10. Dezember 2009

Alex Kurtagic: Mister

Martin Lichtmesz

MisterAbteilung Entdeckungsreisen: Wer ab und zu auf englischsprachigen rechten Onlinemagazinen wie The Occidental Quarterly, The Occidental Observer oder Takimag surft, wird irgendwann auf den Namen Alex Kurtagic stoßen. Der 1970 geborene Kurtagic ist slowenisch-spanischer Abstammung, und lebt zur Zeit in Großbritannien, wo er ein Label für "Extreme Metal Music" betreibt.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Alternativen Genres der populären Musik wie Black Metal, Neofolk und Martial Industrial, in denen er eine "heidnische und neo-romantische Sensibilität" fortwirken sieht, spricht Kurtagic eine immense metapolitische Bedeutung zu.

Kurtagic hat nun seinen ersten Roman Mister veröffentlicht, den man genremäßig in den dunkleren Abzweigungen der Science-Fiction ansiedeln könnte.  Die dystopische Literatur hatte immer schon einen Drall nach Rechts, aber auch zur Satire:  man denke an Klassiker wie Samjatins Wir, Huxley's Brave New World, Orwells 1984 oder Burgess' A Clockwork Orange, die allesamt die Versklavung, totale Kontrolle und letztlich Auslöschung des Individuums unter dem Banner von Kollektivismus, Fortschritt und Modernisierung anprangern.  Zur näheren Verwandschaft von Mister zählt allerdings auch der 1973 erschienene Roman Das Heerlager der Heiligen von Jean Raspail, der schilderte, wie sich ein geistig entwaffnetes Europa kampflos einer Flut von Immigranten ergibt.

"Die Angst des weißen Mannes" drückt sich schon in dem im Stil von Otto Dix gemalten, cartoonartigen Cover des Romanes aus:  in den Augen des morbid anmutenden, goldblonden und hellblauäugigen Mannes mit der schneeweißen, blutleeren Haut flackern Nervosität und Paranoia, während sich hinter seinem Rücken eine merkwürdige multikulturelle Schar zusammenrottet, unter ihnen ein bärtiger, turbantragender Inder, eine in eine Burka gehüllte Frau, ein Schwarzer und ein Ganzkörpertätowierter unklarer Herkunft, aber auch ein Mann, der Barack Obama, und ein anderer, der David Irving gleicht.

Das Bleichgesicht, dem das Unheil auf die Stirn geschrieben steht, ist der namenlose "Mister" des Titels,  der im Madrid des Jahres 2022 aus der Bahn seiner bisherigen Angepaßtheit geworfen wird.  In einem von Einwanderern überschwemmten und durch orwellsche  Antidiskriminierungsgesetze reglementierten Europa gerät der gutsituierte, unpolitische Softwarefachmann in die Mühlen der Political Correctness, die inzwischen in stalinistischen Dimensionen organisiert ist. Durch eine Verkettung von Umständen wird er verdächtigt, mit den onimösen "Esoterischen Hitleristen" in Verbindung zu stehen, einer Art "arischen Al-Kaida", deren Messias Adolf heißt und die an geheime UFO-Stationen in der Antarktis glaubt.  Dabei bleibt offen, ob es diese Terrorgruppe tatsächlich gibt, oder ob sie nur ein Schreckgespenst der Medien ist, ähnlich Orwells "Immanuel Goldstein".

Derlei Ingredienzen sind allerdings nur das fantastische Sahnehäubchen eines Buches, dessen Stärke die präzise und beklemmende Beschreibung einer Zivilisation kurz vor dem Kollaps ist. Kurtagic schreibt wie ein Maler, der seine breite Leinwand solange akribisch mit zahllosen trivialen, grausigen und ekelerregenden Details füllt, bis die klaustrophobische Überfülle den Betrachter zum Schwindeln und Ersticken bringt.  Sein Stil ufert zuweilen bewußt in eine barocke Stakkato-Prosa aus, gespickt mit seltenen Adjektiven, obskuren Fremdwörtern und wissenschaftlichen Fachausdrücken, die imstande sind, noch den sprachkundigsten Leser in den Wahnsinn zu treiben.  Bald überträgt sich der céline'sche Ekel und Abscheu des Autors vor dem Chaos, der Masse und den Allzu-Vielen auch auf ihn.

Bereits zu Beginn gerät das Einchecken in ein Flugzeug zu einem nicht enden wollenden Alptraum aus Pannen, Verzögerungen, bürokratischen Absurditäten und menschlicher Inkompetenz. Angekommen im multikulturellen Madrid, einem wahren Babylon an Sprachen, Rassen, Ethnien, Lebensstilen, in dem Gewalt, Betrug und Verbrechen ominpräsent sind, werden jede Taxifahrt und jeder Gang auf der Straße zum Spießrutenlaufen. Telefone funktionieren ebensowenig wie die Nahrungsmittelversorgung, die Kommunikation zwischen den "Diversen" ist zum Ding der Unmöglichkeit geworden, während die sozialen Umgangsformen kaum mehr vorhanden sind. Um das Gefühl der Verlorenheit in einem fremden Land noch zu unterstreichen, beläßt Kurtagic die spanischen Dialoge "unsynchronisiert" und versieht sie mit "Untertiteln", die man in den Fußnoten nachlesen muß.

