von Michael Henkel –
Viele Themen, die auch in deutschen Debatten um Minderheiten, soziale Ungleichheit, Multikulturalismus, Quotenpolitik oder Diskriminierung schon lange eine Rolle spielen, wurden in den USA noch viel früher erörtert. Zu jenen, die in diesen Diskussionen eine quer zum politischen, medialen und wissenschaftlichen Mainstream stehende Position vertreten, gehört der 1930 geborene Wirtschaftswissenschaftler Thomas Sowell. Dessen Werk ist hierzulande weithin unbekannt – zu Unrecht, wie die nachfolgende Skizze zu diesem nonkonformen Gelehrten zeigen soll.
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Sowell stellt in seinen Schriften immer wieder die Glaubenssätze und Politik der Linken in Frage und scheut in dieser Hinsicht nie die Konfrontation. Charakteristisch für seine Stellungnahmen ist dabei, daß er zum einen immer wieder auf Faktenbefunde und Daten aus statistischen Erhebungen und empirischen Studien rekurriert, die er seinen Debattengegnern entgegenhält, und zum anderen seine stets klare und gut verständliche Sprache. Seine dadurch unzweideutig profilierten Auffassungen trafen auf oft heftige und polemische Kritik, doch wurde Sowell mit ihnen zugleich zu einem »der angesehensten und provokantesten schwarzen Gelehrten Amerikas auf der rechten Seite des politischen Spektrums«. (1)
Seine Positionen zur Minderheitenpolitik und zur sozialen Ungleichheit entwickelte Sowell zuerst im Zusammenhang mit der Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre. Er begrüßte die Antidiskriminierungsgesetze und die Aufhebung der Rassentrennung. Doch kritisierte er früh die Stoßrichtung der Bestrebungen. Sowell sah sie als ungeeignet an, den Anliegen der Schwarzen gerecht zu werden.
Er hielt es für verfehlt, daß die Führer der Bürgerrechtsbewegung auf die Bestätigung des »Schwarz-Seins« durch Weiße, auf Forderungen nach Vorzugsbehandlung (»Affirmative action«) oder auf Wiedergutmachung für die Sklaverei fixiert waren. Solche Konzepte galten ihm insbesondere als unbrauchbar, um die Situation wirtschaftlich schwacher Schwarzer zu verbessern. Vernachlässigt werde beispielsweise, armen schwarzen Familien einen Zugang zu besseren Bildungsmöglichkeiten zu eröffnen.
Bereits in seiner ersten öffentlichen Stellungnahme zum Thema, einem Leserbrief an das New York Times Magazine von 1963, monierte er, daß man eine Vorzugsbehandlung für Schwarze fordere, anstatt deren Leistungen zu würdigen. Man mache ihnen Hoffnungen, »etwas für nichts« zu bekommen. Zudem wies er die Prämisse zurück, daß »die zahlenmäßige Unterrepräsentation von Schwarzen in bestimmten Berufen ein Beweis für Diskriminierung sei«. (2)
Sowell lehnt eine rechtliche Vorzugsbehandlung von Schwarzen – und generell von gesellschaftlichen Gruppen – ab, weil dies die Betroffenen daran hindere, ihre Situation durch eigene Leistung, Fähigkeiten und Einstellungen selbst zu verbessern. Zugleich führe sie zur Senkung von Standards, namentlich von Bildungs- oder wirtschaftlichen Leistungsniveaus. Außerdem weist er auch das Argument zurück, die beklagten Diskriminierungen und sozialen Ungleichheiten von Schwarzen seien Folge mangelnder politischer Repräsentation. Für letzteres gebe es ebensowenig eine Evidenz wie für die Behauptung, daß erst die Civil-rights-Gesetzgebung zu einer Verbesserung der sozialen Lage der Schwarzen geführt habe.
In einem Rückblick konstatiert Sowell unter Verweis auf einschlägige Statistiken, daß die Armut schwarzer Familien zwischen 1940 und 1960 in deutlich größerem Umfang zurückgegangen war als nach dem Civil Rights Act von 1964 und dem Voting Rights Act von 1965 und lange vor der Einführung von Quotenpolitik und »Affirmative action« in den 1970er Jahren. Es sei schlicht falsch, zu behaupten, die Bürgerrechtsgesetze der 1960er Jahre oder der seinerzeit ausgerufene »War on poverty« hätten den Rückgang der Armut unter Schwarzen bewirkt.
