Michael Haneke und “Das weiße Band”

Die Filme von Michael Haneke begleiten mich nun schon seit gut 15 Jahren.  Als Jugendlicher haben vor allem seine frühen, in Österreich gedrehten Filme ...

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

… gro­ßen Ein­druck auf mich gemacht. Sie hat­ten schon damals den Ruf, alles ande­re als ein Ver­gnü­gen zu sein. Wer sich auf einen Han­eke-Film ein­ließ, begab sich auf eige­ne Gefahr in ein kal­tes, freud­lo­ses, schmerz­er­füll­tes Territorium.

Was einem dort begeg­ne­te, hin­ter­ließ oft einen unver­geß­li­chen Ein­druck. “Ben­nys Video” aus dem Jahr 1992 han­del­te von einem sozi­al­ver­wahr­los­ten Teen­ager, der sich in eine Video- und Com­pu­ter­spiel­welt ein­ge­bun­kert hat, in der er zuneh­mend den Kon­takt zur Rea­li­tät ver­liert. Eines Tages bringt er ein gleich­alt­ri­ges Mäd­chen mit einem Schlacht­schuß­ap­pa­rat vor lau­fen­der Kame­ra um. Die größ­te Sor­ge der Eltern ist, den Vor­fall mög­lichst gründ­lich zu ver­tu­schen und die Lei­che effek­tiv zu ent­sor­gen. In sei­nem Kino­de­büt “Der sie­ben­te Kon­ti­nent” (1989) zeig­te Han­eke den tris­ten, aber kei­nes­wegs unge­wöhn­li­chen Tret­müh­len-All­tag einer durch­schnitt­li­chen Mit­tel­stands-Fami­lie, den er in eine wahn­sin­ni­ge Schluß­se­quenz mün­den ließ, in der die Prot­ago­nis­ten sys­te­ma­tisch, bei­nah ritu­ell, ihr Hab und Gut zer­stö­ren und schließ­lich gemein­sam Selbst­mord begehen.

Psy­cho­lo­gi­sche Erklä­run­gen wur­den nicht mit­ge­lie­fert, eben­so­we­nig wie ein uto­pis­tisch-befrei­en­des “Macht kaputt, was euch kaputt macht.” Statt­des­sen ein rät­sel­haf­ter Akt der radi­ka­len Nega­ti­on, der mir damals unge­heu­er impo­niert hat. Nicht zuletzt, weil sich dar­in ein pro­fun­des Unbe­ha­gen in und an der herr­schen­den Kul­tur aus­drück­te und an der Welt, die mich nach mei­nem Schul­ab­schluß erwar­te­te. Es bestand kein Zwei­fel, daß Micha­el Han­eke kei­nes­wegs davon über­zeugt war, daß wir libe­ra­len Wohl­stands­men­schen in der bes­ten aller Wel­ten leben würden.

Dar­in folg­te er den Meis­tern des gra­vi­tä­tisch-exis­ten­zia­lis­ti­schen Autoren­ki­nos wie Robert Bres­son, Michel­an­ge­lo Anto­nio­ni oder Ing­mar Berg­man, zunächst als Epi­go­ne, heu­te als deren viel­leicht letz­ter legi­ti­mer Nach­kom­me. Die öster­rei­chi­sche Film­kri­tik moch­te Han­eke damals nicht beson­ders. Dem im schlech­ten Sin­ne kon­ser­va­ti­ven Bou­le­vard galt er als per­ver­ser Nest­be­schmut­zer, den cine­phi­len Snobs im Fal­ter oder Stan­dard als ver­klemm­ter kul­tur­pes­si­mis­ti­scher “The­sen­fil­mer”.  Sei­ne Ankla­ge gegen den ver­ro­hen­den Ein­fluß der Medi­en, sei­ne dezi­dier­te Ableh­nung des Hol­ly­wood-Kon­sum­ki­nos mit sei­ner selbst­zweck­haf­ten Spaß-Gewalt klang alt­vä­ter­lich und muse­al in einer Zeit, in der Quen­tin Taran­ti­no auch unter Cine­as­ten zur hip­pen Iko­ne wurde.

