von Konrad Markward Weiß –
Gegen Ende der Buchmesse wurde es spürbar: Die Frankfurter Rundschau hatte einen Stadtverordneten von »Die Partei« mit »Es wird rechtsextremes Gedankengut auf der Buchmesse geben« zitiert. Genannt wurden Karolinger, ein »eindeutig rechter Verlag«, und Ahriman – nach eigenem Bekunden und ausweislich seines Programmes allerdings einem Marxismus orthodoxer Observanz verpflichtet. Die Messeleitung hatte den Verlag unter dem Signet eines Teufels mit Dreizack und erigiertem Glied und seine freundlichen Mitarbeiter schräg gegenüber von Karolinger plaziert.
Keine Messe ohne Denunziation, die gegen Karolinger ist etwas simpel – zu groß ist die Bandbreite von Autoren, die weniger eint, rechts zu sein, sondern widerspenstig. Es sind Momente wie diese, in denen man es aus persönlicher, unmittelbarer Wahrnehmung besser weiß, in denen man schaudert, wenn man die hier offenbarte Trefferquote auf den Wahrheitsgehalt von Mainstreammedien insgesamt hochrechnet.
Die Rundschau – 2003 durch eine Landesbürgschaft gerettet, 2004 von der SPD- Medienholding übernommen, 2012 insolvent und zuletzt hierzulande eine der Tageszeitungen mit dem stärksten Auflagenverlust – hat zwar immer weniger Leser, dafür aber besonders tapfere. Ihres Besuches durften wir uns bald nach dem erwähnten Artikel erfreuen: Eine skurrile Person, Typ Claudia Roth, hielt uns im Brustton der Empörung Vorträge zur Menschenwürde; dazu kamen junge Pärchen, die einander mit wohligem Gruseln über ihren gefährlichen Aufenthaltsort »Das hier sind diese Rechten« zuraunten; jene, die uns auf den Hinweis, sie könnten Bücher mit Messerabatt erwerben, bebend vor gerechtem Zorn »Ich denke eher nicht!« entgegenschleuderten; oder die wackeren Kollegen, die unseren Stand nachts mit dem Aufkleber »Verlage gegen rechts« zupflasterten.
Trotz solcher Courage – wenn Linke aller Couleurs, in der Verlags- und Medienbranche bekanntlich eine schwer bedrängte Minderheit, auf die Frankfurter Buchmesse wollen, hat es einst des Todesmuts bedurft. Zuviel war das noch vor wenigen Jahren für die (laut Eigenbezeichnung) »afrodeutsche Serbokroatin« Jasmina Kuhnke, Romanautorin und Twitterette mit starkem Hang zur Vulgärität, die ihre Teilnahme 2021 wegen »unübersehbar gegenwärtiger« Gefahr absagte; Luisa Neubauer hingegen wagte sich damals auf die Messe, obwohl auch sie dort »nicht sicher« sei – und zwar wegen der bedrohlichen Präsenz von immerhin vier als rechts identifizierten Verlagen unter den mehr als 4000 Ausstellern. Es war das Jungeuropa-Jahr auf der Messe, der letzte Auftritt des dort überaus emsigen, aber kurzatmigen Hauses, das durch bloße Anwesenheit Angst und Schrecken im Juste milieu verbreitete.
Immerhin hatte die umsichtige Messeleitung im folgenden Jahr auf diese Sicherheitsmängel reagiert und das »Awareness Team Frankfurter Buchmesse« installiert, das in grellgelben Warnwesten patrouillierte, gebildet aus »Mitarbeitenden« des Bundes für Antidiskriminierungs- und Bildungsarbeit e.V.; dieser, so die Messe,
hat sich die kurz- und langfristige Beratung von Menschen, die von Diskriminierung und Rassismus betroffen sind, zur Aufgabe gemacht. Ziel ist es, für Betroffene ansprechbar zu sein und sie bei der Suche nach einem Umgang mit dem Erlebten zu begleiten.
Für manchen kam jede diesbezügliche Hilfe leider zu spät. 2017 und 2018 waren aufgrund konsensstörender Haltungen Antaios und Sezession teils handgreiflichen Protesten ausgesetzt, litten außerdem unter Diebstahl und Zerstörung des Inventars – hier hätte das »Awareness Team« reichlich Gelegenheit gehabt, gegen »Diskriminierung« zu wirken sowie Götz Kubitschek und seine Reisigen »bei der Suche nach einem Umgang mit dem Erlebten zu begleiten«. Aber Schnellroda trat schon 2020 nicht mehr an, und ob Verlage wie Tumult, Manuscriptum und die Junge Freiheit »Awareness Teams« anforderten, ließ sich nicht recherchieren.
