Ach, Käpt’n – Oxfords 1968 kommt spät

PDF der Druckfassung aus Sezession 84/Juni 2018

Wäh­rend man sich an vie­len deut­schen Uni­ver­si­tä­ten von min­des­tens jedem fünf­ten Stu­den­ten pro­blem­los vor­stel­len kann, daß er im AStA enga­giert sei und dort eine »kri­ti­sche Mei­nung« ver­tre­te, wir­ken die Stu­den­ten von Oxford in gro­ßer Mehr­heit wie Lordsöh­ne oder zumin­dest wie roman­ti­sche, welt­ver­lo­re­ne Dich­ter. Die inter­na­tio­na­le diver­si­ty ist hier in der Tat außer­or­dent­lich groß: Aus aller Welt kom­men Stu­den­ten, um hier zu ler­nen und zu forschen.
Der renom­mier­te Debat­tier­club Oxford Uni­on brüs­tet sich mit sei­ner unge­heu­ren diver­si­ty und sei­ner ega­li­tä­ren Auf­fas­sung: Nicht nur ehe­ma­li­ge Schü­ler von Eton und Har­row sind in den Chef­pos­ten ver­tre­ten – nein, eben­so Schü­ler der (nicht min­der erst­klas­si­gen und stein­rei­chen) Pri­vat­schu­len von West­mins­ter, St. Paul’s oder Winchester.
Ansons­ten tritt die Viel­falt inner­halb der Uni­ver­si­tät nicht so klar zuta­ge, wie man sich das als visio­nä­rer Stu­dent viel­leicht wün­schen wür­de. Mög­li­cher­wei­se ver­ber­gen vie­le der grüb­le­risch wir­ken­den, Bar­bour­ja­cken tra­gen­den wei­ßen Stu­den­ten nur, daß sie in Wahr­heit eine flui­de sexu­el­le Iden­ti­tät besit­zen, das Estab­lish­ment schei­ße fin­den und am liebs­ten die alten Bunt­glas­fens­ter in der Haupt­bi­blio­thek kurz und klein schlü­gen, aber es ist doch über­ra­schend, daß das Gesamt­bild in den Biblio­the­ken und Col­leges so wenig von Men­schen, die offen und sicht­bar zu sol­chen Ein­stel­lun­gen ste­hen, geprägt ist.

Die Oxford Uni­ver­si­ty Stu­dents Uni­on – der AStA von Oxford – moniert schon seit vie­len Jah­ren die Miß­stän­de in die­ser Hin­sicht. Immer noch sind in vie­len Socie­ties Frau­en unter­re­prä­sen­tiert; immer noch lei­den Mit­glie­der der LGBTQ-Com­mu­ni­ty unter Dis­kri­mi­nie­rung und Stig­ma­ti­sie­rung; immer noch wer­den black peo­p­le als »anders« betrach­tet; immer noch gibt es an vie­len der (aus dem 13. Jahr- hun­dert stam­men­den) Gebäu­de kei­nen Zugang für Roll­stuhl­fah­rer; immer noch wei­gern sich eini­ge Dozen­ten und Stu­den­ten, ihr Rede­ver­hal­ten zu gen­dern und bei­de Pro­no­mi­na – he or she – zu ver­wen­den; immer noch ist der Anteil der Stu­den­ten mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund zu gering; immer noch kön­nen sich vie­le Arbei­ter­kin­der ein Stu­di­um in Oxford nicht leis­ten; immer noch hän­gen in man­chen Col­leges Kreu­ze und Mari­en­bil­der; immer noch exis­tie­ren exklu­si­ve Socie­ties, die in den uralten Wein­kel­lern unter den Col­leges ihre eli­tä­ren Ver­samm­lun­gen abhal­ten … mit ande­ren Wor­ten: Die Situa­ti­on ist verheerend.

