von Jörg Seidel –
Die Deutschen – das Volk der Dichter und der Denker, ein Topos aus dem 19. Jahrhundert, der sich als Gerücht bis in unsere Tage schleppt. Er war schon damals nur zur Hälfte wahr. Nimmt man die Pro-Kopf-Verteilung zum Maßstab, dann haben die Dänen gute Aussicht, zumindest als das Volk der Dichter gelten zu können, denn was diese wenigen Millionen Menschen seit 200 Jahren an großartiger Literatur hervorgebracht haben, steht vermutlich einsam da in der europäischen Kulturgeschichte.
Jakob Knudsen (1858 – 1917) gilt heute nahezu als vergessen – übrigens auch in seinem Heimatland. Er wuchs im geistigen Umfeld des Grundtvigianismus und der dänischen Volkshochschulbewegung auf. Sein Vater war selbst Hochschullehrer und Pfarrer und zeitweise sogar mit Kresten Kold (1816 – 1870), dem praktisch-pädagogischen Pionier der Bewegung (wohingegen Grundtvig der geistige Kopf war), befreundet.
Die Kinder wurden streng in diesem Geiste erzogen, das »lebendige Wort« spielte neben Zucht und Ordnung eine entscheidende Rolle, das heißt, die Kinder wurden in Christentum, Geschichte, Landeskunde und Mythologie mündlich durch den Vater unterrichtet, und dies hatte sich so tief in die Psyche eingegraben, daß Knudsen dieses Prinzip später auch an seinen eigenen Kindern verwirklichte.
Die Familie zog mehrfach um – Knudsen liebte vor allem die jütländische Landschaft und den einfachen Menschenschlag und ist ihnen lebenslang treu geblieben, auch wenn er als erfolgreicher Autor später in Kopenhagen lebte. Die liebevoll differenzierte Wiedergabe dieser Typen brachte ihm das Signum des »naturalistischen« Dichters ein.
Während seines Theologiestudiums lernte er den Kulturradikalismus kennen, der mit der kraftvollen und charismatischen Gestalt Georg Brandes – in Deutschland kennt man ihn vor allem als den »Entdecker Nietzsches« – gleich zu Beginn seine vollendete Erscheinung gefunden hatte. Brandes wurde als Naturereignis wahrgenommen. Seine überragende Intelligenz komplementierte sein Destruktions- und Aufbauwerk, er war der »Mann des modernen Durchbruchs«. In seiner einflußreichen Vorlesung »Hauptströmungen der Literatur des 19. Jahrhunderts« stellte er der Literatur eine neue Aufgabe: »Daß eine Literatur in unseren Tagen lebt, zeigt sich daran, daß sie Probleme zur Debatte stellt.
So wie etwa George Sand die Ehe zur Debatte stellt, Voltaire, Byron und Feuerbach die Religion, Proudhon das Eigentum, der jüngere Dumas das Verhältnis der Geschlechter und Emile Augier die Gesellschaftsverhältnisse« (1) zur Debatte stellen, sollte also heißen: in Frage stellen! Ironie der Geschichte: Es sollte just Brandes’ weltanschaulicher Gegenspieler Knudsen werden, der ganz ausdrücklich eine Literatur schuf, die »Probleme zur Debatte« stellte, und zwar jene Probleme, die sich aus Brandes’ Maxime selbst ergeben. Brandes jedenfalls war ein Schlüsselerlebnis, man stand sich als Gegner gegenüber und schätzte sich doch hochgradig.
Nur widerwillig beendete Knudsen seine Theologenausbildung, die Begeisterung für die Philosophie erwies sich ebenfalls als fruchtlos, also begann er als Hochschullehrer in Askov zu arbeiten, eine der Vorzeigeschulen des Landes, die von dem bedeutenden Pädagogen Ludvig Schrøder geleitet wurde. Zwei starke Männer an einer Einrichtung, das war zu viel, und als seine erste Ehe nach zehn Jahren scheiterte, flüchtete Knudsen aufs Land und wurde Pfarrer einer Freikirche.
War die Scheidung bereits eine Aufregung, so war die neuerliche Ehe mit der 19 Jahre jüngeren Helga Bek – auch sie die Tochter eines Hochschuldirektors – ein veritabler Skandal, der Knudsen den ökonomischen Boden unter den Füßen wegzog: Er verlor seine Anstellung und mußte nun ein kärgliches Leben als Vortragsreisender führen, immer unterwegs, im offenen Wagen, auf zugigen Bahnstationen, in feuchten Katen (2) …, so ruinierte er sich seine Gesundheit, versorgte sich aber zugleich mit ausreichend Erzählstoff. Die Ehe war glücklich – indem Knudsen sich der Konvention widersetzt hatte, schuf er die Bedingung für Lebens- und Schaffensglück. Diese Grunderfahrung wurde in seinen Romanen später – und am deutlichsten in Der alte Pfarrer – thematisiert: Vollkommenheitsgebote auszugeben sei schädlich, wenn sie den Menschen überfordern und nicht zu verwirklichen sind.
