Wir wurden mental (fast übertrieben) darauf vorbereitet von der Austauschorganisation. Auf ein kurzes High folge meist ein mehrtägiges Down mit starkem Heimweh, dann Phasen X, Y usw.
Unser Landmädchen, das sowohl mit Katzen, Ziegen, Hühnern als auch mit Pferden in deren je eigener Sprache kommunizieren kann, das in Schnellroda geboren ist und Schnellroda nie für länger als 10 Tage verlassen hat, zieht also nun für etliche Monate in eine Metropole. Genauer gesagt in den 3. Stock einer Großstadtwohnung. Die Landessprache war nie Schulfach, sie hat sie sich autodidaktisch beigebracht.
In der S‑Bahn zum Flughafen macht sie Photos und stellt sie in ihre „Story“. Beispielsweise das Haltestellenschild „Konstablerwache“.
„Mama! Kapierst Du halt nicht.“ Ok, irgendwas Gangsterhaftes, mädchenhaft geraunt.
Rund um die Konsti spielte sich ein Teil meiner Jugend ab. Clubs, Kino, rumhängen und sich über die Zustände aufregen, was ungefährlich war, weil überall Polizei parat stand. Unvergessen auch, wie Kubitschek Mitte der 1990er dort an die Scheiben eines Polizeiautos pochte und meldete, daß ihm gerade mehrfach Drogen angeboten worden seien, und wie ihn die Beamten daraufhin milde angrinsten.
“Konstablerwache” als Meme muß schon GROSS sein, wenn es Jahrzehnte später immer noch storytauglich ist…
Ich hab ein anderes Thema: Bettlern Geld geben. Für mich eine christliche Selbstverständlichkeit, die vermutlich auch daher rührt, daß man in unseren Gefilden (Mitteldeutschland) fast nie mit diesem Phänomen konfrontiert wird. Da hat man leicht reden! In Städten wie Rom ist das eine andere Geschichte. Da wirst du (war auch schon im vergangenen Jahrtausend so) minütlich angepumpt und solltest dein Portemonnaie besser als Brustbeutel mit Stahlkette um den Hals tragen.
Aus Frankfurt kenne ich das nicht in dieser Frequenz. Auf dem Weg zum Flughafen, allerfrüheste Morgenstunde, werden wir nun dreimal angesprochen.
Darunter ein junges Mädchen europäischen Aussehens, das bitterlich weint. Danach haben wir kein Kleingeld mehr. Meine Tochter fragt sich, warum das Mädchen wohl so sehr geweint hat.
Auf der Rückfahrt vom Flughafen werde ich drei weitere Male angesprochen. Der betrunkene Penner kriegt ein Gebet, der schnorrende Nafri einen Remigrationswunsch, und dann kommt noch ein intellektuelltuender Alter, der mit vielen Worten über die „Gegebenheit: Hunger“ referiert. Er ist wirklich sehr dünn. Die Sitznachbarin in der S‑Bahn bietet ihm ihre gigantische (unangebissene) Mohnstange an. Er verträgt keinen Mohn. Ich habe zwei frische Vollkornbrötchen (mohnfrei) zu bieten, die ich grad per Kartenzahlung erworben habe. Er kann Vollkorn nicht leiden und hat auch eine ausführliche, fastphilosophische Geschichte zu dieser Abneigung parat.
Meine Sitznachbarin ist so empört, daß sie im schönsten Hessisch lauthals über die himmelschreiende Undankbarkeit von Bettlern schwadroniert. Einige Minuten später kommt es zum retarierenden Moment (theatralisch gesprochen): Der Dünne kehrt von seinem Gang durch die Waggons zurück und bitte mit einem falschen Knicks „doch noch“ um die Mohnstange. Die Sitznachbarin gibt gern und berichtet mir ausführlich, was wohl in dem Bettler vorgegangen sein könnte. Sie ist berauscht von der Dankbarkeit, die sie sich vorstellt .
Ich steige aus, Auto in Offenbach-Ost geparkt. Es hat derweil geschneit. Auf die Karosserie sind drei Pimmel in unterschiedlicher Größe gezeichnet und der urdeutsche Schriftzug „JÖRG“. Vermutlich nicht „Meme-fähig“, das.
Sieben Stunden später erster Anruf der kleinen Tochter. Sie wisse ja auch nicht (Stimme bricht) – aber sie habe Heimweh. Gemäß Schema ist das zu früh.
Karl Otto
Frankfurt ist natürlich auch ein spezieller Fall. Ansonsten finde ich es auffällig, dass die Bettler i.d.R. keine Migranten sind. Abgesehen von den Romas aus Südosteuropa, bei denen das Betteln offenbar zur Lebensweise gehört.