Sezession
27. November 2009

Preußische Amtsradiergummis, bayerische Märchenschlösser und demokratische Goldfüller

Gastbeitrag

teuervon Baal Müller

Vor einiger Zeit hörte ich mal von einem preußischen Beamten -- dem Vater eines Geschichtsprofessors, bei dem ein schon etwas älterer Freund studiert hatte --, daß dieser sich seinen Privatradiergummi gewöhnlich mit ins Büro genommen hat, um den Amtsradiergummi, für den schließlich die Allgemeinheit aufkommen mußte, nicht unnötig abzunutzen.

Das war noch zu Kaisers Zeiten. Heute, in der Demokratie, sollten die Staatsbediensteten wohl erst recht so denken - und ganz besonders natürlich die Abgeordneten, die ja vom Volk gewählt sind und mittelbar in dessen Auftrag die Steuergelder verwalten.

Komisch, was aber in den letzten Tagen hier und da durch die Medien sickerte: 115 Bundestagsabgeordnete haben in den Monaten vor der Bundestagswahl für insgesamt 68 800 Euro 396 edle goldene Füller und Kugelschreiber der Nobelmarke Montblanc geordert -- auf Kosten des Steuerzahlers, versteht sich. Ihre eigenen Füller haben die Abgeordneten nicht mitgebracht, um die Behördenfüller nicht abzunutzen, sondern sie haben stattdessen fleißig Behördenfüller eingesackt (und besonders kräftig haben gerade auch solche Abgeordneten zugelangt, die damit rechnen mußten, in dieser Legislaturperiode dem Bundestag nicht mehr anzugehören).

Sicher, das ist alles nichts Neues. Für solche Peanuts flogen auch schon Minister mit Bundeswehrhubschraubern zu Privatbesuchen - und was sind schon knapp 70 000 Euro verglichen mit den Milliarden, die für andere Zwecke rausgeschmissen werden? Aber irgendwie geht es ja "um's Prinzip", genauer gesagt, um die Frage, warum es gerade demokratische Gesellschaften sind, deren gewählte Vertreter sich so gerne an dem Steuergeld, das sie von anderen erheben, bereichern?

Natürlich kann man nun auf Monarchen verweisen, die die öffentlichen Kassen für ihre Prunkbauten plünderten, aber manche dieser Schlösser ziehen heute immerhin jedes Jahr Millionen Besucher an - man denke etwa an die Märchenschlösser des bayerischen Königs Ludwigs II. - und bescheren dem heutigen Staat üppige Einnahmen, so daß die Demokratie nicht nur in dieser Hinsicht (man denke an den Verfall der allgemeinen Bildung) von dem zehrt, was in vordemokratischer Zeit aufgebaut wurde.

Es sollte doch andersherum sein: Das Volk entsendet seine gewählten Vertreter, die ihm folglich verantwortlich sein müßten - ist es denn nur Zufall, daß diese sich so selten für irgendetwas verantwortlich fühlen? Liegt es immer nur am Personal bzw. an angeblich "falscher Umsetzung" der "richtigen Theorie" wie im "real existierenden Sozialismus", oder gibt es womöglich doch "systemimmanente" Gründe? Kann es vielleicht damit zusammenhängen, daß sich der gewählte "demokratische" Vertreter für nichts verantwortlich fühlt, weil er bloß ein Funktionär ist, dem im Gegensatz zum Monarchen nichts gehört außer dem, was er in begrenzter Zeit bekommt oder, etwa an Pensionsansprüchen, für die Zukunft erwirbt, und der daher schaut, daß er bis zur nächsten Wahlniederlage möglichst viele Goldfüller einstecken kann? Reicht sein Tellerrand deswegen nur bis zum nächsten Wahltermin?

Hätte Ludwig II. die knapp 70 000 Euro ausgegeben, stünde heute wenigstens irgendein kleines Kunstwerk mehr in einem bayerischen Museum, aber wer wird in hundertzwanzig Jahren einen goldenen Füller aus dem Besitz eines Bundestagsabgeordneten besichtigen wollen?


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