Dieser sein erster Roman wurde sofort ein Erfolg. Knudsen war endlich die Geldsorgen los, von nun an (1899) begann er Jahr für Jahr mit großer Regelmäßigkeit immer zum gleichen Zeitpunkt (im Oktober) einen Roman von 200 Seiten zu veröffentlichen – er war nie inspiriert und verfügte auch kaum über Phantasie, sondern er war ein disziplinierter Arbeiter und lebte von Erlebtem und Erinnertem; (3) er schrieb auch nicht um der Kunst willen, sondern seine Bücher hatten eine Botschaft, hatten Kämpfe zu führen, mußten sich inhaltlich rechtfertigen und nicht stilistisch.
Es ist faszinierend zu sehen, daß die Kritik – sofern sie sich überhaupt positiv auf Knudsen bezieht – vollkommen darüber zerstritten ist, welches das »Hauptwerk« Knudsens sei. Was die einen auszeichnen, verwerfen die anderen. Der alte Pfarrer jedenfalls war ein Durchbruchswerk und hatte sehr hohe Auflagen, wohl in erster Linie, weil es schwere »Probleme zur Debatte« stellt. Dieser Roman liegt 125 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung nun endlich wieder auf deutsch vor – neu übersetzt und als achter Band der Roman-Reihe bei Antaios. (4) In Zentrum steht ein Mord, und der wird vom örtlichen Pfarrer, einem eingefleischten Grundtvigianer, nicht nur gerechtfertigt und seine Verschleierung legitimiert, nein, der »Mörder« wird in seiner Absicht, sich aus Rücksicht auf seine kranke Frau selbst das Leben zu nehmen, bestärkt und erhält die kirchlichen Weihen.
Die kulturradikale Öffentlichkeit jubelte dem Werk ob seiner Grenzüberschreitung zu, Knudsens eigene Klasse war hochgradig verunsichert. Konservatismus wurde plötzlich revolutionär: Die alten Spielregeln werden situativ und aus Menschenliebe, vor allem aus seinem inneren Wesen heraus, verändert, wohingegen der neue Pfarrer, ein windiger Bursche, der die hehren, salbungsreichen Worte spricht, als falscher Prophet, als geldgieriger und menschlich unsensibler Utilitarist dasteht.
Als Entwicklungsroman kann Knudsens Doppelroman Gärung – Aufklarung (1902) gelten. Er weist ganz verblüffende Ähnlichkeiten zu Henrik Pontoppidans Nobelpreis-Roman Lykke-Per auf, ein Buch, das zwischen 1898 und 1904 als Fortsetzungsroman in einer Zeitung erschien und also noch gar nicht abgeschlossen vorlag, als Knudsen seinen eigenen autobiographisch verschlüsselten Großroman vorlegte.
Er erzählt die Geschichte eines Pfarrersohns, der durch Studium und Stadt von seiner Heimat entfremdet wird, lange der intellektuellen und erotischen Bezauberung durch eine faszinierende freidenkerische Frau erliegt – sie ist klug, schön, rätselhaft, aber auch unstet und gefühlskalt – und als diese »sein werden will« und entblößt vor ihm steht, da schreckt er instinktiv zurück: »Das ist Sünde!« Dennoch ehelicht er sie, um schließlich feststellen zu müssen, daß er seinem eigentlichen Wesen, das ihm durch Erziehung und Gemeinschaft aufgeprägt wurde, nicht entfliehen kann – er verläßt seine Frau, kehrt zur Kindheitsliebe zurück, begräbt die hochfliegenden Träume und wird wieder ins traditionelle Leben eingegliedert.