Han­eke-Fil­me hat­ten in der Tat immer ein wenig den Bei­geschmack intel­lek­tu­el­ler Kon­struk­te, waren Kopf­ge­bur­ten, die bei allem tech­ni­schen Kön­nen ihr Kal­kül nicht ver­ber­gen konn­ten. Dar­in ist Han­eke sei­nem däni­schen Kol­le­gen Lars von Trier ver­wandt, der eben­falls Film für Film gezielt die Schmerz­gren­ze sei­nes Publi­kums aus­tes­tet. Der Scho­cker “Fun­ny Games” (1997) war pro­gram­miert wie eine Maschi­ne, bis an die Gren­ze zum Ärgernis.

Seit Han­eke in Frank­reich arbei­tet, hat er das Sche­ma­ti­sche sei­ner frü­hen Arbei­ten mehr und mehr hin­ter sich gelas­sen.  Das hat sei­ne Kul­tur­kri­tik plas­ti­scher, unmit­tel­ba­rer, viel­deu­ti­ger her­vor­tre­ten las­sen. “Code: unbe­kannt” (2000) besteht aus einem Geflecht frag­men­ta­ri­scher Erzäh­lun­gen, die um Moti­ve wie Ent­or­tung, Ent­wur­ze­lung, Iden­ti­täts­ver­lust, sozia­le Ent­frem­dung, die Fra­gi­li­tät mensch­li­cher Bin­dun­gen krei­sen. Die Prot­ago­nis­ten sind moder­ne Noma­den und Mona­den, ver­lo­ren im Cha­os über­völ­ker­ter Groß­städ­te und ihrer ner­vö­sen Anspan­nung und laten­ten Gewalt, die nicht zuletzt die Fol­ge der “moder­nen Völ­ker­wan­de­rung” (Han­eke), sprich der Mas­sen­ein­wan­de­rung und des Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus ist.

Die­ses The­ma griff Han­eke in “Caché” (2006) wie­der auf: der gut­bür­ger­li­che, libe­ra­le Mode­ra­tor einer Lite­ra­tur-Fern­seh­sen­dung wird (schein­bar) von einem Alge­ri­er ter­ro­ri­siert, der die Beglei­chung einer alten Rech­nung for­dert. Natür­lich ging es hier um viel mehr: die Angst des wei­ßen (hier: fran­zö­si­schen) Man­nes vor den aggres­si­ven Ansprü­chen der eins­ti­gen Kolo­nia­li­sier­ten, die nun hef­tig an die Türe pochen, um ihren Anteil am Wohl­stands­ku­chen ein­zu­for­dern. Ich habe damals eine etwas (und wie ich heu­te fin­de: all­zu) stren­ge Kri­tik in der JF geschrie­ben, in der ich die Ver­mu­tung auf­ge­stellt habe, Han­ekes nächs­ter Film wer­de “wie­der nur tre­ten, was schon am Boden liegt”.

Es scheint, daß ich damit gar nicht so falsch gele­gen bin. Han­ekes neu­er Film “Das wei­ße Band”,  preis­ge­krönt in Can­nes und Anwär­ter für den Aus­land­sos­car, spielt in einem nord­deut­schen Dorf im Jah­re 1913, das von rät­sel­haf­ten, patho­lo­gisch gefärb­ten Gewalt­ak­ten heim­ge­sucht wird. Kin­der wer­den ent­führt und miß­han­delt, Scheu­nen ange­zün­det, töd­li­che Unfäl­le pro­vo­ziert.  Täter und Hin­ter­grün­de der Unta­ten blei­ben im Dun­keln, doch scheint eine deut­li­che Spur zu den Kin­dern des Dor­fes zu füh­ren, die sich offen­bar für erlit­te­ne päd­ago­gi­sche Züch­ti­gun­gen und Demü­ti­gun­gen an Schwä­che­ren gerächt haben.

Die inter­na­tio­na­le Kri­tik hat sich natür­lich sofort auf die Inter­pre­ta­ti­on gestürzt, daß Han­eke hier die Gene­se des “Faschis­mus” aus dem Geis­te der “schwar­zen Päd­ago­gik” dar­zu­stel­len ver­sucht hat. Inzwi­schen fin­den sich meh­re­re Inter­views im Netz, in denen der Regis­seur die­se Absicht nach­drück­lich bestrei­tet oder zumin­dest rela­ti­viert  – obwohl er die­ser Deu­tung selbst bereits in den ers­ten Minu­ten des Films Vor­schub geleis­tet hat, indem er den Erzäh­ler der Geschich­te anmer­ken läßt, sei­ne Erin­ne­run­gen an das Dorf könn­ten “mög­li­cher­wei­se auf man­che Vor­gän­ge in die­sem Land ein erhel­len­des Licht werfen”.

