Nachzügler, wortgewaltig: Sloterdijks Geschick

PDF der Druckfassung aus Sezession 122/ Oktober 2024

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph.

Wer sei­nen Vor­trag »Regeln für den Men­schen­park« nennt, will pro­vo­zie­ren. Denn er rührt bereits mit dem Titel am Selbst­ver­ständ­nis des post­mo­der­nen Men­schen, der sich frei, mün­dig und unge­bun­den wähnt.

Hin­zu kommt, auch wenn die Häpp­chen­kul­tur vor 25 Jah­ren noch nicht so aus­ge­prägt war, daß sich ein Schlag­wort oft ver­selb­stän­digt oder gleich für die Sache genom­men wird. Die Argu­men­ta­ti­on tritt dann in den Hin­ter­grund oder wird gar nicht mehr wahr­ge­nom­men. Peter Slo­ter­di­jk hat sich, nach­dem die Debat­te um sei­nen Text gro­tes­ke For­men annahm, über die »gewohn­heits­mä­ßi­gen und gewerbs­mä­ßi­gen Miß­ver­ste­her« beklagt und ist damit hin­ter sei­ne eige­ne Dia­gno­se der Gegen­wart zurückgefallen.

Denn Slo­ter­di­jks kon­sta­tiert das Ende des Huma­nis­mus, den er als eine Epo­che begreift, in der ein Lek­tü­re­ka­non dafür sorg­te, daß der Mensch nicht des Men­schen Wolf wird: »Huma­nis­mus als Wort und Sache hat immer ein Woge­gen, denn er ist das Enga­ge­ment für die Zurück­ho­lung des Men­schen aus der Bar­ba­rei.« Damit ist nicht nur gesagt, daß die­se Mög­lich­keit der Zäh­mung aus­fal­le, son­dern vor allem, daß der Mensch gezähmt wer­den müs­se. Für Slo­ter­di­jk ist es Heid­eg­ger, der zum ersten­mal die­ses Ende der huma­nis­ti­schen Epo­che fest­stell­te und damit einen »trans-huma­nis­ti­schen oder post-huma­nis­ti­schen Denk­raum« eröffnete.

Was dar­aus folgt, ist umstrit­ten und The­ma des zwei­ten Teils des Vor­trags: »Was zähmt noch den Men­schen, wenn der Huma­nis­mus als Schu­le der Men­schen­zäh­mung schei­tert?« Nicht gewiß ist, ob Slo­ter­di­jk eine Ant­wort geben könn­te. In jedem Fall aber zeugt es von einer gewis­sen Inkon­se­quenz Slo­ter­di­jks, wenn er das Ende der guten Manie­ren mit mar­ki­gen Wor­ten fest­stellt und sich gleich­zei­tig beklagt, daß sei­ne Geg­ner kei­ne guten Manie­ren haben.

Die­ser man­geln­de Ernst zeich­net die Gegen­warts­deu­tun­gen von ­Slo­ter­di­jk von jeher aus. Davon unbe­ein­träch­tigt ist aller­dings sei­ne Fähig­keit, mit­un­ter die rich­ti­gen Fra­gen zu stel­len. Ich mei­ne damit nicht sei­ne rau­nen­den Andeu­tun­gen über die selek­ti­ven Mög­lich­kei­ten der Gen­tech­nik, die sei­ner­zeit für einen Sturm im Was­ser­glas sorg­ten, son­dern sei­ne Zuspit­zung der Fra­ge, wie sich eine Gesell­schaft for­miert bzw. ob sie for­miert wird, und wenn ja, von wem ange­lei­tet, ange­führt? Damit ver­bun­den ist die Fra­ge nach der Mün­dig­keit: Ist der Mensch ein Wesen, das selbst dar­über (mit-)bestimmt, in wel­chen Ver­hält­nis­sen es lebt, oder ist es einer höhe­ren Macht unterworfen?

Seit Pla­ton, so Slo­ter­di­jk, sind

Reden in der Welt, die von der Men­schen­ge­mein­schaft spre­chen wie von einem zoo­lo­gi­schen Park, der zugleich ein The­men-Park ist; die Men­schen­hal­tung in Parks oder Städ­ten erscheint von jetzt an als eine zoo­po­li­ti­sche Aufgabe.

