Als erster, als letzter – mit Karolinger auf der Messe

PDF der Druckausgabe aus Sezession 123/ Dezember 2024

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von Kon­rad Mark­ward Weiß –

Gegen Ende der Buch­mes­se wur­de es spür­bar: Die Frank­fur­ter Rund­schau hat­te einen Stadt­ver­ord­ne­ten von »Die Par­tei« mit »Es wird rechts­extre­mes Gedan­ken­gut auf der Buch­mes­se geben« zitiert. Genannt wur­den Karo­lin­ger, ein »ein­deu­tig rech­ter Ver­lag«, und Ahri­man – nach eige­nem Bekun­den und aus­weis­lich sei­nes Pro­gram­mes aller­dings einem Mar­xis­mus ortho­do­xer Obser­vanz ver­pflich­tet. Die Mes­se­lei­tung hat­te den Ver­lag unter dem Signet eines Teu­fels mit Drei­zack und eri­gier­tem Glied und sei­ne freund­li­chen Mit­ar­bei­ter schräg gegen­über von Karo­lin­ger plaziert.

Kei­ne Mes­se ohne Denun­zia­ti­on, die gegen Karo­lin­ger ist etwas sim­pel – zu groß ist die Band­brei­te von Autoren, die weni­ger eint, rechts zu sein, son­dern wider­spens­tig. Es sind Momen­te wie die­se, in denen man es aus per­sön­li­cher, unmit­tel­ba­rer Wahr­neh­mung bes­ser weiß, in denen man schau­dert, wenn man die hier offen­bar­te Tref­fer­quo­te auf den Wahr­heits­ge­halt von Main­stream­m­e­di­en ins­ge­samt hochrechnet.

Die Rund­schau – 2003 durch eine Lan­des­bürg­schaft geret­tet, 2004 von der SPD- Medi­en­hol­ding über­nom­men, 2012 insol­vent und zuletzt hier­zu­lan­de eine der Tages­zei­tun­gen mit dem stärks­ten Auf­la­gen­ver­lust – hat zwar immer weni­ger Leser, dafür aber beson­ders tap­fe­re. Ihres Besu­ches durf­ten wir uns bald nach dem erwähn­ten Arti­kel erfreu­en: Eine skur­ri­le Per­son, Typ Clau­dia Roth, hielt uns im Brust­ton der Empö­rung Vor­trä­ge zur Men­schen­wür­de; dazu kamen jun­ge Pär­chen, die ein­an­der mit woh­li­gem Gru­seln über ihren gefähr­li­chen Auf­ent­halts­ort »Das hier sind die­se Rech­ten« zuraun­ten; jene, die uns auf den Hin­weis, sie könn­ten Bücher mit Messe­rabatt erwer­ben, bebend vor gerech­tem Zorn »Ich den­ke eher nicht!« ent­ge­gen­schleu­der­ten; oder die wacke­ren Kol­le­gen, die unse­ren Stand nachts mit dem Auf­kle­ber »Ver­la­ge gegen rechts« zupflasterten.

Trotz sol­cher Cou­ra­ge – wenn Lin­ke aller Cou­leurs, in der Ver­lags- und Medi­en­bran­che bekannt­lich eine schwer bedräng­te Min­der­heit, auf die Frank­fur­ter Buch­mes­se wol­len, hat es einst des Todes­muts bedurft. Zuviel war das noch vor weni­gen Jah­ren für die (laut Eigen­be­zeich­nung) »afro­deut­sche Ser­bo­kroa­tin« Jas­mi­na Kuhn­ke, Roman­au­to­rin und Twit­ter­et­te mit star­kem Hang zur Vul­gä­ri­tät, die ihre Teil­nah­me 2021 wegen »unüber­seh­bar gegen­wär­ti­ger« Gefahr absag­te; Lui­sa Neu­bau­er hin­ge­gen wag­te sich damals auf die Mes­se, obwohl auch sie dort »nicht sicher« sei – und zwar wegen der bedroh­li­chen Prä­senz von immer­hin vier als rechts iden­ti­fi­zier­ten Ver­la­gen unter den mehr als 4000 Aus­stel­lern. Es war das Jun­g­­eu­ro­pa-Jahr auf der Mes­se, der letz­te Auf­tritt des dort über­aus emsi­gen, aber kurz­at­mi­gen Hau­ses, das durch blo­ße Anwe­sen­heit Angst und ­Schre­cken im Jus­te milieu verbreitete.