Daß wie häu­fig bei Han­eke eine The­se am Anfang stand, wird auch in einem Inter­view mit der Wie­ner Tages­zei­tung Der Stan­dard deut­lich:

Ich woll­te zei­gen, dass über­all dort, wo Leid, Unter­drü­ckung, Demü­ti­gung und Ver­zweif­lung herr­schen, ein Boden für die Emp­fäng­lich­keit von jeder Art von Ideo­lo­gie berei­tet wird. Aus einer Idee wird schnell Ideo­lo­gie, wer der nicht ent­spricht, wird bestraft oder ausgegrenzt.

Andern­orts erwei­ter­te Han­eke die­sen Zusam­men­hang kon­kre­ter, und brach­te sogar den Begriff “Ter­ro­ris­mus” ins Spiel:

Sie könn­ten heu­te theo­re­tisch in einem isla­mi­schen Land einen Film über das glei­che The­ma machen. Der wür­de dann zwar völ­lig anders aus­se­hen, aber die Grund­idee, die ich gera­de erklärt habe, wäre die­sel­be. Man hät­te den Film auch, Stich­wort Ulri­ke Mein­hof, über den lin­ken Faschis­mus machen kön­nen. Mich inter­es­siert ja gera­de der gemein­sa­me Nen­ner bei jeder Form von Terrorismus.

Mit die­sen Kern­aus­sa­gen Han­ekes im Hin­ter­kopf hat mich posi­tiv über­rascht, daß sich der Film viel weni­ger pole­misch und didak­tisch arti­ku­lier­te, als zu befürch­ten war. Es wäre ein Leich­tes gewe­sen, die Dar­stel­lung des Erzie­hungs­sys­tems und der “repres­si­ven” Gesell­schaft weit­aus bös­ar­ti­ger und zuge­spitz­ter aus­fal­len zu las­sen. Han­eke weiß nur all­zu gut, daß die Kunst auf­hört, Kunst zu sein, wenn sie ihre Bot­schaft zu dick auf­trägt und auf­drängt, daß Fil­me mit einer all­zu ein­deu­ti­gen Aus­sa­ge den Zuschau­er eher ein­lul­len als ihn beun­ru­hi­gen, und daß Kom­ple­xi­tät und Wider­sprüch­lich­keit künst­le­ri­sche Vor­zü­ge sind.

“Das wei­ße Band” ist ohne Zwei­fel her­vor­ra­gend gemacht. Ambi­en­te und Habi­tus der Zeit sind über­zeu­gend getrof­fen, die Beset­zung von den erwach­se­nen Haupt­dar­stel­lern über die Kin­der bis zum letz­ten Sta­tis­ten­ge­sicht hin­ab könn­te kaum per­fek­ter sein.  Die Schau­spie­ler sind stil­si­cher geführt, die Schwarz-Weiß-Foto­gra­phie von impo­nie­ren­der Brillanz.

Betäubt von so viel Kön­nen, Schau­spiel­kunst und Atmo­sphä­re hin­ter­läßt “Das wei­ße Band” den­noch eine gewis­se Frus­tra­ti­on und einen üblen Nach­ge­schmack.  Am Ende der Vor­stel­lung bleibt die Fra­ge offen, wozu man sich nun all das ange­se­hen hat.  Was ist etwa der Sinn, ein Erzie­hungs­sys­tem anzu­pran­gern, das schon so lan­ge unter­ge­gan­gen ist und das weit und breit kein Mensch mehr für ver­tei­di­gungs­wür­dig hält? War­um nun trotz aller aktu­el­len Bezü­ge der von Han­eke ange­spro­che­nen The­ma­tik einen Film in der spät­wil­hel­mi­ni­schen Epo­che ansie­deln? War­um die­ses Zurück­ru­dern in eine Zeit, die sofern sie noch inter­es­siert, heu­te alles ande­re als “umstrit­ten” ist?

Ein jeder Film über die Geschich­te ist immer vor allem ein Film über die Gegen­wart, die sich im Spie­gel der Ver­gan­gen­heit ihrer selbst zu ver­ge­wis­sern sucht. Das gilt für Kom­merz­spek­ta­kel wie “Die Päps­tin” eben­so wie für “Das wei­ße Band” .

