Jakob Knudsen

PDF der Druckausgabe aus Sezession 123/ Dezember 2024

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von Jörg Seidel –

Die Deut­schen – das Volk der Dich­ter und der Den­ker, ein Topos aus dem 19. Jahr­hun­dert, der sich als Gerücht bis in unse­re Tage schleppt. Er war schon damals nur zur Hälf­te wahr. Nimmt man die Pro-Kopf-Ver­tei­lung zum Maß­stab, dann haben die Dänen gute Aus­sicht, zumin­dest als das Volk der Dich­ter gel­ten zu kön­nen, denn was die­se weni­gen Mil­lio­nen Men­schen seit 200 Jah­ren an groß­ar­ti­ger Lite­ra­tur her­vor­ge­bracht haben, steht ver­mut­lich ein­sam da in der euro­päi­schen Kulturgeschichte.

Jakob Knud­sen (1858 – 1917) gilt heu­te nahe­zu als ver­ges­sen – übri­gens auch in sei­nem Hei­mat­land. Er wuchs im geis­ti­gen Umfeld des Grundt­vi­gia­nis­mus und der däni­schen Volks­hoch­schul­be­we­gung auf. Sein Vater war selbst Hoch­schul­leh­rer und Pfar­rer und zeit­wei­se sogar mit Kres­ten Kold (1816 – 1870), dem prak­tisch-päd­ago­gi­schen Pio­nier der Bewe­gung (wohin­ge­gen Grundt­vig der geis­ti­ge Kopf war), befreundet.

Die Kin­der wur­den streng in die­sem Geis­te erzo­gen, das »leben­di­ge Wort« spiel­te neben Zucht und Ord­nung eine ent­schei­den­de Rol­le, das heißt, die Kin­der wur­den in Chris­ten­tum, Geschich­te, Lan­des­kun­de und Mytho­lo­gie münd­lich durch den Vater unter­rich­tet, und dies hat­te sich so tief in die Psy­che ein­ge­gra­ben, daß Knud­sen die­ses Prin­zip spä­ter auch an sei­nen eige­nen Kin­dern verwirklichte.

Die Fami­lie zog mehr­fach um – Knud­sen lieb­te vor allem die jüt­län­di­sche Land­schaft und den ein­fa­chen Men­schen­schlag und ist ihnen lebens­lang treu geblie­ben, auch wenn er als erfolg­rei­cher Autor spä­ter in Kopen­ha­gen leb­te. Die lie­be­voll dif­fe­ren­zier­te Wie­der­ga­be die­ser Typen brach­te ihm das Signum des »natu­ra­lis­ti­schen« Dich­ters ein.

Wäh­rend sei­nes Theo­lo­gie­stu­di­ums lern­te er den Kul­tur­ra­di­ka­lis­mus ken­nen, der mit der kraft­vol­len und cha­ris­ma­ti­schen Gestalt Georg ­Bran­des – in Deutsch­land kennt man ihn vor allem als den »Ent­de­cker Nietz­sches« – gleich zu Beginn sei­ne voll­ende­te Erschei­nung gefun­den hat­te. Bran­des wur­de als Natur­er­eig­nis wahr­ge­nom­men. Sei­ne über­ra­gen­de Intel­li­genz kom­ple­men­tier­te sein Destruk­ti­ons- und Auf­bau­werk, er war der »Mann des moder­nen Durch­bruchs«. In sei­ner ein­fluß­rei­chen Vor­le­sung »Haupt­strö­mun­gen der Lite­ra­tur des 19. Jahr­hun­derts« stell­te er der Lite­ra­tur eine neue Auf­ga­be: »Daß eine Lite­ra­tur in unse­ren Tagen lebt, zeigt sich dar­an, daß sie Pro­ble­me zur Debat­te stellt.

