Kritik der Woche (75): Gauleiter in Schwaben

von Werner Bräuninger -- „Sie könnten landauf, landab in Schwaben reisen, Sie werden keinen Menschen finden, dem ich persönlich etwas angetan habe“. Dieser für Karl Wahl wohl ziemlich charakteristische Ausspruch sagt bereits viel über seine nun wieder vorgelegten Lebenserinnerungen, deren Besonderheit darin liegt, daß er einer der ganz wenigen und zugleich der erste Gauleiter der NSDAP gewesen ist, der sich nach 1945 überhaupt schriftlich geäußert hat.

Außer ihm taten dies danach nur noch zwei wei­te­re der 19 ehe­ma­li­gen Gau­lei­ter, die das Kriegs­en­de über­leb­ten. Wir ken­nen Erin­ne­run­gen von Ange­hö­ri­gen des poli­ti­schen Füh­rer­korps der NS-Bewe­gung ohne­hin nur von Hel­mut Sün­der­mann, einst stell­ver­tre­ten­der Reichs­pres­se­chef der Par­tei, von dem eins­ti­gen Stabs­amts­lei­ter Wil­li Krä­mer sowie den stell­ver­tre­ten­den Gau­lei­tern von Hal­le-Mer­se­burg Wal­ter Tiess­ler und sei­nes rabia­ten Kol­le­gen in West­fa­len-Süd, Hein­rich Vetter.

Die Gestalt die­ser „Pro­vinz­fürs­ten“ könn­te ambi­va­len­ter nicht sein. Wir fin­den unter ihnen eine Anzahl äußerst nega­ti­ver Erschei­nun­gen, wie den Tyran­nen Erich Koch, den kor­rup­ten Gau­lei­ter Sach­sens Mar­tin Mut­sch­mann, der wie ein selbst­herr­li­cher mit­tel­al­ter­li­cher Land­vogt auf­trat, den völ­lig unfä­hi­gen Karl Wein­rich oder den fana­ti­schen und undog­ma­ti­schen Dr. Sieg­fried Uiber­reit­her. Karl Wahl gehör­te dem Typus des schon älte­ren, väter­lich auf­tre­ten­den „Lan­des­her­ren“ an.

Der 1892 als drei­zehn­tes Kind eines Loko­mo­tiv­hei­zers im würt­tem­ber­gi­schen Aalen gebo­re­ne Wahl kam früh zur Sani­täts­trup­pe, in der er als Sani­täts-Vize­feld­we­bel auch an der Front ein­ge­setzt wur­de und bei Kriegs­en­de die chef­ärzt­li­che Kanz­lei des Augs­bur­ger Gar­ni­sons­la­za­retts lei­te­te. Seit 1921 war er bei der Stadt Augs­burg beschäf­tigt, trat der NSDAP bei und wur­de rasch Orts­grup­pen- und Kreis­lei­ter, bevor Hit­ler ihn 1928 zum Gau­lei­ter in Schwa­ben ernannte.

Wahl war alles ande­re als ein Intel­lek­tu­el­ler, jedoch auch kein pri­mi­ti­ver Bier­kel­ler­ra­bau­ke. Sei­ne behä­big-schwä­bi­sche Gemüt­lich­keit kam bei sei­nen Lands­leu­ten gut an. Und so ist auch sein Schreib­stil immer ein wenig altväterlich.

Wahls Lebens­beich­te hat eine merk­wür­di­ge ver­le­ge­ri­sche Odys­see hin­ter sich, denn sie erschien unter dem Titel Es ist das deut­sche Herz zunächst 1954 im Selbst­ver­lag des Autors, zwan­zig Jah­re spä­ter dann nahe­zu unver­än­dert als Patrio­ten oder Ver­bre­cher und schließ­lich noch ein­mal stark gekürzt als Aus Lie­be zu Deutsch­land. Er berich­tet dar­in über die “Kampf­zeit” der NSDAP, inner­par­tei­li­che Macht­kämp­fe, den zukünf­ti­gen “NS-Senat” und die Pla­nun­gen für ein monu­men­ta­les “Gaufo­rum” in Augsburg.