 

Die zum Teil über­zo­gen rausch­haf­ten Kri­ti­ken sind wohl ein Indiz, daß Han­ekes Film Ner­ven berührt hat, die ins pein­vol­le Zen­trum der deut­schen Iden­ti­tät füh­ren. Eine Pein, die frei­lich mit maso­chis­ti­schen Gefühls­er­re­gun­gen in Ver­bin­dung steht.  Viel­leicht ist “Das wei­ße Band” tat­säch­lich ein “erz­deut­scher Film über das Deutsch­sein”, wie eine däni­sche Zei­tung schrieb. Oder ein Film über “das deut­sche Wesen”, wie die Ber­li­ner Zei­tung for­mu­lier­te. Ein sol­ches läßt sich heu­te offen­bar kaum mehr anders als zutiefst pro­ble­ma­tisch und abgrün­dig den­ken.  Daß die Kri­tik des Aus­lands, allen vor­an der USA, den Deut­schen applau­diert, wenn sie wie­der ein­mal ihre fins­te­re Ver­gan­gen­heit “auf­ar­bei­ten”, ver­steht sich von selbst.  Und daß die Deut­schen in ihrer eige­nen ange­bo­re­nen Ver­wor­fen­heit schwel­gen, ist eben­so vorhersehbar.

Dabei schei­nen sich Macher, Publi­kum und Kri­ti­ker des Films zumin­dest un- oder vor­be­wußt einig zu sein, daß “die gute alte Zeit” bei all ihren ein­ge­stan­de­nen mate­ri­el­len und sozia­len Här­ten schön war.  Wie sät­tigt die Kur­r­ent­schrift mit dem Film-Unter­ti­tel “Eine deut­sche Kin­der­ge­schich­te” das Auge! Wie wun­der­bar male­risch sind die glei­ßen­den Schnee­de­cken und die rau­schen­den weiß­gol­de­nen Korn­fel­der, wie hübsch sind die Fest­tags­trach­ten, wie gra­zil die Volks­tän­ze, wie anhei­melnd die Back­stein­kir­che, wie wür­de­voll und höf­lich sind die Umgangs­for­men, wie wet­ter­ge­gerbt-bäu­er­lich sind die Gesich­ter der Dorf­be­woh­ner (die man aus Rumä­ni­en impor­tie­ren muß­te), wie treu­deutsch die Gesich­ter der blon­den Kin­der, wie adrett ihre Zöp­fe und Fri­su­ren, wie sau­ber ihre Gram­ma­tik und Aus­spra­che!  Wir alle iden­ti­fi­zie­ren das mühe­los und mit einem Gefühl von Nost­al­gie als “deutsch”, als “erz­deutsch”, so schön, aber ach – so böse.

Genau aus die­sem Zwie­spalt zieht der Film sei­ne Anzie­hungs­kraft. Denn das wis­sen wir doch alle, wie ver­flucht böse die­se “typisch deut­schen” Din­ge doch waren, die Tugend­haf­tig­keit, die Pflicht, der Gehor­sam, der Ord­nungs­inn, der Obrig­keits­glau­be, wie eng und mie­fig und erdrü­ckend die rus­ti­ka­len “Hei­ma­ten”, die von so vie­len Kitsch­fil­men der Fünf­zi­ger Jah­re ver­klärt wur­den. Oder nicht? Die­se Rezep­ti­on reicht von einer anony­men “Uschi”, die im Gäs­te­buch der offi­zi­el­len Netz­sei­te des Films schreibt:

Ich bin froh, daß ein sol­cher Film über die Wur­zeln des Übels, das von Deutsch­land aus­ging, aus Deutsch­land kommt. Dafür braucht es offen­bar meh­re­re Jahr­zehn­te, uns die Augen zu öff­nen, und einen muti­gen Regis­seur, die­ses The­ma geni­al zu verfilmen.

bis zu dem noto­ri­schen Old-School-Hit­ze­wal­lungs-Lin­ken Christian“Nomen est omen” Buß im Spie­gel, der mit einer spür­ba­ren Wol­lust in aus­ufern­dern Spe­ku­la­tio­nen wie die­sen schwelgt:

Stil­le Mons­ter gebärt die­ser Ort, des­sen Name (Eich­wald) Asso­zia­tio­nen an den Mas­sen­mord­bü­ro­kra­ten Eich­mann oder das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Buchen­wald nahelegt.