So wie etwa Geor­ge Sand die Ehe zur Debat­te stellt, Vol­taire, Byron und Feu­er­bach die Reli­gi­on, Proudhon das Eigen­tum, der jün­ge­re Dumas das Ver­hält­nis der Geschlech­ter und Emi­le Augier die Gesell­schafts­ver­hält­nis­se« (1) zur Debat­te stel­len, soll­te also hei­ßen: in Fra­ge stel­len! Iro­nie der Geschich­te: Es soll­te just Bran­des’ welt­an­schau­li­cher Gegen­spie­ler Knud­sen wer­den, der ganz aus­drück­lich eine Lite­ra­tur schuf, die »Pro­ble­me zur Debat­te« stell­te, und zwar jene Pro­ble­me, die sich aus Bran­des’ Maxi­me selbst erge­ben. Bran­des jeden­falls war ein Schlüs­sel­er­leb­nis, man stand sich als Geg­ner gegen­über und schätz­te sich doch hochgradig.

Nur wider­wil­lig been­de­te Knud­sen sei­ne Theo­lo­gen­aus­bil­dung, die Begeis­te­rung für die Phi­lo­so­phie erwies sich eben­falls als frucht­los, also begann er als Hoch­schul­leh­rer in Askov zu arbei­ten, eine der Vor­zei­ge­schu­len des Lan­des, die von dem bedeu­ten­den Päd­ago­gen Lud­vig Schrø­der gelei­tet wur­de. Zwei star­ke Män­ner an einer Ein­rich­tung, das war zu viel, und als sei­ne ers­te Ehe nach zehn Jah­ren schei­ter­te, flüch­te­te Knud­sen aufs Land und wur­de Pfar­rer einer Freikirche.

War die Schei­dung bereits eine Auf­re­gung, so war die neu­er­li­che Ehe mit der 19 Jah­re jün­ge­ren Hel­ga Bek – auch sie die Toch­ter eines Hoch­schul­di­rek­tors – ein veri­ta­bler Skan­dal, der Knud­sen den öko­no­mi­schen Boden unter den Füßen weg­zog: Er ver­lor sei­ne Anstel­lung und muß­te nun ein kärg­li­ches Leben als Vor­trags­rei­sen­der füh­ren, immer unter­wegs, im offe­nen Wagen, auf zugi­gen Bahn­sta­tio­nen, in feuch­ten Katen (2) …, so rui­nier­te er sich sei­ne Gesund­heit, ver­sorg­te sich aber zugleich mit aus­rei­chend Erzähl­stoff. Die Ehe war glück­lich – indem Knud­sen sich der Kon­ven­ti­on wider­setzt hat­te, schuf er die Bedin­gung für Lebens- und Schaf­fens­glück. Die­se Grund­er­fah­rung wur­de in sei­nen Roma­nen spä­ter – und am deut­lichs­ten in Der alte Pfar­rer – the­ma­ti­siert: Voll­kom­men­heits­ge­bo­te aus­zu­ge­ben sei schäd­lich, wenn sie den Men­schen über­for­dern und nicht zu ver­wirk­li­chen sind.

Die­ser sein ers­ter Roman wur­de sofort ein Erfolg. Knud­sen war end­lich die Geld­sor­gen los, von nun an (1899) begann er Jahr für Jahr mit gro­ßer Regel­mä­ßig­keit immer zum glei­chen Zeit­punkt (im Okto­ber) einen Roman von 200 Sei­ten zu ver­öf­fent­li­chen – er war nie inspi­riert und ver­füg­te auch kaum über Phan­ta­sie, son­dern er war ein dis­zi­pli­nier­ter Arbei­ter und leb­te von Erleb­tem und Erin­ner­tem; (3) er schrieb auch nicht um der Kunst wil­len, son­dern sei­ne Bücher hat­ten eine Bot­schaft, hat­ten Kämp­fe zu füh­ren, muß­ten sich inhalt­lich recht­fer­ti­gen und nicht stilistisch.

