Sezession
4. November 2009

Panik? JA!!!

Martin Lichtmesz

Die Blaue Narzisse macht ihrem Ruf als "Junge Freiheit 2.0" mal wieder alle Ehre. Und zwar mit einem erneuten Aufguß des JF-Evergreens "fröhliche Interviewfalle", der erst vor einem Monat mit dem Piratenpartei-Vertreter Andreas Popp in der Hauptrolle eine glanzvolle Wiederaufführung erlebte. Das Drehbuch der Farce dürfte hinreichend bekannt sein, darum nur soviel: Die BN hatte unlängst, wie sie es nun schon länger tut, zwei popkulturorientierte (und nebenbei gänzlich unpolitische) Interviews veröffentlicht, eines mit dem Musikjournalisten Albert Koch und eines mit einer Newcomer-Indie-Band names Ja, Panik.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Es dauerte natürlich nicht lange, bis in Form eines Radiofeatures aus allen Rohren zurückgeschossen wurde (ausführlicher dazu hier). Unter den Interviewten ist inzwischen die Distanzierungspanik ausgebrochen und sie schrubben sich wie verrückt den Hals, als säße ihnen der Leibhaftige im Nacken.

Während nun der für das Ja, Panik-Interview verantwortliche Benjamin Zschokke eher verhalten reagiert hat, halten sich mein Verständnis und Mitleid in Grenzen. Zunächst einmal springt ins Auge, daß offenbar sowohl Koch als auch Ja, Panik aus eigenen Stücken nicht in der Lage waren, durch Anklicken der Seite, Lesen der Artikel, googeln etc zu erkennen, was für eine ach so gefährliche, ach so "verabscheuungswürdige Ideologie" die BN doch vertritt. Nein, da mußte ihnen offenbar erst nachher jemand erklären, was Sache hinter der diabolischen Tarnung ist.  Schon allein dieser Umstand wirft ein bezeichnendes Licht auf die geistige Eigenständigkeit der Beteiligten.

Schlauer gemacht haben sich allerdings sowohl Koch als auch Ja, Panik weder vorher noch nachher.  Vor allem letztere haben wie die kopflosen Hühner aus allen rhetorischen Geschützen losgeballert, um ihren Arsch vor dem Grundeisgang zu retten. Klickt man ihre Homepage an, knallt einem ein Pop-Up-Fenster mit einer skurrilen, keuchenden Litanei entgegen , die ich hier schon allein zu musealen Zwecken vollständig dokumentieren möchte:

Wir möchten hiermit darauf hinweisen, dass wir einer Chemnitzer Schülerzeitung namens „Blaue Narzisse“ auf Anfrage ein Interview gegeben haben. Es handelt sich um eine faschistische, deutschnationale Einrichtung. Der Interviewer Benjamin Jahn Zschocke ist Mitglied der Pennalen Burschenschaft Theodor Körner und würde sich wohl selbst als Künstler bezeichnen. Besucht man seine Internet Seite wird man von einem Notwist Zitat begrüßt. Klickt man sich zu Benjis Fotos vor, wird man einen jungen, gut aussehenden Mann sehen. Shout Out Louds T–Shirt. Uneindeutiges Bärtchen, peppig hinmontiert. Glatze. Benji mag Tocotronic und Leni Riefenstahl. Sie sehen schon, eine fantasievolle Kreation aus bewährten Zeichen und Codes, aufgemaschelt durch scheinbar Widersprüchliches, ja Widerständiges. Wir sind perplex. Ein schlauer Fuchs unser Benji. Wir unterstellen dem jungen Herren außerdem, dass er mit bürgerlichem Namen mindestens Günther heisst, das formschöne Benjamin sich wolfsgleich als Schafspelz übergeworfen hat. Der kleine Benji ist ein gutes Beispiel dafür, dass man sich von dem Gedanken verabschieden muss, eine Ideologie bräuchte heute auch nur einen einzigen Soldaten, einen Schlägertrupp, oder sonst was für abgemeldete Formen von althergebrachten Gewaltvorstellungen. Eine gut vernetzte, geschickte und wieselflinke Vorhut von RATTENFÄNGERN und TROJANERN übertrifft die Schlagkraft einer klobigen, moralisch und wirtschaftlich abgemeldeten Armee um ein Vielfaches. Nicht anders geht das im Grunde friedliebende Spektakel vor. Das beste Beispiel, seine herzallerliebste Waffe, die Biomacht. Im Namen einer deutschen Idee wird da, technisch auf Höhe der Zeit, wie eh und je als hasserfüllte Angstmacher, als Einpeitscher, operiert. Die wahren Motive ihres Handelns bleiben ihnen natürlich verschleiert, ganz wie das Gesicht des Herren, dem sie immer schon so ohnmächtig gedient haben. Sie würden erschaudern vor seiner hämisch lachenden Fratze. $ Jede Idee, die nach ihrer Erfüllung als Ideologie strebt, ist abzulehnen. Die besseren Ideen der besseren Menschen sind in Auschwitz gestorben. Wir sind unregierbare Singularitäten. Wir ALLE.

Es wurde per Mail durchgeführt. Wir haben uns nicht informiert, haben nicht aufgepasst. Wir wurden dreist überrumpelt. Blitzkrieg. Schon bei dem blumigen Namen „Blaue Narzisse“ hätten wir zu unseren Revolvern greifen müssen.

Nun möchte ich wissen, was dieses aufgeregte und klischierte Geschwätz über "Auschwitz", "Ideologie" und "Faschismus", dieses paranoide, hysterische, haltlose Delirieren über "Rattenfänger" und "Trojaner" und "haßerfüllte Angstmacher" mit den tatsächlichen Inhalten und Positionen der BN und dem Charakter ihrer Macher zu tun haben soll.

Die Antwort ist einfach: Nämlich überhaupt nichts. Es handelt sich hier lediglich um aus zweiter Hand eingeblasene Alarmismusrhetorik, auf die Ja, Panik angesprungen sind wie Pawlow'sche Pudel, die sich nun aus halbbewußter Angst vor dem Big Brother um Kopf und Kragen schwafeln. Besonders lustig sind in dieser Hinsicht die ausufernden Spekulationen über Zschokke, dem sie nicht einmal mehr glauben, daß er als überführte ethisch defekte Bestie so einen hübschen, harmlosen Schafspelznamen wie "Benjamin" haben kann.

Ein souveräner Umgang mit andersgerichteten Meinungen oder Signal einer kritischen Distanz zum Mainstream ist das jedenfalls nicht, und alles andere als eine Demonstration von "Singularität", und schon gar nicht einer "unregierbaren".  Denn mit genau diesen Affektknöpfchen und Schlagwortschablonen wird heute regiert, auch die Möchtegern-"angry young men", die sich selbst für so ungeheuer rebellisch, unangepaßt und individuell halten - quod erat demonstrandum.

Edit 7. 11. 2009: Das oben erwähnte Pop-Up-Fenster ist inzwischen verschwunden.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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