Auserwähltes Volk, gelobtes Land

PDF der Druckausgabe aus Sezession 124/ Februar 2025

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Donald Trump ist erneut auf der Grund­la­ge des Ver­spre­chens, »Ame­ri­ka wie­der groß« zu machen, zum Prä­si­den­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten gewählt wor­den. Sein neu­es Kabi­nett ist noch aggres­si­ver und unver­hoh­le­ner pro­zio­nis­tisch als sein altes: Vize­prä­si­dent J. D. Van­ce, Außen­mi­nis­ter Mar­co Rubio, Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Pete Hegs­eth, Minis­te­rin für Inne­re Sicher­heit Kris­ti Noem, UN-Bot­schaf­te­rin Eli­se Ste­fa­nik, Han­dels­mi­nis­ter Howard Lut­nick, Gesund­heits­mi­nis­ter Robert F. Ken­ne­dy Jr. oder der natio­na­le Sicher­heits­be­ra­ter Mike Waltz, um nur eini­ge Namen zu nen­nen, sind wie Trump selbst vehe­men­te Par­tei­gän­ger des Staa­tes Israel.

Hegs­eth, ein ehe­ma­li­ger Fox-News-Mode­ra­tor und Vete­ran des zwei­ten Irak­krie­ges, hat so man­chen christ­li­chen Kon­ser­va­ti­ven mit sei­nen mar­ki­gen Täto­wie­run­gen ent­zückt: auf der rech­ten Brust ein Jeru­sa­lem­kreuz, ein »Deus Vult« am rech­ten Bizeps, gleich neben einer mit einem AR-15-Sturm­ge­wehr ver­zier­ten »Stars & Stripes«-Flagge. Um das Pro­gramm zu ver­voll­stän­di­gen, pran­gen noch die Anfangs­wor­te der ame­ri­ka­ni­schen Ver­fas­sung, »We the peo­p­le«, auf sei­nem rech­ten Unterarm.

Haben wir uns nicht so einen star­ken Mann schon lan­ge gewünscht, einen Chris­ten, der nicht klagt und kniet, son­dern kämpft, einen wehr­haf­ten, unver­zag­ten Ver­tei­di­ger des »Wes­tens« und des »christ­li­chen Abend­lan­des« mit dem Her­zen eines mit­tel­al­ter­li­chen Kreuz­rit­ters? Hegs­eth ist aller­dings auch ein bibel­fes­ter »christ­li­cher Zio­nist«, der enthu­si­as­tisch den Wie­der­auf­bau des Tem­pels von Jeru­sa­lem unter­stützt und davon träumt, den Iran in die Knie zu zwingen.

»MAGA«, »Ame­ri­ca First« und Isra­el: Bedeu­tet dies nicht, zwei Her­ren, zwei Natio­nen zu die­nen? Hegs­eth ist eben­so wie die ande­ren Zio­nis­ten in Trumps Team (zumin­dest nach außen hin) der Ansicht, daß es sich hier um ein und die­sel­be Sache han­delt. In sei­nem 2024 erschie­ne­nen Buch Ame­ri­can Cru­sa­de: Our Fight to Stay Free (»Ame­ri­ka­ni­scher Kreuz­zug: Unser Kampf, um frei zu blei­ben«) schreibt er: »Wer Ame­ri­ka liebt, soll­te auch Isra­el lie­ben.« Trump selbst hat bereits 2015/16 mas­si­ve Unter­stüt­zung von zio­nis­ti­schen Krei­sen erhalten.

Auch im Wahl­kampf des Jah­res 2024 spiel­ten ein­schlä­gi­ge Geld­ge­ber, nüch­tern betrach­tet Lob­by­is­ten eines aus­län­di­schen, vehe­ment natio­na­lis­tisch regier­ten Staa­tes, eine wich­ti­ge Rol­le: Miri­am Adel­son, Bill Ack­man, Isaac Perl­mut­ter, Paul Sin­ger und ande­re, dar­un­ter eini­ge, die erst nach dem »7. Okto­ber« ins repu­bli­ka­ni­sche Lager umge­schwenkt sind.