Es ist fas­zi­nie­rend zu sehen, daß die Kri­tik – sofern sie sich über­haupt posi­tiv auf Knud­sen bezieht – voll­kom­men dar­über zer­strit­ten ist, wel­ches das »Haupt­werk« Knud­sens sei. Was die einen aus­zeich­nen, ver­wer­fen die ande­ren. Der alte Pfar­rer jeden­falls war ein Durch­bruchs­werk und hat­te sehr hohe Auf­la­gen, wohl in ers­ter Linie, weil es schwe­re »Pro­ble­me zur Debat­te« stellt. Die­ser Roman liegt 125 Jah­re nach sei­ner Erst­ver­öf­fent­li­chung nun end­lich wie­der auf deutsch vor – neu über­setzt und als ach­ter Band der Roman-Rei­he bei Antai­os. (4) In Zen­trum steht ein Mord, und der wird vom ört­li­chen Pfar­rer, einem ein­ge­fleisch­ten Grundt­vi­gia­ner, nicht nur gerecht­fer­tigt und sei­ne Ver­schleie­rung legi­ti­miert, nein, der »Mör­der« wird in sei­ner Absicht, sich aus Rück­sicht auf sei­ne kran­ke Frau selbst das Leben zu neh­men, bestärkt und erhält die kirch­li­chen Weihen.

Die kul­tur­ra­di­ka­le Öffent­lich­keit jubel­te dem Werk ob sei­ner Grenz­über­schrei­tung zu, Knud­sens eige­ne Klas­se war hoch­gra­dig ver­un­si­chert. Kon­ser­va­tis­mus wur­de plötz­lich revo­lu­tio­när: Die alten Spiel­re­geln wer­den situa­tiv und aus Men­schen­lie­be, vor allem aus sei­nem inne­ren Wesen her­aus, ver­än­dert, wohin­ge­gen der neue Pfar­rer, ein win­di­ger Bur­sche, der die heh­ren, sal­bungs­rei­chen Wor­te spricht, als fal­scher Pro­phet, als geld­gie­ri­ger und mensch­lich unsen­si­bler Uti­li­ta­rist dasteht.

Als Ent­wick­lungs­ro­man kann Knud­sens Dop­pel­ro­man Gärung – Auf­k­la­rung (1902) gel­ten. Er weist ganz ver­blüf­fen­de Ähn­lich­kei­ten zu Hen­rik Pon­top­pidans Nobel­preis-Roman Lykke-Per auf, ein Buch, das zwi­schen 1898 und 1904 als Fort­set­zungs­ro­man in einer Zei­tung erschien und also noch gar nicht abge­schlos­sen vor­lag, als Knud­sen sei­nen eige­nen auto­bio­gra­phisch ver­schlüs­sel­ten Groß­ro­man vorlegte.

Er erzählt die Geschich­te eines Pfar­rer­sohns, der durch Stu­di­um und Stadt von sei­ner Hei­mat ent­frem­det wird, lan­ge der intel­lek­tu­el­len und ero­ti­schen Bezau­be­rung durch eine fas­zi­nie­ren­de frei­den­ke­ri­sche Frau erliegt – sie ist klug, schön, rät­sel­haft, aber auch unstet und gefühls­kalt – und als die­se »sein wer­den will« und ent­blößt vor ihm steht, da schreckt er instink­tiv zurück: »Das ist Sün­de!« Den­noch ehe­licht er sie, um schließ­lich fest­stel­len zu müs­sen, daß er sei­nem eigent­li­chen Wesen, das ihm durch Erzie­hung und Gemein­schaft auf­ge­prägt wur­de, nicht ent­flie­hen kann – er ver­läßt sei­ne Frau, kehrt zur Kind­heits­lie­be zurück, begräbt die hoch­flie­gen­den Träu­me und wird wie­der ins tra­di­tio­nel­le Leben eingegliedert.