Nach­den­ken über Poli­tik sei ein Nach­den­ken über die­se Regeln in Menschenparks.

Das Para­dox, das es zu lösen gel­te, sei die Fra­ge des Unter­schieds zwi­schen den Hir­ten und den Scha­fen und wie sich das Ver­hält­nis poli­tisch gestal­ten läßt. Es geht um »die aktu­el­le Ungleich­heit der Men­schen vor dem Wis­sen, das Macht gibt.«

Das Stich­wort »Park« ent­hält vie­le Impli­ka­tio­nen. Ein Tier­park etwa wird ange­legt, gepflegt und bewacht. Die dar­in vor­kom­men­den Tie­re sind dort hin­ge­setzt und ihrer natür­li­chen Umwelt und der Mög­lich­keit beraubt, ihren Instink­ten frei­en Lauf zu las­sen. Ins­be­son­de­re die Raub­tie­re haben kei­ner­lei Gele­gen­heit mehr, ihr Raub­tier­sein zu erpro­ben. Mit Nietz­sche geht ­Slo­ter­di­jk davon aus, daß der Mensch durch den Huma­nis­mus (die Moral) sei­ner Instink­te beraubt und domes­ti­ziert wur­de. Der Park ist also der adäqua­te Lebens­raum für Her­den­tie­re, für alle ande­ren ist er eine trost­lo­se Ange­le­gen­heit. Und es ist nicht nur die­se Trost­lo­sig­keit, die uns zum Wider­spruch reizt, son­dern auch unse­re Lebenserfahrung.

Slo­ter­di­jk hat sich in sei­nem Vor­trag mit Pla­ton, Nietz­sche und ­Heid­eg­ger auf mög­lichst gro­ße Auto­ri­tä­ten beru­fen und die­se einer der­art ein­sei­ti­gen Aus­le­gung unter­wor­fen, daß sich die Fra­ge stellt, was ­Slo­ter­di­jk damit errei­chen woll­te, wenn es ihm nicht ledig­lich um Auf­merk­sam­keit ging. Eine Ant­wort fin­det sich in einer Vor­le­sung, die ­Slo­ter­di­jk eben­falls 1999 unter dem Titel »Das Men­schen­treib­haus« gehal­ten hat: Der Begriff »Anthro­po­tech­nik« sei

jüngst in einer umfang­rei­chen Debat­te als Syn­onym für das Kon­zept einer zen­tra­li­sier­ten, stra­te­gisch pla­nen­den Human­bio­tech­nik miß­ver­stan­den und mit den Erre­gun­gen auf­ge­la­den [wor­den], die sich in einer qua­si reli­gi­ös moti­vier­ten Schlacht um den Men­schen mel­den kön­nen. Hin­ge­gen steht der Aus­druck Anthro­po­tech­nik für ein klar umris­se­nes Theo­rem der his­to­ri­schen Anthro­po­lo­gie: Nach ihm ist der Mensch von Grund auf Pro­dukt und kann daher in den engen Gren­zen bis­he­ri­gen Wis­sens nur ver­stan­den wer­den, wenn man sei­nen Pro­duk­ti­ons­ver­fah­ren ana­ly­tisch nachgeht.

»Pro­duk­ti­ons­ver­fah­ren« ist ein typi­sches Slo­ter­di­jk-Wort, das aber selbst unter Bezug­nah­me auf Zäh­mung und Züch­tung nicht unbe­dingt vor­aus­setzt, daß es einen Züch­ter und einen Zäh­mer geben müs­se. Denn die Zäh­mung durch den Huma­nis­mus hat zwar Leh­rern und Geist­li­chen eine beson­de­re Rol­le als Ver­mitt­ler des Wis­sens­ka­nons zuge­wie­sen, aller­dings waren sie im Grun­de nur Aus­füh­ren­de des Zeitgeistes.

Das Pro­gramm, das Ver­fah­ren selbst haben sie sich nicht aus­ge­dacht, als Züch­ter und Hir­ten kom­men sie nicht in Betracht, maxi­mal als Gehil­fen. Daher kommt es bei der Fra­ge nach For­mie­rung und Mün­dig­keit auch weni­ger auf die Fra­ge nach den Züch­tern als auf die nach dem Zeit­geist an. Denn die Ant­wor­ten, die die Men­schen dar­auf gege­ben haben, waren von Zeit zu Zeit sehr unterschiedlich.

