Sezession
23. November 2009

Kapitalistische Amokfahrt

Gastbeitrag / 38 Kommentare

Quelle: Pixelio.de, Foto: Egon Häbichvon Claus Wolfschlag

Die neue schwarz-gelbe Bundesregierung scheint nur noch ein Allheilmittel gegen den Zusammenbruch der Staatsfinanzen und des sozialen Sicherungssystems zu kennen: „Wachstum“. Er sei die beste Antwort auf die Belastung der Haushalte und Sozialversicherungen. Nicht anders dachte und argumentierte die schwarz-rote Regierung.

Wie an einen Strohhalm klammern sie sich alle an die Hoffnung, dass bald die Konjunktur anspringe und dann alles wieder so werde wie zuvor in 60 Jahren Bundesrepublik. Man muß kein Wirtschaftsexperte sein, um skeptisch zu sein. Ökonomen haben vorgerechnet, dass das anvisierte Wachstum für einige Jahre stramme chinesische Raten von 7 Prozent betragen müßte, um überhaupt einen nennenswert schuldentilgenden Effekt erreichen zu können. Die gegenwärtige Politik grenzt angesichts solcher Zahlen an Illusionismus und ist eine Amokfahrt. Und von analytischen Köpfen wie dem Neomarxisten Robert Kurz wird denn auch die gegenwärtige Ruhe als Scheinerholung charakterisiert. Die Krise sei keine konjunkturelle, sondern eine strukturelle des Kapitalismus.

Zu den Schattenseiten unseres Wirtschaftssystems gehört die Okkupation des Denkens, etwa wenn die Lebensqualität mit der Anhäufung materieller Güter gleichgesetzt wird. Der Vermehrung materiellen Reichtums steht nämlich eine erschreckende Verarmung auf anderen Feldern gegenüber. Die Schattenseiten sind dem System strukturimmanent. Der durch die Zinsvergabe in Gang gesetzte Zwang zum Wachstum zwingt innerhalb der Betriebe zu ständigen Innovationen und Rationalisierungen. Das heißt:

- es muß immer mehr produziert und erwirtschaftet werden, um die Investitionskosten und bedrohlichen Zinsen abzubezahlen und zugleich einen eigenen Ertrag erwirtschaften zu können. Dadurch wachsen aber auch die Müllberge;
- es muß immer mehr Altes vernichtet werden, um für vermarktbares Neues Platz zu schaffen. Das kann man beispielsweise bei den Flächenabrissen chinesischer Altstädte sehen, die durch riesige Trabantenstädte ersetzt werden. Grundbesitzer, Architekten, Politiker und Bauspekulanten reichen sich die Hände;
- es müssen stets Arbeitnehmer wegrationalisiert werden, um die Produktionskosten zu verringern. Dadurch wächst aber auch das Heer derjenigen, die sich nicht mehr selbständig ernähren können.
- Das Neue ist die heilige Kuh. Neue Produkte schaffen das Wachstum, das der Kapitalismus braucht. Das Bedürfnis für dieses Neue muß bei den möglichen Kunden erst geweckt werden. Die Werbeindustrie produziert Images von Waren, über deren Konsum man scheinbar "Anerkennung" oder "Liebe" erhalten würde, und verstopft mit Filmclips, Pop-Ups, Flugzetteln oder Großplakaten Augen und Ohren der Menschen.

Der Kapitalismus ist also wie ein immer heißer laufender Motor, den man nicht abstellen kann. Und dieser Motor verschlingt auch alles, was in den Jahrhunderten vor ihm an Tradition gewachsen ist, da nunmehr nur noch Preis und Ertrag zählen. Menschen werden über Kontinente verschoben, weil sie billiges Arbeitsmaterial darstellen (das wird dann werbetechnisch als "multikulturelle Bereicherung" verkauft). Alte Baukunst wird durch moderne Standardware ersetzt.


 Gastbeitrag

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Kommentare (38)

Timotheus
23. November 2009 09:54

Das mag alles stimmen oder auch nicht, aber es müsste mir entgangen sein, daß alternative Gesellschaftssysteme sich diesbezüglich anders verhalten. Kurz: Die Alternative sehe ich nicht.

AFG
23. November 2009 10:22

Ohne gerade die Zeit zu haben, es ausreichend argumentativ zu untermauern, muss ich Herrn Wolfschlag Recht geben. Der liberale Kapitalismus, gerade auch wie von Schwarz-Gelb ausgeführt ist ein ebenso schlimmer Feind des wahren, rechten Konservativismus, wenn nicht, aufgrund seiner aktuellen Stärke, ein schlimmerer.

Die Alternative
23. November 2009 10:41

Doch! - es gibt eine Alternative: Natürliche Organisation. Der Mensch ist nach unserer Ansicht kein allgemeines Vernichtungswerkzeug, sondern ein Wesen, daß zu kreativ-schöpferischer Tätigkeit fähig ist - ja eigentlich geboren ist.

Nach unseren Analysen sind die derzeitigen menschlichen Organisationsstrukturen auf gegenseitiger und allgemeiner Ausbeutung und Rückentwicklung ausgelegt. Die Alternative ist also ein System von Gemeinschaften, das dem Einzelnen Raum für kreativ-schöpferische Entfaltung gibt und so die Gemeinschaft der Menschen fördert und weiterentwickelt.