Die »harten Fakten« zeigten vielmehr, »daß der Aufstieg der Schwarzen aus der Armut vor diesen staatlichen Maßnahmen weitaus dramatischer war.« (3) Er führt dies darauf zurück, daß Eigeninitiative und marktwirtschaftliche Dynamiken letztlich effektiver seien als staatliche Eingriffe – womit seine Position unschwer als »libertär« zu identifizieren ist.
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Tatsächlich wurde Sowell akademisch an der Universität von Chicago geprägt, wo er bei den libertären Wirtschaftswissenschaftlern George Stigler und Milton Friedman studierte. Zuvor hatte er nach seiner Dienstzeit während des Koreakriegs durch die G. I. Bill Zugang zur akademischen Ausbildung erhalten. Er begann sein wirtschaftswissenschaftliches Studium an der Harvard-Universität und setzte es an der Columbia-Universität fort, wo er den Master erwarb. In Chicago wurde er schließlich (1968) bei Friedman und Stigler promoviert.
Sowell war allerdings während seiner Studienzeit zunächst Marxist. Erst Erfahrungen in der öffentlichen Verwaltung führten zu einem grundlegenden Wandel seiner Überzeugungen. Er verweist verschiedentlich auf ein Praktikum beim US-Arbeitsministerium, in dessen Rahmen er Anfang der 1960er Jahre die Auswirkungen eines staatlichen Mindestlohnprogramms in Puerto Ricos Zuckerindustrie erforschte. Die Befunde zeigten, daß die Beschäftigung in der Branche sank, wenn die Mindestlöhne stiegen. Für Sowell, seinerzeit Befürworter von Mindestlöhnen, verstand sich keineswegs von selbst, welche theoretische Erklärung diesen Fakten angemessen war.
Die zur Prüfung der unterschiedlichen Erklärungsansätze benötigten Daten lagen indes nicht beim Arbeitsministerium, wohl aber beim Agrarministerium vor. Sein Vorschlag, sich die Daten von dort zu holen, stieß auf wenig Gegenliebe bei den Ministerialbeamten. Dennoch setzte er eine Anfrage an das Agrarministerium auf. In seinen im Jahr 2000 erschienenen Lebenserinnerungen konstatiert Sowell, er habe noch immer keine Antwort erhalten, und resümiert: »Dies war mehr als ein Einzelfall. Es zwang mich zu der Erkenntnis, daß staatliche Stellen ihre eigenen Interessen verfolgen, unabhängig von den Interessen derjenigen, für die ein Programm eingerichtet wurde.« (4)
Es waren solche Erfahrungen und das Beharren auf der Berücksichtigung empirischer Evidenz, die Sowell nicht nur generell skeptisch gegenüber staatlichen Eingriffen machten, sondern die sein Mißtrauen gegenüber ungeprüften Theorien, Doktrinen und Ideen sowie deren Vertretern, namentlich den Intellektuellen und Experten, nährten. Als unhaltbar erwies sich so für ihn nicht nur die Auffassung, gesetzlich festgelegte Mindestlöhne dienten dem Arbeitnehmerinteresse. (Warum dies nicht der Fall ist, erläuterte Sowell später wiederholt unter Verweis auf die entsprechenden ökonomischen, sozialen und politischen Zusammenhänge.)
Wie bei den Mindestlöhnen hielt er es auch bei allen anderen Themen, die in sein Blickfeld gerieten: Sowell machte es sich zur prinzipiellen Aufgabe, ökonomische, soziale und politische Verhältnisse in ihren Ursachen und Wirkungen zu ergründen, sie verständlich zu erklären und in diesem Sinne aufklärerisch zu wirken. Leitend wurde dabei die Einsicht, daß sich die Verhältnisse für die Betroffenen meist verschlechtern, wenn der Staat mit rechtlichen Vorgaben und finanziellen Programmen diese Verhältnisse im Sinne progressiver Visionen zu gestalten sucht.
