Wie wichtig ist ein Begriff? – Teil 2 eines Gesprächs mit Dieter Stein und Karlheinz Weißmann

Die jäh in Internet-Foren aufgeworfene Frage nach Sinn oder Unsinn des politischen Begriffs "Neue Rechte" war Auslöser...

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

eines Gesprächs mit Die­ter Stein (Jun­ge Frei­heit) und Karl­heinz Weiß­mann (Sezes­si­on) über die­se poli­ti­sche Bezeich­nung. Ich habe die­ses Gespräch Anfang Janu­ar geführt. Die Text­fas­sung (hier im pdf-For­mat) ist von bei­den Gesprächs­part­nern auto­ri­siert und zur Ver­öf­fent­li­chung frei­ge­ge­ben. Teil 1 erschien gestern.

SEZESSION: Mit „eigen­ar­ti­ger Selbst­be­zeich­nung“ meinst du jetzt also nicht nur „Neue Rech­te“, son­dern „rechts“ ins­ge­samt, und du trittst in dei­nem jüngs­ten Arti­kel für eine „Dekon­struk­ti­on“ der Begrif­fe links und rechts über­haupt ein. Karl­heinz: Was könn­te gewon­nen sein, wenn wir den­noch an solch eigen­ar­ti­gen Selbst­be­zeich­nun­gen festhalten?

WEISSMANN: Es gibt in Frank­reich die Rede­wen­dung: „Wenn jemand behaup­tet, daß die Unter­schei­dung links-rechts kei­ne Bedeu­tung mehr hat, ist er sicher kein Lin­ker“, und das stimmt. Nur die Nicht-Lin­ke redet seit über hun­dert Jah­ren von der Über­win­dung des Gegen­sat­zes, gelun­gen ist sie nicht. Er stellt sich auf immer neue Wei­se immer wie­der her, wes­halb es auch dau­ernd „neue Lin­ke“ (die nie ganz neu sind) und „neue Rech­te“ gibt. Das ist unab­än­der­lich, solan­ge es das Poli­ti­sche gibt; die von Die­ter so geschätz­te Frau Noel­le hat übri­gens sehr schön empi­risch nach­ge­wie­sen, dass die Mas­se der Bür­ger ganz genau weiß, ob sie eher „rechts“ oder „links“ ist. Das „Natio­na­le“ ist selbst­ver­ständ­lich gar kei­ne Ersatz­grö­ße: zum ers­ten weil auf die Idee natür­lich schon ande­re gekom­men sind – wenn ich mich rich­tig erin­ne­re, wirbt die NPD regel­mä­ßig mit dem Slo­gan „Die Natio­na­len“, „Die natio­na­le Alter­na­ti­ve“ o. ä. –, zum zwei­ten weil die Nati­on, solan­ge sie als inte­gra­ti­ve Grö­ße aner­kannt wird, auf eine Ebe­ne ober­halb des poli­ti­schen Kamp­fes gehört, also inso­fern poli­tisch „neu­tra­li­siert“ ist (schon wie­der Schmitt). Hat sie die Aner­ken­nung ver­lo­ren, so wie jetzt, gehört sie wie jeder Ord­nungs­be­griff auto­ma­tisch nach „rechts“, des­halb der tra­di­tio­nel­le „Anti­pa­trio­tis­mus“ der Lin­ken und der ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gungs­ge­tön­te der Acht­und­sech­zi­ger. Die „Anti­deut­schen“ machen bloß Ernst mit dem, was auf der Haupt­spur der lin­ken Argu­men­ta­ti­ons­stre­cke sowie­so bestim­mend ist. Die Links­na­tio­na­len kom­men nur als Geis­ter­fah­rer auf die­ser Haupt­spur vor, sind iso­liert (Ammon), nicht sehr über­zeu­gungs­fest (Brandt) oder als Lin­ke gar nicht mehr iden­ti­fi­zier­bar (Ven­ohr). Was nun die Abkap­se­lung angeht, so habe ich sicher von uns bei­den die grö­ße­re Erfah­rung mit gro­ßen Foren, wo man auch eine Art Zugang zur All­ge­mein­heit hat. Ich habe vor dem Poli­ti­schen Club der Evan­ge­li­schen Aka­de­mie in Tutz­ing gespro­chen und bei der Ade­nau­er-Stif­tung, im Club zu Bre­men und bei den Bei­rä­ten von Ban­ken und Ver­si­che­run­gen. Die Reso­nanz war eigent­lich immer sehr posi­tiv – übri­gens auch in Tutz­ing. Das lag ohne Zwei­fel an den Inhal­ten, die ich da ver­trat und die sich nicht von denen unter­schei­den, die ich heu­te ver­tre­te. Daß ich dort nicht mehr spre­chen kann, liegt kaum an der Qua­li­tät des­sen, was ich den­ke und sage. Es liegt ganz ein­fach an den Macht­ver­hält­nis­sen in die­sem Land. Wer glaubt, dass er die durch die Anpas­sung an Sprach­re­ge­lun­gen ver­än­dern kann, ver­su­che sein Glück. Mei­ne Pro­gno­se lau­tet, daß ihn die Macht­ver­hält­nis­se ver­än­dern wer­den. Eine prin­zi­pi­el­le Gegen­po­si­ti­on – also eine, die Prin­zi­pi­en ver­tritt – muß als sol­che kennt­lich und unter den gege­be­nen Umstän­den die Posi­ti­on einer Min­der­heit sein. Geh­len hat ein­mal davon gespro­chen, daß in aus­sichts­los erschei­nen­der Lage nichts so über­zeu­gend wirkt wie das über­zeu­gen­de Bei­spiel, Inte­gri­tät eben. Man mag trotz­dem mit Erfolg­lo­sig­keit bezah­len, aber da gilt dann das Her­ren­wort: „Was nutzt es dem Men­schen, wenn er die gan­ze Welt gewön­ne und näh­me doch Scha­den an sei­ner Seele?“