Unsere Stiftung erarbeitet Konzepte und setzt sie um. Siehe auch das Buch "Welt im Wandel: Richtlinien natürlicher Führung und Organisation als Ausweg aus der Krise".

M.
23. November 2009 10:45

Es gibt keinen Weg, das System so zu reformieren oder zu verändern, daß es die Menschen nicht ihrer Würde und Unabhängigkeit beraubt. Wenn das System zusammenbricht, wären die Folgen sehr schmerzlich. Aber je mehr das System wächst, desto vernichtender werden die Folgen des Zusammenbruches sein. Muß es also zusammenbrechen, dann besser früher als später.

twex
23. November 2009 11:09

@Timotheus: Vielleicht liegt das daran, daß Sie nur synchrone, d.h. moderne Alternativen betrachten. Aber kennen Sie auch nur eine strukturelle Wirtschaftskrise aus den Jahrtausenden vor der moralischen Legitimation des Zinsnahme; Jahrtausende, die all die Kulturschätze hervorgebracht haben, die wir uns in Museen stellen, weil wir zu vergleichbaren Leistungen offenbar nicht mehr imstande sind?

Schüßlburner
23. November 2009 11:37

Dies ist doch keine Krise des "Kapitalismus", sondern des Sozialstaates und der damit einhergehenden Staatsverschuldung. Ohne die Gier der Politiker, sich mit staatlichen Geschenken, die nicht solide finanziert sind, an der Macht zu halten, wäre keine Verschuldungsspirale möglich; ohne Staatsverschuldung würden sich rechtzeitig kleinere Insolvenzverfahren ergeben, die für Betroffene sicherlich unangenehm sind, aber nicht die Gesamtwirtschaft bedrohen.

Die wahre konservative Aufgabe wäre die Durchführung des Staatsinsolvenzverfahrens.

Merus
23. November 2009 13:28

Ja, das sind ein Haufen sozialdemokratische Gemeinplätze. Herr Wolfschlag alias Frau Nahles?

christian
23. November 2009 13:40

the game is to be sold, not to be told.

das klingt ja fast schon so wie bei einem durchgeknallten latzhosenöko aus den 1970er jahren.

Deutschland braucht Wachstum, Technik, Hochschulen und muss endlich wieder Nummer 1 in der Technologie werden.

Ist schon klar, dass der deutsche Weg (soziale Marktwirtschaft) anders ist als der angloamerikanische utilitarismus und pragmatismus, aber ohne Wachstum wirds nicht gehen, das problem seit den 70ern war ja zu wenig wachstum -- wegen ökos und technikfeindlichkeit ging ja fast nichts mehr weiter in deutschland. nicht mal mehr neue atomkraftwerke wurden gebaut.

Den deutschen Wald retten wir so nebenbei, will ja auch keiner umbringen, aber die Grünen haben den deutschen Geist ganz schön verwässert, wenn ich mir diesen Schmafühbeitrag anschaue.

mehr netto für alle

frank
23. November 2009 15:20

Hoffentlich ist bei dem Artikel die Kategorie "zur Debatte gestellt" Programm und er spiegelt nicht die Ausrichtung von Sezession wieder.

Erst kürzlich bin ich auf Sezession gestossen, durch einen Bericht über die ksa. Eine Wirklich geniale Idee, die hoffentlich mehr und mehr Teilnehmer findet. Aber obiger Artikel lässt mich schon mit dem Gedanken liebäugeln, den noch frischen Bookmark wieder zu entfernen.

Inhaltlich hat Christian über mir die wesentlichen Punkte bereits genannt. Hinzufügen möchte ich nur noch, dass ich eine derart oberflächliche Kapitalismuskritik wohl eher auf einschlägigen Seiten linker Sozialromantiker erwartet hatte, nicht aber hier.

Olaf
23. November 2009 16:07

@ frank: Und welcher Bericht über die ksa wäre das? So neu hier, und schon Erwartungen haben, was da zu stehen hat und was nicht.

Patricius
23. November 2009 16:42

frank, jetzt mach Dir mal nicht das Höschen naß.

"Deutschland braucht Wachstum, Technik, Hochschulen und muss endlich wieder Nummer 1 in der Technologie werden."

Bei allem was recht ist, aber diese Stellungnahme ist an Oberflächlichkeit auch kaum zu überbieten. Klingt ein wenig nach schnöseligem "Ju-li" im 6. Semester BWL.
Man kann doch nicht ernsthaft jedweden Nexus zwischen dem von "uns" benannten Verfall und der Ideologie des Liberalismus leugnen und dazu gehört auch der Wirtschaftsliberalismus.
Inwiefern man da trennen kann bzw. wie die Kausalitäten aufzutröseln sind, muss besprochen werden.
Hier soll doch nicht das Prinzip der Marktwirtschaft zu Grabe getragen werden, aber es sollte doch gestattet sein, das "Wesen" des (entarteten)Kapitalismus zu ergründen, gerade unter Rechten/Konservativen.
Dass da viel anti-materialistisches Ressentiment mitschwingt ist klar und kann bestimmt nüchtern kritisiert werden, aber Menschen, die dieses Ressentiment komplett entbehren und bei jeder Gelegenheit ein Loblied auf ihren Götzen, den eigentümlich freien Kapitalismus, abfeiern und dann wieder gegen Masseneinwanderung, Sitten- und Werteverfall, Erosion der Gesellschaft und die Ausmerzung nationaler Identität nölen, sind mir einfach zuwider.

