Was wollte eigentlich … Rudolf Heß?

PDF der Druckfassung aus Sezession 101/ April 2021

von Ste­fan Scheil

»Am Vor­mit­tag, mit dem Pre­mier­mi­nis­ter aus dem Par­la­ment zurück­ge­kehrt, sah ich einen Bericht über die Unter­re­dung, die Kirk­pa­trick mit Heß geführt hat. Nur Eden, Att­lee und Bea­ver­brook wer­den ihn lesen. Aus dem Bericht geht her­vor, daß Heß kein Ver­rä­ter ist, son­dern auf­rich­tig glaubt, er kön­ne uns davon über­zeu­gen, daß der Krieg nicht zu gewin­nen und ein Kom­pro­miß­frie­den zu errei­chen ist.«

Mit die­sen Wor­ten faß­te Win­s­ton Chur­chills Pri­vat­se­kre­tär John Col­ville am 13. Mai 1941 die neu­ent­stan­de­ne Lage tref­fend zusam­men. Nur drei Tage vor­her war am 10. Mai mit Rudolf Heß kei­ne gerin­ge­re Per­son als der offi­zi­ell zwei­te Mann des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­lands auf die bri­ti­schen Inseln geflo­gen. Er kam frei­wil­lig und konn­te aus gutem Grund anneh­men, daß es Ver­hand­lun­gen geben wür­de. Davon soll­te aus Chur­chills Sicht mög­lichst nie­mand erfah­ren, die bri­ti­sche Öffent­lich­keit sowie­so nicht, und von den bri­ti­schen Ver­ant­wort­li­chen auch nur der inners­te Kreis.

Für die eng­li­sche Regie­rung war die plötz­li­che Anwe­sen­heit von Heß Geschenk und Pro­blem zugleich. Einer­seits konn­te sein Flug als Schwä­che in der deut­schen Füh­rung dar­ge­stellt wer­den und wür­de damit einen Aus­gleich für die aktu­ell schlech­te Lage in Eng­land selbst her­ge­ben kön­nen. Im bis­he­ri­gen Kriegs­ver­lauf hat­te man jede Aus­ein­an­der­set­zung mit deut­schen Trup­pen zuver­läs­sig ver­lo­ren. Gera­de in die­sen Tagen muß­te auch noch Grie­chen­land geräumt wer­den, nach­dem nur Wochen zuvor stolz und öffent­lich ver­kün­det wor­den war, man habe die Deut­schen in einen Bal­kan­krieg gezwun­gen, den sie nicht woll­ten. Das bri­ti­sche Publi­kum murr­te. Hier konn­te die Ankunft von Rudolf Heß das dunk­le Bild etwas auf­hel­len. Die Aus­sicht auf einen Kom­pro­miß­frie­den jedoch wür­de vie­len Bri­ten attrak­tiv vor­kom­men. Das war ein Problem.

Unter die­sen Umstän­den gab Pres­se­ma­gnat Lord Bea­ver­brook nach Lek­tü­re des oben­ge­nann­ten Berichts per­sön­lich die Wei­sung an die bri­ti­sche Pres­se aus, über den Heß-Flug »so vie­le Spe­ku­la­tio­nen, Gerüch­te und Gere­de zu ver­brei­ten, wie nur mög­lich«. Dabei soll­te auf­trags­ge­mäß der Ein­druck erweckt wer­den, Heß wäre wegen eines Streits in der deut­schen Füh­rung und aus Angst um sein Leben nach Eng­land geflo­hen. Da an die offi­zi­el­le deut­sche Ver­si­on einer geis­ti­gen Ver­wir­rung sowie­so nie­mand glaub­te, bot man hier immer­hin einen halb­wegs ratio­na­len Grund für das Gesche­hen an. Poli­ti­sche Hoff­nun­gen soll­ten sich in die­sem Nebel an Des­in­for­ma­ti­on jeden­falls gar nicht erst bil­den. Jedoch erwies sich das Volk wie­der ein­mal als schwer zu täu­schen. Trotz aller Fehl­in­for­ma­tio­nen mel­de­te das bri­ti­sche Infor­ma­ti­ons­mi­nis­te­ri­um zahl­rei­che Brie­fe, in denen völ­lig rich­tig Mut­ma­ßun­gen dar­über ange­stellt wur­den, daß Rudolf Heß nicht ohne plau­si­blen Grund nach Eng­land geflo­gen sei und es in Wahr­heit vor­her eben doch Kon­tak­te zwi­schen eng­li­schen und deut­schen Stel­len gege­ben habe.

Mitt­ler­wei­le weiß man eini­ges über die­se Vor­gän­ge vor dem Mai 1941, wenn auch wie üblich nicht alles. Die in Groß­bri­tan­ni­ens Archi­ven wei­ter­hin unver­dros­sen gesperr­ten Akten­tei­le zum »Heß-Flug« wer­den mit eini­ger Wahr­schein­lich­keit kei­ne wesent­lich neu­en Erkennt­nis­se brin­gen. Ihre Sper­rung darf man wohl eher als Ablen­kungs­ma­nö­ver vom Offen­sicht­li­chen inter­pre­tie­ren: Die deut­schen Ange­bo­te für irgend­ei­ne Form von Kom­pro­miß­frie­den waren zwi­schen 1939 und 1941 zahl­reich. Sie blie­ben alle ohne ernst­haf­te Ant­wort, da man in Lon­don zu Recht der Mei­nung war, den Krieg gewin­nen zu kön­nen, wenn man ihn nur lang genug füh­re. Euro­pa wür­de dabei in Schutt und Asche gelegt wer­den, aber die­ser Preis war eben zu zahlen.

Eine inter­es­san­te Stel­le deu­tet dar­auf hin, daß sich Rudolf Heß als Gei­sel zur Ver­fü­gung stel­len woll­te, um Ver­hand­lun­gen mög­lich wer­den zu las­sen. Als der Krieg zu Ende ging, saß man im April 1945 in Lon­don erneut zusam­men. Sekre­tär Col­ville notier­te, wie Pre­mier Chur­chill über die mög­li­chen letz­ten Aktio­nen Adolf Hit­lers spe­ku­lier­te: »Hit­ler könn­te den Trick von Heß wie­der­ho­len und etwa fol­gen­des sagen: ›Ich bin ver­ant­wort­lich. Übt Rache an mir, aber ver­schont mein Volk‹.« Dann wer­de man Hit­ler eben wie­der mit dem Fall­schirm über Deutsch­land abwer­fen müs­sen, mein­te die Her­zo­gin von Marlborough.

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