SEZESSION: Es sind unter ande­rem wir Her­aus­ge­ber der Sezes­si­on, denen du, Die­ter, man­geln­de Distanz zum Begriff der „Neu­en Rech­ten“ vor­wirfst. Ich ver­ste­he nun nicht, war­um du dich aus Angst vor einer Instru­men­ta­li­sie­rung durch die Begrif­fe „Neue Rech­te“ und „rechts“ indi­rekt doch sehr instru­men­ta­li­sie­ren läßt: Du ver­wirfst mög­li­che Selbst­ver­or­tun­gen ohne Not und läßt dich zu Ein­engun­gen des Mein­ba­ren hinreißen.

STEIN: Da haben wir uns miß­ver­stan­den. Ich habe nicht behaup­tet, daß es mutig ist, den Begriff einer „Neu­en Rech­ten“ für sich beset­zen zu wol­len. Ich mei­ne viel­mehr, daß es sinn­los und ver­fehlt ist. Es sei denn, man iden­ti­fi­ziert sich mit poli­ti­schen Posi­tio­nen, die nach domi­nie­ren­dem Ver­ständ­nis zu einer „Neu­en Rech­ten“ pas­sen. Da habt ihr auto­ma­tisch Klä­rungs­be­darf. Ich sage, daß der Begriff unbrauch­bar ist, und der Ver­such, ihn im wohl­ver­stan­de­nen Sin­ne beset­zen zu wol­len, in eine Sack­gas­se führt. Man kann das ja machen, wenn man sich unbe­dingt ver­ren­nen will. Der von mir eben­falls sehr geschätz­te Staats­recht­ler Hel­mut Qua­ritsch stell­te in sei­nem Buch „Posi­tio­nen und Begrif­fe Carl Schmitts“ fest: „Im Kampf der Geis­ter ist die Beset­zung eines Begriffs so wich­tig wie im Krie­ge die Erobe­rung einer Fes­tung.“ Der Begriff der „Neu­en Rech­ten“ ist eine sol­che Fes­tung. Ihn „posi­tiv“ beset­zen zu wol­len, gleicht der Schlacht um Ver­dun. Anders aus­ge­drückt: Ich bin evan­ge­li­scher Christ. Falls man 25 Jah­re lang über mich behaup­ten soll­te, ich sei katho­li­scher Sedis­va­kan­tist, wer­de ich mich auch dann nicht selbst so bezeich­nen. Auch nicht als katho­lisch. Apro­pos vakant: Für mich wird der poli­tisch-publi­zis­ti­sche Stand­ort „kon­ser­va­tiv“ in Deutsch­land durch kei­ne eta­blier­te Par­tei oder ein Medi­um ver­tre­ten. Weder FAZ, Sprin­ger-Pres­se, Rhei­ni­scher Mer­kur noch CDU oder CSU beset­zen die­sen Begriff offen­siv oder wol­len ihn prä­gen. Wenn ihr es nicht sein wollt, gibt es kei­ne kon­ser­va­ti­ve Theo­rie­zeit­schrift oder ein wis­sen­schaft­li­ches Insti­tut, das sich die­sem Begriff ver­schreibt. Der Begriff des Kon­ser­va­ti­ven ent­fal­tet einen präch­ti­gen welt­an­schau­li­chen Kos­mos, der nicht für Homo­ge­ni­tät, son­dern Dif­fe­renz steht. Der Begriff der „Neu­en Rech­ten“ steht für eine geis­ti­ge Eng­füh­rung. Wer zwingt euch eigent­lich, eine sol­che kate­go­risch-ideo­lo­gi­sche Selbst­ein­ord­nung vor­zu­neh­men? Was ist damit gewon­nen? Und: Wes­halb habt ihr euch für den Begriff ent­schie­den, obwohl Alain de Benoist schon vor Jah­ren für sei­ne Grup­pe in Frank­reich die Ein­schät­zung getrof­fen hat, daß es ein Feh­ler war, den Begriff der „Nou­vel­le Droi­te“ als Selbst­be­schrei­bung ange­nom­men zu haben?