Martin
23. November 2009 16:49

Bei der letzten BT-Wahl hat eine kommunistische Splitterpartei plakatiert:

"Kapitalismuskritik - Das Original" und darunter war das Konterfei von Marx.

Das viel mir als erstes ein, als ich den Artikel von Herrn Wolfschlag gelesen habe. Seit Marx ist das Thema Kapitalismus/Funktionsweise/Wirkung/Folgen schon so oft durchgekocht worden, dass man es als hinlänglich bekannt voraussetzen darf. Interessanter wäre es da, Lösungs-/Änderungsvorschläge zu diskutieren.

Und hier fällt dann vielen wieder nur extremes ein, wie Staatswirtschaft versus absolutem Liberalismus (hatten wir vor kurzem ja schon in einer anderen Diskussion hier) und dann noch vereinzelt die vermittelnde Position einer wie auch immer noch zu rettenden "sozialen Marktwirtschaft" (was aber der nach wie vor herrschende Mainstream in Deutschland ist).

Und hier denke ich, dass das industriell- technologische System mittlerweile schon einen Schritt weiter ist, als es eine blose "kapitalistische" Betrachtungsweise vermuten lässt.

Um ein Beispiel zu nennen: Das Thema "Elektro-Auto" wird derzeit mit einem äußerst massiven PRIVATEM Kapitaleinsatz vorangetrieben und der Umschwung vom Benzin angetriebenen Auto zum E-Mobil wird wesentlich schneller kommen, als er in irgendwelchen theoretischen Zirkeln, Sozialplanerstuben und Behördenwinkeln derzeit vorhergesehen wird.

Das industriell technologische, kapitalbasierende System, welches wir weltweit haben, ist zwar durchaus beharrend, wenn es darum geht, eine "Cash- Cow" auf der Wiese zu halten, wenn es aber einmal merkt, dass die Sache ein Ende haben wird, dann wird mit einer Radikalität und Dynamik an die Veränderung herangegangen, wie es keine Staats- oder sonstige Planwirtschaft erreichen kann.

Die Beispiele lassen sich übrigens noch fortsetzen. Wer meint, dass "kapitalistische" System sei am Ende, der irrt und zwar gewaltig. Wir werden mehr Veränderungen und zum Teil auch sehr einschneidende bekommen - so wird, um beim oben genannten Beispiel zu bleiben, der Übergang zum E-Mobil nur durch eine totale Vernetzung des Individualverkehrs möglich sein, so dass der Überwachungsstaat vervollkommnet wird - aber ein Ende des "Kapitalismus" sehe ich nicht und nirgendwo.

Wir werden einen weiteren Verlust an individueller Freiheit bekommen, so viel ist aus meiner Sicht sicher - aber kein Ende des Kapitalismus in seiner industriell- technologischen Ausprägung.

Zuletzt: Auch mir fällt kein konkreter Lösungs-/Änderungsvorschlag ein.

Toni Roidl
23. November 2009 17:11

Interessante Diskussion. Ist man gleich Marxist, wenn man Auswüchse des Kapitalismus kritisch benennt und den Abschied vom deutschen Weg der sozialen Marktwirtschaft bedauert? Es kann doch wirklich nicht sein, dass nicht mehr in Ausbildung investiert wird und die Beschäftigung von un(ter)bezahlten Akademiker-Praktikanten getan wird, um höhere Dividenden auszuschütten. Na ja, jedenfalls schön, dass ein neuer Autor in der Mannschaft ist und dass er das Spektrum erweitert.

Freedy
23. November 2009 17:25

Eine Welt ohne freies Geld ist Lichtjahre entfernt von Kapitalismus.
Wo staatlich geschützte Monopolisten immer neues Papier bedrucken dürfen und jeder, der etwas verkaufen will, dazu gezwungen wird, diese leeren Versprechungen zu akzeptieren, da haben wir es gerade nicht mit einem freien Markt zu tun, der eine Ersparnis in Geld ermöglicht, um Kapital zu bilden.

https://www.goldseiten.de/content/diverses/artikel.php?storyid=12107

Rudolf
23. November 2009 18:21

Ein weiteres trauries Beispiel für die in rechten (wie in linken) Kreisen geringe Wirtschaftskompetenz.

Vielleicht sollten in den IfS-Akademien einmal grundlegende Kenntnisse der VWL vermittelt werden.

Hesperiolus
23. November 2009 20:20

Diese Moderne ist das feindliche Projekt! Sie auszubremsen und in eine neue Ordnung umzuzwingen wäre die Überlebensaufgabe kommender Eliten. Neurechter Aubruch kann nur auf dieses Fernziel hin sinnvoll und wesenstreu sein. Weltanschauliche Diversität der hervorzurufenden Bewegungen bleibt kein Schaden, Dialog mit ideologischem Amerikanismus indes Zeitverschwendung. Der american way ist das zu Überwindende. Konservativismen vorläufig noch im operativen Tagesgeschäft, darüberhinaus gelte Reaktion! und Altermoderne!

