Außer ihm taten dies danach nur noch zwei weitere der 19 ehemaligen Gauleiter, die das Kriegsende überlebten. Wir kennen Erinnerungen von Angehörigen des politischen Führerkorps der NS-Bewegung ohnehin nur von Helmut Sündermann, einst stellvertretender Reichspressechef der Partei, von dem einstigen Stabsamtsleiter Willi Krämer sowie den stellvertretenden Gauleitern von Halle-Merseburg Walter Tiessler und seines rabiaten Kollegen in Westfalen-Süd, Heinrich Vetter.
Die Gestalt dieser „Provinzfürsten“ könnte ambivalenter nicht sein. Wir finden unter ihnen eine Anzahl äußerst negativer Erscheinungen, wie den Tyrannen Erich Koch, den korrupten Gauleiter Sachsens Martin Mutschmann, der wie ein selbstherrlicher mittelalterlicher Landvogt auftrat, den völlig unfähigen Karl Weinrich oder den fanatischen und undogmatischen Dr. Siegfried Uiberreither. Karl Wahl gehörte dem Typus des schon älteren, väterlich auftretenden „Landesherren“ an.
Der 1892 als dreizehntes Kind eines Lokomotivheizers im württembergischen Aalen geborene Wahl kam früh zur Sanitätstruppe, in der er als Sanitäts-Vizefeldwebel auch an der Front eingesetzt wurde und bei Kriegsende die chefärztliche Kanzlei des Augsburger Garnisonslazaretts leitete. Seit 1921 war er bei der Stadt Augsburg beschäftigt, trat der NSDAP bei und wurde rasch Ortsgruppen- und Kreisleiter, bevor Hitler ihn 1928 zum Gauleiter in Schwaben ernannte.
Wahl war alles andere als ein Intellektueller, jedoch auch kein primitiver Bierkellerrabauke. Seine behäbig-schwäbische Gemütlichkeit kam bei seinen Landsleuten gut an. Und so ist auch sein Schreibstil immer ein wenig altväterlich.
Wahls Lebensbeichte hat eine merkwürdige verlegerische Odyssee hinter sich, denn sie erschien unter dem Titel Es ist das deutsche Herz zunächst 1954 im Selbstverlag des Autors, zwanzig Jahre später dann nahezu unverändert als Patrioten oder Verbrecher und schließlich noch einmal stark gekürzt als Aus Liebe zu Deutschland. Er berichtet darin über die “Kampfzeit” der NSDAP, innerparteiliche Machtkämpfe, den zukünftigen “NS-Senat” und die Planungen für ein monumentales “Gauforum” in Augsburg.
Interessant sind die Streiflichter auf Begegnungen mit Hitler, der ihm gegenüber etwa beteuerte, daß Deutschland keines neuen religiösen Reformators bedürfe und er sich Rosenberg nicht als Bischof und Ley nicht als Generalpräses vorstellen könne. Auch von den mehrfachen Zusammenkünften Hitlers mit dem Augsburger Weihbischof Eberle weiß Wahl Aufschlußreiches zu berichten.
Wahl wurde auch Zeuge des äußerst gespenstisch anmutenden Geschehens, bei dem Hitler im November 1941 eine ungewöhnlich harte Strafaktion an einem seiner ältesten Mitkämpfer, dem Gauleiter Josef Wagner, vollzog, weil dieser trotz seines eindeutigen Bekenntnisses zum Nationalsozialismus seinem Katholizismus nicht völlig entsagen wollte. Wie paralysiert, so Wahl, hätten die anwesenden Gauleiter die Szenerie verfolgt:
Totenbleich stand Wagner auf und bat energisch ums Wort, worauf Hitler ihn nochmals und noch schroffer als vorher zum sofortigen Gehen aufforderte. Noch nie hatte ich Hitler so gesehen…Wir waren bestürzt, ja fast gelähmt vor Entsetzen.
Wie Hans-Ulrich Danner in seiner verdienstvollen Studie Bewältigung des Scheiterns kürzlich nachwies, sah sich auch Karl Wahl in seiner Publizistik als uneigennütziger Künder historischer Wahrheit. Man will dem “glühenden Patrioten” durchaus abnehmen, daß er stets “Gutes” für Deutschland wollte und entsetzt auf den Ausbruch des zweiten Weltkrieges reagierte. Die von ihm geübte vage Kritik an der NS-Machtausübung aber steht im Kontrast zu seinem ohne jeden Zweifel vorhandenen Wissen über die aus seinem Gau in die Ghettos und Lager des Ostens deportierten Juden. Wahl schweigt dazu.
Ende Februar 1945 war er auf jener spukhaften letzten Gauleitertagung in Berlin zugegen, während der Hitler ausrief “wenn auch meine Hand zittert, und wenn selbst mein Kopf zittern sollte, mein Herz wird niemals zittern“. Es sind vor allem solche Erinnerungsfragmente, die das Buch durchaus lesenswert machen. Auch weil Wahl – trotz aller vorsichtig vorgebrachten Kritik – die Naivität besitzt, immer noch als eine Art “Liebender” zu schreiben, hat sein Bericht, dem ein Personenregister gut getan hätte, dokumentarischen Wert.
Nachdem Wahl – der Bormann noch im März 1945 vorschlug, Kamikazepiloten zur Zerstörung der provisorischen US-Rheinbrücken einzusetzen und eine Art “schwäbischen Werwolf” aufzubauen (was im Buch unerwähnt bleibt) – seine Gauhauptstadt den amerikanischen Truppen kampflos übergab, blieb er in Augsburg und stellte sich.
Nach Internierung in 13 Arbeitslagern entließ man den einstigen Paladin Hitlers, da er „nach seiner Veranlagung keine Gefahr für den demokratischen Aufbau“ darstelle. Wahl schlug sich später als Textilvertreter und Leiter einer Firmenbibliothek durch und starb 1981.
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Karl Wahl: Gauleiter in Schwaben. Erinnerungen 1928–1945. 284 Seiten, 25.95 – hier bestellen
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Auch wenn Hitler immer wieder beteuerte, kein religiöser Reformator sein zu wollen, so war doch seine persönliche Feindseligkeit gegenüber dem Christentum eindeutig. Gerade in den "Monologen" findet man zahlreiche verbale Totalausfälle gegenüber dem Christentum, die wohl auch im Zeitkontext untypisch waren. Ernst Nolte sagt über Hitlers Verhältnis zum Christentum einmal: Wenn ein Mensch über viele Jahre hinweg immer wieder exakt dieselben Gedanken äußert, muss man davon ausgehen, dass es sich dabei um eine tiefgehende Überzeugung handelt. Das ist sicher eine plausible Annahme. Zu einer offenen Christenverfolgung ist es im NS meiner Ansicht nach nicht gekommen. Es war eher eine Politik der tausend Nadelstiche. Man wollte dem Christentum "Sterbehilfe" leisten sozusagen. Diese Politik spiegelt wohl auch Hitlers eigene ambivalente Position wieder: Er wollte sich nicht direkt in religiöse Belange einmischen, war aber auf der persönlichen Ebene ein Christenfeind.