Verräterische Sätze – Nachklapp zur 6. ksa

Über den Ablauf der ksa in Frankfurt kann man recht gut nachlesen. Ein paar Details möchte ich an dieser Stelle noch aus unserer Sicht ergänzen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Da wäre zunächst anzu­mer­ken, daß es sich hier um eine Selbst­gra­tu­la­ti­ons­ver­an­stal­tung der übels­ten Sor­te gehan­delt hat: gut­ge­laun­te Podi­ums­teil­neh­mer, die sich gegen­sei­tig duzen (“lie­ber Dany”), die Schul­tern klop­fen über das angeb­lich Erreich­te, die einen poli­ti­schen Was­ser­dampf­slang pfle­gen, der letzt­lich dar­auf hin­aus­läuft, daß Deutsch­land ein Ein­wan­de­rungs­land war, ist und sein wird, daß der Mult­kul­tu­ra­lis­mus nicht nur unver­meid­lich son­dern wün­schens­wert ist, daß “wir” “uns” von “alten Tra­di­tio­nen lösen müs­sen”, also die gan­ze rhe­to­ri­sche Palet­te des ein­fäl­ti­gen “Vielfalt”-Gedöns.

Dann wur­de jovi­al ange­merkt, wie blind die CDU doch Anfang der  Neun­zi­ger Jah­re war, nicht zu begrei­fen, was für ein wich­ti­ges Buch der ver­schmäh­te lin­ke “Revo­luz­zer” doch mit “Hei­mat Baby­lon” geschrie­ben hät­te.  Das wür­de sich aber nun end­lich ändern, nicht zuletzt dank Duz-Freund Armin Laschet und ande­ren pro­gres­si­ven Kräf­ten in der CDU.  Mit ande­ren Wor­ten, es wur­de ein­mal wie­der debat­tiert, wie man an einem (doch gar nicht so schlim­men) Pro­blem her­um­dok­tern soll, das es gar nicht gäbe, wenn nicht irgend­wann jemand auf die Idee gekom­men wäre, den Deut­schen die “Hei­mat Baby­lon” aufzuoktroyieren.

Umso schö­ner, ver­dien­ter und lus­ti­ger war das Spek­ta­kel, das nach etwa einer Vier­tel­stun­de los­brach.  Die Reak­ti­on des Publi­kums war völ­lig hys­te­risch.  Ein wil­des Geschrei brach los, die Leu­te spran­gen von ihren Sit­zen, ein­zel­ne (zumeist weib­li­che) Furi­en ver­such­ten, die Trans­pa­ren­te zu zer­rei­ßen. Als ein paar zor­ni­ge Anwe­sen­de mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund Anstal­ten mach­ten, ihre gelun­ge­ne Inte­gra­ti­on unter schlag­kräf­ti­gen Beweis zu stel­len, hat­te einer der Akti­vis­ten den glück­li­chen Ein­fall, einen Slo­gan von 1989 zu skan­die­ren, was sofort von dem hal­ben Saal auf­ge­grif­fen wur­de: “Kei­ne Gewalt! Kei­ne Gewalt!” Ein älte­rer Herr, offen­bar einer der Ver­an­stal­ter, stand vor dem Podi­um und rief mit erreg­ter Stim­me in den Saal: “Kei­ne Gewalt! Die Poli­zei wird sich um die­se Leu­te küm­mern!” Hin und wie­der gab es sogar Applaus und Zuru­fe von Besu­chern, die nicht zur Akti­vis­ten­grup­pe gehörten.

Cohn-Ben­dit und Armin Laschet, bei­de ver­mut­lich vor­ge­warnt durch einen Tip an die Ver­an­stal­ter, bemüh­ten sich, so regungs­los und gelas­sen wie mög­lich zu ver­har­ren, wie ech­te Polit­pro­fis eben. Nach­dem die ers­te Atta­cke abge­klun­gen war, folg­ten noch wei­te­re ver­ein­zel­te Nach­stös­se von Akti­vis­ten im Publi­kum.  Nach­dem end­lich alle Quäl­geis­ter aus dem Saal waren, blieb nur­mehr ich übrig.  Cohn-Ben­dit begann rou­ti­niert los­zu­schwal­len, um auf das The­ma des Abends abzu­len­ken. Ich griff nun eines unse­rer Flug­blät­ter (mit einer hüb­schen klei­nen und wah­ren Geschich­te über Aus­län­der­ge­walt), ging auf das Podi­um zu, trat dicht an Cohn-Ben­dit her­an und leg­te es ihm vor die Nase. Ich sah ihm ins Gesicht und sag­te in einem bei­läu­fi­gen Ton­fall, sodaß nur er und die Dis­kus­si­ons­teil­neh­mer es hören konn­ten: “Dany, du lügst. Und alle wis­sen es.”

Aus den Augen des Ange­spro­che­nen fun­kel­te es gereizt zurück. Der Saal begann wie­der laut “Raus! Raus!” zu brül­len, auch Laschet ver­lor nun die Beherr­schung und schrie mich an. Wäh­rend mich ein Poli­zist abführ­te, rief mir Cohn-Ben­dit hin­ter­her: “War­um müßt ihr Rech­ten eigent­lich immer sol­che Maso­chis­ten sein?” “Das haben wir doch von dir gelernt!” “Als ich damals gespro­chen habe, haben die Leu­te mir zuge­ju­belt, wenn ihr irgend­wo auf­taucht, wer­det ihr nur aus­ge­buht!” Nun, ver­mut­lich wäre es ihm anno 1968 auch nicht bes­ser gegan­gen, wenn er auf einer Ver­an­stal­tung der CSU auf­ge­kreuzt wäre.

Davon abge­se­hen: was die­sen Mann betrifft, ist das ein über­aus auf­schluß­rei­cher, ja ver­rä­te­ri­scher Satz.  Der Stolz und die Eitel­keit, immer Rücken­wind gehabt zu haben, die da mit­schwin­gen, die Idee, daß Pro­test “maso­chis­tisch” und damit lächer­lich oder sinn­los sei, wenn man mit einer über­wäl­ti­gen­den Gegen­wehr zu rech­nen hat – was sagt uns das über jeman­den, der immer noch als “Revoluzzer”-Ikone von vor­ges­tern gehan­delt wird?

Ein ande­rer Akti­vist hat ihm aller­dings einen noch viel ver­rä­te­ri­sche­ren Satz ent­lockt. Als er vor­ne beim Podi­um stand und den Zip­fel eines Trans­par­ents in der Hand hielt, frag­te ihn Cohn-Ben­dit: “War­um macht ihr das?” “Weil Sie mit­ver­ant­wort­lich sind, daß unser Land zer­stört wird.” “Wie­so denn ‘unser Land’?” “Ist es denn nicht auch Ihres?” “Ich bin Franzose!”

Ich bin über­zeugt, daß die Leu­te, die an die­sem Tage auf dem Podi­um saßen, ver­ant­wor­tungs­lo­se Zer­stö­rer sind, die im Grun­de wis­sen, was sie tun.  Unser Pro­test ist kei­ne Demons­tra­ti­on  für “die Rech­te” und gegen “die Lin­ke” oder gegen “die Aus­län­der”, hat nichts mit sek­tie­re­ri­schen oder ideo­gi­schen Gra­ben­kämp­fen und Zicken­krie­gen zu tun, auch nichts mit “Alt gegen Jung”, son­dern damit, daß wir die Ver­nunft, die Wirk­lich­keit und die Fak­ten auf unse­rer Sei­te haben.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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