Ureinwohner
23. November 2009 20:21

Wenn ihr keine Alternativen zu 7% Wirtschaftswachstum seht, solltet ihr lieber die Merkel'sche Politik mit ins Gebet nehmen.

corvusacerbus
23. November 2009 20:44

Ich kann den Schock, den Claus Wolfschlag mit seinem Beitrag auf SiN ausgelöst hat sehr gut verstehen (man erwartet an einem trüben Novembermontag vielleicht was Romantisches aus der Lyrikecke, aber nicht wirklich einen Verweis auf Robert Kurz im Neuen Deutschland, oder?). Aber ich finde diesen Schock ausgesprochen gut, heilsam und wichtig. Mindestens, weil jede Debatte, die zu eng und von den Immergleichen geführt wird, droht zu langweilen, von den immergleichen Lösungsvorschlägen ganz zu schweigen, die dabei zu häufig herauskommen. Aber vielleicht auch, weil es in der kritischen und grundlegenden Kapitalismusanalyse noch etwas zu entdecken gibt, vor allem für Rechte, die, halten zu Gnaden, nach meiner Beobachtung oft nicht wirklich wissen, was sie ablehnen, wenn sie gegen den Marxismus sind (übrigens wissen auch viele seiner Anhänger nicht, wofür sie eigentlich sind, wenn sie für den Marxismus sind). Auch wenn Martin natürlich recht hat, daß Kapitalismusdebatten schon sehr lange und in alle denkbaren Richtungen geführt wurden und dabei seit Karl Marx und Friedrich Engels so ziemlich alles beteiligt war, was gesellschaftswissenschaftlich etwas zu sagen hatte (die herrschende Wissenschaftsökonomie mit ihren Ceteris-paribus-Modellen und der problemversteckenden Ökonometrie gehört bekanntermaßen allerdings eher nicht dazu oder einfacher gesagt, der normale BWL'er hat von Wirtschaft und ihren strukturellen und verhaltenswissenschaftlichen Hintergründen eigentlich meistens keine Ahnung). Auf jeden Fall werden wir Rechten der real existierenden Krise des Kapitalismus nicht gerecht, wenn wir nix anderes zu bieten haben, als den gescheiterten real existierenden Sozialismus immer nochmal zu verdammen und zu verachten. Es geht mindestens darum, sich für die anstehenden Debatten - und die kommen! - um einen dritten Weg zu munitionieren, denn nachdem der zweite gescheitert ist, ist nun auch für alle erkenntlich der erste im tiefen Morast gelandet und man hat das ungute Gefühl ins Moor zu kommen, wenn sich nichts grundlegend ändert. Vielleicht wäre es sogar lohnenswert die vermeintlichen marxistischen Ladenhüter der politischen Ökonomie zu debattieren, als da beispielsweise wären, die organische Zusammensetzung des Kapitals, der tendenzielle Fall der Profitrate und überhaupt Marx' gesamte Wertlehre aus dem ersten Band des Kapitals (wie sagten die Sozialdemokraten früher immer so nett, wenn sie heimlich Marx lasen und dabei von den Godesbergern ertappt wurden - das könnte ein Rechter allemal vorschieben, wenn ihm ein Kamerad über die Schulter schielt - Marx sei ja doch ein großer Sozialwissenschaftler gewesen, insofern immer noch lesenswert und niemand müsse Marxist werden der Marx liest, Marx selber sei ja auch Marxist gewesen und so fort... :-). Also: Sehr gut, daß sich die Debatte erweitert und frische Stimmen sich zu Wort melden. Das bringt auf jeden Fall kulturellen Gewinn und erhöht die Ausstrahlung nach außen erheblich. Und daß unser Wirtschaften in einer strukturellen Krise steckt, wird doch jeder bemerkt haben, also sollten wir ohne Scheuklappen und Auschlußmechanismen von Thesen und Themen diese Krise tiefgreifend und -gründend und nicht oberflächlich debattieren.

Tiberius
23. November 2009 21:20

Es ist ein bemerkenswerter Irrtum zu glauben, man wüsste schon was denn der Kapitalismus sei (wenn man von ausschließlich theoretischen Betrachtungen ausgeht) und könne daher auch auf künftige Entwicklungen schließen.

Die bisherige Erkenntnis ist doch, dass ein einigermaßen lebenswertes Wirtschaftssystem, dass den Namen Kapitalismus tragen und trotz seiner Schwächen als alternativlos verteidigt werden dürfte, eines Antipoden namens Kommunismus, in Helmstedt ansässig, bedarf.

Mag sein, dass die Bankster-zocker auch zu dieser Zeit ihr Geschäft hätten treiben können, aber das mit Milliarden an Steuergeldern nicht nur die Zocker gerettet werden sondern aus dem Staatssäckel auch noch Extra-Boni bekommen - ich würde soweit gehen zu sagen, dass dies noch vor einiger Zeit nicht möglich gewesen wäre.

