Sezession
1. Juni 2009

Ecce Homo: Zum 25. Todestag von Franz Fühmann

Ellen Kositza

pdf der Druckfassung aus Sezession 30 / Juni 2009

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Da ist ein Dichter, der stets vorn dabei war: Kulturelite, unter welchem Banner auch immer. Als junger SA-Mann – ab 14 nennt er sich bekenntnisstolz »Faschist« – publiziert er in Goebbels Das Reich, hält Vorträge über »das ethische Leitbild des Germanentums«. Er veröffentlicht weiter in der DDR – als Stalinanhänger, 1a-Marxist und Vergangenheitsbewältiger zählt er zu den protegierten Kulturschaffenden. Sogar den Absprung schafft er beizeiten. Mitte der 70er beginnt er sich auch hier widerständig zu artikulieren.

Auf den ersten Blick: Da hat einer gelernt, oben zu schwimmen, wie das Fettauge auf der Suppe. Nicht nur brav mit dem Strom, sondern als Wasserfall, der das Reißen nur antreibt. Doch der Augenschein trügt. Mit Franz Fühmann ist vor 25 Jahren, am 8. Juli 1984 einer unserer Großen gestorben. Ein Fanatiker, sicher. Ein zeit seines Lebens gequälter, von Selbstzweifeln zerrissener Einsamer. Kein Opportunist, sondern ein Ringender, suchend nach einem Dienst, in den er sein Leben stellen wollte.
Fühmann wurde 1922 im böhmischen Rochlitz geboren. Jesuitenzögling, Wehrmachtsangehöriger, Umerziehung in einem lettischen Antifa-Lager. Heiner Müller über den Schriftsteller: »Fühmann kam direkt aus der Kriegsgefangenschaft, noch schwitzend vor Eifer, sich als neuer Mensch zu bewähren. Er war da umgedreht worden wie in den Schauprozessen, nach dem Prinzip: auseinandernehmen, neu zusammensetzen…«
Seine Veröffentlichungen werden ergänzt von einem immensen Nachlaß, der bis vor wenigen Jahren mit einer Sperrfrist belegt war. Großartig ist etwa Fühmanns 1981 gehaltener Vortrag über Gottfried Benn, der in der DDR weitgehend unbekannt blieb. Der Philosoph und Benn-Biograph Gunnar Decker hat nun Fühmanns Leben, Werk und Nachlaß (inkl. Benn) in einem opulenten und lobenswerten Essay aufgearbeitet. (Gunnar Decker: Franz Fühmann. Kunst des Scheiterns. Eine Biographie, Rostock: Hinstorff 2009) Auch wenn man in einigen Stellen Hans Richters Fühmann-Biographie (Ein deutsches Dichterleben, Berlin: Aufbau 1992) vorziehen mag – Deckers Hoffnung auf eine gesamtdeutsche Neu-Entdeckung des DDR-Schriftstellers möchte man sich unbedingt anschließen.
Sicher: Vieles, was Fühmann zu Papier brachte, lohnt die Lektüre nicht. Er selbst äußerte mal, er hätte seine Werkbiographie gern 1973 mit der Ungarn-Erzählung 22 Tage oder die Hälfte des Lebens beginnen lassen. Die Liste des Empfehlenswerten ist dennoch lang. Ein Reichtum an Sprache und Gedanken! Etwa Der Sturz des Engels (1982), seine Lektüre-Erfahrung mit Georg Trakl – neben der Beschäftigung mit dem Mythos sein großes Lebensthema. Oder der bei Reclam erschienene Sammelband Marsyas. Mythos und Traum. Viele seiner Kinderbücher zählen dazu. Seine für ein jugendliches Publikum geschriebenen Shakespeare-Märchen sowie Androklus und der Löwe gehören in jeden Haushalt, ebenso wie seine vorzügliche Prometheus-Nacherzählung.
Zu Kindern hatte Fühmann, Vater einer Tochter (und trotz geistiger und räumlicher Distanz »notorisch treuer Ehemann«), ein besonderes Verhältnis, er pflegte Brieffreundschaften mit jungen Lesern.
Da haben wir sie wieder, die Sehnsucht nach einem Urgrund, nach Reinheit; die Anziehung eines »naiven« Glaubens. Dazu mag passen, daß er sich gegen Ende seines Lebens der Arbeit mit Behinderten zuwandte; zu einem Zeitpunkt, da die DDR-Obrigkeit ihn als »Geistesschwachen« rubrifizierte. Da hatte er bereits zahllose Jahre an seiner unvollendet gebliebenen Mammutprosa Bergwerk gesessen. Der Bergarbeiter war zeitlebens Fühmanns Idol: schachten, immer tiefer, ins immer Dunklere, um endlich – und doch nie – auf den Kern zu stoßen.
Man könnte Fühmann auch entlang seiner Krankheitsgeschichte beschreiben: Da ist zum einen die Häutung. Fühmann, über Jahre Alkoholiker (später strikter Abstinenzler und Rohköstler) war zeitweilig fettsüchtig. Die Haut hing ihm später als Lappen vom Körper. Er ließ die hindernde Last runterschneiden. Dann: Eine schwerwiegende Rückenmarkserkrankung. Sein Rückgrat war zuletzt nur durch ein Stahlkorsett aufrecht zu halten – was für ein Bild! Am Ende dieses traurigen, großartigen Mannes hatte der Darmkrebs seinen Körper von innen zerfressen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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