Es waren die Jahre 2017 und 2018 die Höhepunkte, aber auch der Anfang vom Ende dessen, was man tatsächlich als eine Art unangepaßtes »Milieu« auf der Buchmesse bezeichnen könnte, aber mit dem simplen Zusatz »rechts« ungenügend charakterisieren würde. Links war es jedenfalls nicht, und jedenfalls nicht gewöhnlich – nihil commune, wie auch das Motto des Karolinger Verlags lautet, der von allen, die damals noch dabei waren, am längsten, und als einziger bis heute, ohne Unterbrechung in Frankfurt vertreten gewesen ist.
2024 befand der Deutschlandfunk, daß »man in den vergangenen Jahren einen ganzen Nachmittag […] nur bei den Ständen der rechten Verlage verbringen« konnte; in diesem Jahr hingegen habe es nur »einen einzigen Verlag, den man als klar rechts bezeichnen kann, den Karolinger Verlag aus Wien«, gegeben.
Als wir 1981 zum erstenmal ausstellten, waren die mittlerweile längst verschwundenen unliebsamen Verlage dort eher altrechten Zuschnittes und schon damals in Schmuddelecken abgeschoben. Trotzdem war die Messe seinerzeit, und noch für mindestens zwei Jahrzehnte, ein reichhaltiges, in seiner Fülle und Ausdehnung vollkommen unüberschaubares Sammelsurium; alle Hallen mit Büchern in zugänglichen Sprachen einigermaßen zu durchforsten war während der Pausen vom Dienst am eigenen Stand ganz unmöglich.
Was dazu ohne Zweifel beitrug, war ein mit den Jahren als geradezu messetypisch wahrgenommener Zustand ständiger Übermüdung und Restverkaterung; Phänomene, die auf die seinerzeit noch zahlreichen uns zugänglichen Abendveranstaltungen innerhalb und auch außerhalb des Milieus sowie auf die Quartiernahme bei unserem inzwischen verstorbenen Freund Günter Maschke zurückgingen, ohne den die Messe ohnehin nie mehr sein kann, was sie einmal war. Zu den Neuerscheinungen kam lange ein Bücherflohmarkt unmittelbar vor den Toren der Messe, und am anderen Ende der Skala ein piekfeiner Antiquariatsbereich; beide sind praktisch verschwunden.
Das gilt auch für eine ganze Kategorie von Messebesuchern: den Typus »hochbelesener Kauz«, der über ganze Tage am Stand unermüdlich dozierte, höflich zur Seite trat, sobald sich Normalpublikum näherte, nach dessen Abgang aber augenblicklich wieder an die Seite der Standbesatzung sprang und seine ebenso gelehrte wie unentrinnbare Rede exakt dort wiederaufnahm, wo er sie kurz zuvor unterbrochen hatte.
Auch der Typ »jovialer Hausfreund« ist seltener geworden: Gut gelaunt traf dieser, oft mit Entourage, am Stand ein, verharrte einen Moment lang, um dem gerade anwesenden Karolinger Gelegenheit zu einer Art Auftrittsapplaus zu geben, verstaute Garderobe und Gepäck sowie bisherige Bucherwerbungen, ließ sich zu einem langen Palaver nieder, sprach dem von uns traditionell ausgeschenkten Schnaps zu, kehrte zwischen seinen ausgedehnten Bücherfischzügen auf der Messe immer wieder zurück und ergänzte diese am Schluß stets um einige Bücher aus unserem Sortiment.
Beiden Kategorien war leider die mysteriöse Fähigkeit zu eigen, niemals einzeln einzutreffen und damit eine entsprechende Betreuung zu ermöglichen, sondern grundsätzlich nur geblockt, als gäbe es irgendwo in der Nähe eine Sammelstelle, von der aus sich die einander oft gar nicht bekannten Stammgäste konzertiert auf den Weg machten; beiden konnte man, auch ausweislich ihrer Kenntnis unseres Programms, zwischendurch sogar Wechselgeld und Standwache überantworten.