Immer­hin hat­te die umsich­ti­ge Mes­se­lei­tung im fol­gen­den Jahr auf die­se Sicher­heits­män­gel reagiert und das »Awa­re­ness Team Frank­fur­ter Buch­mes­se« instal­liert, das in grell­gel­ben Warn­wes­ten patrouil­lier­te, gebil­det aus »Mit­ar­bei­ten­den« des Bun­des für Anti­dis­kri­mi­nie­rungs- und Bil­dungs­ar­beit e.V.; die­ser, so die Messe,

hat sich die kurz- und lang­fris­ti­ge Bera­tung von Men­schen, die von Dis­kri­mi­nie­rung und Ras­sis­mus betrof­fen sind, zur Auf­ga­be gemacht. Ziel ist es, für Betrof­fe­ne ansprech­bar zu sein und sie bei der Suche nach einem Umgang mit dem Erleb­ten zu begleiten.

Für man­chen kam jede dies­be­züg­li­che Hil­fe lei­der zu spät. 2017 und 2018 waren auf­grund kon­sens­stö­ren­der Hal­tun­gen Antai­os und Sezes­si­on teils hand­greif­li­chen Pro­tes­ten aus­ge­setzt, lit­ten außer­dem unter Dieb­stahl und Zer­stö­rung des Inven­tars – hier hät­te das »Awa­re­ness Team« reich­lich Gele­gen­heit gehabt, gegen »Dis­kri­mi­nie­rung« zu wir­ken sowie Götz Kubit­schek und sei­ne Rei­si­gen »bei der Suche nach einem Umgang mit dem Erleb­ten zu beglei­ten«. Aber Schnell­ro­da trat schon 2020 nicht mehr an, und ob Ver­la­ge wie Tumult, Manu­scrip­tum und die Jun­ge Frei­heit »Awa­re­ness Teams« anfor­der­ten, ließ sich nicht recherchieren.

Es waren die Jah­re 2017 und 2018 die Höhe­punk­te, aber auch der Anfang vom Ende des­sen, was man tat­säch­lich als eine Art unan­ge­paß­tes »Milieu« auf der Buch­mes­se bezeich­nen könn­te, aber mit dem simp­len Zusatz »rechts« unge­nü­gend cha­rak­te­ri­sie­ren wür­de. Links war es jeden­falls nicht, und jeden­falls nicht gewöhn­lich – nihil com­mu­ne, wie auch das Mot­to des Karo­lin­ger Ver­lags lau­tet, der von allen, die damals noch dabei waren, am längs­ten, und als ein­zi­ger bis heu­te, ohne Unter­bre­chung in Frank­furt ver­tre­ten gewe­sen ist.

2024 befand der Deutsch­land­funk, daß »man in den ver­gan­ge­nen Jah­ren einen gan­zen Nach­mit­tag […] nur bei den Stän­den der rech­ten Ver­la­ge ver­brin­gen« konn­te; in die­sem Jahr hin­ge­gen habe es nur »einen ein­zi­gen Ver­lag, den man als klar rechts bezeich­nen kann, den Karo­lin­ger Ver­lag aus Wien«, gegeben.

Als wir 1981 zum ersten­mal aus­stell­ten, waren die mitt­ler­wei­le längst ver­schwun­de­nen unlieb­sa­men Ver­la­ge dort eher alt­rech­ten Zuschnit­tes und schon damals in Schmud­del­ecken abge­scho­ben. Trotz­dem war die Mes­se sei­ner­zeit, und noch für min­des­tens zwei Jahr­zehn­te, ein reich­hal­ti­ges, in sei­ner Fül­le und Aus­deh­nung voll­kom­men unüber­schau­ba­res Sam­mel­su­ri­um; alle Hal­len mit Büchern in zugäng­li­chen Spra­chen eini­ger­ma­ßen zu durch­fors­ten war wäh­rend der Pau­sen vom Dienst am eige­nen Stand ganz unmöglich.

