Sezession
10. November 2009

Was sucht Merkel in Paris?

Götz Kubitschek / 5 Kommentare

Angela Merkel (Bundeskanzlerin) ist morgen in Paris. Der 11. November ist nun nicht irgendein Tag, sondern der Tag, an dem Deutschland 1918 kapitulirte und damit den Ersten Weltkrieg verlor. Das Friedensdiktat, das auf die Kapitulation folgte, folgte vor allem dem französischen Wunsch nach demütigender Schwächung des starken Nachbarn, und so kann der 11. November 1918 für Deutschland keinesfalls als Friedenstag bezeichnet werden. Das hat auch Lorenz Jäger in der FAZ vom 31. Oktober festgestellt.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Es ist nun so, daß der französische Ministerpräsident Sarkozy gestern Angela Merkel in Berlin besuchte, um den 20. Jahrestag der "friedlichen Revolution" samt Mauerfall zu begehen. Im Gegenzug reist sie nun nach Paris, um den französischen Siegestag zu feiern, den Sarkozy gleich in einen Tag der deutsch-französischen Versöhnung umwidmen möchte.

Diesem Ansinnen sollte aus deutscher Sicht nicht nur das bereits Gesagte entgegenstehen: der 11. November 1918 ist nun einmal der Tag, von dem an Deutschland offiziell wehrlos den Anektierungsversuchen der Polen im Osten und der Franzosen im Westen ausgesetzt waren -- von den wirtschaftlichen Knebelungen ganz zu schweigen. Jäger:

Auf die Idee, dass ein deutscher Bundeskanzler an den Feiern teilnehmen könnte, die des Sieges über sein eigenes Land gedenken, kam man erst spät - früher gab es ein Taktgefühl, das diesen Gedanken ohne weitere Debatten ausschloss. Erst Gerhard Schröders Absage 1998 machte ein Politikum aus dem Fernbleiben. Er hatte die Einladung von Jacques Chirac ausgeschlagen, aber geschichtspolitisch unweise und sehr zweideutig Terminprobleme vorgeschoben, anstatt ein klares Wort zur Sache zu sagen.

Die große Versöhnungsgeste zwischen Sarkozy und Merkel soll ausgerechnet unter dem Arc de Triomphe stattfinden, der zugleich das Grab des Unbekannten Soldaten überwölbt.

Nun ist ein Triumphbogen nur des einen Triumphsymbol. Der (vielmehr: die) andere muß darin das zwar mittlerweile historische, aber doch lange Zeit ungeheuer wirkmächtige Joch wahrnehmen, unter das das eigene Volk sich zu beugen hatte. Jäger:

Zudem wird der 11. November in Paris auch mit einer Militärparade gefeiert. Der Händedruck von Helmut Kohl und François Mitterrand in Verdun, dem Ort der schlimmsten Schlächtereien, hatte einen ganz anderen Charakter. Diese Geste der Versöhnung war nicht nur legitim, sondern ein historischer Moment: Denn sie war nicht in eine Siegesfeier und eine Demonstration der eigenen militärischen Macht eingebunden, wie sie eine Parade notwendig darstellt.

Was also sucht Merkel in Paris? Das fragt sich Jäger auch, der angibt, die Nachricht von der Reise erzeuge bei ihm

ein leises Schaudern. Ist die Mimikry der Bundesrepublik auf ihrem „langen Weg nach Westen“ nun so weit gediehen, dass man sich in einer erinnerungspolitischen Gymnastik als der Besiegte den Siegern zugesellen will?


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (5)

eo
10. November 2009 21:36

Vielleicht
war genau dies
die Bedingung, damit
Sarközy zum 20. Jahrestag
der Maueröffnung auch
zur großen Feier
nach Berlin
kam. Qui
sait ?

Nihil
10. November 2009 21:50

Merkel war nie politisch, sondern immer ein Apparatschik. Das ahnte bereits 1991 die SPD wie auch der "Spiegel":

'Bitter enttäuscht' ist die Vorsitzende der SPD-Frauen, Inge Wettig-Danielmeier, daß Angela Merkel jetzt plötzlich Zugeständnisse an die Konservativen[sic!] gemacht hat [...]. 'Man hat den Eindruck, daß ihr die Karriere wichtiger ist als ihre Überzeugungen'. Nicht nein sagen zu können hat der gescheiterte CDU-Vize Lothar de Maiziere als seinen größten Fehler bekannt. Es könnte auch Angela Merkels größtes Problem werden.

("Besser sein als alle anderen". In: Der Spiegel, Nr. 38/1991, S. 34)

Ich frage mich deshalb vielmehr: ist eine Debatte über Merkels Verhalten tatsächlich erhellend?
Wer sich Merkels Wesen wirklich annähern will, dem habe ich ein paar Bilder hochgeladen (hier) um sich anschließend zu fragen, ob man um diese Person tatsächlich politische Debatten führen muß.

Rudolf
10. November 2009 22:12

Würdelosigkeit gehört zur Staatsräson dieser Republik.
Das Rückgrat, das nach dem zweiten Weltkrieg gebrochen war, wächst auch in Bezug auf andere Fragen nicht wieder nach.

U.Roehlig
11. November 2009 02:10

Wenn Frau Merkel Paris besucht, so verhält sie sich diplomatisch klug.
Man sollte nicht soviel hineindeuten. Sie fährt bstimmt nur wegen der guten Küche hin und Wichtiges zu sagen hat sie ohnehin nicht.
Wahrlich vermisse ich taktisches Feingefühl - somit sollte sie den Pariser doch lieber zu Hause geniesen.

Honoré de la Canardière
11. November 2009 10:30

Kurz und bündig erwähnt Karlheinz Weißmann im neuesten Beitrag auf diesem Internetauftritt die Gründe, die die Anwesenheit Merkels an diesem Tag unter dem Triumphbogen surrealistisch und unwürdig machen.

Versöhnung setzt auch voraus, die ganze Wahrheit anzuerkennen und deutlich auszudrücken. Ohne den Versailler Vertrag hätte sich Adolf Hitler seiner Laufbahn als Unteroffizier in der Reichswehr gewidmet.
Nur der Versailler Vertrag konnte das Ungetüm gebären, das Europa in den Abgrund mitriß, wo es heute immer noch liegt.

Wie wäre es, wenn die Kanzlerin sich mal um den seelischen Zustand (m.M.n. katastrophal) des eigenen Volkes kümmern würde? Zum Beispiel am nächsten Sonntag (Volkstrauertag)?

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