Ver­las­sen wir die unhis­to­ri­sche Bil­der­welt Slo­ter­di­jks und schau­en uns kurz den Ursprung des­sen an, was Slo­ter­di­jk mit Huma­nis­mus meint, so wird klar, daß sich ohne einen Blick auf kon­kre­te geschicht­li­che Ent­wick­lung unse­re Situa­ti­on nicht erhel­len läßt. Das etwas sper­ri­ge Wort »Huma­nis­mus« ver­deckt dabei mehr als es offenlegt.

Als Heid­eg­ger 1946 sei­nen gleich­na­mi­gen Brief schrieb, stand das Wort für eine Tra­di­ti­on, die mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus abge­bro­chen war und nun wie­der­be­lebt wer­den soll­te – eine Welt­an­schau­ung näm­lich, die den Men­schen in den Mit­tel­punkt stell­te und die Frei­heit des ein­zel­nen zum Ziel hat­te. Das Mit­tel dazu war die Bil­dung, mit deren Hil­fe man in der Renais­sance den eigent­li­chen Men­schen schaf­fen wollte.

Die kon­ti­nu­ier­li­che Ent­fal­tung der Mün­dig­keit wur­de von der Aus­ge­stal­tung eines Frei­heits­kon­zepts beglei­tet, das bereits die wesent­li­chen Bestim­mungs­merk­ma­le neu­zeit­lich-moder­ner Frei­heits­vor­stel­lun­gen ent­hielt. Vor allem pro­fi­lier­te sich die Idee einer durch­aus per­sön­li­chen Frei­heit, einer Frei­heit […] die als selbst­le­gi­ti­mier­te Tugend, Gabe, Befä­hi­gung und schließ­lich als Recht zur Signa­tur des Men­schen gehörte.

Da die per­sön­li­che Frei­heit im Mit­tel­punkt die­ses Huma­nis­mus steht, ist er gleich­zei­tig die Geburts­stun­de des­sen, was wir heu­te unter dem Begriff des Indi­vi­dua­lis­mus zusam­men­fas­sen. Im Gegen­satz zum Huma­nis­mus, der Anstren­gun­gen zur umfas­sen­den Bil­dung erfor­der­te, war der Indi­vi­dua­lis­mus auch etwas Äußer­li­ches. Es ging aber weni­ger dar­um, sich als ein­zel­ner und damit von der Gemein­schaft Los­ge­lös­ter zu prä­sen­tie­ren, als inner­halb der Gemein­schaft etwas Beson­de­res, Sin­gu­lä­res zu sein. Georg Sim­mel hat dabei zwei ver­schie­de­ne Arten des Indi­vi­dua­lis­mus unter­schie­den, die roma­ni­sche und die germanische.

Der ger­ma­ni­sche Indi­vi­dua­lis­mus habe sich orga­nisch auf einen gemein­sa­men Wur­zel­punkt bezo­gen. Bei ihm steht die Tat, nicht der Stil im Mit­tel­punkt. Daher rührt auch sei­ne Dyna­mik, die erhal­ten blieb, als die »Trieb­kraft der Wur­zel, die inne­re Stim­me lei­ser« gewor­den war. Im ger­ma­ni­schen Indi­vi­dua­lis­mus grün­det die Wirt­schafts­form des Kapi­ta­lis­mus, der die ent­schei­den­de Ursa­che dafür ist, daß der Indi­vi­dua­lis­mus wur­zel­los wur­de. Es hat seit­her immer wie­der Ver­su­che gege­ben, die­sen Zustand zu überwinden.

Das begann bereits im Kai­ser­reich, das uns in die­ser Hin­sicht noch als eine intak­te Gesell­schaft erschei­nen mag. Aller­ding hat­te die Indus­tria­li­sie­rung durch Land­flucht bereits dazu geführt, daß die Men­schen ent­wur­zelt und zur Mas­se gewor­den waren. Der Kom­mu­nis­mus nahm die­se Lage als Aus­gangs­punkt und ver­such­te eine neue Gemein­schaft der Pro­le­ta­ri­er zu stif­ten, um auf die­se Wei­se poli­tisch wirk­sam zu wer­den. Die größ­ten­teils bür­ger­li­che Lebens­re­form­be­we­gung war in ihren ver­schie­de­nen Aus­prä­gun­gen als Jugend­be­we­gung oder Hei­mat­schutz­be­we­gung ein wei­te­rer Ver­such, eine neue Ver­wur­ze­lung zu ermöglichen.

