Der Heidweg. Eine Meditation

PDF der Druckausgabe aus Sezession 123/ Dezember 2024

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von Her­mann Löns –

Tag für Tag gehe ich den­sel­ben Weg, der von dem Hofe durch die brau­ne, rosig über­hauch­te Hei­de zum Holz führt, eine hal­be Stun­de lang hügel­auf, hügel­ab, nach links und rechts sich wen­dend, bald breit, bald schmal, wie die Heid­we­ge so sind.

Er hat gar nichts Beson­de­res an sich, die­ser Weg; er ist so wie alle Heid­we­ge: kein Land­mes­ser leg­te ihn fest, kein Arbei­ter beschot­ter­te ihn, kei­ne Dampf­wal­ze fes­tig­te ihn. Die Gewohn­heit hat ihn geschaf­fen; er ist der kür­zes­te Weg zwi­schen den bei­den Höfen an der Land­stra­ße und dem Ein­zel­hof da hin­ten hin­ter dem Forst; die Räder der Wagen, die ab und zu hier fah­ren, um Plag­gen, Holz, oder Bie­nen­kör­be zu beför­dern oder Leu­te hier­hin und dahin zu brin­gen, schnit­ten den Weg in den heid­wüch­si­gen Boden der höhe­ren Lagen, in den wei­ßen Sand hier, in den grau­en Blei­sand da, in den dür­ren Anger in den Sen­kun­gen. Hat­te es ein star­kes Gewit­ter gege­ben, so daß in den Sin­ken Was­ser stand, dann fuhr der Bau­er rechts und links um die Stel­le her­um; dann wur­de der Weg dort brei­ter, dop­pelt, drei­fach, vierfach.

Ich gehe den Weg jeden Tag, um abzu­spü­ren, ob Rot­wild oder Sau­en durch­ge­wech­selt sind, oder um zum Anstand zu kom­men; ich gehe ihn mor­gens vor Tau und Tag, wenn die Eule noch ruft und die Ler­che noch nicht wach ist, und abends, wenn der Rei­her über die Föh­ren­kro­nen streicht und rost­brau­ne Abend­fal­ter has­tig und unstet über die Hei­de fah­ren; ich sah ihn im Früh­rot­schein und in der Abend­rö­te, bei sen­gen­der Mit­tags­glut und bei pfei­fen­dem Nord­ost; ich ken­ne ihn auswendig.

Ich ken­ne jeden Strauch und jeden Baum rechts und links von ihm; ich weiß, daß da ein grö­ße­rer Stein kommt, daß hier ein Hasen­un­ter­kie­fer im San­de bleicht, daß dort ein Pfei­fen­de­ckel neben einer Bin­sen­stau­de liegt; ich ken­ne die Woll­flo­cke in dem toten Mach­an­gel und den Trich­ter des Amei­sen­lö­wen unter dem Quen­del­bü­schel, ich weiß, daß links vom Wege ein Hase sitzt, rechts in der lan­gen Hei­de Birk­wild liegt, hier oben Reh­fähr­ten den Boden nar­ben und daß dort unten der Dachs gesto­chen hat, einen wie den andern Tag; Neu­es kann er mir nicht bie­ten, der Heidweg.

Und dar­um gehe ich ihn einen um den andern Tag in der­sel­ben gleich­gül­ti­gen, unauf­merk­sa­men Wei­se, die Pfei­fe im Mun­de, die Hän­de auf Lauf und Kol­ben der Büch­se, die ich über den Rücken gekreuzt habe; und wenn ich so dahin gehe, dann sehe ich jeden Tag das­sel­be, und bei jedem Ding fällt mir das­sel­be ein.

Da ist zuerst eine Föh­re, ein keckes Ding von fünf­zehn Jah­ren. Wie die sich das Leben denkt: leicht, ein­fach, schön. Ach ja. Jetzt, wo sie noch klein ist, wo sie im Nor­den der Stan­gen­ort, im Osten der Hoch­wald, im Süden und Wes­ten die Heid­ber­ge schüt­zen, da kann sie noch die Zwei­ge keck und froh in die Höhe recken, als wol­le sie in die Wol­ken damit.