Ob am Ende der Totalitarismus durch die Herrschaft eines Politbüros oder als "Kapitalismus" durch Herrschaft einiger Finanzkonglomerate steht bleibt letztlich gleich - die lebenswerte Alternative ist offensichtlich doch auch in den letzten Zügen

Honoré de la Canardière
23. November 2009 21:32

Ein sehr gelungener grundsätzlicher Beitrag.

Einige Verehrer des Mammons haben sich auch herablassend – wie sonst denn –gemeldet. Dabei verwechseln sie den Freiheitsdrang, der Claus Wolfschlag ganz bestimmt auch beseelt, mit der rücksichtslosen Anhäufung von Gütern, die niemals und nirgendwo einen Menschen befriedigt hat.

Ob der Kapitalismus aus solchen Bürgerkriegsszenarien zwangsläufig als Hauptnutznießer herauskommt, mag ich jedoch zu bezweifeln, denn das siegreiche Volk kann sich auch dabei nach neuen nicht mehr materialistischen sondern heldischen und idealistischen Werten sehnen und sie in einem neuen Zeitalter als Maßstab festsetzen.

TNG
23. November 2009 21:51

Es gibt keine Kardinalslösung für das Problem, der Weg ist das Ziel, es kann immer nur darum gehen ein gesundes Mittelmaß zu halten. Extreme Auswüche in beide Richtungen konnten und können bestaunt werden.

Kapitalismuskritik muß nicht eine ausschliesslich linke Domäne sein, man kann diesen kritisieren ohne gleich Sozialismus zu predigen.

Jede gewachsene Gesellschaft hat ihre Regeln entwickelt mit denjenigen umzugehen, die nicht am Erolg des Kapitalismus teilhaben konnten/wollten/durften. Das mag regional überaus verschieden sein, ich möchte kein US-Zustände in Deutschland sehen, dafür zahle ich auch gerne mehr Steuern und Abgaben.

Die aus meiner Sicht richtige Bewegung derzeit wäre eher weg vom Kapitalismus bei gleichzeitigem Runterfahren des Wohlfahrtsstaates. Das muß kein Widerspruch sein, die Balance muß nicht nur auf einer Achse gehalten werden. Was bringt es horizontal die Balance zu halten, wenn man droht nach vorne oder hinten zu kippen?

Daß das System sich immer wieder neu erfinden muß ist leider eine traurige Tatsache, Nachhaltigkeit, muß keine leere Worthülse sein. Darin dürfte die eigentliche Aufgabe bestehen. Die ökologische Bewegung hat nicht mit allem Unrecht, auch wenn sie sich weiterhin in politische Geiselhaft der Linken befindet.

S.R.
23. November 2009 22:39

Ein interessanter Einstieg, Herr Wolfschlag!

Grundsätzlich stimme ich Ihrer Kritik des zinsbasierten Geldsystems als Hauptverursacher der aktuellen und absehbarer zukünftiger Krisen zu.

Aus dem von Ihnen postulierten Zwang, den übersättigten Konsumzyklus über eine Zerstörung der bisherigen Infrastruktur wieder in Gang zu bringen, sehe ich sogar einen möglichen Ausweg: So ließe sich durch die massive Neuverschuldung der Staaten ein neuer "Nachschuldner" finden, der den Kreditzyklus entsprechend am Laufen hielte. Der Bürger müsste gar nicht mehr konsumieren, um das Geldsystem am Laufen zu halten.
Eine massive Steuererhöhung zur Deckung der staatlichen Zinslast wäre ausreichend, die bisher noch freiwillige Konsumleistung durch eine staatliche Zwangsabgabe ersetzt. Die Eliten, von denen sie im letzten Absatz sprechen, werden davon sicherlich auch zu profitieren wissen.

Auch dies natürlich nur ein Krisenaufschub für einen Zeitraum weniger Jahrzehnte...

Interessant ist in dem Zusammenhang die sog. Debitismus-Theorie, die Ihnen vielleicht auch ein Begriff ist.

Spengler natürlich nicht zu vergessen:

https://www.youtube.com/watch?v=vfICb0wiryc

Die Frage nach Alternativen ist naturgemäß genauso schwer, wie berechtigt. Grundsätzliche sehe ich den Menschen, wie jedes andere Lebewesen auch, den Gesetzen biologischer Wachstumszyklen (wie sie bspw. in den Lotka-Volterra-Gleichung oder aber den Malthusischen Zyklen zum Ausdruck kommen) unterlegen. Insofern sollte jedes fortschritts- bzw. wachstums-orientierte Wirtschaftssystem ohne eine vorausschauende, zentrale Planungseinheit über kurz oder lang die gleichen Konsequenzen heraufbeschwören, wie wir sie im Moment beobachten.
Die Argumente "Martins" betreffend der Geschwindigkeit eines Strukturwandels treffen natürlich zu, jedoch bleibt das grundlegende Problem der zinsbasierten Geldwirtschaft mit der exponentiellen Geldmengenvermehrung.

Sollte ein Kollaps unvermeidlich sein, ist wohl "M." zuzustimmen. Je früher, desto besser.

Nebenbei:

Was soll man eigentlich von Beiträgen wie denen von Merus, Christian und Frank halten? Falsche "Platt"form meine Herren!

Martin
23. November 2009 22:56

... so langsam schält sich in der Debatte auch noch etwas wichtiges heraus:

Die Frage nach den "Werten" einer Gesellschaft.