Offen­sicht­lich genüg­ten weder die For­men des Indi­vi­dua­lis­mus noch die der ver­ord­ne­ten Gemein­schaft, um den Indi­vi­dua­lis­mus und den Mate­ria­lis­mus ein­zu­he­gen. Voll­ends pro­ble­ma­tisch wur­de die Situa­ti­on nach dem Ers­ten Welt­krieg, als die letz­ten tra­di­tio­nel­len Bin­dun­gen zer­stört wur­den. Neben den prak­ti­schen Ver­su­chen, die Ver­ein­ze­lung in der Mas­se zu über­win­den, gab es theo­re­ti­sche Über­le­gun­gen, wie sich der von vie­len als not­wen­dig erach­te­te Wan­del voll­zie­hen las­sen könnte.

Der Phi­lo­soph Max Sche­ler warn­te in sei­nem letz­ten zu Leb­zei­ten ver­öf­fent­lich­ten Arti­kel – er starb im Mai 1928 – davor, end­li­che Din­ge für die höchs­ten Güter zu hal­ten. Das sei Göt­zen­dienst. Wol­le man dar­über hin­aus­kom­men, müs­se man die­sen Göt­zen zer­schla­gen und den end­li­chen Din­gen einen rela­ti­ven Platz zuwei­sen. Vor­aus­set­zung sei, daß man sich über­haupt bewußt wer­de, daß man Göt­zen­dienst betrei­be. Sche­ler sieht den Men­schen eines drei­fa­chen Wis­sens fähig: des Herr­schafts- oder Leis­tungs­wis­sens, des Wesens- oder Bil­dungs­wis­sens und des meta­phy­si­schen oder Erlö­sungs­wis­sens. Die ers­ten bei­den sei­en das Rüst­zeug, mit dem sich der Auf­schwung zur Meta­phy­sik neh­men las­se. Sche­ler denkt zwar ganz vom Men­schen aus, sieht ihn aber in einer star­ken Bezie­hung zu Gott:

In sei­nem Mensch­sein, das ein Sein der Ent­schei­dung ist, trägt der Mensch die höhe­re Wür­de eines Mit­strei­ters, ja Mit­wir­kers Got­tes, der die Fah­ne der Gott­heit, die Fah­ne der erst mit dem Welt­pro­zeß sich ver­wirk­li­chen­den ›Deitas‹, allen Din­gen vor­zu­tra­gen hat im Wet­ter­sturm der Welt.

Schel­ers Ver­such, der Trost­lo­sig­keit des Men­schen­parks zu ent­kom­men, setz­te ganz auf die Bezie­hung des Men­schen zu Gott, der aller­dings, und das ist ein Teil des Pro­blems, für vie­le gar nicht mehr vor­han­den war. Daher hat sich der Psy­cho­lo­ge Fritz Kün­kel (1889 – 1956) der geis­ti­gen Situa­ti­on des Men­schen ganz inner­welt­lich genä­hert. Er war ein Ver­tre­ter der Cha­rak­ter­kun­de und hat sich, im Gegen­satz zu vie­len sei­ner Kol­le­gen, nicht auf den ein­zel­nen Cha­rak­ter beschränkt, son­dern eine »poli­ti­sche Cha­rak­ter­kun­de« vor­ge­legt, die nach der Wech­sel­wir­kung zwi­schen ein­zel­nem und Gesell­schaft fragt. Auch er sieht im Indi­vi­dua­lis­mus etwas, das über­wun­den wer­den muß.

