Vom Zustand der Bettler in europäischen Metropolen

Ich bringe unser Nesthäkchen zum Flughafen. Sie hat einen mehrmonatigen Auslandsaufenthalt vor sich. Wollte sie unbedingt.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wir wur­den men­tal (fast über­trie­ben) dar­auf vor­be­rei­tet von der Aus­tausch­or­ga­ni­sa­ti­on. Auf ein kur­zes High fol­ge meist ein mehr­tä­gi­ges Down mit star­kem Heim­weh, dann Pha­sen X, Y usw.

Unser Land­mäd­chen, das sowohl mit Kat­zen, Zie­gen, Hüh­nern als auch mit Pfer­den in deren je eige­ner Spra­che kom­mu­ni­zie­ren kann, das in Schnell­ro­da gebo­ren ist und Schnell­ro­da nie für län­ger als 10 Tage ver­las­sen hat, zieht also nun für etli­che Mona­te in eine Metro­po­le. Genau­er gesagt in den 3. Stock einer Groß­stadt­woh­nung. Die Lan­des­spra­che war nie Schul­fach, sie hat sie sich auto­di­dak­tisch beigebracht.

In der S‑Bahn zum Flug­ha­fen macht sie Pho­tos und stellt sie in ihre „Sto­ry“. Bei­spiels­wei­se das Hal­te­stel­len­schild „Konsta­bler­wa­che“.

„Mama! Kapierst Du halt nicht.“ Ok, irgend­was Gangs­ter­haf­tes, mäd­chen­haft geraunt.

Rund um die Kon­sti spiel­te sich ein Teil mei­ner Jugend ab. Clubs, Kino, rum­hän­gen und sich über die Zustän­de auf­re­gen, was unge­fähr­lich war, weil über­all Poli­zei parat stand. Unver­ges­sen auch, wie Kubit­schek Mit­te der 1990er dort an die Schei­ben eines Poli­zei­au­tos poch­te und mel­de­te, daß ihm gera­de mehr­fach Dro­gen ange­bo­ten wor­den sei­en, und wie ihn die Beam­ten dar­auf­hin mil­de angrinsten.

“Konsta­bler­wa­che” als Meme muß schon GROSS sein, wenn es Jahr­zehn­te spä­ter immer noch sto­ry­taug­lich ist…

Ich hab ein ande­res The­ma: Bett­lern Geld geben. Für mich eine christ­li­che Selbst­ver­ständ­lich­keit, die ver­mut­lich auch daher rührt, daß man in unse­ren Gefil­den (Mit­tel­deutsch­land) fast nie mit die­sem Phä­no­men kon­fron­tiert wird. Da hat man leicht reden! In Städ­ten wie Rom ist das eine ande­re Geschich­te. Da wirst du (war auch schon im ver­gan­ge­nen Jahr­tau­send so) minüt­lich ange­pumpt und soll­test dein Porte­mon­naie bes­ser als Brust­beu­tel mit Stahl­ket­te um den Hals tragen.

Aus Frank­furt ken­ne ich das nicht in die­ser Fre­quenz. Auf dem Weg zum Flug­ha­fen, aller­frü­hes­te Mor­gen­stun­de, wer­den wir nun drei­mal angesprochen.

Dar­un­ter ein jun­ges Mäd­chen euro­päi­schen Aus­se­hens, das bit­ter­lich weint. Danach haben wir kein Klein­geld mehr. Mei­ne Toch­ter fragt sich, war­um das Mäd­chen wohl so sehr geweint hat.

Auf der Rück­fahrt vom Flug­ha­fen wer­de ich drei wei­te­re Male ange­spro­chen. Der betrun­ke­ne Pen­ner kriegt ein Gebet, der schnor­ren­de Nafri einen Remi­gra­ti­ons­wunsch, und dann kommt noch ein intel­lek­tu­ell­tu­en­der Alter, der mit vie­len Wor­ten über die „Gege­ben­heit: Hun­ger“ refe­riert. Er ist wirk­lich sehr dünn. Die Sitz­nach­ba­rin in der S‑Bahn bie­tet ihm ihre gigan­ti­sche (unan­ge­bis­se­ne) Mohn­stan­ge an. Er ver­trägt kei­nen Mohn. Ich habe zwei fri­sche Voll­korn­bröt­chen (mohn­frei) zu bie­ten, die ich grad per Kar­ten­zah­lung erwor­ben habe. Er kann Voll­korn nicht lei­den und hat auch eine aus­führ­li­che, fast­phi­lo­so­phi­sche Geschich­te zu die­ser Abnei­gung parat.