Den israe­li­schen Regie­rungs­chef Ben­ja­min Netan­ja­hu hat Trump in sei­ner ers­ten Amts­zeit wie einen König behan­delt: So hul­dig­te er ihm im Sep­tem­ber 2020 mit der fei­er­li­chen Über­rei­chung eines gol­de­nen Schlüs­sels zum Wei­ßen Haus; im Gegen­zug wird Trump in Isra­el als neu­er »König Cyrus« ver­ehrt, nach jener bibli­schen Gestalt, die das baby­lo­ni­sche Exil der Juden been­det hat. Trump hat den Ein­fluß der von John J. Mears­heimer und Ste­phen H. Walt so genann­ten Isra­el-Lob­by auf die ame­ri­ka­ni­sche Außen­po­li­tik nicht nur bestä­tigt, son­dern offen gepriesen.

Im Zuge einer Ver­an­stal­tung mit dem Titel »Fight­ing Anti­se­mi­tism« in Bedford, New Jer­sey, im August 2024 äußer­te er, daß noch vor »sagen wir, 15 Jah­ren«, also etwa am Ende der Bush- und am Anfang der Oba­ma-Ära, jeder Poli­ti­ker »erle­digt« gewe­sen wäre, der es gewagt hät­te, »etwas Schlech­tes über Isra­el oder das jüdi­sche Volk« zu sagen. Dies sei heu­te lei­der nicht mehr der Fall:

Die mit Abstand mäch­tigs­te Lob­by in die­sem Land waren Isra­el und das jüdi­sche Volk. Heu­te fragt man sich, was ist da bloß passiert?

In einem Inter­view mit dem jüdi­schen Kon­ser­va­ti­ven Ari Hoff­mann im März 2024 war Trump noch wei­ter gegan­gen: »Isra­el hat­te eine sol­che Macht, und das zu Recht, über den Kon­greß«, klag­te er.

Trump, ein vor­geb­lich »patrio­ti­scher« Prä­si­dent, der sich den Slo­gan »Ame­ri­ca First« auf die Fah­nen geschrie­ben hat, schwärm­te also davon, daß ein aus­län­di­scher Staat vor nicht all­zu lan­ger Zeit »zu Recht« (!) fast voll­stän­di­ge Macht über die Legis­la­ti­ve sei­nes Lan­des hat­te, und beklag­te sodann, daß die­ser Staat die­se Macht (angeb­lich) nicht mehr habe, was impli­zier­te, daß die­ser Staat die­se Macht wie­der haben soll­te: »Make Jewish Power Gre­at Again«.

Tat­säch­lich han­delt es sich hier­bei nur um eine spe­zi­el­le jüdi­sche Frak­ti­on inner­halb des gesam­ten ame­ri­ka­ni­schen Macht­ge­fü­ges, näm­lich die offen neo­kon­ser­va­tiv- rechts­zio­nis­ti­sche. Iro­ni­scher­wei­se gibt es in Trumps neu­er Regie­rung weit­aus weni­ger Juden als in Bidens: Zu des­sen Kabi­nett gehör­ten »so vie­le Juden wie nie zuvor in der Geschich­te«, jubel­te die Jüdi­sche All­ge­mei­ne am 21. Janu­ar 2021. Trump hat hier je nach Per­spek­ti­ve unter- oder über­trie­ben, ver­mut­lich um sei­nen Geld­ge­bern zu schmei­cheln und die­se anzustacheln.

Die bedeu­tends­te Isra­el-Lob­by, AIPAC (»Ame­ri­ka­nisch-israe­li­scher Aus­schuß für öffent­li­che Ange­le­gen­hei­ten«) mit über hun­dert­tau­send Mit­glie­dern, hat­te auch in den letz­ten »fünf­zehn Jah­ren« maß­geb­li­che Poli­ti­ker bei­der Par­tei­en fest im Griff. In einem Inter­view mit Tucker Carlson äußer­te der repu­bli­ka­ni­sche Kon­greß­ab­ge­ord­ne­te Tho­mas Mas­sie, daß jedes repu­bli­ka­ni­sche Mit­glied des Kon­gres­ses einen »AIPAC-Baby­sit­ter« habe.

Aller­dings ist auch für Demo­kra­ten eine Kar­rie­re im Kon­greß ohne Unter­stüt­zung oder Bil­li­gung durch den AIPAC prak­tisch unmög­lich. Die Demo­kra­ten müs­sen jedoch auch Rück­sicht auf Wäh­ler­schaf­ten neh­men, die Isra­el, beson­ders in sei­ner jet­zi­gen Form als einem von der Likud-Par­tei beherrsch­ten »rech­ten Staat«, skep­tisch gegen­über­ste­hen oder gar völ­lig ableh­nen, neben »anti­ko­lo­nia­lis­tisch« moti­vier­ten »Peo­p­le of Color« auch vie­le libe­ra­le Juden, die tra­di­tio­nell demo­kra­tisch wählen.