Was dazu ohne Zwei­fel bei­trug, war ein mit den Jah­ren als gera­de­zu mes­se­ty­pisch wahr­ge­nom­me­ner Zustand stän­di­ger Über­mü­dung und Rest­ver­ka­te­rung; Phä­no­me­ne, die auf die sei­ner­zeit noch zahl­rei­chen uns zugäng­li­chen Abend­ver­an­stal­tun­gen inner­halb und auch außer­halb des Milieus sowie auf die Quar­tier­nah­me bei unse­rem inzwi­schen ver­stor­be­nen Freund Gün­ter Maschke zurück­gin­gen, ohne den die Mes­se ohne­hin nie mehr sein kann, was sie ein­mal war. Zu den Neu­erschei­nun­gen kam lan­ge ein Bücher­floh­markt unmit­tel­bar vor den Toren der Mes­se, und am ande­ren Ende der Ska­la ein piek­fei­ner Anti­qua­ri­ats­be­reich; bei­de sind prak­tisch verschwunden.

Das gilt auch für eine gan­ze Kate­go­rie von Mes­se­be­su­chern: den Typus »hoch­be­le­se­ner Kauz«, der über gan­ze Tage am Stand uner­müd­lich dozier­te, höf­lich zur Sei­te trat, sobald sich Nor­mal­pu­bli­kum näher­te, nach des­sen Abgang aber augen­blick­lich wie­der an die Sei­te der Stand­be­sat­zung sprang und sei­ne eben­so gelehr­te wie unent­rinn­ba­re Rede exakt dort wie­der­auf­nahm, wo er sie kurz zuvor unter­bro­chen hatte.

Auch der Typ »jovia­ler Haus­freund« ist sel­te­ner gewor­den: Gut gelaunt traf die­ser, oft mit Entou­ra­ge, am Stand ein, ver­harr­te einen Moment lang, um dem gera­de anwe­sen­den Karo­lin­ger Gele­gen­heit zu einer Art Auf­tritts­ap­plaus zu geben, ver­stau­te Gar­de­ro­be und Gepäck sowie bis­he­ri­ge Buch­erwer­bun­gen, ließ sich zu einem lan­gen Pala­ver nie­der, sprach dem von uns tra­di­tio­nell aus­ge­schenk­ten Schnaps zu, kehr­te zwi­schen sei­nen aus­ge­dehn­ten Bücher­fisch­zü­gen auf der Mes­se immer wie­der zurück und ergänz­te die­se am Schluß stets um eini­ge Bücher aus unse­rem Sortiment.

Bei­den Kate­go­rien war lei­der die mys­te­riö­se Fähig­keit zu eigen, nie­mals ein­zeln ein­zu­tref­fen und damit eine ent­spre­chen­de Betreu­ung zu ermög­li­chen, son­dern grund­sätz­lich nur geblockt, als gäbe es irgend­wo in der Nähe eine Sam­mel­stel­le, von der aus sich die ein­an­der oft gar nicht bekann­ten Stamm­gäs­te kon­zer­tiert auf den Weg mach­ten; bei­den konn­te man, auch aus­weis­lich ihrer Kennt­nis unse­res Pro­gramms, zwi­schen­durch sogar Wech­sel­geld und Stand­wa­che überantworten.

Zu die­sen bei­den belieb­ten Arche­ty­pen kamen schwie­ri­ge­re: Der »Skep­ti­ker« nahm so gut wie jedes Buch zur Hand, las aus­gie­big dar­in, lach­te dabei immer wie­der kopf­schüt­telnd auf, lob­te schließ­lich aber doch unser »ein­zig­ar­ti­ges, ver­dienst­vol­les« Pro­gramm und ver­ab­schie­de­te sich, ohne auch nur ein ein­zi­ges Büch­lein zu erwer­ben – meist mit dem Hin­weis, die Gat­tin hät­te aus Raum­grün­den jeden Bücher­kauf untersagt.

Ein wirk­lich gefürch­te­ter Gast war der »Pro­pa­gan­dist«. Die­ser ver­hielt sich zunächst unauf­fäl­lig, warf einen Blick in ein oder zwei Bücher und fand schließ­lich eine Stel­le, die ihm als Ansatz­punkt geeig­net schien. Nach weni­gen ali­bi­haf­ten Sät­zen zum eigent­li­chen Text begann der Pro­pa­gan­dist auf sein ent­le­ge­nes Leib­the­ma ein­zu­schwen­ken und es in allen Details zu ent­wi­ckeln, mit­un­ter gar unter Zuhil­fe­nah­me eines zieh­har­mo­ni­ka­ar­tig gefal­te­ten, ellen­lan­gen und eng beschrie­be­nen Pam­phlets. Fiducit!

