Junge Rechte zwischen Anglisierung und Tradition

PDF der Druckausgabe aus Sezession 123/ Dezember 2024

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von Simon Dettmann –

Zum stra­te­gi­schen und welt­an­schau­li­chen Kern neu­rech­ten Den­kens gehö­ren drei Über­zeu­gun­gen: Man geht davon aus, daß es ers­tens ein genu­in deut­sches Den­ken gibt, daß die­ses Den­ken zwei­tens einer erneu­er­ten deut­schen Iden­ti­tät als Fun­da­ment zu die­nen hat und daß drit­tens geis­ti­ge, also meta­po­li­ti­sche Kärrner­arbeit not­wen­dig sei, um die­ses Den­ken wie­der­zu­ge­win­nen, den deut­schen Stand­punkt zu for­mu­lie­ren und aus alle­dem eine ver­bind­li­che Iden­ti­tät wenigs­tens für das eige­nen Milieu zu stif­ten, und zwar rück­ge­bun­den, modern und tra­di­ti­ons­be­wußt zugleich.

Die­se drei Über­zeu­gun­gen wer­den von den meis­ten jun­gen Rech­ten im deutsch­spra­chi­gen Raum, die nach welt­an­schau­li­cher Fun­die­rung suchen, nicht (mehr) geteilt. Das deut­sche Den­ken drängt sich der gro­ßen Mehr­heit der jun­gen Rech­ten der­zeit nicht als Mög­lich­keit auf. Was die Neue Rech­te an Welt­an­schau­ung in den Dis­kurs ein­zu­spei­sen ver­such­te, wird durch den media­len Mahl­strom fragmentiert.

Schlecht ver­stan­de­ne Bruch­stü­cke neu­rech­ter Ideo­lo­ge­me sind auf die­se Wei­se zum Teil eines gesamt­rech­ten Sub­strats gewor­den und erschei­nen der jun­gen Gene­ra­ti­on als etwas Gege­be­nes, Vor­ge­fun­de­nes, mit dem sich nicht mehr kämp­fen läßt und womit zwar etwas gewon­nen, aber nicht gesiegt wor­den ist. Doch vor wel­che Alter­na­ti­ven, wenn nicht vor die genu­in deut­schen, sehen sich jun­ge Rech­te statt­des­sen gestellt? Es sind nur zwei:

1. Der neue Ret­ro­li­be­ra­lis­mus: Die digi­ta­le Welt-Öffent­lich­keit, die der Gene­ra­ti­on Z, also den »Zoo­mern«, zur zwei­ten Hei­mat gewor­den ist, bewirkt den Bruch mit den Rest­be­stän­den des­sen, was als deut­sches Selbst­be­wußt­sein auf einem deut­schen Son­der­weg gilt. Die ent­stan­de­ne iden­ti­tä­re Leer­stel­le kann – und das ist die ers­te Opti­on – mit der fast voll­stän­di­gen Über­nah­me einer frem­den Iden­ti­tät kom­pen­siert wer­den: in die­sem Fall mit der moder­nen angloamerikanischen.

Kon­kret schlägt sich das in dem gro­ßen Ein­fluß nie­der, den eine Rei­he über­wie­gend US ame­ri­ka­ni­scher Mei­nungs­füh­rer auf jun­ge Rech­te im deutsch­spra­chi­gen Raum aus­übt. Die­ses über geteil­te Hin­ter­grund­an­nah­men lose ver­bun­de­ne Milieu – die soge­nann­te Dis­si­dent Right – ent­stand ab 2018, als die stär­ker real­welt­lich orga­ni­sier­te Alt Right gera­de im Nach­gang der kata­stro­phal ver­lau­fe­nen Demons­tra­ti­on in Char­lot­tes­ville zer­bro­chen war. Im Gegen­satz zur Alt Right ver­zich­tet die »dis­si­den­te Rech­te« fast völ­lig auf Kon­fe­ren­zen, Print-Maga­zi­ne und Demonstrationen.

Wer konn­te, zog sich in die Pseud­ony­mi­tät der Platt­form Twit­ter / X zurück und leg­te spä­tes­tens 2020 ein Kon­to bei der Web­site Sub­stack an, die der­zeit im Begriff ist, klas­si­sche Blogs gänz­lich zu erset­zen. Zu den ein­fluß­reichs­ten Ver­tre­tern der Dis­si­dent Right gehö­ren heu­te X‑Nutzer wie der sar­kas­tisch auf­tre­ten­de Love­craft-Epi­go­ne »Zero HP Love­craft«, der einen vul­gä­ren ame­ri­ka­ni­schen Hur­ra-Natio­na­lis­mus pre­di­gen­de »cap­ti­ve drea­mer«; »Lomez«, mit sei­nem Pas­sa­ge Publi­shing einer der weni­gen Ver­le­ger der Sze­ne, sowie »Raw Egg Natio­na­list«, des­sen Publi­ka­tio­nen, etwa in der Zeit­schrift Man’s World, um Fra­gen der Männ­lich­keit und der Selbst­op­ti­mie­rung kreisen.

