Sezession
25. November 2009

Andi, Ayshe und die Extremisten

Martin Lichtmesz

Andi&GangZwei Dinge voraus:  ich halte die Vorstellung, Jugendliche  mit Propagandamaterial wie einem staatlicherseits produzierten Comic erziehen zu können, für groben Unfug.  Mit solchen Manövern wird die Intelligenz der Zielgruppe beträchtlich unterschätzt.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Die Mischung aus Anbiederung an den (vermeintlichen) Geschmack der Jugendlichen und plumper gouvernantenhafter Belehrung wird in der Regel schnell durchschaut. Die Absicht ist wohl selbst schon für 13, 14jährige beleidigend durchsichtig. Wer glaubt, daß die Angesprochenen auf einen Innenminister eher hören, wenn er ihnen als Mangafigur präsentiert wird, dem ist ohnehin nicht mehr zu helfen.

Zweitens: so sehr es zu begrüßen ist, daß nun auch einmal der Linksextremismus (und der Islamismus) stärker ins Visier kommen, so wenig sehe ich mich imstande, jene "Mitte" in ihrer jetzigen Form zu verteidigen, die sich mit diesen Maßnahmen der extremistischen Ränder erwehren will.  Denn abgesehen von dem Verweis auf die Gewalttaten dieser Lager, macht man es sich zu einfach, wenn man meint, man müsse lediglich deren weltanschaulichen Hintergrund ächten oder gar kriminalisieren. Vielmehr müssen extremistische Phänomene als Symptome verstanden werden, die auf ernste Mißstände der realexistierenden "Grundordnung" hinweisen, besonders wenn diese längst von parteiischen Interessen gekapert wurde. Es wäre irrig anzunehmen, daß sich die "Extremisten" mit ihrer radikalen Kritik am Status Quo stets automatisch im Unrecht befänden.

Sofern das "Extremismus"-Modell also dem rechten Flügel des politischen Spektrums mehr Freiraum und eine prinzipielle Legitimation verschafft, ist es zu begrüßen; sofern es bestimmte politische Machtverhältnisse und Deutungshoheiten festschreiben und verabsolutieren will, ist es eine mehr als zweifelhafte Angelegenheit. Der heftige politische Widerstand gegen dieses Modell auf Teilen der Linken hat beide Aspekte als Motiv, während die Rechte sich Vorteile erhofft und momentan eher dazu neigt, den Köder zu schlucken. Das könnte sich allerdings als Fehler erweisen.

In dieser Hinsicht ist die Lektüre der vom Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen herausgegebenen Comic-Serie "Andi" überaus aufschlußreich. "Andi" verteidigte die "demokratischen Werte" bisher gegen "Rechtsextremismus" und "Islamismus", nun wird auch noch ein Band gegen "Linksextremismus" nachgeschoben. Dabei sieht das Casting der Serie so aus, daß der Schüler "Andi" als blonder und blauäugiger Deutscher quasi die "Leitkultur" repräsentiert, während ihm zur Seite gleich zwei Jugendliche mit türkischem "Migrationshintergrund" stehen: Murat mit Ghetto-Kopfsocke und Oberlippenbärtchen und seine resolute, "emanzipierte" Schwester Ayshe mit dem Kopftuch (!!, und in die Andi natürlich schwer verliebt ist).  Zusammen mit Ben (lila Haare, "steht auf harten Sound und bringt die Party auf den Start") sind die "Guten" in einem Verhältnis zu 50:50 deutsch-türkisch: die Gesellschaft, die sie repräsentieren und verteidigen ist also eine multikulturell gemischte.

Die "Bösen" im ersten Band sind eine Gruppe "Rechter", blond, kurze Haare, Bomberjacken und mit kernig deutschen Namen: "Magda, Norbert und Eisenheinrich".  Die pädagogische Rhetorik des Bandes ist sattsam bekannt: die "Rechtsextremisten" sind primitiv und häßlich, "menschenfeindlich", "menschenverachtend",  sie "hetzen" und wollen ständig irgendjemanden "ausgrenzen", das alles freilich ohne einen erkennbaren rationalen Grund. Zwischendurch wird ausgiebig Martin Luther King zitiert und der Leser aufgeklärt, daß Deutscher ist, wer einen deutschen Paß besitzt, daß es Einwanderung immer schon gegeben hat und daß "in Deutschland geboren zu sein keine automatischen Vorrechte mit sich bringt".

FDGO

In Band zwei treten Andi & Co gegen den Islamismus an. Diesmal gibt es einen Schüler namens Harun, der "Demokratie und Gleichheit" auf der Grundlage des Islam ablehnt. Murat gerät in Versuchung, sich von Harun zum Islamismus bekehren zu lassen, weil er sich wegen abgelehnter Bewerbungen "diskriminiert" fühlt.  Bald beginnt er "antiwestlich" und "antizionistisch" zu argumentieren und seine Schwester zu gängeln, weil sie mit Andi ins Kino gehen will.  Als Harun Gewalt gegen Ayshe anwendet, wendet er sich von ihm ab.  Zwischendurch wird der Leser informiert, daß die Islamisten nur eine kleine böse Minderheit sind, es im Islam an sich aber massig Meinungsvielfalt und Toleranz gibt.

Islamist


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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