Diese Aussage weist über eine bloße Banalität hinaus. So schätze ich mich glücklich, in einer Art Märchenland großgeworden zu sein, das, lauschig gelegen hinterm Eisernen Vorhang, aus allzu beschleunigten Globalprozessen zunächst herausgehalten war. Parzivalische Kindheit, weltfern.
Bei allem, was Ältere – und später mich selbst – an politischer Enge störte und aufbrachte, sicherte mir das Aufwachsen in einem abseitigen Prignitzer Kaff neben der Nähe zur Natur den so ruhigen wie gründlichen Erwerb einer sprachlichen und naturwissenschaftlichen Elementarbildung.
In deren Genuß gelangte damals überhaupt eine Mehrheit, eben dank vergleichsweiser Welt-Verlorenheit. Heute ist das Bildungssystem bankrott. Ein Drittel der Neuntkläßler scheitert an den Mindeststandards in Mathematik und Deutsch. Kaum jemanden regt das auf. Bitter kurios zudem:
Die sogenannten Bildungsforscher empfehlen zur Veränderung des Desasters ein Mehr genau von jener Pädagogik und Didaktik, die dieses Problem ganz maßgeblich verursachte. Dieses Verfahren ist gleichfalls typisch für andere Problemfelder in Deutschland – von der Industrie- und Finanz- bis zur Migrationspolitik: Mehr von dem, was die Krise verursacht, nichts oder zu wenig von dem, was sie klärt, weil dies allzu sehr schmerzt.
Was einem therapeutisch bei jeder Lebenskrise hilft, davon will Politik nichts wissen – erstens: Übersicht herstellen, zweitens: Reduktion von Übermaß und Nichtregulierbarem, drittens: intensives Gegenhalten.
Ich also verdanke meinen bescheidenen Lebenserfolg und ‑genuß eher dem welt- und politikferner Abseits innerhalb eines abgeschotteten Unrechtsstaates als der „Weltoffenheit“ mit ihren allseitigen Abhängigkeiten, der nervösen Dauerkommunikation in Echtzeit und dem Einnivellieren alles Markanten und Unverwechselbaren zugunsten einer genormten und faden Uniformität des Verwert- und Verbrauchbaren.
Du bist dem eben nicht gewachsen, hält man mir entgegen. Aber: Wir alle scheinen dem nicht gewachsen zu sein; die Apparate übersteigen in jeder Hinsicht unser Vermögen. Das mag nicht anders zu denken sein, insbesondere mephistophelisch nicht, aber genau deswegen muß man der Forcierung nicht noch eine eigene aufgeregte Hyperkinetik hinzufügen.
Gleichfalls verspüre ich heute, daß jene Themen, die als vordringlich gelten, für mich unwesentlich sind. Sie mögen mich be-treffen, durchaus, aber sie treffen mich nicht.
Provokant: Das Umgraben des Gartens, das Lesen von selbst gewählter Literatur, eine Radfahrt durch die Uckermark, die sechs Partiten Bachwerkeverzeichnis 825 bis 830 – das alles geht mich viel mehr an, qualifiziert mich „nachhaltiger“ und läßt mich intensiver leben und reifen als der Nachvollzug der wechselnden Generaldebatten.
Die verfolge ich – notwendig von Berufs wegen und beobachtend als Zeitungsleser. Ich komme also Pflichten nach, da ich lohnabhängig und pflichtbewußt als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig bin, und ich blieb neugierig.
So lebe ich wie ein Decksmatrose, der zwar beflissen seine Aufgaben erfüllt, aber den Kopf weiter in den Wolken des hohen Himmels über sich hat, während ihm die Offiziere auf der Kommandobrücke weitgehend einerlei sind, obwohl die Macht über ihn haben. Ja, ich empfinde die bestbezahlten Typen auf der Brücke als bemitleidenswert bis tragisch. Ihre Operettendienstgrade und ihre Uniformen mit dem bunten Lametta mögen sie trösten.
Um im Bild zu bleiben:
Der Seewetterbericht betrifft mich zwar, sogar existentiell, klar, aber ich werde gegen das Seewetter nichts ausrichten können. Wie die anderen vom Personal hoffe ich, das Schiff findet seinen Hafen, aber sicher kann ich dessen nicht sein. Sinkt der Pott, darf ich nur auf’s Schicksal oder Gottes Gnade hoffen. Bisher stand ich in dieser Gnade und bin dafür bewußt und erstaunt dankbar. Ich fühlte mich immer getragen.
Lebensbilanz:
Die Autoritäten haben mir immer wieder suggeriert, daß es jetzt, genau jetzt, also eigentlich immer, um alles ging. Wenn ich jetzt, also immer, nicht alles geben würde, wäre ich mitschuldig daran, daß es – Auch zu meinem Schaden! – zu Krise und Scheitern käme.
Die kleine DDR, Kulisse meiner frühen Jahre, neigte bis zur Lächerlichkeit zu dieser Panik und Mobilmachung. Aber sie scheiterte wenigstens tatsächlich – und für ihre Verhältnisse ziemlich famos, nämlich in der Weise einer undramatischen Implosion mit anschließender feindlicher Übernahme.
Worum es vorm Desaster so wichtig, so überaus wichtig gegangen war, wozu man dauernd angespornt wurde, das hatte mindestens dem Staat, diesem Abstraktum, nichts genützt. Fast über Nacht war der Spuk vorbei, richtig gefährlich nur einige Stunden am 9. Oktober 1989, bis zur Erklärung der „Sechs von Leipzig“. An dem Tag saß ich als Student in der Leipziger Nikolaikirche. Die anschließende Demonstration sah ich mir vom Mende-Brunnen aus vorm Gewandhaus an. Ich demonstriere nicht gern.