Das Bewußtsein schafft das Sein, war schon immer der große "anti-linke Grundsatz" (dort meint man ja oft, dass das Sein das Bewußtsein schafft) - und in einer Gesellschaft, in der es im großen und ganzen einen Wertekonsens gibt, an den sich die allermeisten dann auch halten, kann es meines Erachtens keine derartigen Auswüchse einer freien Marktwirtschaft geben, wie wir sie in der jüngsten Vergangenheit erlebt haben.

Löffelstiel
24. November 2009 00:32

Referenzen an die Kapitalismuskritik Anfang und Ende, ohne Hand und Fuß. Wo sind die Stimmen von ksa, die da riefen: "Sarrazin"? Beginnt da nicht der gesunde Menschenverstand? Haus-Halten, Schulden an den Pranger stellen (Schuldturm), preußische Tugend des Sparens? Waren die Streiter um Sezession/ksa/... nicht schon einmal weiter? Zu sagen, der Staat ist gefäßig, die größte Krake? Gibt es nicht eine ausreichende Zahl von Familienbetrieben seit 150 Jahren, die keine Anleihen bei Banken gemacht haben, um zu wachsen, die in schlechten Zeiten mit ihrem privaten Kapital gerade standen? Diese Form der kapitalistischen Wirtschaftsführung aufzuzeigen, wäre angebracht. Wie oft hat man das schon gelesen, was Herr Wolfschlag aufführt. Wird es dadurch handhabbarer, nur, weil es jetzt auch noch unter dieser Rubrik erscheint? Zum erstenmal bei 'Sezession' ratlos. Was geht hier vor?

Patricius
24. November 2009 11:24

"Das Bewußtsein schafft das Sein, war schon immer der große „anti-linke Grundsatz“ (dort meint man ja oft, dass das Sein das Bewußtsein schafft"

Ich glaube das eine, wie das andere Postulat beschreibt die Wirklichkeit nicht ausreichend.
Ich bin sehr wohl der Ansicht, dass das schon implementierte "Sein" durchaus das Bewusstsein der Masse mitbestimmt.
Auch wenn dieser Ansatz "marxistisch" sein mag.

Es geht natürlich auch um die Möglichkeit, sich geistig "freizuschwimmen" und ein anderes Bewusstsein zu erlangen. M. E. beschränkt das "Sein" diese Möglichkeit in der Breite erheblich.

Es bleibt dabei, wer nicht an einer inneren Abneigung gegen die Krämerseele leidet, wird auch nicht ernsthaft zu einem anderen, besseren Bewusstsein kommen.

Andreas Brecht
24. November 2009 14:37

@ twex

Vorschlag von mir: ich sitze mit der Peitsche auf dem Steinquader und Sie legen sich ordentlich in's Geschirr. Ich bin sicher, dass wir so ohne "Zinsnahme" (und wie vor 5000 Jahren hinlänglich bewießen) Großes schaffen können.

Thomas Fink
24. November 2009 15:07

Ich kann diese Ressentiment gegen Krämerseelen ja verstehen. Aber Leute, ein Kapitalist ist nicht automatisch eine Krämerseele. Und eine Wirtschaftsweise wie der Kapitalismus ist nicht die Ursache der Krise der westlichen Zivilisation. Und Vulgärmarxismus in konservativem Gewand ist auch keine Lösung. Alleine diese Herleitung, das der Kapitalismus regelmäßig Kriege braucht, ist so Robert Kurz mäßig bescheuert, es tut mir leid. Es gab und gibt immer irgendjemand der von irgendwas profitiert, aber für den normalen Markt, für 99% aller Kapitalisten ist Krieg eine Katastrophe. Eine Wirtschaftsweise wie der Kapitalismus hat Wachstum einprogrammiert, aber natürliches Wachstum, auf der Grundlage von sparen und investieren. Das "Wachstum", welches uns diese und die nächste Finanz- und Wirtschaftskrise beschert, hat als Grundlage massive Verschuldung. "Der Kapitalismus" kann da gerne drauf verzichten. Man kann "dem Kapitalismus" nur vorwerfen, daß er durch ständige Produktivitätssteigerungen diesen halbsozialistischen Wohlfahrtsstaat mit allen parasitären Anhängseln unter Zwang finanziert. Bisher. Der Monsterstaat und dessen Verschuldung haben nun Ausmaße erreicht, die keine Produktivitätssteigerung mehr finanzieren kann. Vieles wird den Bach runtergehen, wenn die Wirtschaftsweise des Kapitalismus dazugehören sollte, haben wir hungrige Zeiten vor uns.

Merus
24. November 2009 15:12

Reinen Kapitalismus gibt es erst einmal nirgends, und doch herrscht er überall dort, wo Menschen zusammenfinden um im Wirtschaften einen gemeinsamen Vorteil zu generieren. Das kann seltsame Auswüchse annehmen, ist aber auch völlig egal, solange es deren Sache bleibt, weil dann auch nur sie den Schaden davontragen. Problematisch wird das nur, wenn man über soziale Schwachsinnssysteme irgendwie damit verwickelt wird. Oder wenn dann ein Staat um sein Überleben kämpfen muss, und um seine Schulden zu tilgen alle anderen Vermögen vernichtet. Das ist nixi böser Kapitalismus, aber alles böses Staati. Eine Geldelite ist übrigens auch höher zu schätzen als eine Aristokratie oder dergleichen, kommt man doch im reinen Kapitalismus nur zu Vermögen, wenn man sich als der Gesellschaft besonders dienlich erwiesen hat, und nicht, wie der Adel zum Beispiel, in dem man sein Volk unterdrückt und von ihm Steuern einfordern geht - mit allerlei Rechtfertigungen gewiss, aber am Ende doch immer mit Gewalt.