»Starrsinn« – wie man Sind (1903) hier wohl frei übersetzen muß – stellt eine Art Kohlhaas- Geschichte dar. Wieder durchleidet der junge Held, Anders Hjarmsted, eine strenge Kindheit unter der unangefochtenen Autorität seines Vaters. Von ihm erbt er auch das unbezwingbare Gerechtigkeitsbedürfnis. Als der Krösus der Gegend, der Großbauer von nebenan, es nicht lassen kann, sich durch kleine Gesetzesübertretungen immer wieder nichtige Vorteile zu verschaffen, wächst die Wut unaufhaltsam an. Anders könnte mit der
Tochter des Großbauern glücklich sein – sie lieben sich, zeugen ein Kind –, aber vor dem Unrecht kann er die Augen nicht verschließen, muß zwanghaft den Fußspuren seines Vaters folgen und Gerechtigkeit üben, und auch wenn er damit sein ganzes Leben und das seiner Liebsten zerstört, so greift er doch zur Selbstjustiz und tötet unter entschiedenem Vorsatz und wohlüberlegt einen korrupten Beamten.
Am deutlichsten arbeitete Knudsen dieses Motiv in seinem entschiedensten Roman, Lehrer Urup, heraus. So wie Hans Kirk mit seinem Doppelroman Die Tagelöhner und Die neuen Zeiten den typisch skandinavischen Kollektivroman auf die höchste künstlerische Stufe hob, so stellt Lehrer Urup das gerade noch Mögliche für den Konsequenzroman dar – ein Schritt weiter, und der Bereich des Künstlerischen wäre verlassen worden.
Urup ist ein Lehrer alter Schule, Grundtvigianer durch und durch. Seine Pädagogik basiert auf zwei Pfeilern: Gehorsam und Freiheit. Folgsam hat das Kind in allen weltlichen Belangen zu sein, die Willenserziehung benötigt auch Zwang, und frei muß es in allen geistigen sein können. So floriert seine Schule. Höhepunkt sind die Erzählstunden, in denen Urup die Kinder mit der dänischen Geschichte, den Bibelgeschichten, den Heldentaten der Altvorderen oder den Mythen vertraut macht. Knudsen hatte es bei seinem Vater und viele Male selbst an den Volkshochschulen erfahren und als Vater selbst praktiziert: sie sitzen und lauschen, Grundtvigs und Kolds »lebendiges Wort« fesselte Generationen – unter einer Voraussetzung: Niemand darf dazu gezwungen werden, und nur selten verzichtet eines der Kinder darauf.
Doch das System kennt zwei Gegner. Da ist zum einen der moderne Staat, der das Schema umdrehen möchte. Glaubensunterricht müsse standardisiert und Pflicht werden, damit alle das gleiche lernen, gleiche Chancen haben, und in der Erziehung solle Freiheit herrschen, damit jeder machen könne, was er wolle. So entstehen zwangsläufig Menschen wie Skov-Johan, Sohn von Eltern, die von Armenhilfe (also Sozialhilfe) leben, folglich nicht arbeiten und die Erziehung vernachlässigen … Das grenzenlos aufgewachsene Kind ist pädagogisch nicht mehr zu erreichen, torpediert Urups bewährte Methode und wird schließlich zum Schwerverbrecher.
Aber der Staat hat schon lange die Samthandschuhe angezogen: Als Minderjähriger geht Johan für Mord und Vergewaltigung nur kurz ins Gefängnis und tyrannisiert wenige Monate später wieder die jungen Mädchen des Dorfes. Als er sich erneut an einem vergreift, schreitet einer zur Tat und schießt ihm in den Kopf – wofür er mit einer sehr langen Haftstrafe bedacht wird … Der Staat kann doch Härte zeigen, aber nur gegen die Eigenen.
Und als sei dies nicht genug, läßt Knudsen zum Schluß noch den Pfarrhof niederbrennen, in dem der progressive Pfarrer nebst Familie und unerzogenem Kind umkommen – in Brand gesetzt wurde das Gebäude von einer Horde Strafgefangener auf Freigang. Der Pfarrer hatte sie großherzig als seine »Brüder« bezeichnet, mit denen er alles teilen wolle, und das fordern sie in Form von Branntwein. Verlust von Zucht und Ordnung führt unmittelbar zum Chaos.
Knudsen trägt in dicken Farben auf. Seine Bücher leben von der Dramatik und der Komplexität der Konflikte. Suchte man ein beschreibendes Adjektiv für seine programmatische Kunst, dann könnte man es mit »männlich« versuchen. Es ist eine sehr männliche, sehr entschiedene Literatur – der Autor setzt die eigene Existenz ein und aufs Spiel. Knudsen gehört zu den Urvätern des widerständigen Denkens, dieses »Etiam si omnes, ego non«. Der tiefe moralphilosophische und theologische Gehalt und die deutliche Positionierung haben ihn zu Vorbild und Referenzquelle der bedeutendsten Intellektuellen gemacht, allen voran K. E. Løgstrup und Søren Krarup.