Inter­es­sant sind die Streif­lich­ter auf Begeg­nun­gen mit Hit­ler, der ihm gegen­über etwa beteu­er­te, daß Deutsch­land kei­nes neu­en reli­giö­sen Refor­ma­tors bedür­fe und er sich Rosen­berg nicht als Bischof und Ley nicht als Gene­ral­prä­ses vor­stel­len kön­ne. Auch von den mehr­fa­chen Zusam­men­künf­ten Hit­lers mit dem Augs­bur­ger Weih­bi­schof Eber­le weiß Wahl Auf­schluß­rei­ches zu berichten.

Wahl wur­de auch Zeu­ge des äußerst gespens­tisch anmu­ten­den Gesche­hens, bei dem Hit­ler im Novem­ber 1941 eine unge­wöhn­lich har­te Straf­ak­ti­on an einem sei­ner ältes­ten Mit­kämp­fer, dem Gau­lei­ter Josef Wag­ner, voll­zog, weil die­ser trotz sei­nes ein­deu­ti­gen Bekennt­nis­ses zum Natio­nal­so­zia­lis­mus sei­nem Katho­li­zis­mus nicht völ­lig ent­sa­gen woll­te. Wie para­ly­siert, so Wahl, hät­ten die anwe­sen­den Gau­lei­ter die Sze­ne­rie verfolgt:

Toten­bleich stand Wag­ner auf und bat ener­gisch ums Wort, wor­auf Hit­ler ihn noch­mals und noch schrof­fer als vor­her zum sofor­ti­gen Gehen auf­for­der­te. Noch nie hat­te ich Hit­ler so gesehen…Wir waren bestürzt, ja fast gelähmt vor Entsetzen.

Wie Hans-Ulrich Dan­ner in sei­ner ver­dienst­vol­len Stu­die Bewäl­ti­gung des Schei­terns kürz­lich nach­wies, sah sich auch Karl Wahl in sei­ner Publi­zis­tik als unei­gen­nüt­zi­ger Kün­der his­to­ri­scher Wahr­heit. Man will dem “glü­hen­den Patrio­ten” durch­aus abneh­men, daß er stets “Gutes” für Deutsch­land woll­te und ent­setzt auf den Aus­bruch des zwei­ten Welt­krie­ges reagier­te. Die von ihm geüb­te vage Kri­tik an der NS-Macht­aus­übung aber steht im Kon­trast zu sei­nem ohne jeden Zwei­fel vor­han­de­nen Wis­sen über die aus sei­nem Gau in die Ghet­tos und Lager des Ostens depor­tier­ten Juden. Wahl schweigt dazu.

Ende Febru­ar 1945 war er auf jener spuk­haf­ten letz­ten Gau­lei­ter­ta­gung in Ber­lin zuge­gen, wäh­rend der Hit­ler aus­rief “wenn auch mei­ne Hand zit­tert, und wenn selbst mein Kopf zit­tern soll­te, mein Herz wird nie­mals zit­tern“. Es sind vor allem sol­che Erin­ne­rungs­frag­men­te, die das Buch durch­aus lesens­wert machen. Auch weil Wahl – trotz aller vor­sich­tig vor­ge­brach­ten Kri­tik – die Nai­vi­tät besitzt, immer noch als eine Art “Lie­ben­der” zu schrei­ben, hat sein Bericht, dem ein Per­so­nen­re­gis­ter gut getan hät­te, doku­men­ta­ri­schen Wert.

Nach­dem Wahl – der Bor­mann noch im März 1945 vor­schlug, Kami­ka­ze­pi­lo­ten zur Zer­stö­rung der pro­vi­so­ri­schen US-Rhein­brü­cken ein­zu­set­zen und eine Art “schwä­bi­schen Wer­wolf” auf­zu­bau­en (was im Buch uner­wähnt bleibt) – sei­ne Gau­haupt­stadt den ame­ri­ka­ni­schen Trup­pen kampf­los über­gab, blieb er in Augs­burg und stell­te sich.

Nach Inter­nie­rung in 13 Arbeits­la­gern ent­ließ man den eins­ti­gen Pala­din Hit­lers, da er „nach sei­ner Ver­an­la­gung kei­ne Gefahr für den demo­kra­ti­schen Auf­bau“ dar­stel­le. Wahl schlug sich spä­ter als Tex­til­ver­tre­ter und Lei­ter einer Fir­men­bi­blio­thek durch und starb 1981.