Unter Bezug­nah­men auf den deut­schen Idea­lis­mus, dem er die dia­lek­ti­sche Metho­de ver­dankt, unter­sucht Kün­kel die den Ver­hal­tens­wei­sen des Men­schen zugrun­de­lie­gen­den Regeln und Zusam­men­hän­ge: »Wer die­se Regeln kennt, kennt den Men­schen. Und wer sie ändert, ändert den Menschen.«

Die Aus­bil­dung des Cha­rak­ters sei das Ergeb­nis eines dia­lek­ti­schen Pro­zes­ses, der mit der Umwelt und den Mit­men­schen statt­fin­de. Auf neue Her­aus­for­de­run­gen müs­se der Mensch neue Ant­wor­ten fin­den, sonst gehe er zugrun­de (die Ver­mei­dung der »Unter­gangs­schran­ke«), das sei die Leis­tung des Indi­vi­du­ums. Aller­dings sei die­se Ant­wort von der geschicht­li­chen Situa­ti­on abhän­gig, die die Fra­ge stel­le. Es kön­ne eine pro­duk­ti­ve, lebens­stei­gern­de oder eine nega­ti­ve, unpro­duk­ti­ve Ant­wort gege­ben werden.

Das bedeu­te, der Mensch kann mit sei­ner Ant­wort schei­tern (Kata­the­se), oder er wächst an der Her­aus­for­de­rung (Syn­the­se). Die­ses Sche­ma ver­ein­facht Kün­kel bio­gra­phisch und geschicht­lich in die Schritt­fol­ge: Ur-Wir, das durch den Wir-Bruch zer­stört wird und aus dem die Ich­haf­tig­keit folgt, die sich gegen das Ihr stellt und im bes­ten Fall, nach einer Lebens­kri­se , wie­der zu einem erneu­er­ten Wir fin­det. Die letz­te Fra­ge, die an den poli­ti­schen Cha­rak­ter gestellt wer­den kann, ist die des Mutes:

Willst du die Unter­gangs­schran­ke ver­mei­den, indem du dich fügst, dich zurück­ziehst, wo du bedroht wirst, und nach­gibst, wo der Geg­ner etwas von dir for­dert; oder willst du sie ver­mei­den, indem du eine pro­duk­ti­ve Ant­wort gibst, die den geschicht­li­chen Ver­lauf in eine neue, uner­war­te­te Rich­tung zwingt?

Die ent­schei­den­de Fra­ge ist damit, wie wir von der ich­haf­ten zur wir­haf­ten Cha­rak­ter­form gelan­gen. Damit ist kei­ne Rück­kehr gemeint, son­dern der Auf­schwung in ein neu­es Wir, das erst im Wer­den begrif­fen ist. Zwei­fel­los sei­en die meis­ten Men­schen ich­haft, daher ängst­lich, reiz­bar, ten­den­zi­ös und starr in ihren Lebens­äu­ße­run­gen; und sie sei­en Mit­läu­fer, kei­ne Füh­rer. Aber auch in ihnen schlum­mert, so Kün­kel, die »Bar­ba­ros­sasehn­sucht«, die Erin­ne­rung an eine Zeit, die Gott­fried Benn so faßte:

Ach, als sich alle einer Mit­te neig­ten                                                                 Und auch die Den­ker nur den Gott gedacht,
sie sich den Hir­ten und dem Lamm verzweigten,
wenn aus dem Kelch das Blut sie reingemacht,

und alle ran­nen aus der einen Wun­de,                                                             bra­chen das Brot, das jeg­li­cher genoss –,
oh fer­ne zwin­gen­de erfüll­te Stunde,
die einst auch das ver­lo­re­ne Ich umschloss.

Erfolg­rei­che poli­ti­sche Kam­pa­gnen appel­lie­ren immer an die­se Sehn­sucht, meist an die Hei­mat­lie­be. Selbst die ich­haf­tes­ten Mit­läu­fer las­sen sich damit gewin­nen, aller­dings nur für einen kur­zen Moment, weil das Ein­tre­ten der Bes­se­rung unmit­tel­bar erfol­gen muß. »Je stär­ker die Ich­haf­tig­keit aus­ge­bil­det ist, um so gerin­ger ist der ›Span­nungs­bo­gen‹, um so rascher muß Leis­tung und Zah­lung auf­ein­an­der fol­gen.« Kün­kel schließt sei­ne poli­ti­sche Cha­rak­ter­kun­de mit dras­ti­schen Wor­ten: »Es lohnt sich, wir­haft zu fal­len, es lohnt sich nicht, ich­haft zu leben. […] Nur aus dem Blu­te der Gefal­le­nen ent­steht das neue Wir.«