Zu diesen beiden beliebten Archetypen kamen schwierigere: Der »Skeptiker« nahm so gut wie jedes Buch zur Hand, las ausgiebig darin, lachte dabei immer wieder kopfschüttelnd auf, lobte schließlich aber doch unser »einzigartiges, verdienstvolles« Programm und verabschiedete sich, ohne auch nur ein einziges Büchlein zu erwerben – meist mit dem Hinweis, die Gattin hätte aus Raumgründen jeden Bücherkauf untersagt.
Ein wirklich gefürchteter Gast war der »Propagandist«. Dieser verhielt sich zunächst unauffällig, warf einen Blick in ein oder zwei Bücher und fand schließlich eine Stelle, die ihm als Ansatzpunkt geeignet schien. Nach wenigen alibihaften Sätzen zum eigentlichen Text begann der Propagandist auf sein entlegenes Leibthema einzuschwenken und es in allen Details zu entwickeln, mitunter gar unter Zuhilfenahme eines ziehharmonikaartig gefalteten, ellenlangen und eng beschriebenen Pamphlets. Fiducit!
So ganz war es also schon nicht mehr die »echte« Buchmesse, auf die 2020 die coronabedingte Absage traf, gefolgt von einer gespenstischen Ausgabe unter striktem Corona-Regime 2021: In den überbreiten Gängen verirrte sich das rare Publikum, auf der leeren Agora plärrten von Großleinwänden meist auf englisch vorzugsweise exotische Unbekannte, und man wäre nicht überrascht gewesen, wie in einer verlassenen Westernstadt ein Gebüsch im Herbstwind über das riesige Betongeviert rollen zu sehen.
Von diesem Schlag hat sich die Messe nicht wieder erholt (2019: 7450 Aussteller / 302 267 Besucher; 2024: 4300 / 230 000); Klagen darüber werden von der Messeleitung und Branchenverbänden gerne als »Früher war alles besser«-Mentalität« bespöttelt. Selbst die kostümierten, jugendlichen Manga-Freunde sieht man immer seltener. Gemeinsam mit den »Young Adult«-Lesern, auf die der Mainstream so viele Hoffnungen setzt, haben diese nun ihre eigene Halle, die sie kaum mehr verlassen.
Und viele der rechten Finsterlinge, zuletzt die jahrzehntelang präsente Junge Freiheit, haben der Messe nach Corona den Rücken gekehrt, weil sie die Plazierung in Schmuddelecken leid waren und festgestellt hatten, daß die Ausgaben für einen Auftritt in Frankfurt anderswo besser investiert sind.
Was bleibt, ist ein immer uniformeres Programm und Publikum, und die Erkenntnis, daß es nichts weniger Buntes als einen Regenbogen gibt. Selbst die immer breiteren Gänge, früher mit farbigen Teppichen ausgelegt, treten inzwischen aus Klimaschutzgründen blank und schäbig zutage. Und zu echter Vielfalt tragen auch die unzähligen Bühnen von Mainstreammedien ebensowenig bei wie die riesigen Stände verschiedener – nein, diverser! – Bundesländer und von Institutionen wie der Bundesbank.
Trotzdem: Gerade für Neulinge lohnt ein Besuch auf der größten Bücherschau der Welt nach wie vor, und sei es auch in ihrem Abendrot, bevor die Vielfaltsfreunde dann womöglich bald wirklich unter sich sind – ungefähr so wie dieses Jahr, als ich kurz nach dem Zapfenstreich für das Publikum von einem Rundgang in die eigene Halle zurückkehrte, deren Beleuchtung schon gedämpft worden war. Dort standen an die zwanzig Mann in schwarzen Anzügen und mit finsterer Miene totengräberartig um den Stand der Bundeszentrale für politische Bildung stramm, in deren Mitte Bundesinnenministerin Nancy Faeser auf Krücken ihrem Erfüllungsgehilfen die Aufwartung machte.
Als ich außerhalb des Sicherheitskordons kurz anhielt, um die Gewaltige aus der Nähe zu besehen, trat einer der Totengräber heran und wies mit den rätselhaften Worten »Sie können auch weitergehen!« in die Ferne. Auf meine wiederholte Frage, ob ich denn auch bleiben könne, wurde mir mit der immer gleichen Wendung und Geste geantwortet. Ich blieb, und als ich später die sonderbare Sibylle, nun meinerseits Richtung Ausgang deutend, mehrfach darauf hinwies, daß auch sie weitergehen könne, schien sie mich nicht besser zu verstehen als ich sie zuvor.