Eduard
24. November 2009 15:23

1. Der "Kapitalismus" braucht in D 7% Wachstum. Grund: Staatsschulden müssen abbezahlt werden. Wer findet den Widerspruch?

2. Flächenabrisse in China (von Staats wegen). Grund: Kapitalismus muß Neues schaffen. Wer findet den Widerspruch?

3. Arbeitskräfte sind wohl kaum eine "multikulturelle Bereicherung" im abwertenden Sinne des Artikels.

4. Laßt uns alle gemeinsam wieder die Zinsknechtschaft brechen. Das hat Deutschland schonmal so richtig vorangebracht. Kapital ist auch ganz sicher kein wichtiger Produktionsfaktor. Warum sonst sollte es den afrikanischen Ländern sonst so gut gehen?

Wenn die politische Richtung rechts mit diesem Artikel korreliert, gehe ich lieber gleich zum Original.

Freedy
24. November 2009 15:42

@Martin
Welche "Auswüchse" welcher "freien Marktwirtschaft" meinen Sie?
Ein teils widersprüchlich, aber streng reguliertes Finanzsystem
(https://dejasay.org/bib_newsparticles_detail.asp?id=27) auf der Basis von gesetzlichen Zahlungsmitteln ist etwas anderes als ein freier Markt mit echtem Geld. Letzterer bildet freilich eine geeignete Grundlage, um Werte zu entwickeln und zu tradieren. Zwar nicht konsensual, - dafür gibt es immer wieder zu viele Diebe und Betrüger - aber doch in einem Maße und mit einer Verbreitung, daß es den anständigen Leuten Freude macht, sie zu achten und zu kommunizieren.

2009 gab es einen vergessenen Jahrestag. Den Jahrestag der Einführung gesetzlicher Zahlungsmittel im Deutschen Reich und in Frankreich. https://www.goldseiten.de/content/kolumnen/artikel.php?storyid=12065
Dieser weitgehend ignorierte Vorgang war Vorläufer und Bedingung des von Gerard Radnitzky so anschaulich beschriebenen verdammten 20. Jahrhunderts mit seinen gegen die Zivilisation und den Reichsgedanken gerichteten fast alles (dem Erdboden) gleichmachenden Vernichtungskriegen.

Wer zu den Wurzeln dieser Werte und zu den Gründen für ihren Verfall vordringen will, der kann vielleicht auch ihr Wiederentstehen befördern. Werte können aber nicht verordnet werden.

Rudolf
24. November 2009 16:43

Noch eine Anmerkung hierzu: "Die Hoffnung auf Rettung durch die Impulse der neuen IT-Technologie seit den 1980er Jahren war trügerisch, da diese Innovation – anders als die Automobilbranche – erstmalig mehr Arbeitsplätze zum verschwinden brachte, als neue schaffte."

Sie zögen es also vor, anstatt mit Hilfe neuer IT Ihre "fortschrittskritische" Meinungen per Brief unters Volk zu bringen?

Ich wittere Unausgegorenes.

Martin
24. November 2009 16:58

"Werte können aber nicht verordnet werden."

Dass ist ja gerade das spannende an menschlichen Gesellschaften. Eine andere Blickrichtung/Wertorientierung der Mehrzahl der Bürger in ein und der selben "BRD" würden ein ganz anderes Land/Gesellschaft als jetzt ergeben.

Und die Sache mit dem Sein schafft das Bewußtsein oder Bewußtsein schafft das Sein ist schon etwas ineinander greifendes, bei dem man am Ende fast dazu kommen könnte, es mit der Frage nach der Henne und dem Ei zu vergleichen. Ich persönlich meine aber, dass das Bewußtsein die stärker gestaltgebende Kraft in einer Gesellschaft ist, bei der zumindest gewisse Existenzminima (Essen/Trinken) vorhanden sind.

Harry
24. November 2009 18:54

Off Topic

@ Götz Kubitschek

Ein guter Fang. Jetzt bitte noch den braunen Staub von Angelika Willig klopfen, Jürgen Hatzenbichler reaktivieren und Günter Maschke die Freuden des www nahebringen. Dann bin ich wunschlos glücklich. Naja, fast. Christian Kracht als Gastkommentator wäre noch nett ;)

Andreas Lehmann
26. November 2009 22:58

Auch hier wird die Debatte geführt:

Freedy
27. November 2009 09:01

"Ich persönlich meine aber, dass das Bewußtsein die stärker gestaltgebende Kraft in einer Gesellschaft ist, bei der zumindest gewisse Existenzminima (Essen/Trinken) vorhanden sind."

