Mein alter Kumpel Danger Dan

Der Text ist fünf Jahre alt, mindestens. Schrieb ich auf, nachdem Danger Dan todesmutig den Bogen gespannt hatte gegen Höcke, Gauland, mich. Zuletzt forderte er mit seinem Lied "Keine Angst" erneut und von der Kunstfreiheit gedeckt zur Gewalt gegen rechte Politiker und Publizisten auf und suhlte sich am Klavier in der für uns alle erstrebenswerten, multikulturellen Gesellschaft.

Nun gab er zu, daß er sein Kind in eine nicht-migrantische Schule eingeklagt habe. Er macht das kapitalistische System dafür verantwortlich: es lasse solches Handeln zu, ermögliche es denen, die das nötige Kleingeld mitbrächten. Wie schreibt Sellner? Charakterwrack. So ist er, der "Pfütze".

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

Die Sache ist locker zehn Jah­re her. Mein alter Kum­pel Dan­ger Dan hing damals in Aachen fest, alles Coo­le war aus sei­nem Gesicht verschwunden.

Grund dafür war, daß Papa Dan, also: der Päd­ago­gik­pro­fes­sor Lud­wig Pon­gratz, mit sei­ner Eme­ri­tie­rung aus Darm­stadt nach Aachen zurück­ge­zo­gen war und den Pro­be­raum sei­ner Söh­ne beschlag­nahmt hat­te, um sei­ne Bera­tungs­pra­xis für Bull­shit-Jobs auf soli­de­re Füße zu stel­len. Also prob­te man wie­der in Dan­gers Kin­der­zim­mer, das sich wie­der­um in einer für stra­ßen­na­he Hip­Hop­per zu schi­cken Vil­la befand.

Kann man zwi­schen Nuß­holz­re­ga­len und Bult­haup-Küche tan­zen und sich als der Letz­te insze­nie­ren, der das Letz­te für mehr Gerech­tig­keit und­so­wei­ter zu geben bereit wäre? Kann man nicht, eigent­lich, aber was soll man machen, wenn man sonst nichts kann?

Dan­ger, der, seit ich ihn ken­ne, den Charme eines öli­gen Dea­lers aus­strahlt, konn­te so etwas, also: nur das. Er war ange­trun­ken, als er mir die Tür auf­mach­te. Er roch wie immer nach Schwanz und Bier und hat­te gera­de eine Aus­ein­an­der­set­zung mit sei­nem Vater hin­ter sich: Irgend­et­was wür­de der Herr Pro­fes­sor doch für ihn tun kön­nen, irgend­wel­che Bezie­hun­gen müß­ten es ihm, dem Sohn, doch ermög­li­chen, ein biß­chen was abzugreifen.

“Nichts hat geklappt bis­her”, sag­te Dan­ger, und ich mach­te ein Späß­chen: “Paßt gut zu Dei­nen ver­heul­ten Augen, Pfüt­ze.” Pfüt­ze nann­ten wir ihn, weil bei ihm eine Pfüt­ze Bier aus­reich­te, um ihn in eine melan­cho­li­sche Susi zu verwandeln.

Ein klei­ner, ange­deu­te­ter Leber­ha­ken war die Fol­ge, mehr pas­sier­te nie, das war ihm wich­tig: Dan­ger ver­trug rein gar nichts, weder am Tre­sen noch dann, wenn man sich aus Spaß ein paar klatsch­te. “Bloß andeu­ten”, rief er immer gleich zu Anfang, und ich mei­ne, daß er der ers­te war, von dem ich die­sen Spruch höre, der wie für ihn getex­tet schien: “Ich bin raus!”

Also: ange­deu­te­te Ran­ge­lei, ein biß­chen Schat­ten­bo­xen, das bei Dan­ger immer aus­sah wie Luft­gi­tar­re, dann ver­zo­gen wir uns ins Kin­der­zim­mer, wo Dan­ger eine Fla­sche Bier für uns ver­steckt hat­te. An einer Pin­wand: har­te Sprü­che und zwei Tit­ten­bil­der, mit Reiß­zwe­cken durch­bohrt. “Ich ford­re nicht weni­ger als alles”, las ich, und: “Wer nicht tan­zen kann, kann kei­nen Stern gebä­ren”, alles wohl aus dem Kopf notiert, also fast rich­tig, jeden­falls aber mit Bunt­stif­ten auf Post-It-Zet­tel gemalt, die “i” mit Punk­ten aus klei­nen Krei­sen, eine Mäd­chen­schrift, ach Pfütze.

Mei­ne Schu­he stan­den sorg­fäl­tig im Wind­fang, Dan­ger hat­te mich gleich dar­auf hin­ge­wie­sen, kaum war ich in der Tür, und es kam, wie es kom­men muß­te: Ich trat mir eine Nadel ein.

Socken run­ter, Fuß­soh­le gegen das Licht dre­hen, Blut. Neben mir ein krei­de­blei­cher Dan­ger, der mit Wun­den nichts anfan­gen konn­te, obwohl er stän­dig von ihnen sin­gen woll­te. “Muß ich nähen” (glatt gelo­gen), “ich bin raus” (Dan­ger). Dann teil­ten wir uns das Bier, das bei Pfüt­ze gleich anschlug, und ich wuß­te: Dies wür­den wie­der ziem­lich kras­se Stun­den mit leid­lich hell auf­fla­ckern­den Plä­nen wer­den. Danach: viel­leicht noch ein hal­bes Bier, und Erdnüsse.

