Sezession
10. Februar 2009

Wie wichtig ist ein Begriff? – Teil 2 eines Gesprächs mit Dieter Stein und Karlheinz Weißmann

Götz Kubitschek

interview-bildDie jäh in Internet-Foren aufgeworfene Frage nach Sinn oder Unsinn des politischen Begriffs "Neue Rechte" war Auslöser eines Gesprächs mit Dieter Stein (Junge Freiheit) und Karlheinz Weißmann (Sezession) über diese politische Bezeichnung. Ich habe dieses Gespräch Anfang Januar geführt. Die Textfassung (hier im pdf-Format) ist von beiden Gesprächspartnern autorisiert und zur Veröffentlichung freigegeben. Teil 1 erschien gestern.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

SEZESSION: Mit „eigenartiger Selbstbezeichnung“ meinst du jetzt also nicht nur „Neue Rechte“, sondern „rechts“ insgesamt, und du trittst in deinem jüngsten Artikel für eine „Dekonstruktion“ der Begriffe links und rechts überhaupt ein. Karlheinz: Was könnte gewonnen sein, wenn wir dennoch an solch eigenartigen Selbstbezeichnungen festhalten?

WEISSMANN: Es gibt in Frankreich die Redewendung: „Wenn jemand behauptet, daß die Unterscheidung links-rechts keine Bedeutung mehr hat, ist er sicher kein Linker“, und das stimmt. Nur die Nicht-Linke redet seit über hundert Jahren von der Überwindung des Gegensatzes, gelungen ist sie nicht. Er stellt sich auf immer neue Weise immer wieder her, weshalb es auch dauernd „neue Linke“ (die nie ganz neu sind) und „neue Rechte“ gibt. Das ist unabänderlich, solange es das Politische gibt; die von Dieter so geschätzte Frau Noelle hat übrigens sehr schön empirisch nachgewiesen, dass die Masse der Bürger ganz genau weiß, ob sie eher „rechts“ oder „links“ ist. Das „Nationale“ ist selbstverständlich gar keine Ersatzgröße: zum ersten weil auf die Idee natürlich schon andere gekommen sind – wenn ich mich richtig erinnere, wirbt die NPD regelmäßig mit dem Slogan „Die Nationalen“, „Die nationale Alternative“ o. ä. –, zum zweiten weil die Nation, solange sie als integrative Größe anerkannt wird, auf eine Ebene oberhalb des politischen Kampfes gehört, also insofern politisch „neutralisiert“ ist (schon wieder Schmitt). Hat sie die Anerkennung verloren, so wie jetzt, gehört sie wie jeder Ordnungsbegriff automatisch nach „rechts“, deshalb der traditionelle „Antipatriotismus“ der Linken und der vergangenheitsbewältigungsgetönte der Achtundsechziger. Die „Antideutschen“ machen bloß Ernst mit dem, was auf der Hauptspur der linken Argumentationsstrecke sowieso bestimmend ist. Die Linksnationalen kommen nur als Geisterfahrer auf dieser Hauptspur vor, sind isoliert (Ammon), nicht sehr überzeugungsfest (Brandt) oder als Linke gar nicht mehr identifizierbar (Venohr). Was nun die Abkapselung angeht, so habe ich sicher von uns beiden die größere Erfahrung mit großen Foren, wo man auch eine Art Zugang zur Allgemeinheit hat. Ich habe vor dem Politischen Club der Evangelischen Akademie in Tutzing gesprochen und bei der Adenauer-Stiftung, im Club zu Bremen und bei den Beiräten von Banken und Versicherungen. Die Resonanz war eigentlich immer sehr positiv -- übrigens auch in Tutzing. Das lag ohne Zweifel an den Inhalten, die ich da vertrat und die sich nicht von denen unterscheiden, die ich heute vertrete. Daß ich dort nicht mehr sprechen kann, liegt kaum an der Qualität dessen, was ich denke und sage. Es liegt ganz einfach an den Machtverhältnissen in diesem Land. Wer glaubt, dass er die durch die Anpassung an Sprachregelungen verändern kann, versuche sein Glück. Meine Prognose lautet, daß ihn die Machtverhältnisse verändern werden. Eine prinzipielle Gegenposition – also eine, die Prinzipien vertritt – muß als solche kenntlich und unter den gegebenen Umständen die Position einer Minderheit sein. Gehlen hat einmal davon gesprochen, daß in aussichtslos erscheinender Lage nichts so überzeugend wirkt wie das überzeugende Beispiel, Integrität eben. Man mag trotzdem mit Erfolglosigkeit bezahlen, aber da gilt dann das Herrenwort: „Was nutzt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“

SEZESSION: Es sind unter anderem wir Herausgeber der Sezession, denen du, Dieter, mangelnde Distanz zum Begriff der „Neuen Rechten“ vorwirfst. Ich verstehe nun nicht, warum du dich aus Angst vor einer Instrumentalisierung durch die Begriffe „Neue Rechte“ und „rechts“ indirekt doch sehr instrumentalisieren läßt: Du verwirfst mögliche Selbstverortungen ohne Not und läßt dich zu Einengungen des Meinbaren hinreißen.

