Ein “katholischer, rechtsradikaler Liberaler”. Zum 100. Geburtstag von Erik von Kuehnelt-Leddihn

pdf der Druckfassung aus Sezession 30 / Juni 2009

von Georg Alois Oblinger

Erik Maria Ritter von Kuehnelt-Leddihn war vielleicht der letzte Universalgebildete. Aus altem österreichischem Adel stammend, am 31. Juli 1909 in Tobelbad (bei Graz) geboren, studierte er in Wien und Budapest Jura, Staats- und Volkswirtschaftslehre, Osteuropakunde sowie Theologie. Er eignete sich eine umfassende Bildung an und erlernte zahlreiche Fremdsprachen: Er beherrschte später zwanzig davon fließend, darunter Japanisch und Arabisch. Schon früh machte sich sein Drang in die Welt hinein bemerkbar. Als Sechzehnjähriger betätigte er sich bereits als Journalist und ging als Zwanzigjähriger für eine ungarische Zeitung als Korrespondent nach Rußland.

Mit 23 schrieb er sei­nen ers­ten Roman Jesui­ten, Spie­ßer, Bol­sche­wi­ken, der unter den Natio­nal­so­zia­lis­ten auf den Index kam, spä­ter aber mehr­fach über­setzt wur­de. Hier greift er bereits das gro­ße The­ma sei­nes Lebens auf: den vom katho­li­schen Stand­punkt aus geführ­ten Zwei­fron­ten­kampf gegen Sozialismus/Kommunismus, gegen Pha­ri­sä­er- und Klein­bür­ger­tum. Sein Zukunfts­ro­man Mos­kau 1997 (1940) fand zahl­rei­che Auf­la­gen, zuletzt (leicht gekürzt) bei Her­der unter dem Titel Der gefal­le­ne Engel.
Erik von Kueh­nelt-Led­dihn hei­ra­te­te 1937 Chris­tia­ne Grä­fin Goess und über­nahm im sel­ben Jahr eine Pro­fes­sur in den USA. Obwohl er sich ab 1947 mit sei­ner Fami­lie im öster­rei­chi­schen Lans nie­der­ließ, zog es ihn als Vor­trags­rei­sen­der spä­ter immer wie­der nach Ame­ri­ka und eben­so auf alle ande­ren Kon­ti­nen­te. Kueh­nelt-Led­dihn sah die Welt­ge­schich­te in der Span­nung zwi­schen »Frei­heit oder Gleich­heit«. Die­sen Titel trägt auch sein 1953 erschie­ne­nes meta­po­li­ti­sches Werk, in dem er sei­ne kon­ser­va­ti­ve Grund­po­si­ti­on dar­ge­legt hat. In Die falsch gestell­ten Wei­chen (1985) weist er nach, wie alles lin­ke Gedan­ken­gut 1789 in Frank­reich sei­nen Ursprung nahm und sich als »roter Faden« seit­dem unauf­halt­sam fort­zog. Sei­ne letz­te poli­ti­sche Schrift ist das 1994 erschie­ne­ne Demo­kra­tie – eine Ana­ly­se. Gegen den kirch­li­chen Link­s­trend bezog er Stel­lung in Kir­che und Moder­ne (1994) und Kir­che kon­tra Zeit­geist (1996).
Der dis­kus­si­ons­freu­di­ge Kon­ser­va­ti­ve, der sich bis ins hohe Alter hin­ein ger­ne als Auto­stop­per betä­tig­te, um die ver­ba­le Aus­ein­an­der­set­zung mit dem »Mann von der Stra­ße« zu suchen, wider­sprach vor allem, wenn kom­pro­miß­se­li­ge Gemein­plät­ze geäu­ßert wur­den, etwa: »Ich ste­he in der Mit­te« (»Auf hal­bem Weg zwi­schen Ober­salz­berg und Lub­jan­ka?«) oder »Die äußers­te Lin­ke und die äußers­te Rech­te berüh­ren sich doch irgend­wo.« Sei­ne Defi­ni­ti­on lau­te­te: »Rechts steht für Per­sön­lich­keit, Ver­ti­ka­li­tät, Tran­szen­denz, Frei­heit, Sub­si­dia­ri­tät und Viel­falt, links steht für Kol­lek­ti­vis­mus, Hori­zon­ta­lis­mus, Mate­ria­lis­mus, Gleich­heit-Näm­lich­keit, Zen­tra­lis­mus und Ein­falt (in bei­den Sin­nen des Wor­tes).« So ver­stand er sich selbst als einen »katho­li­schen rechts­ra­di­ka­len Libe­ra­len« (Cri­ticón, Nr. 24). Sei­ne Vor­trä­ge been­de­te er ger­ne mit dem Aus­ruf »Right is right and left is wrong!« Wort­ge­fech­te mit ihm waren so frucht­bar wie anstren­gend: Es gab kei­ne soge­nann­te »Selbst­ver­ständ­lich­keit«, die Kueh­nelt-Led­dihn nicht in Fra­ge stellte.
Immer wie­der betä­tig­te er sich auch als Pho­to­graph und als Maler, wobei sei­ne Bil­der eben­so pro­vo­ka­tiv sind wie sei­ne Tex­te. Er konn­te noch die Arbeit an sei­ner Auto­bio­gra­phie Welt­wei­te Kir­che been­den, das Erschei­nen die­ses umfas­sen­den Wer­kes erleb­te er jedoch nicht mehr. Erik von Kueh­nelt-Led­dihn, von sei­nen Freun­den schlicht »der Rit­ter« genannt, ver­starb am 26. Mai 1999.
Die­ser Mann hat­te tat­säch­lich einen rit­ter­li­chen Cha­rak­ter. Mut, Intel­li­genz, Bele­sen­heit, Lebens­er­fah­rung, Humor und Non­kon­for­mis­mus kenn­zeich­ne­ten ihn glei­cher­ma­ßen. Ernst Jün­ger nann­te ihn in sei­nem Werk Sieb­zig ver­weht: »Eine ein­sa­me Stech­pal­me, die im Humus des alten Öster­reich ver­wur­zelt ist. Ein Beleg dafür, daß es heu­te weder Schu­len, noch Eli­ten, son­dern nur noch Soli­tä­re gibt.«

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