»Starr­sinn« – wie man Sind (1903) hier wohl frei über­set­zen muß – stellt eine Art Kohl­haas- Geschich­te dar. Wie­der durch­lei­det der jun­ge Held, Anders Hjarm­sted, eine stren­ge Kind­heit unter der unan­ge­foch­te­nen Auto­ri­tät sei­nes Vaters. Von ihm erbt er auch das unbe­zwing­ba­re Gerech­tig­keits­be­dürf­nis. Als der Krö­sus der Gegend, der Groß­bau­er von neben­an, es nicht las­sen kann, sich durch klei­ne Geset­zes­über­tre­tun­gen immer wie­der nich­ti­ge Vor­tei­le zu ver­schaf­fen, wächst die Wut unauf­halt­sam an. Anders könn­te mit der
Toch­ter des Groß­bau­ern glück­lich sein – sie lie­ben sich, zeu­gen ein Kind –, aber vor dem Unrecht kann er die Augen nicht ver­schlie­ßen, muß zwang­haft den Fuß­spu­ren sei­nes Vaters fol­gen und Gerech­tig­keit üben, und auch wenn er damit sein gan­zes Leben und das sei­ner Liebs­ten zer­stört, so greift er doch zur Selbst­jus­tiz und tötet unter ent­schie­de­nem Vor­satz und wohl­über­legt einen kor­rup­ten Beamten.

Am deut­lichs­ten arbei­te­te Knud­sen die­ses Motiv in sei­nem ent­schie­dens­ten Roman, Leh­rer Urup, her­aus. So wie Hans Kirk mit sei­nem Dop­pel­ro­man Die Tage­löh­ner und Die neu­en Zei­ten den typisch skan­di­na­vi­schen Kol­lek­tiv­ro­man auf die höchs­te künst­le­ri­sche Stu­fe hob, so stellt Leh­rer Urup das gera­de noch Mög­li­che für den Kon­se­quenz­ro­man dar – ein Schritt wei­ter, und der Bereich des Künst­le­ri­schen wäre ver­las­sen worden.

Urup ist ein Leh­rer alter Schu­le, Grundt­vi­gia­ner durch und durch. Sei­ne Päd­ago­gik basiert auf zwei Pfei­lern: Gehor­sam und Frei­heit. Folg­sam hat das Kind in allen welt­li­chen Belan­gen zu sein, die Wil­lens­er­zie­hung benö­tigt auch Zwang, und frei muß es in allen geis­ti­gen sein kön­nen. So flo­riert sei­ne Schu­le. Höhe­punkt sind die Erzähl­stun­den, in denen Urup die Kin­der mit der däni­schen Geschich­te, den Bibel­ge­schich­ten, den Hel­den­ta­ten der Alt­vor­de­ren oder den Mythen ver­traut macht. Knud­sen hat­te es bei sei­nem Vater und vie­le Male selbst an den Volks­hoch­schu­len erfah­ren und als Vater selbst prak­ti­ziert: sie sit­zen und lau­schen, Grundt­vigs und Kolds »leben­di­ges Wort« fes­sel­te Gene­ra­tio­nen – unter einer Vor­aus­set­zung: Nie­mand darf dazu gezwun­gen wer­den, und nur sel­ten ver­zich­tet eines der Kin­der darauf.

Doch das Sys­tem kennt zwei Geg­ner. Da ist zum einen der moder­ne Staat, der das Sche­ma umdre­hen möch­te. Glau­bens­un­ter­richt müs­se stan­dar­di­siert und Pflicht wer­den, damit alle das glei­che ler­nen, glei­che Chan­cen haben, und in der Erzie­hung sol­le Frei­heit herr­schen, damit jeder machen kön­ne, was er wol­le. So ent­ste­hen zwangs­läu­fig Men­schen wie Skov-Johan, Sohn von Eltern, die von Armen­hil­fe (also Sozi­al­hil­fe) leben, folg­lich nicht arbei­ten und die Erzie­hung ver­nach­läs­si­gen … Das gren­zen­los auf­ge­wach­se­ne Kind ist päd­ago­gisch nicht mehr zu errei­chen, tor­pe­diert Urups bewähr­te Metho­de und wird schließ­lich zum Schwerverbrecher.