Sein aufklärerisches Selbstverständnis trug Sowell in seine akademische Lehre. In den 1960er und 1970er Jahren lehrte er an verschiedenen Universitäten, zwischen 1970 und 1980 an der Universität von Kalifornien in Los Angeles. In diesen Jahren mußte er immer wieder beobachten, daß die akademische Lehre zunehmend politisiert und dafür die Qualität wissenschaftlicher Arbeit geopfert wurde – eine Entwicklung, der er sich nicht beugen wollte, der er sich aber entzog, als sich ihm die Möglichkeit dazu eröffnete: Sowell nahm 1980 eine Position als Senior Fellow an der Hoover Institution in Stanford an. Dort konnte er sich ohne Lehrverpflichtung seiner Forschungsarbeit widmen. In Stanford entstanden die meisten seiner fast 50 Buchveröffentlichungen.
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Sowells Werke decken ein ungewöhnlich breites Spektrum an Gegenständen ab. Von wirtschaftlicher und sozialer Ungleichheit, der Lage von Minoritäten oder der Sozialpolitik über Bildung und Bildungspolitik, Fragen des Justizsystems und der Rechtsprechung bis zur Gerechtigkeitstheorie und der internationalen Politik reichen seine Themen. In späten Jahren hat er sich sogar der Sprachentwicklung von Kindern zugewandt.
Seinem aufklärerischen Impetus entsprechend, ging es Sowell immer auch darum, seine Einsichten einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. So hielt er nicht nur zahllose Vorträge in verschiedenen Institutionen, sondern publizierte Hunderte von Glossen und Essays in (oft landesweit erscheinenden) Zeitungskolumnen. Ökonomische Zusammenhänge einer interessierten Öffentlichkeit nahezubringen, ohne auf mathematische Formeln oder Diagramme und Zahlenreihen zurückzugreifen, ist beispielsweise der Anspruch seiner 2000 in erster Auflage erschienenen Basic Economics.
Das Werk offenbart besonders deutlich Sowells Verständnis seiner Profession: Die Wirtschaftswissenschaft ist für ihn ein Fach, das einen tieferen Einblick in gesellschaftliche Strukturen und Prozesse ermöglicht und das geeignet ist, kontraproduktive und fragwürdige oder falsche politische Ideen zu widerlegen. Sowell hebt immer wieder hervor, daß solche Ideen meist die nichtintendierten Konsequenzen ihrer Umsetzung vernachlässigen und schließlich die Situation, auf deren Verbesserung sie vorgeblich abzielen, am Ende verschlechtern.
Die besten Resultate werden ihm zufolge regelmäßig dann erreicht, wenn das dezentrale Wissen der Konsumenten und der Produzenten die Entscheidungen – im Rahmen des allgemeinen Rechts und von obrigkeitlichen Eingriffen möglichst ungehindert – leiten kann. Zentral in Sowells Denken ist in diesem Zusammenhang die Berücksichtigung der Begrenztheit und der »Bias« menschlichen Wissens, womit er sich in dem grundlegenden Buch über Knowledge and Decisions von 1980 auseinandersetzt, dem bisher einzigen seiner Werke, das ins Deutsche übersetzt wurde. (5)
Dieses Buch läßt – wie viele seiner Arbeiten (etwa Social Justice Fallacies von 2023) – die Nähe von Sowells Auffassungen zu jenen anderer libertärer Denker wie Friedrich Hayek erkennen, die ihre Verteidigung einer freiheitlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung und ihre Zurückweisung des Staatsinterventionismus nicht zuletzt auf die Einsicht in die Beschränktheit und Unvollkommenheit menschlichen Wissens stützen.
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Entschiedener als bei anderen Gelehrten des libertären Lagers beruht Sowells Libertarismus nicht auf einem simplen utilitaristischen Individualismus oder dem abstrakten Modell eines homo oeconomicus. Im Gegenteil: Für die Freiheit und den Erfolg der Individuen und der Gesellschaft ist nicht einfach der abstrakt gedachte Markt entscheidend, sondern es sind die das individuelle Handeln, insbesondere auch das wirtschaftliche Handeln prägenden kulturellen – und das bedeutet: geschichtlich bestimmten – Strukturen und Kontexte, auf die es ankommt. Diese sind überaus unterschiedlich, und ebendas ist Sowell zufolge eine ausschlaggebende Ursache sozialer und wirtschaftlicher Ungleichheit.
Aus diesem Blickwinkel heraus hat sich Sowell ausführlich und in internationaler Perspektive mit dem Vergleich kultureller und ethnischer Gruppen befaßt. Frucht dieser Studien ist seine in den 1990er Jahren publizierte »Kultur-Trilogie«: Race and Culture. A World View (1995), Migrations and Culture. A World View (1996), Conquests and Cultures. An International History (1998).