Mei­ne Sitz­nach­ba­rin ist so empört, daß sie im schöns­ten Hes­sisch laut­hals über die him­mel­schrei­en­de Undank­bar­keit von Bett­lern schwa­dro­niert. Eini­ge Minu­ten spä­ter kommt es zum reta­rie­ren­den Moment (thea­tra­lisch gespro­chen): Der Dün­ne kehrt von sei­nem Gang durch die Wag­gons zurück und bit­te mit einem fal­schen Knicks „doch noch“ um die Mohn­stan­ge. Die Sitz­nach­ba­rin gibt gern und berich­tet mir aus­führ­lich, was wohl in dem Bett­ler vor­ge­gan­gen sein könn­te. Sie ist berauscht von der  Dank­bar­keit, die sie sich vorstellt .

Ich stei­ge aus, Auto in Offen­bach-Ost geparkt. Es hat der­weil geschneit. Auf die Karos­se­rie sind drei Pim­mel in unter­schied­li­cher Grö­ße gezeich­net und der urdeut­sche Schrift­zug „JÖRG“. Ver­mut­lich nicht „Meme-fähig“, das.

Sie­ben Stun­den spä­ter ers­ter Anruf der klei­nen Toch­ter. Sie wis­se ja auch nicht (Stim­me bricht) – aber sie habe Heim­weh. Gemäß Sche­ma ist das zu früh.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (6)

Karl Otto

12. Januar 2026 08:53

Frankfurt ist natürlich auch ein spezieller Fall. Ansonsten finde ich es auffällig, dass die Bettler i.d.R. keine Migranten sind. Abgesehen von den Romas aus Südosteuropa, bei denen das Betteln offenbar zur Lebensweise gehört.

Ernestina

12. Januar 2026 09:44

Ich hatte schon als Jugendliche den Wunsch, eine Zeitlang ins Ausland zu gehen. Vor allem die USA empfand ich - ich hatte dort Verwandte, die bereits 1970 erfolgreich ausgewandert waren - als sehr anziehend. Aber erst mit 24 - ich hatte ein gutes Gespür für das, was ich innerlich würde verkraften können -  traute ich mir diesen Schritt innerlich auch zu. Ein Jahr Israel. Das bewegendste und spannendeste Jahr meines Lebens. Heimweh hatte ich nicht. Konnte das Ausland in vollsten Zügen genießen. Ein Jahr später bin ich nach Deutschland zurückgekehrt in dem Bewusstsein, dass ich Christin und Deutsche bin. Ich hatte einen entscheidenen Teil meiner persönlichen Identität gefunden. Das allein war ein unschätzbarer Gewinn, der mich bis heute nachhaltig prägt.
 

Ernestina

12. Januar 2026 09:49

Bettlern gebe ich grundsätzlich nichts - es sei denn, ich spüre ausnahmsweise einmal einen inneren Anruf, dies zu tun. Wir sind auf Autobahnparkplätzen schon profimäßigen Bettlerbanden begegnet, vermutlich aus dem Balkan. So etwas ist abstoßend und macht Angst. Ich denke, es gibt in Deutschland viele Leute, die den Bettler spielen, nur um den anderen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Nicht mit mir! 

Ein gebuertiger Hesse

12. Januar 2026 10:02

Haha. Sehr schön. Was sich Gott wohl dabei gedacht haben mag, als er solche Geschichten des Lebens schrieb?

Sandstein

12. Januar 2026 10:06

Haha klasse, ich schmeiß mich weg. Jaja, "Krankfurt"
https://www.youtube.com/watch?v=GutEQy7Vc6E
"An der Konstabler, war ich McDonalds Vollzeitler - weil ich damals keinen Weg sah"
Ist wie in Berlin mit dem Kotti..irgendwie atmen solche Haltestellenplätze ein ganz  eigenes Luftgemisch.

Hesperiolus

12. Januar 2026 10:44

Gómez Dávilas Verdikt „Wer sich außerstande erklärt zu betteln, flößt mir tiefen Abscheu ein“ hat je mich anstössig erschüttert, dem das „exitus patet“ dann vermutlich näher wäre. - Zu unterscheiden wohl auch zwischen berufenen und berufsmäßigen Bettlern. - Haltung dazu überdies konfessionsscheidend, gewesen.