Aber der Staat hat schon lan­ge die Samt­hand­schu­he ange­zo­gen: Als Min­der­jäh­ri­ger geht Johan für Mord und Ver­ge­wal­ti­gung nur kurz ins Gefäng­nis und tyran­ni­siert weni­ge Mona­te spä­ter wie­der die jun­gen Mäd­chen des Dor­fes. Als er sich erneut an einem ver­greift, schrei­tet einer zur Tat und schießt ihm in den Kopf – wofür er mit einer sehr lan­gen Haft­stra­fe bedacht wird … Der Staat kann doch Här­te zei­gen, aber nur gegen die Eigenen.

Und als sei dies nicht genug, läßt Knud­sen zum Schluß noch den Pfarr­hof nie­der­bren­nen, in dem der pro­gres­si­ve Pfar­rer nebst Fami­lie und uner­zo­ge­nem Kind umkom­men – in Brand gesetzt wur­de das Gebäu­de von einer Hor­de Straf­ge­fan­ge­ner auf Frei­gang. Der Pfar­rer hat­te sie groß­her­zig als sei­ne »Brü­der« bezeich­net, mit denen er alles tei­len wol­le, und das for­dern sie in Form von Brannt­wein. Ver­lust von Zucht und Ord­nung führt unmit­tel­bar zum Chaos.

Knud­sen trägt in dicken Far­ben auf. Sei­ne Bücher leben von der Dra­ma­tik und der Kom­ple­xi­tät der Kon­flik­te. Such­te man ein beschrei­ben­des Adjek­tiv für sei­ne pro­gram­ma­ti­sche Kunst, dann könn­te man es mit »männ­lich« ver­su­chen. Es ist eine sehr männ­li­che, sehr ent­schie­de­ne Lite­ra­tur – der Autor setzt die eige­ne Exis­tenz ein und aufs Spiel. Knud­sen gehört zu den Urvä­tern des wider­stän­di­gen Den­kens, die­ses »Eti­am si omnes, ego non«. Der tie­fe moral­phi­lo­so­phi­sche und theo­lo­gi­sche Gehalt und die deut­li­che Posi­tio­nie­rung haben ihn zu Vor­bild und Refe­renz­quel­le der bedeu­tends­ten Intel­lek­tu­el­len gemacht, allen vor­an K. E. Løgs­trup und Søren Krarup.

Ein­mal gibt Urup sogar sei­ner Freu­de über das Erd­be­ben von Mes­si­na (1908) Aus­druck, lobt Gott dafür, bei dem in einer Stun­de 100 000 Men­schen ver­schütt­gin­gen, denn all das Gere­de über Got­tes Barm­her­zig­keit und Gerech­tig­keit sei von ihm selbst weg­ge­wischt wor­den. Wäre Knud­sen 30 Jah­re älter gewor­den, er hät­te den wich­tigs­ten Text des Jahr­hun­derts schrei­ben kön­nen – und es mag loh­nens­wert sein, sich ernst­haft über all sei­ne Arbei­ten zu beu­gen, die Brie­fe, die Zeug­nis­se, um die­sen nicht­ge­schrie­be­nen Text in sei­nem Geis­te zu verfassen.(5)

Sein letz­ter gro­ßer Roman fällt kom­plett aus der Rol­le. Angst und Mut sind erneut ein Dop­pel­ro­man, dies­mal aber erzählt er die Lebens­ge­schich­te Mar­tin Luthers. Im ers­ten Band erle­ben wir den jun­gen Luther von der frü­hen Kind­heit bis hin zum Ein­tritt in das Klos­ter. Es ist ein Leben in per­ma­nen­ter Angst. Da ist zuerst die Angst vor dem eige­nen Vater, von dem er schwer gezüch­tigt wird, aber dann ist da auch noch die Angst vor Gott und vor der Hölle.