Es sind aller­dings nicht so sehr die jüdi­schen Wäh­ler­stim­men, auf die es hier ankommt, da Juden nur knapp zwei Pro­zent der ame­ri­ka­ni­schen Bevöl­ke­rung aus­ma­chen. Es geht viel­mehr um poli­ti­schen, kul­tu­rel­len, aka­de­mi­schen, finan­zi­el­len und media­len Ein­fluß. Daß die­ser erheb­lich ist, ist eine unbe­que­me, aber unbe­streit­ba­re Tat­sa­che. Man »darf« sie anspre­chen, wenn man sie rühmt (Biden hat es wie­der­holt getan), nicht aber, wenn man sie kri­ti­siert. Yuri Slez­ki­ne schrieb in sei­ner Stu­die Das jüdi­sche Jahr­hun­dert (2004, dt. Göt­tin­gen 2006) über die jüdisch-ame­ri­ka­ni­sche Erfolgsgeschichte:

Im Lau­fe zwei­er Nach­kriegs­jahr­zehn­te wur­den die Juden zur wohl­ha­bends­ten, gebil­dets­ten, poli­tisch ein­fluß­reichs­ten und beruf­lich erfolg­reichs­ten eth­nisch-reli­giö­sen Bevöl­ke­rungs­grup­pe in den Ver­ei­nig­ten Staaten.

Von den drei »gelob­ten« Län­dern der euro­päi­schen Juden des 20. Jahr­hun­derts, der Sowjet­uni­on, Isra­el und den USA, waren es nach Slez­ki­ne letz­te­re, die sich als die für das jüdi­sche Volk güns­tigs­te Opti­on erwie­sen hat­ten. In der rela­tiv kurz­le­bi­gen Sowjet­uni­on ver­strick­te es sich in die Ver­bre­chen des Kom­mu­nis­mus, in Isra­el in eth­ni­sche Säu­be­run­gen und einen per­ma­nen­ten Kriegs­zu­stand; in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, dem west­li­chen Impe­ri­um der Moder­ne, stel­len sie heu­te flo­rie­ren­de und ein­fluß­rei­che Eli­ten, was sich deut­lich in der Beset­zung der Kabi­net­te von sowohl Trump als auch Biden niederschlägt.

Ein Grund für die­sen Erfolg ist die star­ke Affi­ni­tät zwi­schen der ame­ri­ka­ni­schen Zivi­li­sa­ti­on und dem jüdi­schen »mer­ku­ria­ni­schen« (wie Slez­ki­ne es nennt), mer­kan­til-mobi­len Geist. Ein bedeu­ten­der gemein­sa­mer Nen­ner ist aller­dings auch die reli­giö­se, bibli­sche Prä­gung, die die Men­ta­li­tät der anglo­pro­tes­tan­ti­schen Grün­der der ame­ri­ka­ni­schen Nati­on eben­so wie die der Juden ent­schei­dend beein­flußt hat – ein Ein­fluß, der noch in Gene­ra­tio­nen nach­wirkt, die sich als säku­lar betrach­ten und nicht mehr im tran­szen­den­ten Sin­ne an den Gott der Bibel glauben.

Es sind hier vor allem zwei eng mit­ein­an­der zusam­men­hän­gen­de Moti­ve aus dem Alten Tes­ta­ment aus­schlag­ge­bend: die Topoi des »erwähl­ten Vol­kes« und des »gelob­ten Lan­des« aus den Büchern des Moses. Ins­be­son­de­re das Deu­te­ro­no­mi­um hat­te eine beson­de­re Bedeu­tung für die puri­ta­ni­schen Pil­ger, die sich mit den »Kin­dern Isra­els« iden­ti­fi­zier­ten, ver­se­hen mit der gött­li­chen Mis­si­on, ein Land zu erobern und in ihm eine wahr­haft gott­ge­fäl­li­ge Gesell­schaft aufzubauen.