“Man müß­te mal was rich­tig Kras­ses machen”, (es begann wie immer), “mal so rich­tig von der Büh­ne run­ter, ganz unge­schützt, sozu­sa­gen ohne Kon­dom (hihihi), ohne an die Fol­gen zu den­ken” (krass). “Ich: “Sag doch mal mit­ten im Kon­zert, wenn alle vier­zehn Fans so rich­tig kochen: Ich bin Faschist. Oder kom­pli­zier­ter: Faschis­mus ist akti­ver Pes­si­mis­mus, also was zum Nachdenken.”

Pfüt­ze hat­te auf­ge­hört, sich zum Rhyth­mus, der nur in sei­nem Kopf häm­mer­te, zu bewe­gen. “Krass”, sag­te er. “Ja”, sag­te ich, “kon­trär sozu­sa­gen, also exakt das, was weder dei­ne Eltern noch die Gesell­schaft von dir erwar­ten. Die den­ken ja alle, klar, bei dem Vater, da macht der Dan­ger irgend­was mit Gra­tis­mut und mit Volx­päd­ago­gik, also, er singt gegen rechts und wird dafür gefei­ert, wird her­um­ge­reicht wie ein Joint. Aber was machst du? Du fickst sie alle, zeigst ihnen dei­nen Kol­ben, ziehst mit­ten auf der Büh­ne ein hal­bes Bier weg und erklärst ihnen das mit dem akti­ven Pes­si­mis­mus. Und bevor sie es kapiert haben, schiebst du was Genia­les hin­ter­her, einen Trick, ver­ra­te ich dir, das ist wie eine Haus­rat­ver­si­che­rung: Du sagst das Wort Kunst­frei­heit, dann kön­nen sie dich mal.”

Dan­ger hat­te nur noch mit hal­bem Ohr zuge­hört. In ihm ent­stand längst ein Lied, und als dann die bei­den begab­te­ren Musi­ker sei­ner Band, sei­ner “Gang”, ein­rück­ten, kam eine ziem­lich dri­vi­ge Melo­die dazu, die einer bei einer rus­si­schen Band auf­ge­schnappt hat­te. Ich kann mich bloß an die ers­ten paar Zei­len erinnern:

„Nein, ich wäre nicht wild wie ein Tier,
wenn ich nicht Lust hät­te auf ein hal­bes Bier.
Mal die Gren­zen auszuloten,
was erlaubt und was verboten -

Der Refrain war irgend­et­was mit “Scheiß drauf” und “Kunst­frei­heit”, aber das habe ich ver­ges­sen. Was ich nicht ver­ges­sen habe: jah­re­lang schob Dan­ger Dan die­ses Lied, die­sen kras­sen Auf­tritt vor sich her, immer hat­te er eine Aus­re­de: Mal war er fürs Goe­the­insti­tut unter­wegs, um das, was er für deut­sche Kul­tur hielt, auch noch kaputt­zu­ma­chen, und weil Papa und Mama nicht stän­dig neue Jobs von die­ser Sor­te anbah­nen konn­ten, ließ Dan­ger das Lied ste­cken, weil er wuß­te: Danach wür­de er das Taschen­geld nicht mehr so fett ein­strei­chen können.

Ich wan­del­te unse­ren Trink­spruch (hal­be Fla­sche …) von “Ex oder schwul” um in “Lied oder schwul” und schick­te ihm die­sen Wort­laut per SMS zuver­läs­sig fünf Minu­ten vor jedem Auf­tritt auf sein Han­dy. Meist kam ein “paßt heu­te nicht, du” zurück.

Irgend­wann gab ich auf. Wir saßen in einer Knei­pe, Dan­ger hat­te sei­nem Alten zwan­zig Euro aus dem Geld­beu­tel geklaut, das reich­te immer für zwei, drei Run­den “um die Häu­ser”, wie er immer rief, sobald er es aus der Haus­tür geschafft hat­te. An die­sem Abend wet­te­te ich mit Dan­ger, daß er eines Tages im Öffent­lich-Recht­li­chen auf­tre­ten wür­de, und zwar mit einer Num­mer, die so strom­li­ni­en­för­mig und so bil­lig ange­füllt mit Gra­tis­ap­plaus wäre wie sei­ne mitt­ler­wei­le zurück­ge­gel­te Fres­se. (Jaja, wir waren derb mit­ein­an­der, Män­ner halt.)

Ange­deu­te­ter Leber­ha­ken, dann: “Hal­be Tan­tie­me, hal­bes Bier?” – Er, voll in Fahrt, schiel­te kurz auf sein Glas: “Ex oder schwul!” Wir schlu­gen ein, er hobel­te den letz­ten Schluck durch die Keh­le, ohne abzu­set­zen, und war so in Fahrt, daß er mit einem wei­te­ren, vol­len Glas auf­trumpf­te. Ich kipp­te einen Kla­ren dazu, als er zum Pin­keln ging. Wie immer hat­te er sich dazu hin­ge­setzt, wie immer nicht ordent­lich abge­schüt­telt. Er kam zurück an den Tisch und zog eine Schwa­de aus Ammo­ni­ak hin­ter sich her. Dann setz­te er an.

Nach­dem ich sei­ne Kot­ze halb­wegs auf­ge­wischt und dem Wirt einen Zeh­ner dazu­ge­legt hat­te, schaff­te ich ihn zurück in sein Kin­der­zim­mer. Spä­ter ver­lo­ren wir uns aus den Augen.

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

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Kommentare (1)

Götz Kubitschek

12. April 2021 10:17

so, schluß mit der kunstfreiheit.

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