Essen und Trinken sind nie einfach vorhanden.
Sie müssen immer produziert, also zumindest gesammelt oder gefunden oder ihre Quellen erhalten werden. Gesellschaften entwickeln sich in der Organisation dieser lebenserhaltenden Produktion.

Die Produktion von Lebensmitteln ist nicht als gegeben vorauszusetzen, sondern immer gesellschaftsstiftende und -erhaltende Handlung der Menschen. Natürlich ist mehr Zeit zum Denken, wenn die Lebensmittelproduktion sehr erfolgreich ist. Das bedeutet aber nicht, daß man sich einfach darauf verlassen kann, daß diese Güter "vorhanden sind". Schlaraffenland ist weit.

Andreas Lehmann
27. November 2009 09:59

Hat wohl mit der Verlinkung nicht funktioniert.

https://ef-magazin.de/2009/11/26/1692-wandel-durch-annaeherung-zwischen-konservativen-und-liberalen-vol-1-strukturelle-oder-konjunkturelle-krisenbewaeltigung

packen wir an
30. November 2009 19:19

Der Abwärtstrend in den Industrienationen geht weiter ! Das fehlende Geld der Bürger lässt den Umsatz und die Gewinne der Unternehmen sinken. Nur über die massive Verschuldung versuchen die Wirtschaftsnationen ihren Wohlstand zu halten. Wo die Reise hingehen kann zeigt uns Japan. Wir sollten rechtzeitig die Notbremse ziehen bevor wir uns noch weiter verschulden. Das unser Wirtschaftssystem nicht mehr rund läuft sehen wir an unseren Arbeitslosen und unsere Verschuldung. Denn uns müsste es eigentlich immer besser gehen ! Wir können mit immer weniger Aufwand immer mehr produzieren!

Es ist kein Naturgesetz das es uns immer schlechter gehen muss.

Wir müssen nur endlich die Ursache angehen !

Mehr dazu

https://www.arbeitslosigkeit-besiegen.de

Vulture
1. Dezember 2009 00:30

Interessante Diskussion, ich denke das die Wahl dieses Schreibers nicht so schlecht war. Endlich mal Stimmung in der Bude. Aber jetzt im Ernst: Ich bekenne mich zur "rücksichtslosen Anhäufung von Gütern", in den Grenzen des normalen Anstandes. Es wird immer jemanden geben der besser weiß wie man sich die meisten Resourcen organisiert. Da koennen die Kapitalismuskritiker im Viereck springen. Ganz und gar nicht kann ich das oben schon wieder anklingende Gejammer von den unbezahlten Akademikerpraktika verstehen. Was machen die Deppen? Ich hab während meiner Studienzeit noch in jedem Praktikum Geld verdient. Wenn man nicht einmal erkennt, wenn man mehrfach, systematisch und fahrlässig aufs falsche Pferd gesetzt hat (jedenfalls was die Bezahlung betrifft)...Kapitalismuskritik ist dann wohl die einzig noch moegliche Kritik.
War das jetzt polemisch und selbstherrlich? ich hoffe doch.

Dem zentralen Punkt von Wolfschlag muss ich allerdings zustimmen: Der Wachstumswahn ist Bullshit, muesste sich aber deshalb schon von selbst erledigen.
Was bleibt ist die schaffende Arbeit und das kulturstiftende Denken und Verhalten von Wenigen. Dem steht eine minder- bis unproduktive Masse gegenueber. Die nichts haben fangen irgendwann Streit bzw. Krieg an oder werden zum Kriegsgrund. Sozialismus, Kapitalismus, was auch immer, alles Schminkversuche am gemeinen menschlichen Antlitz. Nach der Party ist der Lack dann mal ab. Bis zur naechsten Party.

Ich fahre jeden Morgen und Abend an Slum-artigen "Dorfrandlagen" vorbei. Die Leute dort gehören einer hier in Südosteuropa allseits beliebten Minderheit an. Die waren schon bettelarm zu Kommunistenzeiten und die werden auch noch nach jedweder zukuenftigen gesellschaftlichen Veraenderung bettelarm sein. Es fehlt an jeglicher Voraussetzung zur Teilhabe. Das faengt mit dem Waschen und Zähneputzen an, geht beim puenktlich zur Arbeit Erscheinen weiter und hoert beim Bis-3-zaehlen noch nicht auf. Es gibt sicher auch weniger triviale Voraussetzungen fuer Produktivitaet und Kultur. Wer von Klein auf nur Pfusch und Misthaufen kennt, wird sein Lebtag kein zuverlässiger, sauber und akkurat arbeitender Handwerker. Da stoesst die hiesige Mehrheitsbevoelkerung schon an ihre Grenzen. Ausnahmen bestaetigen die Regel. Abhilfe wuerde zuerst Selbstkritik und verstehen der Gruende fuer den "Reichtum" anderer voraussetzen. Wer will das schon? Erzaehl denen mal, dass sie faule Schlampsäcke sind und selbst schuld an ihrem Elend! Du glaubst nicht wie schnell die Rotten bilden (inklusive Zaunslatten). Man muesste denen das einfühlsamer beibringen und materielle Voraussetzungen beistellen? Die wissen nicht einmal von was Du sprichst.
Lass sie so sein wie sind. Es bleibt der Mensch als Grenze des Moeglichen.

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