Aber die hohe Föh­re am Ber­ge, die weiß, wie das Leben ist; auch sie war einst so keck und froh und lang­te mit gera­den Zwei­gen in die Wol­ken. Aber Ost­wind und Nord­wind und Schnee­last faß­ten sie und drück­ten sie, mach­ten ihre Zwei­ge krumm, ihre Kro­ne flach und gaben ihr den Zug stil­ler Ent­sa­gung, den Aus­druck hoff­nungs­lo­ser Wehmut.

Über den schwar­zen Mach­an­gel­busch, der dort hin­ten so keck die Heid­hö­he über­schnei­det, muß ich jedens­mal lächeln; von hier aus sieht er so groß aus, sieht viel höher aus als die Heid­ber­ge hin­ter ihm, und je näher man an ihn her­an­kommt, um so klei­ner wird er, um so grö­ßer wer­den die Ber­ge. Doch das geht nicht bloß dem Mach­an­gel so, das kommt auch sonst noch vor.

Die schlan­ke Fich­te dau­ert mich; ihre Form paßt so gar nicht zu den wel­li­gen Lini­en der Hei­de; sie ist ja auch nicht von hier, gehört auf die Ber­ge, wo schrof­fe Lini­en sind. Der Nord­ost­wind weiß das; der wird ihr den Mit­tel­trieb aus­bre­chen, wird ihre Zwei­ge ver­bie­gen, bis sie so rund und strup­pig sind, wie die alten Fich­ten dort. Dann paßt sie in die Heide.

Bei ihren jün­ge­ren Schwes­tern über­neh­men die Schnu­cken die Arbeit; in jedem Früh­jah­re ver­bei­ßen sie die jun­gen Trie­be, aus dem schlan­ken Tan­nen­bäum­chen wird ein strup­pi­ger Igel, und wenn es groß ist, dann sieht es selt­sam ver­schnör­kelt und ver­krümmt aus, Äste, Äste, lau­ter Äste und kein Stamm.

Es gibt auch sol­che Men­schen; sie müß­ten gera­de und schlank auf­wach­sen, aber sie ste­hen auf fal­schem Boden, in einer Umge­bung, die nichts Schlan­kes und Gera­des ver­trägt. Aller­lei beißt und biegt an ihnen her­um, und schließ­lich wer­den sie schrul­li­ge Geschöp­fe – und konn­ten Gro­ßes sein.

Eine stand da, die war groß und schlank und stolz und schön; die hat der Blitz zer­spellt. Den Krüp­peln tut er nichts. Aber hoch zu wach­sen und vom Blitz getrof­fen zu wer­den, schließ­lich ist es doch bes­ser, als krüpp­lig zu blei­ben und ver­schont von Blitz und Sturm. Es gibt Men­schen, die anders den­ken; die leben, damit sie im Alter nicht ver­hun­gern. Aber das ist dann auch kein Leben.

Hier der Mach­an­gel duck­te sich und krümm­te sich und schick­te sich; und was hat er nun? Ein grau­es krum­mes Ske­lett ist es, über das die ­Schnu­cken tram­peln. Aber um die Rui­ne der Rie­sen­fich­te müs­sen sie her­um; im Tode noch läßt sie nichts Klei­nes an sich heran.

Die Hän­ge­bir­ke auf dem Hügel tut mir leid; ihre Zwei­ge grei­fen ver­lan­gend umher, ihre Bewe­gun­gen haben etwas Rüh­ren­des, als woll­ten sie zurück in die Jugend und in den Früh­ling. Es gibt nichts Trau­ri­ge­res als eine alte Bir­ke im Herbstwind.

Und nichts Lus­ti­ge­res als den jun­gen Mai­baum; schlan­ke Äste hoch­auf, besät mit gold­grü­nen Blätt­chen, leuch­tend, glit­zernd, duf­tend vor Jugend und Schön­heit. Eine jun­ge, mai­grü­ne Bir­ke im Son­nen­schein, dann lacht mein Herz, aber mei­ne See­le trau­ert, sehen mei­ne Augen die Hän­ge­bir­ke auf der Hei­de. Ich weiß wohl, warum.