Die Skepsis gegenüber Beschwörungen blieb dem Osten ja glücklicherweise erhalten. Deswegen laufen hier nicht so viele bei den „Omas gegen rechts“ mit wie im Westen. Wir wuchsen mit einer solchen Überdosis an Ideologie auf, daß wir davon bis heute genug intus haben – so wie Obelix vom Zaubertrank. Wir brauchen keinen weiteren Schluck aus dem Faß „Ideologie“, gerade jetzt nicht, wo’s längst wieder ideologischer wird.
Mehr zu bewegen, das mag ehrenwert sein, wie einem sogleich versprochen wird, aber es bringt einen in zweifelhafte Gesellschaft: Man müßte sich in einer Partei engagieren, sich also machiavellistisch darin üben, immer ein Stilett im Gewand zu führen – zum Umgang mit „Parteifreunden“.
Man müßte möglichst sogar „ein Mandat annehmen“ – in der Vermessenheit, mit sehr zweifelhafter Legitimation für andere zu sprechen und deren „Interessen zu vertreten“. Obwohl es doch schon eine Lebenskunst ist, mündig für sich selbst zu reden und die eigenen Interessen gesund wahrnehmen zu können.
Solche Erfahrungen führen zu einer Art vulgär-zenbuddhistischen Haltung:
Jenseits der dauerflimmernden Screens erst mal ruhig und kontemplativ atmen lernen, den allereinfachsten Verrichtungen höchste Aufmerksamkeit widmen, etwa dem Zubereiten eines guten Tees. Auf die Zeichen achten, der Natur und den anderen gegenüber Wertschätzung entwickeln, ohne aufdringlich zu sein. Die Abläufe ablaufen lassen, wie sie nun mal ablaufen, und darin stehen wie das Abbild des Mondes im nächtlichen Fluß. Er bleibt still und reglos, während sich Zeit und Strom durch ihn hindurchbewegen, ohne daß er selbst seinen Ort verändert.
Ja, das hat einen Nachteil:
Man überläßt den anderen und oft den Falschen die Geschicke von Land und Welt. Aber die reißen das Regieren sowieso immer an sich, und man möchte sie zum einen nicht bekämpfen, zum anderen aber noch weniger mit ihnen tauschen. Wer denn wollte je an Honeckers, Merz‘, Trumps oder Putins Stelle sein? Schon als Bürgermeister zu fungieren verlangt nach Kompetenzen, die kaum einer mitbringt.
Wer denn wollte sich den Bullys auf dem Schulhof in den Weg stellen, wenn er nicht selbst entweder Bully oder ein Heiliger seines blutigen Scheiterns wäre? Die Rangelei und eins in die Fresse zu vermeiden hat nicht zuerst mit Feigheit zu tun. Es ist ein Unterschied, ob man seine Sache verteidigt oder der Sache eines Kraftmeiers oder Fanatikers im Wege ist. Hohe Kunst, Angriffe ins Leere laufen zu lassen oder deren Energie über Schubumkehr gegen ihren Ursprung zu richten.
Der Vorwurf dann:
Du stellst dich abseits, nimmst dich ja raus, engagierst dich zu wenig, vermeidest Verantwortung. – Man übernehme die Verantwortung dort, wo man sie übernehmen kann und wo man kraft seines Vermögens handlungsfähig ist. Dieser Radius ist klein, aber zugleich: Alles! Man darf sich zudem darauf verlassen, daß die anderen, die sich eine Menge zutrauen, einen maximal auf eben diesen kleinen Umkreis verweisen werden. Man akzeptiere das.
Fußnote für jene, die meinen, ein solches Sich-Bescheiden wäre armselig, feige und kleinlich, und zudem hieße es, Konsequenzen zu scheuen:
Wenn der polnische Franziskaner-Minorit Maximilian Kolbe (1894–1941) im KZ Auschwitz sein Leben opferte, um einen Mithäftling zu retten, indem er sich freiwillig an dessen Stelle für den Hungerbunker anbot, so tat er dies, religiös inspiriert, aus freien Stücken. Mit enormer Konsequenz.
Er rettet Franciszek Gajowniczek. Der lebte bis 1995 und erklärte sterbend, er habe stets eine Gegenwart Pater Kolbes wahrgenommen und werde nun zu ihm gehen. Kolbe selbst wurde am 14. August 1941 mittels Giftspritze ermordet – und 1982 als „Märtyrer der Nächstenliebe“ heiliggesprochen.
Zu Recht. Er handelte in seinem Ermessen und in seinem Umkreis. Wie gesagt: Konsequent. Zu den Großen der Politik gehört er nicht, er ist groß in ganz anderer Hinsicht. Und er ist nicht gescheitert.
Dietrichs Bern
Lieber Herr Bosselmann, zunächst teile ich Ihre Einschätzung Pater Kolbes. Aber wenn Sie von den Apparaten schreiben, die so viel mehr vermögen als wir: Glauben Sie nicht, wenn Sie Stasikader an der Spitze staatlich finanzierter Organisationen sehen, die nie versiegte Liebe zum Sozialismus und Ausforschung bei den Mächtigen - haben Sie nicht das Gefühl genau von dem Apparat beherrscht zu werden, der dafür schon in ihrer ersten Lebenshälfte verantwortlich war?