STEIN: Da haben wir uns mißverstanden. Ich habe nicht behauptet, daß es mutig ist, den Begriff einer „Neuen Rechten“ für sich besetzen zu wollen. Ich meine vielmehr, daß es sinnlos und verfehlt ist. Es sei denn, man identifiziert sich mit politischen Positionen, die nach dominierendem Verständnis zu einer „Neuen Rechten“ passen. Da habt ihr automatisch Klärungsbedarf. Ich sage, daß der Begriff unbrauchbar ist, und der Versuch, ihn im wohlverstandenen Sinne besetzen zu wollen, in eine Sackgasse führt. Man kann das ja machen, wenn man sich unbedingt verrennen will. Der von mir ebenfalls sehr geschätzte Staatsrechtler Helmut Quaritsch stellte in seinem Buch „Positionen und Begriffe Carl Schmitts“ fest: „Im Kampf der Geister ist die Besetzung eines Begriffs so wichtig wie im Kriege die Eroberung einer Festung.“ Der Begriff der „Neuen Rechten“ ist eine solche Festung. Ihn „positiv“ besetzen zu wollen, gleicht der Schlacht um Verdun. Anders ausgedrückt: Ich bin evangelischer Christ. Falls man 25 Jahre lang über mich behaupten sollte, ich sei katholischer Sedisvakantist, werde ich mich auch dann nicht selbst so bezeichnen. Auch nicht als katholisch. Apropos vakant: Für mich wird der politisch-publizistische Standort „konservativ“ in Deutschland durch keine etablierte Partei oder ein Medium vertreten. Weder FAZ, Springer-Presse, Rheinischer Merkur noch CDU oder CSU besetzen diesen Begriff offensiv oder wollen ihn prägen. Wenn ihr es nicht sein wollt, gibt es keine konservative Theoriezeitschrift oder ein wissenschaftliches Institut, das sich diesem Begriff verschreibt. Der Begriff des Konservativen entfaltet einen prächtigen weltanschaulichen Kosmos, der nicht für Homogenität, sondern Differenz steht. Der Begriff der „Neuen Rechten“ steht für eine geistige Engführung. Wer zwingt euch eigentlich, eine solche kategorisch-ideologische Selbsteinordnung vorzunehmen? Was ist damit gewonnen? Und: Weshalb habt ihr euch für den Begriff entschieden, obwohl Alain de Benoist schon vor Jahren für seine Gruppe in Frankreich die Einschätzung getroffen hat, daß es ein Fehler war, den Begriff der „Nouvelle Droite“ als Selbstbeschreibung angenommen zu haben?

WEISSMANN: Fangen wir von hinten an: Ich schätze de Benoist als unabhängigen Kopf, aber seine Weltanschauung teile ich nicht: nicht seine Aversion gegen das Christentum, nicht seinen Nominalismus, nicht seine Sympathie für die Kulturkritik der Frankfurter Schule, um es kurz zu machen. Also sehe ich auch keine Veranlassung, ihm in diesem Punkt zu folgen. Etwas verblüffend finde ich natürlich, daß du, Dieter, die Positionen de Benoist als derart maßgeblich betrachtest, -- aber nun ja. Dann noch einmal zum Konservativen. Es ist eben nicht so, daß es keine Bemühungen gibt, den Begriff zu besetzen. Von Wolfram Weimer bis zu Paul Nolte und Andreas Molau finden sich entsprechende Versuche, nicht zu vergessen der Vorstoß der Unionsnachwuchselite um Philipp Mißfelder. Die Attraktivität erklärt sich aus zwei Motiven: erstens der Unverbindlichkeit dieser Art Konservatismus, dem ganzen Gerede über „Werte“, das noch nie zu irgend etwas geführt hat, und dann aus der Möglichkeit für diese „neuen Bürgerlichen“, sich ganz konservativ auf Besitzstandswahrung zu konzentrieren. Da erkläre ich allerdings entschieden meinen Dissens und möchte nicht verwechselt werden, was auch immer freudig akzeptiert wird, wenn ich erkläre, daß ich nicht nur konservativ bin, sondern rechts. Womit nun gar nicht bestritten sei, daß ich mich unter den Denkfamilien der Neuen Rechten eben weder den Nationalisten noch den Traditionalisten noch der Nouvelle Droite zurechne, sondern jener Überlieferung, die von den „Neukonservativen“ der Kaiserzeit über die Konservativ-Revolutionären der Zwischenkriegsjahre bis zu den konservativen Einzelgängern der Nachkriegszeit reicht, etwa Arnold Gehlen, Konrad Lorenz, Herbert Gruhl, Robert Spaemann, Gerd-Klaus Kaltenbrunner und Armin Mohler, womit dann auch eine Abgrenzung vollzogen wäre zu den „Gelegenheits-Konservativen“, nehmen wir als Beispiele Alexander Gauland, Wolf Jobst Siedler, Jörg Schönbohm. Wir stehen also vor dem Problem, daß es entweder gar keine Möglichkeit der Selbstbezeichnung gibt, eine unscharfe – konservativ – oder eine trennscharfe – rechts. Und wenn wir schon martialisch werden: es geht um die Alternativen Kapitulation, Kollaboration oder Guerilla. Da bin ich dann zugegebenermaßen für Guerilla – also den kleinen Krieg; dazu gehört Beweglichkeit, Deckung nutzen, Angriffslust und selbstverständlich Provokation des Gegners.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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