Die Tat­sa­che, daß die alten Hebrä­er auf dem Weg ins ver­hei­ße­ne Land rou­ti­ne­mä­ßig die Völ­ker, die sie auf ihrer Wan­der­schaft antra­fen, mit Bil­li­gung, ja sogar auf Geheiß Got­tes mit Stumpf und Stiel aus­rot­te­ten (»Män­ner, Wei­ber und Kin­der, und lie­ßen nie­mand übrig­blei­ben«), erleich­ter­te den from­men Pio­nie­ren den ana­lo­gen Umgang mit den ame­ri­ka­ni­schen Ureinwohnern.

Vie­le ame­ri­ka­ni­sche Eigen­hei­ten las­sen sich auf die­se Wur­zeln zurück­füh­ren, von der Ideo­lo­gie des »Mani­fest desti­ny«, unter deren Ban­ner im 19. Jahr­hun­dert der Wes­ten des Kon­ti­nents erobert wur­de und im 20. Jahr­hun­dert welt­weit das Evan­ge­li­um der libe­ra­len Drei­fal­tig­keit »life, liber­ty and the pur­su­it of hap­pi­ness« und spä­ter von »Demo­kra­tie und Men­schen­rech­ten« ver­brei­tet wer­den soll­te, not­falls auch durch mili­tä­ri­sche Kreuz­zü­ge, die prak­ti­scher­wei­se mit wirt­schaft­li­chen und geo­po­li­ti­schen Inter­es­sen zusammenfielen.

»Ame­ri­ka­ner« zu sein bedeu­te­te lan­ge Zeit, unge­ach­tet der im »Mel­ting pot« ein­ge­koch­ten eth­ni­schen Her­kunft, Ange­hö­ri­ger eines »aus­er­wähl­ten«, »frei­en« Vol­kes zu sein, beru­fen, die leuch­ten­de, allen Natio­nen zum Vor­bild die­nen­de »Stadt auf einem Hügel« aus der Berg­pre­digt (Mt 5,14) zu errich­ten – ein Vers, der von John F. ­Ken­ne­dy bis Barack Oba­ma ange­stimmt wurde.

Mit die­ser »Stadt« ist ein uto­pi­scher Ide­al­staat gemeint, basie­rend auf einer »Idee« und nicht auf der Zufäl­lig­keit eth­no­kul­tu­rel­ler Abstam­mun­gen. Ronald Rea­gan erblick­te sie in einer Visi­on als

von Gott geseg­net, in der Men­schen aller Art in Har­mo­nie und Frie­den zusam­men­leb­ten; eine Stadt mit frei­en Häfen, in der Han­del und Krea­ti­vi­tät blüh­ten. Und wenn es schon Stadt­mau­ern geben muß­te, dann soll­ten die­se Mau­ern Tore haben, die jedem offen­stan­den, der den Wil­len und den Her­zens­mut hat­te, hier­her zu kommen.

Auch die Grün­der­vä­ter der Repu­blik, die die »hei­li­gen« Tex­te Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung, »Con­sti­tu­ti­on« und »Bill of Rights« ver­faß­ten, waren zwar bereits auf­ge­klär­te »The­is­ten«, aber den­noch enthu­si­as­ti­sche Bibel­le­ser. Auch sie lasen in die Geschich­te des Moses ihre eige­ne hin­ein, waren sie doch selbst der Tyran­nei eines »Pha­rao«, des eng­li­schen Königs Geor­ge III., ent­ron­nen. Für sie stand der indi­vi­dua­lis­tisch auf­ge­faß­te Begriff Frei­heit (»liber­ty«) im Zen­trum aller Über­le­gun­gen, und er war für sie auch der Schlüs­sel zur Deu­tung der Geschich­te vom Aus­zug aus Ägypten.

Das ist eine Idee, die bis heu­te Wir­kungs­kraft hat. Man fin­det sie exem­pla­risch im Pro­log zu dem Hol­ly­woodschin­ken Die zehn Gebo­te (1956), einem guten Anschau­ungs­bei­spiel für die anglo­pro­tes­tan­ti­sche Adap­ti­on der Bibel. Besetzt mit Nicht­ju­den wie Charl­ton Hes­ton, John Derek und John Car­ra­di­ne in den Haupt­rol­len, dient in die­sem Film das biblisch-jüdi­sche Volk als »Stand-in« für das ame­ri­ka­ni­sche. Eine Ein­füh­rung, gespro­chen von dem her­kunfts­mä­ßig halb jüdi­schen, halb eng­lisch-flä­mi­schen, epi­skopa­lisch getauf­ten Regis­seur Cecil B. DeMil­le selbst, bringt die Idee so auf den Punkt:

Dies ist die Geschich­te der Geburt der Frei­heit, der Fra­ge, ob die Men­schen nach Got­tes Gesetz regiert oder den Lau­nen eines Dik­ta­tors wie Ram­ses unter­wor­fen wer­den sol­len. Sind sie Eigen­tum des Staa­tes oder sind sie freie See­len unter Gott? Die­ser Kampf wird auch heu­te noch über­all auf der Welt geführt.