Das Dorf Eichen­wald (sic), die­se Mons­tro­si­tät en minia­tu­re, ist Brut­stät­te der her­an­zie­hen­den Mensch­heits­ver­bre­chen des 20. Jahrhunderts.

Auf höhe­rer Instanz hat sich die ein­schlä­gig vor­be­las­te­te Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Indok­tri­nie­rung des Films mit einer beglei­ten­den Bro­schü­re für den Schul­un­ter­richt ange­nom­men. Im Poli­to­lo­gen-Bla­bla liest sich das dann so:

Der renom­mier­te öster­rei­chi­sche Regis­seur Micha­el Han­eke wirft in sei­nem streng insze­nier­ten, in Schwarz­weiß gedreh­ten Ensem­ble­l­film einen fast wis­sen­schaft­lich prä­zi­sen Blick hin­ter die Fas­sa­den einer vom Pro­tes­tan­tis­mus und auto­ri­tä­ren Struk­tu­ren gepräg­ten Gemein­de im wil­hel­mi­ni­schen Deutsch­land. Mit einem aus­ge­präg­ten Sinn für das Detail deckt er so die Aus­wir­kun­gen einer hier­ar­chisch geglie­der­ten Gesell­schaft und ihrer auto­ri­tä­ren Vor­stel­lung von Kin­des­er­zie­hung auf. Damit öff­net “Das wei­ße Band” auf anspruchs­vol­le Art auch den Raum für die Fra­ge nach den his­to­ri­schen und poli­ti­schen Fol­gen eines sol­chen Gesellschaftskonzeptes.

Ob es nun in der Absicht des Regis­seurs lag oder nicht, hier wird ein­mal mehr die Gele­gen­heit ergrif­fen, sich auf Kos­ten der Ver­gan­gen­heit ein gutes Gewis­sen zu ver­schaf­fen.  Da dient dann die in Han­ekes Film gezeich­ne­te Welt als Popanz, auf den man hin­deu­ten kann, um die eige­ne Exzel­lenz nur umso hel­ler erstrah­len zu las­sen. Das ist umso absur­der in einer Zeit, in der die Kin­der­er­zie­hung eher an zu wenig als an zuviel “Auto­ri­tät” lei­det, in der gera­de die Erzie­hungs­ver­nach­läs­si­gung und ‑ver­wei­ge­rung zu Ver­ro­hung, Per­sön­lich­keits­stö­run­gen und Gewalt bis hin zu Amok­läu­fen führt.

Das soll­te gera­de ein Micha­el Han­eke wis­sen, des­sen The­ma die “Kol­la­te­ral­schä­den der Moder­ni­sie­rung” (Götz Eisen­berg) sind, die er wie kein ande­rer Regis­seur in Sze­ne zu set­zen ver­mag. Es ehrt ihn, daß er sich des­sen bewußt ist:

taz: Also wäre das Pro­blem heu­te über­wun­den, wenn wir auf nicht­dis­zi­pli­nä­re Metho­den setzen?

Han­eke: Nein. Ich stam­me aus der 68er-Genera­ti­on und vie­le mei­ner Bekann­ten haben ihren Nach­wuchs anti­au­to­ri­tär erzo­gen. Die Kin­der hat­ten, als sie ins Erwach­se­nen­le­ben ein­tra­ten, ziem­li­che Schwie­rig­kei­ten. Wenn ich mir heu­te anse­he, dass die Leh­rer Angst vor den Schü­lern haben, kann das nicht rich­tig sein. Ich habe kein Rezept, wie man es bes­ser machen kann. Lie­be ist immer gut, aber Lie­be allein ist zu wenig. Auch der Pfar­rer liebt sei­ne Kinder.

Und es ehrt Han­eke als Künst­ler, daß er die “ideo­lo­gi­sche” Grund­la­ge sei­nes Fil­mes nicht all­zu sehr in den Vor­der­grund gedrängt hat, und dem Zuschau­er aus­rei­chend Spiel­raum für ein eige­nes Urteil gelas­sen hat.  Im Gegen­satz zu Chris­ti­an Buß kann ich etwa die im Detail sicher rea­lis­tisch geschil­der­te Welt von “Das wei­ße Band” mit all ihren Här­ten und Schat­ten­sei­ten kei­nes­wegs als “mons­trös” emp­fin­den.  Man muß schon sehr naiv, sehr links und his­to­risch aus­ge­spro­chen bewußt­los sein, um so zu denken.