Zen­tra­le Figur des Milieus ist aber der rumä­nisch­stäm­mi­ge ame­ri­ka­ni­sche Phi­lo­soph Cos­tin Ala­ma­riu, der das Pseud­onym »Bron­ze Age Per­vert« (BAP) nutzt. In sei­nem 2018 erschie­ne­nen Buch Bron­ze Age Mind­set, das auf die ent­ste­hen­de Dis­si­dent Right initi­al­zün­dend wirk­te, plä­diert er aus­ge­hend von wider­leg­ten femi­nis­ti­schen Theo­rien der Archäo­lo­gin Mari­ja Gim­bu­tas für eine Selbst­be­frei­ung der Män­ner aus ver­meint­lich repres­si­ven, weib­lich gepräg­ten Herr­schafts­struk­tu­ren – dem »Long­house« – sowie für die Grün­dung von Män­ner­bün­den. Sein aus­führ­li­ches, in der 120. Sezes­si­on abge­druck­tes Inter­view ist sehr aufschlußreich.

Die Ver­tre­ter der Dis­si­dent Right pro­pa­gie­ren eine Welt­an­schau­ung, in die nahe­zu alle wesent­li­chen Ver­satz­stü­cke moder­nen Den­kens inte­griert sind. Cha­rak­te­ris­tisch sind in der Auf­klä­rungs­tra­di­ti­on eines Des­car­tes und Locke wur­zeln­de indi­vi­dua­lis­ti­sche – und letz­ten Endes libe­ra­le, sprich: genu­in moder­ne – Selbst-Kon­struk­tio­nen, wel­che ana­chro­nis­tisch in eine idea­li­sier­te Ver­gan­gen­heit rück­pro­ji­ziert wer­den. Bei Ala­ma­riu sind es die Hero­en Homers, auf die er – dar­in dem Grie­chen­kult sei­nes Idols Nietz­sche nach­ei­fernd – sein eige­nes moder­nes Selbst pro­ji­ziert. Dies wird bei vie­len Ver­tre­tern der Dis­si­dent Right mit einem Taschen­spie­ler­trick gegen Kri­tik von rechts immu­ni­siert, indem es kur­zer­hand als »rechts« umeti­ket­tiert wird, obwohl es das nicht (mehr) ist.

Ein ande­res zen­tra­les Moment im Den­ken der Dis­si­dent Right ist ein Iden­ti­täts­an­ge­bot, das vie­le jun­ge Rech­te in Euro­pa bereit­wil­lig anneh­men: die Selbst­iden­ti­fi­ka­ti­on als »weiß« (statt als deutsch etc.). Die­ses Eti­kett, kleins­ter iden­ti­täts­po­li­ti­scher Nen­ner euro­pä­isch­stäm­mi­ger US-Bür­ger, wird im Lager der »Dis­si­dents« zur Pseu­do-Eigen­grup­pe und Basis der Feind­er­klä­rung: Nicht­wei­ße wer­den zum Nicht-Wir und pau­schal zu Fein­den erklärt. Spä­tes­tens, wenn ihre Pod­casts und Sub­stacks außen­po­li­ti­sche Fra­gen strei­fen, wird deut­lich, daß die Ideo­lo­gie der Dis­si­dent Right nicht bloß Aus­druck ihrer moder­nen, ame­ri­ka­nis­ti­schen Iden­ti­tät, son­dern auch der geo­po­li­ti­schen Inter­es­sen der USA und Isra­els ist.

2. Der (katho­li­sche) Tra­di­tio­na­lis­mus: Die­se zwei­te welt­an­schau­li­che Opti­on wird deut­lich sel­te­ner gewählt und ist inso­fern weni­ger rele­vant, jedoch haben ihre Ver­tre­ter deut­lich grö­ße­ren poli­ti­schen und aka­de­mi­schen Ein­fluß. Als inner­kirch­li­che Bewe­gung ist der Tra­di­tio­na­lis­mus eng mit der 1970 von Erz­bi­schof ­Mar­cel ­Lefeb­v­re gegrün­de­ten Pries­ter­bru­der­schaft St. Pius X. ver­bun­den, doch sei­ne his­to­ri­schen Wur­zeln rei­chen zurück in die zwei­te Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts, als die Päps­te mit Enzy­kli­ken wie Syl­labus errorum und Aeter­ni Patris ver­such­ten, Ant­wor­ten auf die Ideen der Moder­ne zu finden.

Weit weni­ger bekannt als die kirch­li­chen Ent­wick­lun­gen ist die Tat­sa­che, daß in den letz­ten 50 Jah­ren im angel­säch­si­schen Raum eine phi­lo­so­phisch ori­en­tier­te Denk­schu­le ent­stan­den ist, die sich expli­zit auf die katho­li­sche Tra­di­ti­on beruft – beson­ders auf Aris­to­te­les und Tho­mas von Aquin – und die­se Tra­di­ti­on mit den Werk­zeu­gen der ana­ly­ti­schen Phi­lo­so­phie wei­ter­ent­wi­ckelt. Die Rede ist vom moder­nen aris­to­te­li­schen und ana­ly­ti­schen Thomismus.