Sowell sucht hier die Eigenart einzelner Gruppen oder auch Nationen angesichts ihrer historischen Entwicklungen zu ergründen und zu sondieren, wie sich diese auf den ökonomischen Erfolg auswirkt – besonders auch in dem Fall, daß Angehörige dieser Gruppen sich als Einwanderer in einen anderen kulturellen Kontext gestellt sehen. Sowell zeigt, daß die wirtschaftliche und gesellschaftliche »Performance« und der Erfolg einer Gruppe wesentlich von ihrer kulturellen Herkunft bestimmt sind.
So liegt es für ihn auf der Hand, daß der unterschiedliche Charakter von Kulturen und geschichtlichen Prägungen auch zu ungleichen Fertigkeiten, Mentalitäten oder Betätigungsfeldern führt. Folglich sei es abwegig, zu erwarten, daß Angehörige unterschiedlicher Gruppen die gleichen Handlungsmuster aufweisen und die Ergebnisse ihres Handelns gleich sind.
Sowell verweist hierfür beispielsweise darauf, daß im professionellen Basketball die ethnischen Gruppen (»races«), die die US-amerikanische Gesellschaft umfaßt, keineswegs gleichmäßig, aber auch nicht zufällig vertreten seien, sondern schwarze Sportler überrepräsentiert sind. So erweist sich nicht nur die Vorstellung von der Gleichheit der Kulturen als Trugbild, vielmehr zeigt sich erneut, daß wirtschaftliche und soziale Ungleichheit nur selten schlicht Resultat von struktureller Diskriminierung oder mangelnder Chancengleichheit ist.
Selbstredend ist Sowells Verständnis von Kultur nicht »substantialistisch«, sind kulturelle Eigentümlichkeiten für ihn nicht unveränderlich festgelegt oder genetisch determiniert. Im Gegenteil: Kulturelle Prägungen etwa, die negative Konsequenzen zeitigen oder dem Erfolg von Gruppen und Individuen im Wege stehen, können in gewissem Maße, insbesondere durch Bildung, verändert und überwunden und in eine Kultur der Freiheit, der persönlichen Verantwortung und des Erfolgs überführt werden.
Sowell macht sich also ungeachtet seiner pluralistischen Betonung der Vielfältigkeit von Kulturen keineswegs zum Anwalt der relativistischen Auffassung von deren Gleichwertigkeit. Für ihn ist es unzweifelhaft, daß es weniger erfolgreiche einerseits und erfolgreiche und in diesem Sinne überlegene Kulturen andererseits gibt, wobei das Paradigma der letzteren für ihn die freiheitliche Kultur des Westens (und besonders der USA) ist, die einen historisch einmaligen Wohlstand breitester Bevölkerungsschichten hervorgebracht hat.
Unübersehbar richtet Sowell seine Bücher primär an ein US-amerikanisches Publikum. Doch besteht kein Zweifel, daß sein Werk auch für deutsche und europäische Leser erhellend ist, etwa für jene, die sich mit Quotenpolitik, Migration, kulturellen und ethnischen Minderheiten, Multikulturalismus, mit sozialer Ungleichheit oder ökonomischen Zusammenhängen befassen. Wer immer sein argumentatives Arsenal für die Auseinandersetzung mit den Ideologemen der Linken aus einer libertär-rechten Perspektive aufrüsten will, findet bei ihm einen reichen Schatz an Einsichten.
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(1) So eine redaktionelle Vorbemerkung zu dem Artikel von Thomas ‑Sowell: »A Personal Odyssey from Howard to Harvard and Beyond«, in: The Journal of Blacks in Higher Education 30 (2000/2001), S. 122 – 128, hier S. 122 [Übers. M. H.].
(2) Thomas Sowell: A Man of Letters, New York 2007, S. 39 [Übers. MH].
(3) Thomas Sowell: Economic Facts and Fallacies, New York 2008, S. 160 [Übers. M. H.; Hervorhebung hinzugefügt].
(4) Thomas Sowell: A Personal Odyssey, New York et al. 2000, S. 131 [Übers. M. H.].
(5) Thomas Sowell: Wissen und Entscheidungen, Berlin 2021.