Ich komme darauf, weil schon wieder Nachwuchs ins Haus steht, im Frühjahr. Das macht mich nachdenklich.
Der Männeranteil unter den Geburtshelfern liegt deutschlandweit bei etwa 0,1%, und deshalb ist es ein großer Zufall, daß eine meiner Töchter (angemeldet in einem Geburtshaus) damit konfrontiert war. Sie hatte es abgelehnt – hätte ich übrigens auch bei meinen sieben Geburten.
Unvorstellbar, daß mir ein (auch noch fremder) Mann zur Seite stünde, womöglich die Nachgeburt rausfummelte und mir tröstend zuspräche. Ich bin völlig ratlos, was einen Mann bewegen könnte, diesen Job zu wählen.
Ich wollte bei meinen (allesamt klinikfreien) Geburten keinen Mann an meiner Seite. Ich will das weder verherrlichen noch verabsolutieren. Ich kann mir hervorragend vorstellen, wie gut es manchen Frauen tut, unter Wehen in den Armen des geliebten Mannes getröstet und angespornt zu werden. Nur: ich nicht. Das ist vermutlich nichts, wozu man sich entscheidet im Sinne einer rational-abwägenden Wahl, das ist Bauchgefühl pur. Man kann es übertrieben finden oder unzutreffend: Für mich lagen in all diesen Geburtssituationen Schmach und Sieg eng beieinander, und genau das sollte der Geliebte eben nicht betrachten.
Mein erstes Kind brauchte lang. Ich hatte bis kurz vor Mitternacht die „Harald-Schmidt-Show“ geguckt, unter heftigen Wehen, aber gut abgelenkt. Als es richtig losging, schaltete ich jäh auf stur. Ich bockte während der ganzen Geburt, so sehr haßte ich diese Schmerzen! Stundenlang. Ich wollte das nicht. Nicht jetzt. Ich wollte auch nicht rumlaufen, denn das verstärkte ja die Wehen. Irgendwann sagte eine der beiden Hebammen: „Drei Stunden Preßwehen sind nicht normal. Wenn du jetzt nicht losläßt, müssen wir den Notarzt rufen. Die Herztöne sind mau.“ Ich ließ ergeben los, und in den ersten Morgenstunden kam dann das Töchterlein zur Welt.
Die zweite Tochter, anderthalb Jahre später, wurde geburtshelferisch begleitet durch ein Lesbenpaar. Sie haben geschmust, als ich die zweite Tochter zur Welt brachte, denn sie fanden „die Atmosphäre überirdisch“. Naja: Sie waren kompetent und lieb.
Bei der dritten Tochter, die in meinem Elternhaus in Offenbach zur Welt kam, wurde ich wieder irrational verstockt. „Ich mach das nicht. Es überfordert mich momentan. Und ich kann das eh nicht.“ Meine Lieblingshebamme stieß mich heftig an: „Hör mal, bitte: Es ist irgendwie reingekommen, und jetzt muß es halt irgendwie rauskommen.“ Haha, genau diese Hebamme hatte eine psychotherapeutische Zusatzausbildung – und sie hatte einen klugen Satz gewählt. Es war dann doch eine kurze, schöne Geburt.
Vierte Tochter, wir ganz frisch in Ostdeutschland: Die Hebamme ging ganzjährig barfuß. Mit allen Wassern gewaschen, Ost-Pflanze, derb. Vom Frauenarzt war mir eine Hausgeburt verboten worden, wegen irgendeiner Infektion. Die Hebamme sagte: Entweder wir machen das jetzt, oder du gehst halt ins Krankenhaus. Ich: Aber wir haben ja nicht mal eine richtige Heizung? Sie: Mädel. Ich habe schon Kinder in klammen Kammern zwischen Zementsäcken entbunden. Du muß halt wissen, was du willst. Ja, wußte ich dann doch. Sie hatte dreißigjährige Erfahrung. Vertrauen, das sich auszahlte.
