Preußische Amtsradiergummis, bayerische Märchenschlösser und demokratische Goldfüller

von Baal Müller

Vor einiger Zeit hörte ich mal von einem preußischen Beamten -- dem Vater eines Geschichtsprofessors, bei dem ein schon etwas älterer Freund studiert hatte --, ...

 Gastbeitrag

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daß die­ser sich sei­nen Pri­vat­ra­dier­gum­mi gewöhn­lich mit ins Büro genom­men hat, um den Amts­ra­dier­gum­mi, für den schließ­lich die All­ge­mein­heit auf­kom­men muß­te, nicht unnö­tig abzunutzen.

Das war noch zu Kai­sers Zei­ten. Heu­te, in der Demo­kra­tie, soll­ten die Staats­be­diens­te­ten wohl erst recht so den­ken – und ganz beson­ders natür­lich die Abge­ord­ne­ten, die ja vom Volk gewählt sind und mit­tel­bar in des­sen Auf­trag die Steu­er­gel­der verwalten.

Komisch, was aber in den letz­ten Tagen hier und da durch die Medi­en sicker­te: 115 Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te haben in den Mona­ten vor der Bun­des­tags­wahl für ins­ge­samt 68 800 Euro 396 edle gol­de­ne Fül­ler und Kugel­schrei­ber der Nobel­mar­ke Mont­blanc geor­dert – auf Kos­ten des Steu­er­zah­lers, ver­steht sich. Ihre eige­nen Fül­ler haben die Abge­ord­ne­ten nicht mit­ge­bracht, um die Behör­den­fül­ler nicht abzu­nut­zen, son­dern sie haben statt­des­sen flei­ßig Behör­den­fül­ler ein­ge­sackt (und beson­ders kräf­tig haben gera­de auch sol­che Abge­ord­ne­ten zuge­langt, die damit rech­nen muß­ten, in die­ser Legis­la­tur­pe­ri­ode dem Bun­des­tag nicht mehr anzugehören).

Sicher, das ist alles nichts Neu­es. Für sol­che Pea­nuts flo­gen auch schon Minis­ter mit Bun­des­wehr­hub­schrau­bern zu Pri­vat­be­su­chen – und was sind schon knapp 70 000 Euro ver­gli­chen mit den Mil­li­ar­den, die für ande­re Zwe­cke raus­ge­schmis­sen wer­den? Aber irgend­wie geht es ja “um’s Prin­zip”, genau­er gesagt, um die Fra­ge, war­um es gera­de demo­kra­ti­sche Gesell­schaf­ten sind, deren gewähl­te Ver­tre­ter sich so ger­ne an dem Steu­er­geld, das sie von ande­ren erhe­ben, bereichern?

Natür­lich kann man nun auf Mon­ar­chen ver­wei­sen, die die öffent­li­chen Kas­sen für ihre Prunk­bau­ten plün­der­ten, aber man­che die­ser Schlös­ser zie­hen heu­te immer­hin jedes Jahr Mil­lio­nen Besu­cher an – man den­ke etwa an die Mär­chen­schlös­ser des baye­ri­schen Königs Lud­wigs II. – und besche­ren dem heu­ti­gen Staat üppi­ge Ein­nah­men, so daß die Demo­kra­tie nicht nur in die­ser Hin­sicht (man den­ke an den Ver­fall der all­ge­mei­nen Bil­dung) von dem zehrt, was in vor­de­mo­kra­ti­scher Zeit auf­ge­baut wurde.

Es soll­te doch anders­her­um sein: Das Volk ent­sen­det sei­ne gewähl­ten Ver­tre­ter, die ihm folg­lich ver­ant­wort­lich sein müß­ten – ist es denn nur Zufall, daß die­se sich so sel­ten für irgend­et­was ver­ant­wort­lich füh­len? Liegt es immer nur am Per­so­nal bzw. an angeb­lich “fal­scher Umset­zung” der “rich­ti­gen Theo­rie” wie im “real exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus”, oder gibt es womög­lich doch “sys­tem­im­ma­nen­te” Grün­de? Kann es viel­leicht damit zusam­men­hän­gen, daß sich der gewähl­te “demo­kra­ti­sche” Ver­tre­ter für nichts ver­ant­wort­lich fühlt, weil er bloß ein Funk­tio­när ist, dem im Gegen­satz zum Mon­ar­chen nichts gehört außer dem, was er in begrenz­ter Zeit bekommt oder, etwa an Pen­si­ons­an­sprü­chen, für die Zukunft erwirbt, und der daher schaut, daß er bis zur nächs­ten Wahl­nie­der­la­ge mög­lichst vie­le Gold­fül­ler ein­ste­cken kann? Reicht sein Tel­ler­rand des­we­gen nur bis zum nächs­ten Wahltermin?

Hät­te Lud­wig II. die knapp 70 000 Euro aus­ge­ge­ben, stün­de heu­te wenigs­tens irgend­ein klei­nes Kunst­werk mehr in einem baye­ri­schen Muse­um, aber wer wird in hun­dert­zwan­zig Jah­ren einen gol­de­nen Fül­ler aus dem Besitz eines Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten besich­ti­gen wollen?

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