Das ent­spricht in gewis­sem Sin­ne dem Zeit­geist, der nach einem Sinn in dem mas­sen­haf­ten Ster­ben des Ers­ten Welt­kriegs such­te. Kün­kel, der ganz sicher kein Rech­ter war, sieht hier einen lager­über­grei­fen­den Zug der Gegen­wart: Es braucht einen neu­en Mythos; aller­dings ist unklar, ob er schon da ist oder ob er noch geschaf­fen wer­den muß. Es ist kein Zufall, daß in die­ser Zeit, 1928, ein Buch Geor­ges Sor­els, das erst­mals 1908 in Frank­reich erschie­nen war, in Deutsch­land über­setzt wur­de: Über die Gewalt. Sor­el geht dar­in davon aus, daß der Mensch zu Höchst­leis­tun­gen in der Lage ist, wenn er an eine sinn­stif­ten­de, gemein­sa­me Idee glaubt, die mit Gewalt durch­ge­setzt wird. Wenn die­se nicht vor­han­den ist, wird er zum Ich­men­schen und ver­sackt, wird dekadent.

War­um das The­ma in Deutsch­land, im Gegen­satz zu Frank­reich, erst nach dem Ers­ten Welt­krieg viru­lent wur­de, leuch­tet ein. In Deutsch­land gab es eine Tra­di­ti­on, die auch durch die 1848er Revo­lu­ti­on nicht erschüt­tert wer­den konn­te und die im wesent­li­chen dafür sorg­te, daß die Ord­nung hielt, man also nur im Hin­blick auf das Mas­sen­zeit­al­ter gezwun­gen war, gewis­se Modi­fi­ka­tio­nen vor­zu­neh­men. Die­se grund­sätz­lich nicht in Fra­ge gestell­te Ord­nung erlaub­te es auch, gegen­über For­mie­rungs­ver­su­chen jen­seits der Tra­di­ti­on weit­ge­hen­de Libe­ra­li­tät wal­ten zu las­sen. (Der Umgang mit der Sozi­al­de­mo­kra­tie war eine Ausnahme.)

Nach 1918 war die­se Ord­nung kaputt, und es stell­te sich die Fra­ge Slo­ter­di­jks, wie man die­sen Men­schen­park, den man geerbt hat­te und aus dem der Gott und der König ent­wi­chen waren, orga­ni­sie­ren soll­te. Die Ant­wor­ten dar­auf sind bekannt, und es hat sich her­aus­ge­stellt, daß sich eine For­mie­rung unter dik­ta­to­ri­schen Vor­zei­chen leich­ter durch­füh­ren läßt als unter demo­kra­ti­schen. Die For­mie­rung einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft hat sich damit zur eigent­li­chen Schlüs­sel­fra­ge der poli­ti­schen Phi­lo­so­phie entwickelt.

Die »for­mier­te Gesell­schaft« war ein Schlag­wort der BRD der 1960er Jah­re, das in unse­ren Ohren ziem­lich nach Gre­at Reset klingt und wie der Gre­at Reset ein gut­ge­mein­tes Eli­ten­pro­jekt gewe­sen ist. Der Begriff geht auf den Poli­tik­be­ra­ter Rüdi­ger Alt­mann zurück, der ein gleich­na­mi­ges Buch ver­faß­te, vor allem aber als Reden­schrei­ber für Lud­wig Erhard, den dama­li­gen Bun­des­kanz­ler, dafür sorg­te, daß der Begriff popu­lär wur­de. Bei­de gin­gen davon aus, daß die Wohl­stands­si­che­rung das zen­tra­le Moment für poli­ti­sche Sta­bi­li­tät sei. Sie lei­te­ten dar­aus das Pri­mat der Wirt­schaft ab, dem sich alle Inter­es­sen­ver­bän­de zu unter­wer­fen hät­ten. Die orga­ni­sier­ten Interessen

sind, trotz aller gegen­tei­li­gen Beteue­run­gen, nicht die Hüter der Frei­heit, schon gar nicht der Ver­fas­sung – weni­ger, weil sie sie gefähr­den, als des­halb, weil ihnen die Kraft fehlt, sie im Ernst­fall zu ver­tei­di­gen. […] Das augen­fäl­ligs­te Sym­ptom der Läh­mung zeigt sich in der kor­re­spon­die­ren­den Wil­lens­schwä­che von Bun­des­tag, Par­tei­en und Regierung.