Beim fünften Kind kam dann wieder die irre Angst vor den Schmerzen hoch. Irre, weil ich nie Schmerzmittel schlucke und auch sonst auch eher hart im Nehmen bin. Ich fragte meine Lieblingshebamme aus dem Westen, ob sie nicht vielleicht ein paar Tage bei uns im Osten verbringen wolle…? Ja, sie wollte! Als es losging, ließ ich Wasser in unseren riesigen hölzernen Badebottich ein, 160 l, mein Element ist ja Wasser. Sofort hatte ich aber klaustrophobische Zustände und stieg aus.
Wie ich jauchzte & frohlockte, als dann endlich ein kleiner Junge unter mir lag! Plus: Sonntagskind! Mein Jubel war grenzenlos und dopaminbefördert, aber die (feministische) Hebamme unterband ihn, indem sie mich wieder heftig anstieß: „Gut jetzt! Nicht hysterisch werden! Komm mal runter.“
Sechstes Kind – wieder eine ausgesprochene Osthebamme. Ich habe den Unterschied zwischen Ost- und Westhebammen damals als sehr groß empfunden, das mag mittlerweile anders sein. Westhebammen: völlig im linksalternativen Milieu verortet. Sehr politisch korrekt, woke, aber auch pingelig in anderen Dingen. Kundschaft: rotgrün mit gutem Verdienst.
Osthebammen: Für nichts zu schade. Betreuen ganz andere Klientel: deprivilegierte Frauen mit Krankenhaustrauma, Geflüchtete ohne Status; winken dies & das einfach durch, wesentlich anarchischer, lassen fünfe gerade sein, pfeifen auf bürokratische Monstren, wurschteln sich durch.
West: Du hast Termin in sechs Monaten? Sorry, das ist definitiv zu spät für eine außerklinische Geburt. Ost: Termin in sechs Wochen? Laß mal schauen, wir kriegen das hin.
Unser sechstes Kind kam in einer sogenannten Glückshaut zur Welt – eine Seltenheit. Daß das eine Besonderheit ist und die Glückshaut früher hochgehandelt wurde – neu für mich. Ich lag allein bei dieser Geburt auf dem Rücken – so, wie es in Filmen immer ist. Das ist für Säugetiere, wie es wir Menschen nunmal sind, ziemlich untypisch. Aber keiner hatte mich in diese Lage gebracht, es geschah instinktiv und war schön. Eine sogenannte sanfte Geburt.
Das siebte Kind (mithin das vierte, das im Rittergut geboren wurde) kam in einer Januarnacht, in der es heftig schneite. Die Hebamme hatte 40 km zu bewältigen (ich glaube, das ist auch osttypisch, dieser Radius; im Westen hätten Hebammen wesentlich empfindlichere Grenzen) und blieb natürlich stecken. Das Kind war schon da, als sie eintraf und sich erstmal die Hände desinfizieren mußte.
Übrigens: Meine beste Freundin damals, bei meinem ersten Kind, hatte Kinderkrankenschwester gelernt. In diesem Rahmen begleitete sie auch etliche Geburten: “Deutsche Frauen sind immer ziemlich leise. Ausländerinnen immer laut.” Was soll ich sagen – ich hatte insofern nie eine echtdeutsche Geburt… Aber ich fand es ok, laut zu sein. In Ausnahmesituationen zeigt sich das “wahre Ich”. Mein wahres Ich ist offenbar doch laut.
Ich liebe alles daran – auch an diesem nostalgischen Rückblick. Dankbarkeit ist eine Fähigkeit, die man einüben und trainieren sollte. Dankbarkeit ist gewissermaßen ein metaphysisches Glow-Up!
Auch wenn ich zuvor von “Sieg und Schmach” sprach im Heldinnensound: Ich bin extrem dankbar für all diese Hebammen, die mir und uns zu diesem großen Glück verhalfen. Eine meiner Töchter hatte jungst hebammenfrei selbstentbunden. Könnte ich nie, hätte ich nie gewollt. Sie konnte und wollte es.
Diese meine Hebammen (anders als es heute üblich ist) waren übrigens allesamt nicht akademisch zertifiziert. Und das war überhaupt kein Schaden.
Makel
Sehr geehrte Frau Kositza,
Sie lehnen männliche Hebammen ab, was ich völlig normal finde. Ich frage als jemand, der sich explizit nicht als Erzieher versteht: Wie stehen Sie zu Männern im Kindergarten?
Kositza: Dazu hab ich keine klare Meinung!