Hier hat eine Königs­ker­ze gestan­den: ein zer­knick­ter Sten­gel, zwei ver­welk­te Blät­ter blie­ben davon; das taten die Hufe von hun­dert Schnu­cken; und Hun­der­te von Schnu­cken­hu­fen zer­tre­ten Tag für Tag die Hei­de, Hun­der­te von Schnu­cken­mäu­lern rup­fen dar­an her­um. Der Hei­de scha­det das nichts; sie bleibt kurz, krümmt sich zu Boden, treibt küm­mer­li­che Blü­ten, aber sie lebt doch und blüht. Man­cher ver­trägt eben Fuß­trit­te, man­cher nicht. Und dar­um gibt es nicht so vie­le Königs­ker­zen wie Hei­de; das Häu­fi­ge ist nie schön und vornehm.

Hier, wo vom letz­ten Gewit­ter­re­gen der Boden feucht geblie­ben ist, ist das Jagd­ge­biet einer dicken Krö­te; ges­tern abend sah ich ihr zu, wie sie vor­sich­tig dort pirsch­te und ab und zu mit der Klapp­er­zun­ge ein Insekt weg­fing. Heu­te ste­he ich hier und sehe dem Fal­ken zu, der auf der Hei­de eine Ler­che jagd; er stößt fehl und streicht wei­ter. Die Krö­te hat nie Fehl­jagd. Aber sie jagt auch Spin­nen und Flie­gen und Würmer.

Es geht gegen Abend; eine Schnarr­heu­schre­cke mit grell­ro­ten Unter­flü­geln fliegt ruck­wei­se, laut schnar­rend, an mir vor­bei; sie denkt wun­der, wie schön das ist, und dabei ist es eigent­lich recht lächer­lich, die­ser ruck­wei­se Schnarr­flug; und doch wird er sei­ne Wir­kung auf die kur­ze, schwar­ze Schö­ne im Hei­de­kraut nicht ver­feh­len. Jeder Ver­lieb­te ist lächer­lich, nur nicht für die Eine. Trös­tet euch damit.

Ein rost­ro­ter Nacht­fal­ter kommt ange­saust. In unste­ten Zick­zack­li­ni­en huscht er über die Hei­de; jetzt ist er dort unten, jetzt kommt er wie­der näher, nun tau­melt er über die kur­zen Brom­beer­bü­sche der jun­gen Besa­mung und fährt has­tig wei­ter nach den gel­ben Schmie­len; er sucht eine, die ihn lieb hat; aber es ist schon so spät im Jahr, und wer weiß, ob er sie fin­det; und es ist doch so schwer zu ster­ben und nicht zu wis­sen, was Lie­be ist. Für den Fal­ter ist das nicht so schlimm; er sucht nur eine, aber der Mensch sucht die Eine.

Am Buch­wei­zen gäh­nen vier schwar­ze Schlün­de und vier an den Kar­tof­feln, das sind Ansit­ze, die sich der Bau­er gemacht hat; von da aus erlegt er die Sau­en und das Rot­wild, die sei­ne Äcker ver­wüs­ten. Hier unter dem strup­pi­gen Mach­an­gel gäh­nen lau­ter sil­ber­graue Sand­trich­ter; in jedem lau­ert ein scharf­be­waff­ne­tes Unge­tüm auf Spin­nen und Amei­sen, die in den Trich­ter fal­len. Ein grü­ner Käfer rennt flink über den Sand, in den schar­fen Zan­gen eine Fliege.

Zier­li­che Schwal­ben fah­ren über die Hei­de; ich höre die kur­zen Schnä­bel knap­pen; jeder sol­cher Laut ist der Tod eines Wesens. Aus dem Brom­beer­busch klingt ein jam­mer­vol­ler Ton, dünn, fein, aber voll Todes­angst; da wickelt eine dicke Spin­ne eine bun­te Schweb­flie­ge ein. Über­all ist der Tod.

Ich gehe gelas­sen über die Hei­de und bla­se sorg­los den Dampf der Pfei­fe in die Luft; ich gehe und töte im Gehen Pflan­zen und Tie­re. Das ist nun ein­mal so. Und wer weiß, ob dicht bei mir nicht etwas auf mich lau­ert, um mich hin­ab­zu­zer­ren, heu­te oder mor­gen oder über­mor­gen oder einen Tag spä­ter. Eigent­lich müß­te mir das alle Lebens­lust nehmen.

Ich gehe einen Weg, des­sen Anfang und Ende ich nicht sehe; Anfang und Ende ver­lie­ren sich in dunk­ler Hei­de und düs­te­rem Wald; und doch bin ich ganz gelassen.