Was aber nun die impli­zi­te Kern­the­se betrifft, die so vie­le Rezen­sen­ten ver­führt hat, so ist sie schlicht­weg unhalt­bar, und der Film kann sie kei­nes­wegs in die­ser Zwangs­läu­fig­keit plau­si­bel machen. Die Redu­zie­rung des “Faschis­mus” auf den orga­ni­sier­ten Sadis­mus von geknu­te­ten, trieb­un­ter­drück­ten Kin­dern (also waren neben­bei die “deut­schen Täter” doch Opfer?) stammt aus der Ali­ce-Mil­ler‑, Erich-From­m‑, Wil­helm-Reich‑, Michel-Fou­cault-Mot­ten­kis­te der Sech­zi­ger und Sieb­zi­ger Jah­re, und war immer schon eher ein recht durch­sich­ti­ges anti­fa­schis­ti­sches Lieb­lings­ideo­lo­gem der Lin­ken als eine gesi­cher­te his­to­ri­sche Tatsache.

In die­ser Logik wür­de Kla­ra, die Toch­ter des Pfar­rers, zwan­zig Jah­re spä­ter zu einer Ilse Koch wer­den, weil sie im Geis­te (Han­eke: “der Ideo­lo­gie”) des pro­tes­tan­ti­schen Chris­ten­tums erzo­gen wur­de. Das ist im Grun­de fast schon belei­di­gend plump.  (Den­ken wir an die­ser Stel­le auch dar­an, daß auch die semi-por­no­gra­phi­sche “Ilse Koch”-Legende im wesent­li­chen eine geschickt ein­ge­fä­del­te poli­ti­sche Fabri­ka­ti­on war). Ähn­li­ches gilt für die ärger­li­che und auch etwas alber­ne Redu­zie­rung des “Ter­ro­ris­mus”, sei es des isla­mis­ti­schen oder links­ex­tre­mis­ti­schen, auf Erzie­hungs­zu­sam­men­hän­ge und Psy­cho­schä­den, wie Han­eke in Inter­views nahe­legt. Das ist links­li­be­ra­le Bequem­lich­keit reins­ten Wassers.

Es ist ver­wun­der­lich, daß kein Inter­view­er oder Kri­ti­ker bis­her dar­auf den Fin­ger gelegt hat.  Eben­so scheint nie­man­dem auf­zu­fal­len, daß die im Film gezeig­ten päd­ago­gi­schen Prak­ti­ken und sozia­len Ord­nun­gen nicht nur in Deutsch­land, son­dern in ganz Euro­pa des Jah­res 1913 akzep­tier­ter Stan­dard waren.

Ohne den affek­ti­ven Mehr­wert und das ergän­zen­de ideo­lo­gi­sche Gefüll­sel sei­ner Inter­pre­ten ent­puppt sich “Das wei­ße Band” bei aller stu­pen­den Kunst­fer­tig­keit als ziel­lo­ses Unter­fan­gen,  des­sen bewuß­te Ungreif­bar­keit zur Nebel­wand wird, und des­sen sozi­al­kri­ti­sche Absich­ten ins Lee­re schla­gen, weil sie kei­nen Geg­ner haben, den sie tref­fen könn­ten.  Hier machen sich deut­lich Han­ekes eige­ne 68er-Prä­gun­gen bemerk­bar, und es wird sich zei­gen, ob es genau die­se Dis­po­si­ti­on war, die ihn von der  pro­ble­ma­ti­schen Gegen­wart von “Caché” in die schon so oft kri­ti­sier­te und ver­ur­teil­te Welt von “Das wei­ße Band” flüch­ten ließ.

Immer­hin haben bei­de Fil­me gemein­sam, daß sie sozia­le Pul­ver­fäs­ser kurz vor der Explo­si­on zei­gen.  Die Fixie­rung auf die Pul­ver­fäs­ser von Ges­tern kann aller­dings ein­schlä­fernd und läh­mend wir­ken. “Das wei­ße Band” bie­tet nur einen gerin­gen Erkennt­nis­wert für die Gegen­wart, und gibt viel­mehr denen ein gutes Gewis­sen und eine Genug­tu­ung, die dabei sind, zum Teil ahnungs­los, zum Teil fahr­läs­sig die Pul­ver­fäs­ser der Gegen­wart und der Zukunft zu stopfen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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