Einmal gibt Urup sogar seiner Freude über das Erdbeben von Messina (1908) Ausdruck, lobt Gott dafür, bei dem in einer Stunde 100 000 Menschen verschüttgingen, denn all das Gerede über Gottes Barmherzigkeit und Gerechtigkeit sei von ihm selbst weggewischt worden. Wäre Knudsen 30 Jahre älter geworden, er hätte den wichtigsten Text des Jahrhunderts schreiben können – und es mag lohnenswert sein, sich ernsthaft über all seine Arbeiten zu beugen, die Briefe, die Zeugnisse, um diesen nichtgeschriebenen Text in seinem Geiste zu verfassen.(5)
Sein letzter großer Roman fällt komplett aus der Rolle. Angst und Mut sind erneut ein Doppelroman, diesmal aber erzählt er die Lebensgeschichte Martin Luthers. Im ersten Band erleben wir den jungen Luther von der frühen Kindheit bis hin zum Eintritt in das Kloster. Es ist ein Leben in permanenter Angst. Da ist zuerst die Angst vor dem eigenen Vater, von dem er schwer gezüchtigt wird, aber dann ist da auch noch die Angst vor Gott und vor der Hölle.
Das Kind steht ratlos da, es will genügen, aber weiß nicht wie, denn die Mächte sind unberechenbar, sofern sie menschlich sind, und unfaßbar, sofern göttlich. Knudsen will uns die Gestalt Luther also aus der frühkindlichen Prägung heraus verständlich machen. Den Jurastudenten läßt der immer wieder wortschöpferische Autor dann einen seltsamen Begriff einführen, den es im Dänischen gar nicht gibt: »Foreløbighed« – man kann es wohl am besten mit »Vorläufigkeit« übersetzen, aber es steckt auch ein Element des »Verlaufens«, der »Verlaufenheit« drin. Der junge Martin sieht sich in dieser Vorläufigkeit gefangen, einem Zustand, in dem man zwar leben kann, aber nicht eigentlich – hier kommen seltsame vorheideggerische Assoziationen, Parallelen ins Spiel.
Die Zentralfrage des zweiten Buches lautet: Wie kann ein Mensch zu seiner Überzeugung stehen, wenn er doch sieht, daß anscheinend die ganze Welt widerspricht? Wie muß man sich die Psyche eines Menschen vorstellen, der alle Bedenken in den Wind schlägt und das tut, was psychologisch kaum noch zu erklären ist: sich gegen alle stellen? Woher kommt die Kraft? Was speist den Glauben? Was ist der Unterschied zwischen Wahn, Hybris und Bekenntnis? Ist dieses »laß es gehen, wie Gott will« ein hehrer Akt der Glaubensgewißheit oder Verantwortungslosigkeit?
Knudsens Romane können den heutigen Leser deswegen wieder begeistern, weil sie Probleme ansprechen, die zwar weit in die Vergangenheit zurückweisen, die aber vielen Menschen erst heute als unmittelbar evident und offensichtlich vor Augen stehen. Daß Knudsen bereits vor mehr als einem Jahrhundert das Sensorium dafür besessen hat und über die künstlerischen Mittel verfügte, sie aus dem Zeitgeist herauszuhauen – von den Zeitgenossen oft noch nicht verstanden –, zeichnet diese Ausnahmegestalt der dänischen Literatur ganz besonders aus.
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(1) Zitiert nach: Keld ‑Jessen, John Mogensen, Ryg ‑Olsen: Romantik og realisme, Herning 1984, S. 156
(2) U. a. beschrieben in: ‑Jakob Knudsen: »Bortliciteret«, in: ders.: Jyder. Elleve fortællinger, København 1917.
(3) Vgl. Holger Begtrup: ‑Jakob Knudsen. En Levnedstegning, København 1918.
(4) Jakob Knudsen: Der alte Pfarrer, Schnellroda 2024.
(5) Knudsen schrieb in Politiken: »Eines der erfrischendsten Ereignisse, die in meiner Lebenszeit passiert sind, ist das Erdbeben von Messina. Mitten in unserer Zeit, die vor Humanität fast verrottet, zeigt er sich, wie er ist, der Alte, ewig frisch, vollkommen inhuman! Er will unter Beweis stellen – auch bei dieser besonderen Gelegenheit –, wie sehr sie zu ihm passen, die abscheulichen Eigenschaften, die seine weltlich gesinnten Verehrer ihm zuschreiben. Hunderttausend Menschen, Böse und Gute, Gesunde und Kranke, Reiche und Arme, Gläubige und Ungläubige – weg sind sie! Zerschmettert!«