So ganz war es also schon nicht mehr die »ech­te« Buch­mes­se, auf die 2020 die coro­nabe­ding­te Absa­ge traf, gefolgt von einer gespens­ti­schen Aus­ga­be unter strik­tem Coro­na-Regime 2021: In den über­brei­ten Gän­gen ver­irr­te sich das rare Publi­kum, auf der lee­ren Ago­ra plärr­ten von Groß­lein­wän­den meist auf eng­lisch vor­zugs­wei­se exo­ti­sche Unbe­kann­te, und man wäre nicht über­rascht gewe­sen, wie in einer ver­las­se­nen Wes­tern­stadt ein Gebüsch im Herbst­wind über das rie­si­ge Beton­ge­viert rol­len zu sehen.

Von die­sem Schlag hat sich die Mes­se nicht wie­der erholt (2019: 7450 Aus­stel­ler / 302 267 Besu­cher; 2024: 4300 / 230 000); Kla­gen dar­über wer­den von der Mes­se­lei­tung und Bran­chen­ver­bän­den ger­ne als »Frü­her war alles besser«-Mentalität« bespöt­telt. Selbst die kos­tü­mier­ten, jugend­li­chen Man­ga-Freun­de sieht man immer sel­te­ner. Gemein­sam mit den »Young Adult«-Lesern, auf die der Main­stream so vie­le Hoff­nun­gen setzt, haben die­se nun ihre eige­ne Hal­le, die sie kaum mehr verlassen.

Und vie­le der rech­ten Fins­ter­lin­ge, zuletzt die jahr­zehn­te­lang prä­sen­te Jun­ge Frei­heit, haben der Mes­se nach Coro­na den Rücken gekehrt, weil sie die Pla­zie­rung in Schmud­del­ecken leid waren und fest­ge­stellt hat­ten, daß die Aus­ga­ben für einen Auf­tritt in Frank­furt anders­wo bes­ser inves­tiert sind.

Was bleibt, ist ein immer uni­for­me­res Pro­gramm und Publi­kum, und die Erkennt­nis, daß es nichts weni­ger Bun­tes als einen Regen­bo­gen gibt. Selbst die immer brei­te­ren Gän­ge, frü­her mit far­bi­gen Tep­pi­chen aus­ge­legt, tre­ten inzwi­schen aus Kli­ma­schutz­grün­den blank und schä­big zuta­ge. Und zu ech­ter Viel­falt tra­gen auch die unzäh­li­gen Büh­nen von Mainstream­medien eben­so­we­nig bei wie die rie­si­gen Stän­de ver­schie­de­ner – nein, diver­ser! – Bun­des­län­der und von Insti­tu­tio­nen wie der Bundesbank.

Trotz­dem: Gera­de für Neu­lin­ge lohnt ein Besuch auf der größ­ten Bücher­schau der Welt nach wie vor, und sei es auch in ihrem Abend­rot, bevor die Viel­falts­freun­de dann womög­lich bald wirk­lich unter sich sind – unge­fähr so wie die­ses Jahr, als ich kurz nach dem Zap­fen­streich für das Publi­kum von einem Rund­gang in die eige­ne Hal­le zurück­kehr­te, deren Beleuch­tung schon gedämpft wor­den war. Dort stan­den an die zwan­zig Mann in schwar­zen Anzü­gen und mit fins­te­rer Mie­ne toten­grä­ber­ar­tig um den Stand der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung stramm, in deren Mit­te Bundes­innenministerin Nan­cy Fae­ser auf Krü­cken ihrem Erfül­lungs­ge­hil­fen die Auf­war­tung machte.

Als ich außer­halb des Sicher­heits­kordons kurz anhielt, um die Gewal­ti­ge aus der Nähe zu bese­hen, trat einer der Toten­grä­ber her­an und wies mit den rät­sel­haf­ten Wor­ten »Sie kön­nen auch weiter­gehen!« in die Fer­ne. Auf mei­ne wie­der­hol­te Fra­ge, ob ich denn auch blei­ben kön­ne, wur­de mir mit der immer glei­chen Wen­dung und Ges­te geant­wor­tet. Ich blieb, und als ich spä­ter die son­der­ba­re Sibyl­le, nun mei­ner­seits Rich­tung Aus­gang deu­tend, mehr­fach dar­auf hin­wies, daß auch sie wei­ter­ge­hen kön­ne, schien sie mich nicht bes­ser zu ver­ste­hen als ich sie zuvor.

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