Die BRD befand sich in ihrer ers­ten Erschöp­fungs­pha­se, und Erhard woll­te das Sys­tem für zukünf­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen fit machen, die Spann­kraft erhal­ten, die in der klas­sen­lo­sen Mit­tel­stands­ge­sell­schaft leicht ver­lo­ren­geht. Er woll­te ohne den Mythos einen Weg aus der dro­hen­den Deka­denz wei­sen. Auf wel­chem Weg das gesche­hen soll­te, blieb weit­ge­hend unklar. Auch wenn es Über­le­gun­gen gab, die Ver­wal­tungs­struk­tu­ren zu straf­fen, sah man den Schlüs­sel wohl in der Pro­pa­gan­da, mit der man eine »infor­mier­te Gesell­schaft« schaf­fen wollte.

Auch wenn die­ses Pro­jekt auf star­ken gesell­schaft­li­chen Wider­stand von links stieß, so wie der Gre­at Reset heu­te von rechts kri­ti­siert wird, und offi­zi­ell nicht wei­ter­ver­folgt wur­de, leben wir heu­te in einer for­mier­ten Gesell­schaft, wenn man dar­un­ter den weit­ge­hen­den Gleich­klang der Welt­an­schau­un­gen ver­steht. Wie es dazu kom­men konn­te, wird durch zwei Ent­wick­lun­gen deut­lich. Die Deut­schen haben, wie der Rest der Welt, nicht nur das Ur-Wir hin­ter sich gelas­sen, son­dern sie sind zu einer außen­ge­lei­te­ten Gesell­schaft geworden.

Damit ist das Kon­zept der indi­vi­du­ell aus­ge­präg­ten Per­sön­lich­keit, die über einen star­ken inne­ren Kompaß ver­füg­te, über­wun­den, aller­dings in eine Rich­tung, die Mani­pu­la­ti­on viel leich­ter macht. Beim außen­ge­lei­te­ten Men­schen erfolgt die Rege­lung sei­ner mora­li­schen Nor­men im stän­di­gen Abgleich mit sei­ner Umwelt und der Mei­nung der Öffent­lich­keit. Das Auf­recht­erhal­ten eige­ner Maß­stä­be wird damit immer schwie­ri­ger, weil sich der­je­ni­ge, der sich dar­auf beruft, zum Außen­sei­ter macht. Die­ses Ver­hal­ten erleich­tert das Ein­drin­gen der Pro­pa­gan­da und erzeugt so kon­for­me Individuen.

Wie von Hel­mut Schelsky und Arnold Geh­len mehr­fach fest­ge­stellt, ist es der Intel­lek­tu­el­le, der von die­ser Situa­ti­on pro­fi­tiert, weil er sich als Sinn­stif­ter und mora­li­sche Instanz pro­fi­lie­ren kann. War er frü­her Gegen­spie­ler der Eli­ten, ist er mitt­ler­wei­le zu deren Sprach­rohr gewor­den. Slo­ter­di­jk ist sicher­lich das Para­de­bei­spiel eines Intel­lek­tu­el­len, der ganz genau weiß, wo sein Platz ist.

Das wur­de wäh­rend der Coro­na-Maß­nah­men deut­lich, als er die soge­nann­ten Quer­den­ker als »Figu­ren wie aus dem Spät­mit­tel­al­ter, die den Weg in die Moder­ne und damit zu natur­wis­sen­schaft­li­cher Evi­denz und zum Staats­bür­ger­tum inner­lich nicht mit­ge­gan­gen sind«, bezeich­ne­te. Sei­ne »Regeln für den Men­schen­park« erschei­nen in die­sem Licht als Nach­züg­ler der alten Mas­sen­psy­cho­lo­gie, die durch eine mög­lichst trost­lo­se und aus­weg­lo­se Erzäh­lung vor allem eins errei­chen woll­ten, die Siche­rung der Herr­schaft der libe­ra­len Eliten.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph.

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