Die "Vielfalt", die sich die multikulturellen Einfaltspinsel als eine große Regenbogenparty vorstellen, ist in Mister zum wildwuchernden sozialdarwinistischen Dschungel mutiert, in dem jeder des anderen Wolf ist. Dem gegenüber steht eine immer rigidere Rationalisierung und Reglementierung von oben. Die brodelnde "diversity" wird nur mehr durch kafkaeske, dickleibige Konvolute von Verordnungen zusammengehalten, die sich vornehmlich aus radikalisierter PC, gedankenpolizeilichen Maßnahmen und multiplen Besteuerungen speisen.  Eine typische deskriptive Passage aus Mister liest sich etwa so:

Architekten mit abgehobenen sozialistischen Ideen hatten über Jahrzehnte hinweg die Landschaft zubetoniert, die Ökosysteme ausgelöscht, seltene Tier- und Pflanzenarten ausgerottet, Ornithologen arbeitslos gemacht, und die Luft mit Kohlenwasserstoff, Kohlenmonoxid, Stickoxiden, Dieselruß und Aerosolen wie Sulfaten, Silikaten, Aschepartikeln und Metallabrieb verpestet. Riesige Wohnblocks und dichtgepackte Wolkenkratzer-Komplexe waren im Namen eines sozialistischen Utopia errichtet worden, in dem die Menschen innerhalb einer monolithischen und omnipräsenten Logik von Äquivalenz und Wiederholung existierten, als gleich-wertige und austauschbare Teile der sozialen Maschine, ohne Ansehen der Rasse, des Geschlechts, der Größe, des Glaubens oder der sexuellen Ausrichtung. Aber die Utopie war gescheitert. Eingezwängt in die modernistischen Schuppen, hatte ein schnellwachsendes Lumpenproletariat aus arbeitsunfähigem Ausschuß, vulgären Schnorrern, verstörten Einzelgängern, tätowierten Spinnern, betrunkenen Frauenschlägern, selbstverstümmelten Körper-"Künstlern", defekten Schwächlingen, sedierten Drogensüchtigen, illegal eingewanderten Schwarzarbeitern, affenartigen Prostituierten, klebstoffschnüffelnden Schulschwänzern, religiösen Fanatikern und politischen Desperados  Lebensbedingungen verursacht, die die dutzenden, ineinander verketteten Gebäude in modernde Kloaken aus gewalttätigem Verbrechen und  menschlicher Degeneration verwandelt hatten.

Generellen Abrechnungen wie dieser folgen zum Teil grotesk-komische Szenen, in denen der "Mister" mit den Segnungen der "diversity" persönlich in Konflikt gerät. Das beunruhigende und gewalttätige Bild, das der Autor von einem "multikulturalisierten" und "brasilianisierten" Europa der nahen Zukunft zeichnet, ist zum Großteil aus eigener Anschauung gewonnen.  Aufgrund des Berufs seiner Eltern hat Kurtagic große Teile seiner Kindheit und Jugend in Lateinamerika verbracht; seine dort gemachten Erfahrungen, die man hier nachlesen kann, lieferten den Rohstoff seines Romans.

Allein die alptraumhafte, akribische Intensität, mit der Kurtagic die Fragilität unseres westlichen Lebensstandards und die Folgen seiner Unterhöhlung durch den Liberalismus zeigt, macht Mister zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis. Wie Jean Raspail in Heerlager der Heiligen, läßt es sich Kurtagic jedoch nicht nehmen, die Tragödie in ein schwarzes Satyrspiel zu verwandeln und seinen Roman mit einem gehörigen Schuß sardonischen Humors zu versehen. Angesichts der jetzt schon absurden Exzesse der PC, die die Welt von Mister gar nicht so fern erscheinen lassen, gilt wohl das Difficile est satiram non  scribere.

Etwas irritierend mögen auf Unvorbereitete die häufigen, etwas "inzestuösen" Insider-Anspielungen des Buches wirken.  Neben Promis wie dem schon erwähnten David Irving und einem Barack-Obama-Doppelgänger läßt Kurtagic via Cameo oder name dropping viele seiner geistigen Inspiratoren und Freunde auftreten:  etwa den Evolutionspsychologen Kevin MacDonald, den kroatisch-amerikanischen Schriftsteller Tom Sunic und den "National-Anarchisten" und Kopf der Neofolk-Gruppe H.E.R.R. Troy Southgate, die sich auf dem Buchrücken auch allesamt mit anerkennenden bis begeisterten Statements zitieren lassen.

Gewollt skurril ist der Name des Verlages, der auf eine finnische Science-Fiction-Parodie anspielt: Iron Sky Publishing schmückt sich mit einer "Reichsflugscheibe" und charakterisiert sein Verlagsprogramm folgendermaßen: "Alternative history, dystopian, apocalyptic, and post- apocalyptic fiction and science fiction, approached from an anti-Modern, anti-liberal perspective, and with an emphasis on European culture and identity."  Man sollte sich von etwas kindischen Marketing-Gags dieser Art aber nicht täuschen lassen: Mister ist eine gleichermaßen beklemmende wie unterhaltsame und anregende Lektüre - vorerst leider nur im Original greifbar und nur Lesern zu empfehlen, die die Sprache wirklich sehr gut beherrschen.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


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