zu den protegierten Kulturschaffenden. Sogar den Absprung schafft er beizeiten. Mitte der 70er beginnt er sich auch hier widerständig zu artikulieren.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Auf den ers­ten Blick: Da hat einer gelernt, oben zu schwim­men, wie das Fett­au­ge auf der Sup­pe. Nicht nur brav mit dem Strom, son­dern als Was­ser­fall, der das Rei­ßen nur antreibt. Doch der Augen­schein trügt. Mit Franz Füh­mann ist vor 25 Jah­ren, am 8. Juli 1984 einer unse­rer Gro­ßen gestor­ben. Ein Fana­ti­ker, sicher. Ein zeit sei­nes Lebens gequäl­ter, von Selbst­zwei­feln zer­ris­se­ner Ein­sa­mer. Kein Oppor­tu­nist, son­dern ein Rin­gen­der, suchend nach einem Dienst, in den er sein Leben stel­len wollte.
Füh­mann wur­de 1922 im böh­mi­schen Roch­litz gebo­ren. Jesui­ten­zög­ling, Wehr­machts­an­ge­hö­ri­ger, Umer­zie­hung in einem let­ti­schen Anti­fa-Lager. Hei­ner Mül­ler über den Schrift­stel­ler: »Füh­mann kam direkt aus der Kriegs­ge­fan­gen­schaft, noch schwit­zend vor Eifer, sich als neu­er Mensch zu bewäh­ren. Er war da umge­dreht wor­den wie in den Schau­pro­zes­sen, nach dem Prin­zip: aus­ein­an­der­neh­men, neu zusammensetzen…«
Sei­ne Ver­öf­fent­li­chun­gen wer­den ergänzt von einem immensen Nach­laß, der bis vor weni­gen Jah­ren mit einer Sperr­frist belegt war. Groß­ar­tig ist etwa Füh­manns 1981 gehal­te­ner Vor­trag über Gott­fried Benn, der in der DDR weit­ge­hend unbe­kannt blieb. Der Phi­lo­soph und Benn-Bio­graph Gun­nar Decker hat nun Füh­manns Leben, Werk und Nach­laß (inkl. Benn) in einem opu­len­ten und lobens­wer­ten Essay auf­ge­ar­bei­tet. (Gun­nar Decker: Franz Füh­mann. Kunst des Schei­terns. Eine Bio­gra­phie, Ros­tock: Hin­storff 2009) Auch wenn man in eini­gen Stel­len Hans Rich­ters Füh­mann-Bio­gra­phie (Ein deut­sches Dichter­le­ben, Ber­lin: Auf­bau 1992) vor­zie­hen mag – Deckers Hoff­nung auf eine gesamt­deut­sche Neu-Ent­de­ckung des DDR-Schrift­stel­lers möch­te man sich unbe­dingt anschließen.
Sicher: Vie­les, was Füh­mann zu Papier brach­te, lohnt die Lek­tü­re nicht. Er selbst äußer­te mal, er hät­te sei­ne Werk­bio­gra­phie gern 1973 mit der Ungarn-Erzäh­lung 22 Tage oder die Hälf­te des Lebens begin­nen las­sen. Die Lis­te des Emp­feh­lens­wer­ten ist den­noch lang. Ein Reich­tum an Spra­che und Gedan­ken! Etwa Der Sturz des Engels (1982), sei­ne Lek­tü­re-Erfah­rung mit Georg Tra­kl – neben der Beschäf­ti­gung mit dem Mythos sein gro­ßes Lebens­the­ma. Oder der bei Reclam erschie­ne­ne Sam­mel­band Mar­s­yas. Mythos und Traum. Vie­le sei­ner Kin­der­bü­cher zäh­len dazu. Sei­ne für ein jugend­li­ches Publi­kum geschrie­be­nen Shake­speare-Mär­chen sowie Andro­klus und der Löwe gehö­ren in jeden Haus­halt, eben­so wie sei­ne vor­züg­li­che Prometheus-Nacherzählung.
Zu Kin­dern hat­te Füh­mann, Vater einer Toch­ter (und trotz geis­ti­ger und räum­li­cher Distanz »noto­risch treu­er Ehe­mann«), ein beson­de­res Ver­hält­nis, er pfleg­te Brief­freund­schaf­ten mit jun­gen Lesern.
Da haben wir sie wie­der, die Sehn­sucht nach einem Urgrund, nach Rein­heit; die Anzie­hung eines »nai­ven« Glau­bens. Dazu mag pas­sen, daß er sich gegen Ende sei­nes Lebens der Arbeit mit Behin­der­ten zuwand­te; zu einem Zeit­punkt, da die DDR-Obrig­keit ihn als »Geis­tes­schwa­chen« rubri­fi­zier­te. Da hat­te er bereits zahl­lo­se Jah­re an sei­ner unvoll­endet geblie­be­nen Mam­mut­pro­sa Berg­werk geses­sen. Der Berg­ar­bei­ter war zeit­le­bens Füh­manns Idol: schach­ten, immer tie­fer, ins immer Dunk­le­re, um end­lich – und doch nie – auf den Kern zu stoßen.
Man könn­te Füh­mann auch ent­lang sei­ner Krank­heits­ge­schich­te beschrei­ben: Da ist zum einen die Häu­tung. Füh­mann, über Jah­re Alko­ho­li­ker (spä­ter strik­ter Absti­nenz­ler und Roh­köst­ler) war zeit­wei­lig fett­süch­tig. Die Haut hing ihm spä­ter als Lap­pen vom Kör­per. Er ließ die hin­dern­de Last run­ter­schnei­den. Dann: Eine schwer­wie­gen­de Rücken­marks­er­kran­kung. Sein Rück­grat war zuletzt nur durch ein Stahl­kor­sett auf­recht zu hal­ten – was für ein Bild! Am Ende die­ses trau­ri­gen, groß­ar­ti­gen Man­nes hat­te der Darm­krebs sei­nen Kör­per von innen zerfressen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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