Das Schlimms­te ist wohl, daß vie­le der Stu­den­ten das gar nicht zu bemer­ken schei­nen (der Ver­blen­dungs­zu­sam­men­hang läßt grü­ßen!) – und wei­ter­hin im aca­de­mic gown zum Examen erschei­nen, wo doch jeder ver­nünf­ti­ge Visio­när weiß, daß die­se uni­for­me Klei­dung ein Inbe­griff von Hier­ar­chie, Eli­te und Tra­di­ti­on und somit ver­ab­scheu­ens­wür­dig ist.

Die Stu­dents Uni­on arbei­tet also schon lan­ge dar­an, das zu ändern. Nun wur­de vor knapp zwei Wochen die Libe­ra­ti­on Visi­on durch­ge­setzt, eine Art Ermäch­ti­gungs­ge­setz, das den Welt­an­schau­ungs­ka­non der Uni­on erneut fest­stellt, Kri­tik an den Sta­tu­ten prin­zi­pi­ell aus­schließt und jede Rück­ru­fung die­ser »Visi­on« – die äußerst kon­tro­vers dis­ku­tiert wur­de – ver­hin­dert. Eine gan­ze Rei­he von uni­ver­si­tä­ren Grup­pen wird da- bei direkt ange­grif­fen; haupt­säch­lich christ­li­che Socie­ties sol­len in Zukunft auf diver­sen »Märk­ten der Mög­lich­kei­ten« kei­nen Stand mehr bekom­men, und die Uni­on ver­spricht, sich in jeder mög­li­chen Wei­se für Rede- und Exis­tenz­ver­bo­te sol­cher Grup­pen einzusetzen.

Auf der Home­page der Oxford Stu­dents for Life, einer abtrei­bungs­kri­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on, die von der Libe­ra­ti­on Visi­on stark betrof­fen ist, wird die Abschluß­dis­kus­si­on über die Libe­ra­ti­on Visi­on ein­drück­lich beschrie­ben. Kri­ti­sche Stim­men ließ man nicht zu Wort kom­men, das Pro­gramm wur­de so schnell wie mög­lich durch­ge­boxt, Fra­gen wur­den abge­würgt, und man erklär­te, daß Ver­bes­se­run­gen und Ver­än­de­run­gen an der Visi­on nicht statt­haft sei­en. Gene­rell kennt die Stu­dents Uni­on vie­le Mit­tel, der offe­nen Kon­fron­ta­ti­on mit miß­li­e­bi­gen Mei­nun­gen aus dem Weg zu gehen.

Wer inner­halb der Debat­ten in irgend­ei­ner Wei­se die Ideo­lo­gie in Fra­ge stellt, wird mit bei­na­he sys­te­ma­ti­scher Gewiß­heit der sexu­el­len Beläs­ti­gung beschul­digt. Als im Win­ter letz­ten Jah­res eine Dis­kus­si­ons­run­de der erwähn­ten Oxford Stu­dents for Life von einer femi­nis­ti­schen Spe­zi­al­ab­tei­lung der Stu­dents Uni­on mit ein­stün­di­gem Gebrüll gestört und ver­hin­dert wur­de, gab es einen Rüf­fel von der Uni­ver­si­tät, die Stu­dents Uni­on ent­schul­dig­te sich – um dann mun­ter und unge­hin­dert mit der Unter­drü­ckung der Grup­pe fortzufahren.

Die loka­len Wah­len vor einer Woche brach­ten einen ein­deu­ti­gen Sieg für die Labour Par­ty; die Libe­ral Demo­crats und die Green Par­ty sind eben­falls in den Stadt­rat ein­ge­zo­gen. Die Kon­ser­va­ti­ven haben nicht einen ein­zi­gen Sitz im City Coun­cil erhal­ten. Wer von den Leu­ten in alt­mo­di­schen Samt­klei­dern und Lei­nen­blu­sen, die mir täg­lich in der Haupt­bi­blio­thek begeg­nen, hat wohl für die Libe­ral Demo­crats gestimmt? Und wer unter die­sen Stu­den­ten, die mit ihren scharf­ge­schnit­te­nen hel­len Gesich­tern wie Dar­stel­ler aus dem Club der toten Dich­ter wir­ken und teil­wei­se aus­se­hen, als wür­den sie im nächs­ten Moment auf ihre Tische stei­gen und »O Cap­tain! my Cap­tain!« aus­ru­fen, hat wohl die Libe­ra­ti­on Visi­on befürwortet?