Das Kind steht rat­los da, es will genü­gen, aber weiß nicht wie, denn die Mäch­te sind unbe­re­chen­bar, sofern sie mensch­lich sind, und unfaß­bar, sofern gött­lich. Knud­sen will uns die Gestalt Luther also aus der früh­kind­li­chen Prä­gung her­aus ver­ständ­lich machen. Den Jura­stu­den­ten läßt der immer wie­der wort­schöp­fe­ri­sche Autor dann einen selt­sa­men Begriff ein­füh­ren, den es im Däni­schen gar nicht gibt: »Forelø­big­hed« – man kann es wohl am bes­ten mit »Vor­läu­fig­keit« über­set­zen, aber es steckt auch ein Ele­ment des »Ver­lau­fens«, der »Ver­lau­fen­heit« drin. Der jun­ge Mar­tin sieht sich in die­ser Vor­läu­fig­keit gefan­gen, einem Zustand, in dem man zwar leben kann, aber nicht eigent­lich – hier kom­men selt­sa­me vor­heid­eg­ge­ri­sche Asso­zia­tio­nen, Par­al­le­len ins Spiel.

Die Zen­tral­fra­ge des zwei­ten Buches lau­tet: Wie kann ein Mensch zu sei­ner Über­zeu­gung ste­hen, wenn er doch sieht, daß anschei­nend die gan­ze Welt wider­spricht? Wie muß man sich die Psy­che eines Men­schen vor­stel­len, der alle Beden­ken in den Wind schlägt und das tut, was psy­cho­lo­gisch kaum noch zu erklä­ren ist: sich gegen alle stel­len? Woher kommt die Kraft? Was speist den Glau­ben? Was ist der Unter­schied zwi­schen Wahn, Hybris und Bekennt­nis? Ist die­ses »laß es gehen, wie Gott will« ein heh­rer Akt der Glau­bens­ge­wiß­heit oder Verantwortungslosigkeit?

Knud­sens Roma­ne kön­nen den heu­ti­gen Leser des­we­gen wie­der begeis­tern, weil sie Pro­ble­me anspre­chen, die zwar weit in die Ver­gan­gen­heit zurück­wei­sen, die aber vie­len Men­schen erst heu­te als unmit­tel­bar evi­dent und offen­sicht­lich vor Augen ste­hen. Daß Knud­sen bereits vor mehr als einem Jahr­hun­dert das Sen­so­ri­um dafür beses­sen hat und über die künst­le­ri­schen Mit­tel ver­füg­te, sie aus dem Zeit­geist her­aus­zu­hau­en – von den Zeit­ge­nos­sen oft noch nicht ver­stan­den –, zeich­net die­se Aus­nah­me­ge­stalt der däni­schen Lite­ra­tur ganz beson­ders aus.

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(1)  Zitiert nach: Keld ‑Jes­sen, John Mogen­sen, Ryg ‑Olsen: Roman­tik og rea­lis­me, Her­ning 1984, S. 156

(2)  U. a. beschrie­ben in: ‑Jakob Knud­sen: »Bort­li­ci­ter­et«, in: ders.: Jyder. Elle­ve for­tæl­lin­ger, Køben­havn 1917.

(3)  Vgl. Hol­ger Beg­trup: ‑Jakob Knud­sen. En Lev­ned­steg­ning, Køben­havn 1918.

(4)  Jakob Knud­sen: Der alte Pfar­rer, Schnell­ro­da 2024.

(5)  Knud­sen schrieb in Poli­ti­ken: »Eines der erfri­schends­ten Ereig­nis­se, die in mei­ner Lebens­zeit pas­siert sind, ist das Erd­be­ben von Mes­si­na. Mit­ten in unse­rer Zeit, die vor Huma­ni­tät fast ver­rot­tet, zeigt er sich, wie er ist, der Alte, ewig frisch, voll­kom­men inhu­man! Er will unter Beweis stel­len – auch bei die­ser beson­de­ren Gele­gen­heit –, wie sehr sie zu ihm pas­sen, die abscheu­li­chen Eigen­schaf­ten, die sei­ne welt­lich gesinn­ten Ver­eh­rer ihm zuschrei­ben. Hun­dert­tau­send Men­schen, Böse und Gute, Gesun­de und Kran­ke, Rei­che und Arme, Gläu­bi­ge und Ungläu­bi­ge – weg sind sie! Zerschmettert!«

 

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