Vor jedem Heid­hü­gel, des­sen Kup­pe ein hel­ler Sand­hü­gel schmückt, steht ein ein­sa­mer, schwar­zer hoher Mach­an­gel; da zur Rech­ten steht ein gan­zer Hau­fen der­sel­ben Sträu­cher, alle gleich in der Form. Aber der ein­sa­me sieht ganz anders aus. Ja, die Gesell­schaft, wie die abschleift, das Böse und das Gute. Wenn du in ihr leben willst, mußt du den Cha­rak­ter opfern. Wenigs­tens verstecken.

Manch­mal ist es aber auch ganz selt­sam, ganz anders. Hier steht mit­ten zwi­schen rot­blü­hen­der Hei­de ein Busch, der blüht weiß wie Schnee; weit und breit ist kei­ner so wie er. Muß der Mut haben!

Und hier ist noch etwas Selt­sa­mes. Mit­ten in dem san­di­gen Wind­riß, mit­ten zwi­schen dem bun­ten Geröll, blüht ein Heid­busch, so rosen­rot, wie kei­ner rings­um­her; alle ande­ren sind fahl gegen ihn. So etwas kommt vor; in Schmutz und Elend und Ver­kom­men­heit fin­det man oft ein Gesicht, blü­hend in Schön­heit und Adel.

Eine hal­be Lan­zen­spit­ze aus Flint­stein liegt im Geröll; das war ein­mal. Der Nord­ost­wind trägt ein Don­nern und Pfei­fen her­an; das ist der Schnell­zug Ham­burg – Han­no­ver. Wie weit wir sind. Aber der Nord­ost­wind lacht; wie­viel Kul­tu­ren hat er blü­hen und wel­ken sehen. Stein­waf­fe und Bron­ze, Eisen und Stahl, alles ist ver­gäng­lich. Und ein­mal bringt er das Nordlands­eis wie­der und die Polar­nacht, und halb­wil­de Fischer und Jäger klop­fen sich hier müh­sam wie­der Lan­zen­spit­zen und Bei­le aus Flintstein.

Eine sil­ber­ne Dis­tel­sa­men­flo­cke fliegt mir an den Rock; wo mag sie her­kom­men? Ich sah nir­gends­wo hier eine Dis­tel; aber nächs­tes Jahr wird eine hier blü­hen, und wie­der ein Jahr wei­ter, da sind es vie­le, die hier ihre Pur­pur­köp­fe leuch­ten las­sen. So wan­dern die Gedanken.

Wie hoch und lang hier die Hei­de ist, wie scharf heben sich die Kup­peln der Hügel ab; dann kommt die Däm­me­rung und macht alles klein; nur die hohen Mach­an­geln blei­ben noch sicht­bar, noch eini­ge Zeit. Bis die Nacht kommt. Ich will dahin gehen, wo die Hei­de so wun­der­bar voll, so tief rosig blüht. Aber ich will es lie­ber las­sen. In der Nähe sieht sie aus, wie alle Hei­de; da ist das Fah­le, das Brau­ne, das Graue stär­ker als das Rosen­rot; nur aus der Fer­ne sieht sie so schön aus. So geht es mit allem, dem wir zustre­ben. Es lohnt sich wirklich
nicht, auf etwas zuzugehen.

Aber hier ist ja der star­ke Hirsch durch­ge­zo­gen; ich muß doch sehen, wohin er gewech­selt ist. Die Fähr­te steht nach dem Forst zu. Aber dazwi­schen liegt Hei­de, und da spürt es sich schlecht. Und dann kommt die Land­stra­ße, und die haben die Dra­go­ner zer­rit­ten. Und dann kommt wie­der Hei­de, und ich wer­de einen Bogen nach dem ande­ren schla­gen müs­sen, um auf den Bah­nen, Wegen, Gestel­len und Pirschstei­gen die Fähr­te des Jagd­ba­ren wie­der zu fin­den, viel Mühe wird es kosten.

Ich muß lächeln. Eben dach­te ich mir jeden Zweck aus dem Leben her­aus, und nun kommt das Leben und hält mir lachend ein Ziel ent­ge­gen, und im Grun­de genom­men ein so gerin­ges Ziel; und doch gehe ich mit Eifer dar­auf los.

So ist der Mensch.

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