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Karl Wahl: Gau­lei­ter in Schwa­ben. Erin­ne­run­gen 1928–1945. 284 Sei­ten, 25.95 – hier bestel­len

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Kommentare (5)

fw87

18. Februar 2026 11:25

Auch wenn Hitler immer wieder beteuerte, kein religiöser Reformator sein zu wollen, so war doch seine persönliche Feindseligkeit gegenüber dem Christentum eindeutig. Gerade in den "Monologen" findet man zahlreiche verbale Totalausfälle gegenüber dem Christentum, die wohl auch im Zeitkontext untypisch waren. Ernst Nolte sagt über Hitlers Verhältnis zum Christentum einmal: Wenn ein Mensch über viele Jahre hinweg immer wieder exakt dieselben Gedanken äußert, muss man davon ausgehen, dass es sich dabei um eine tiefgehende Überzeugung handelt. Das ist sicher eine plausible Annahme. Zu einer offenen Christenverfolgung ist es im NS meiner Ansicht nach nicht gekommen. Es war eher eine Politik der tausend Nadelstiche. Man wollte dem Christentum "Sterbehilfe" leisten sozusagen. Diese Politik spiegelt wohl auch Hitlers eigene ambivalente Position wieder: Er wollte sich nicht direkt in religiöse Belange einmischen, war aber auf der persönlichen Ebene ein Christenfeind. 

Le Chasseur

18. Februar 2026 14:24

@fw87
"Zu einer offenen Christenverfolgung ist es im NS meiner Ansicht nach nicht gekommen. Es war eher eine Politik der tausend Nadelstiche. Man wollte dem Christentum "Sterbehilfe" leisten sozusagen."
Hitler sagte sinngemäß, "Um die Kirchen kümmere ich mich, wenn der Krieg gewonnen ist". Mit der Indoktrination der Jugend (HJ etc.) nahm man den Kirchen ja schon den Nachwuchs.

RMH

18. Februar 2026 15:29

Angeblich ist A.H. nie offiziell aus der Kirche ausgetreten und mit den abgeschlossenen Konkordaten waren die Amtskirchen ja halb gekauft.
Unabhängig davon: Es ist bei derartigen "Erinnerungen" (also nicht nur bei der hier rezensierten von K. Wahl) immer wieder interessant, wie gewisse Themen einfach ausgelassen werden, so als ob sie nie vorkamen. Beredtes Schweigen nennt man so etwas. 

Marcus AC Severus

18. Februar 2026 15:49

Spätestens ab 1938 hätte ein Einzelner, durch eine einzelne bestimmte Tat zum Nachteil des wahnsinnigen Narzisten Hitlers, das Schicksal Deutschlands komplett wie noch nie zuvor in der Geschichte, zum Besseren wenden können. Das ist die eigentliche Tragödie des Ganzen. Die Wenigen die es versucht haben sollten heute als Helden gefeiert werden. Egal welcher politischer Colouer sie waren. Besonders jemand wie Georg Elser.
Ich hoffe es wird auch einmal aufgearbeitet werden, wie es dazu kommen konnte dass ein Einzelner einen gottähnlichen Status für große Teile des Volkes erlangen konnte, obwohl er alles dafür getan hat, dass es Deutschland sehr sehr schlecht geht. 
Der einfache Mensch mag weit überwiegend unglückliches Opfer seiner Zeit gewesen sein, die damalige Elite (abseits einzelner proletarischer Parteibonzen) aber war sehr gut gebildet und konnte erahnen  wohin das Ganze für Deutschland -binnen weniger Jahre - führen wird. Innerhalb dieser Elite gab es nur wenige wie Fritz Todt ("Flugzeugabsturz") die das auch offen ansprachen.
 
 

Boreas

18. Februar 2026 16:05

 
Ergänzend sei einer der beiden anderen Gauleiter erwähnt, die nach dem Krieg publizierten. Walter Jordan (1902-1988), Gauleiter von Halle-Merseburg (1931-1937) und Magdeburg-Anhalt (1937-1945), war bis 1955 in sovjetischer Haft und kam im Rahmen der von Adenauer erwirkten "Heimkehr der Zehntausend" frei und nach Deutschland. Seine Bücher:Erlebt und erlitten. Weg eines Gauleiters von München nach Moskau., 1971.Im Zeugenstand der Geschichte. Antworten zum Thema Hitler., 1974.Der 30. Juni 1934. Die sog. "Röhm-Revolte" und ihre Folgen aus der Sicht eines Erlebniszeugen., 1984.