Die Ant­wort ist ver­mut­lich: kei­ner. Die Wahl­be­tei­li­gung bei den loka­len Wah­len lag bei unter 40 Pro­zent. Und die Stu­dents Uni­on ist so struk­tu­riert, daß von jedem Uni­ver­si­täts­col­lege nur weni­ge Dele­gier­te ein Wahl­recht in Ange­le­gen­hei­ten wie der Libe­ra­ti­on Visi­on besit­zen. Und natür­lich rekru­tie­ren sich die­se Dele­gier­ten aus jener Min­der­heit an bunt­haa­ri­gen Typen, die man im Gesamt­bild der Uni­ver­si­tät zu über­se­hen geneigt ist.

Am Tag des hei­li­gen Georg, des Schutz­pa­trons von Eng­land, wur­de in der katho­li­schen Gemein­de­kir­che der Stadt eines jener herr­lich mar­tia­li­schen eng­li­schen Kir­chen­lie­der gesun­gen. Eine Stro­phe dar­aus lau­tet: »The land of thy love is a desert / Its temp­les and altars are bare / The fin­ger of death is upon it / The foot- prints of Satan are there.«

An trü­ben Tagen domi­niert das Gefühl, daß die Stadt und die Tra­di­ti­on der Uni­ver­si­tät wie von innen her­aus aus­ge­höhlt wer­den. Wie wil­lig wird auch hier eine Ideo­lo­gie akzep­tiert, die die Fun­da­men­te die­ses Ortes in jeder Hin­sicht unter­gräbt und im Grun­de lächer­lich macht? Daß einer, der den gan­zen Tag über in einem Beton­bun­ker sitzt (wie das an vie­len Uni­ver­si­tä­ten ja der Fall ist), auf dum­me Gedan­ken kommt, ist nicht beson­ders erstaun­lich. Aber erzie­hen die­se erha­be­nen Mau­ern hier nicht zu einer kla­re­ren und gesün­de­ren Welt­sicht? Vie­le Stu­den­ten lie­ben in der Tat noch – zumin­dest unbe­wußt – das Erbe jener toten wei­ßen Män­ner, von dem sie Tag für Tag im Ler­nen und Leben zehren.

Aber es ist eben jene Min­der­heit, die von einem tie­fen Ekel an die­sem Erbe an- getrie­ben wird, die sich enga­giert und mit Ent­schlos­sen­heit an der Zer­stö­rung der Tra­di­ti­on arbei­tet. Viel­leicht, so muß man sagen, hat das Den­ken, das hier in den letz­ten Jahr­hun­der­ten gepflegt wur­de, sich sel­ber aus­ge­höhlt. Nun errei­chen wir nach lan­gen Mühen das glor­rei­che Land der Frei­heit – aber um wel­chen Preis?

Das ganz gro­ße The­ma in den letz­ten Mona­ten ist die Sor­ge ver­schie­de­ner Stu­den­ten­or­ga­ni­sa­tio­nen um die stei­gen­de Anzahl von »men­tal health issues« in der Stu­den­ten­schaft. Inner­halb der letz­ten zehn Jah­re ist die Num­mer von psych­ia­tri­schen Krank­heits­fäl­len um das Zehn­fa­che ange­stie­gen. Rührt das womög­lich von einer gewis­sen Über­las­tung, sich sei­ne Iden­ti­tät immer wie­der aufs neue zusam­men­bau­en zu müs­sen? Oder von jener selt­sa­men Span­nung zwi­schen Tra­di­ti­on und Ideo­lo­gie? Im all­ge­mei­nen hat­te Hel­mut Schmidt wahr­schein­lich recht, wenn er emp­fahl, daß, wer Visio­nen hat, zum Arzt gehen sollte. 

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