Begrün­det wur­de die­ser Denk­stil in den 1950er Jah­ren von Peter Geach und sei­ner Ehe­frau Eliza­beth Ans­com­be an der Uni­ver­si­tät Oxford, doch zum Dreh- und Angel­punkt des Milieus wur­de der Phi­lo­soph Alasd­air Mac­In­ty­re, der in sei­nem 1981 erschie­ne­nen Haupt­werk After Vir­tue die Ansät­ze des Oxfor­der Phi­lo­so­phen­paars wei­ter­dach­te, ihnen Sys­tem­cha­rak­ter gab und sie zu einer radi­ka­len Kri­tik der moder­nen Gesell­schaft aus­bau­te. Bereits 1980 hat­te John Fin­nis sein Haupt­werk Natu­al Law and Natu­ral Rights ver­öf­fent­licht, mit dem er eine Renais­sance des Natur­rechts ein­läu­ten sollte.

Ein Schü­ler Mac­In­ty­res ist Patrick Deneen, der wie frü­her sein Lehr­meis­ter an der Uni­ver­si­tät Not­re Dame lehrt und als Freund und Ein­flüs­te­rer des zukünf­ti­gen Vize­prä­si­den­ten der USA, JD Van­ce, gilt. Mit dem Har­vard-Pro­fes­sor und katho­li­schen Inte­gra­lis­ten Adri­an Ver­meu­le gibt Deneen den Sub­stack Post­li­be­ral Order her­aus, der auf die sich »Post­li­be­rals« nen­nen­de Grup­pie­rung katho­li­scher Aka­de­mi­ker ver­weist. Auf eine neue Gene­ra­ti­on rech­ter Katho­li­ken hat der »revo­lu­tio­nä­re Aris­to­te­lis­mus« der Anglo­ame­ri­ka­ner einen wach­sen­den, noch kaum beach­te­ten Ein­fluß. Noch vor Frank­reich sind die USA mit ihren unzäh­li­gen Pri­vat­uni­ver­si­tä­ten und Denk­fa­bri­ken zum Sehn­suchts­land jun­ger »Trad­ca­ths« geworden.

Der­weil fällt der deutsch­spra­chi­ge Raum intel­lek­tu­ell zurück. Ein­schlä­gi­ge Medi­en des Milieus beschrän­ken sich auf die groß­bür­ger­lich-aris­to­kra­ti­sche, häu­fig alt­ös­ter­rei­chisch gesinn­te Kern­kli­en­tel und schei­tern zuver­läs­sig beim Ver­such, Ein­fluß auf Ent­schei­dungs­trä­ger im poli­ti­schen Betrieb aus­zu­üben. Intel­lek­tu­el­les Zen­trum der katho­li­schen Tra­di­tio­na­lis­ten im deut­schen Sprach­raum ist der­zeit die Zis­ter­zi­en­ser­ab­tei Hei­li­gen­kreuz, von der aus der Moral­theo­lo­ge Edmund Wald­stein die tho­mis­tisch und neo­in­te­gra­lis­tisch aus­ge­rich­te­ten Blogs The Josi­as und Sancrucen­sis betreibt – und zwar auf englisch.

Die media­le Angli­sie­rung ist weni­ger ideo­lo­gie- als viel­mehr alters­ab­hän­gig. Sie kann mit einer geis­ti­gen Angli­sie­rung ein­her­ge­hen, sich aber auch auf die Ebe­ne der Spra­che beschrän­ken. Was bei­de skiz­zier­ten Optio­nen gemein haben, ist die ihnen eige­ne Ten­denz zum Uni­ver­sa­lis­mus und zur Gering­schät­zung des Par­ti­ku­la­ren. Ob das per­sön­li­che Heil in einer auf rechts gedreh­ten anglo­ame­ri­ka­ni­schen Welt­zi­vi­li­sa­ti­on oder in den Tra­di­tio­nen einer Welt­kir­che gesucht wird, ent­schei­den cha­rak­ter­li­che Dis­po­si­tio­nen und Zufälle.

Soll­te es zutref­fen, daß jun­ge Rech­te sich in Zukunft immer stär­ker ent­we­der mit dem libe­ra­len Indi­vi­dua­lis­mus angel­säch­si­scher Pro­ve­ni­enz iden­ti­fi­zie­ren oder einem anti­mo­der­nen Tra­di­tio­na­lis­mus katho­li­scher, sel­te­ner auch alt­lu­the­ri­scher, ortho­do­xer oder neu­heid­ni­scher Prä­gung zuwen­den wer­den, könn­ten all jene, die noch an einen Mit­tel­weg, also einen genu­in deut­schen Weg durch die Moder­ne glau­ben, zwi­schen den Polen zer­rie­ben wer­den. Ver­dient wäre das nicht.

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