WEISSMANN: Fan­gen wir von hin­ten an: Ich schät­ze de Benoist als unab­hän­gi­gen Kopf, aber sei­ne Welt­an­schau­ung tei­le ich nicht: nicht sei­ne Aver­si­on gegen das Chris­ten­tum, nicht sei­nen Nomi­na­lis­mus, nicht sei­ne Sym­pa­thie für die Kul­tur­kri­tik der Frank­fur­ter Schu­le, um es kurz zu machen. Also sehe ich auch kei­ne Ver­an­las­sung, ihm in die­sem Punkt zu fol­gen. Etwas ver­blüf­fend fin­de ich natür­lich, daß du, Die­ter, die Posi­tio­nen de Benoist als der­art maß­geb­lich betrach­test, – aber nun ja. Dann noch ein­mal zum Kon­ser­va­ti­ven. Es ist eben nicht so, daß es kei­ne Bemü­hun­gen gibt, den Begriff zu beset­zen. Von Wolf­ram Wei­mer bis zu Paul Nol­te und Andre­as Molau fin­den sich ent­spre­chen­de Ver­su­che, nicht zu ver­ges­sen der Vor­stoß der Uni­ons­nach­wuchs­eli­te um Phil­ipp Miß­fel­der. Die Attrak­ti­vi­tät erklärt sich aus zwei Moti­ven: ers­tens der Unver­bind­lich­keit die­ser Art Kon­ser­va­tis­mus, dem gan­zen Gere­de über „Wer­te“, das noch nie zu irgend etwas geführt hat, und dann aus der Mög­lich­keit für die­se „neu­en Bür­ger­li­chen“, sich ganz kon­ser­va­tiv auf Besitz­stands­wah­rung zu kon­zen­trie­ren. Da erklä­re ich aller­dings ent­schie­den mei­nen Dis­sens und möch­te nicht ver­wech­selt wer­den, was auch immer freu­dig akzep­tiert wird, wenn ich erklä­re, daß ich nicht nur kon­ser­va­tiv bin, son­dern rechts. Womit nun gar nicht bestrit­ten sei, daß ich mich unter den Denk­fa­mi­li­en der Neu­en Rech­ten eben weder den Natio­na­lis­ten noch den Tra­di­tio­na­lis­ten noch der Nou­vel­le Droi­te zurech­ne, son­dern jener Über­lie­fe­rung, die von den „Neu­kon­ser­va­ti­ven“ der Kai­ser­zeit über die Kon­ser­va­tiv-Revo­lu­tio­nä­ren der Zwi­schen­kriegs­jah­re bis zu den kon­ser­va­ti­ven Ein­zel­gän­gern der Nach­kriegs­zeit reicht, etwa Arnold Geh­len, Kon­rad Lorenz, Her­bert Gruhl, Robert Spa­e­mann, Gerd-Klaus Kal­ten­brun­ner und Armin Moh­ler, womit dann auch eine Abgren­zung voll­zo­gen wäre zu den „Gele­gen­heits-Kon­ser­va­ti­ven“, neh­men wir als Bei­spie­le Alex­an­der Gau­land, Wolf Jobst Sied­ler, Jörg Schön­bohm. Wir ste­hen also vor dem Pro­blem, daß es ent­we­der gar kei­ne Mög­lich­keit der Selbst­be­zeich­nung gibt, eine unschar­fe – kon­ser­va­tiv – oder eine trenn­schar­fe – rechts. Und wenn wir schon mar­tia­lisch wer­den: es geht um die Alter­na­ti­ven Kapi­tu­la­ti­on, Kol­la­bo­ra­ti­on oder Gue­ril­la. Da bin ich dann zuge­ge­be­ner­ma­ßen für Gue­ril­la – also den klei­nen Krieg; dazu gehört Beweg­lich­keit, Deckung nut­zen, Angriffs­lust und selbst­ver­ständ­lich Pro­vo­ka­ti­on des Gegners.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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