Fast sieb­zig Jah­re spä­ter äußer­te sich Joe Biden im Mai 2024 anläß­lich des »Jewish Heri­ta­ge Month« auf ähn­li­che Wei­se, aber mit einer Akzentverschiebung:

Im Lau­fe unse­rer Geschich­te haben Juden dazu bei­getra­gen, die ein­zig­ar­ti­ge Idee zu defi­nie­ren und zu ver­brei­ten, die uns als Ame­ri­ka­ner ver­bin­det – Frei­heit. Das ist kei­ne Über­trei­bung. Frei­heit – das Grund­prin­zip, auf dem die­se Nati­on auf­ge­baut wur­de und für das ame­ri­ka­ni­sche Juden seit dem 17. Jahr­hun­dert gekämpft haben, nach­dem sie vor der Ver­fol­gung im Aus­land geflo­hen waren. […] Seit­dem ste­hen Juden an vor­ders­ter Front, wenn es dar­um geht, das Ver­spre­chen Ame­ri­kas für alle Ame­ri­ka­ner zu verwirklichen.

Aller­dings hat sich seit DeMil­les Zei­ten vie­les ver­än­dert. Mit dem demo­gra­phi­schen Schrump­fen des wei­ßen Bevöl­ke­rungs­an­teils hat auch die tra­di­tio­nell sehr star­ke Reli­gio­si­tät in den USA rapi­de abge­nom­men und pola­ri­siert sich immer mehr ent­lang par­tei­po­li­ti­scher Lini­en. Trump, in sei­ner Lebens­füh­rung alles ande­re als ein from­mer Gesel­le, bespiel­te 2024 die reli­giö­se Wäh­ler­schaft mas­siv, und ließ sogar eine »God Bless The U.S.A. Bible« in sei­nem Namen vermarkten.

Auch das Ver­hält­nis zwi­schen Juden und Chris­ten hat sich seit den fünf­zi­ger Jah­ren stark ver­än­dert. Evan­ge­li­ka­le Chris­ten sahen sich damals selbst als das neue Volk Zions, wäh­rend die meis­ten Juden in ers­ter Linie gute, unauf­fäl­li­ge Ame­ri­ka­ner sein woll­ten. Wie Peter Novick in sei­nem Buch Nach dem Holo­caust (Stutt­gart / Mün­chen 2001) geschil­dert hat, began­nen sich ame­ri­ka­ni­sche Juden erst recht spät, in den sech­zi­ger und sieb­zi­ger Jah­ren, all­mäh­lich mit Isra­el zu iden­ti­fi­zie­ren, das unter Lyn­don B. John­son poli­tisch enger mit den Ver­ei­nig­ten Staa­ten zusam­men­rück­te. Heu­te ist die­se Ent­wick­lung so weit gedie­hen, daß ame­ri­ka­ni­sche Poli­ti­ker den »grea­test ally« gera­de­zu wie einen pri­vi­le­gier­ten, exter­ri­to­ria­len Bun­des­staat behandeln.

Das evan­ge­li­ka­le Ame­ri­ka wird von »christ­li­chen Zio­nis­ten« domi­niert, die Juden als höhe­re, von Gott gehei­lig­te Wesen ver­eh­ren und den Staat Isra­el mit dem bibli­schen Isra­el gleich­set­zen, wäh­rend des­sen Ver­tre­ter ihrer­seits stän­dig auf bibli­sche Bil­der und Rhe­to­ri­ken zurück­grei­fen, um ihr Vor­ge­hen gegen die Paläs­ti­nen­ser (die »India­ner« der jüdi­schen Sied­ler) und diver­se Nach­bar­staa­ten zu rechtfertigen.

Die Chris­ten haben gemäß die­ser Ideo­lo­gie die Pflicht, den Juden und Isra­el zu die­nen, auch wenn sich dies auf bei­den Sei­ten mit ein­an­der ent­ge­gen­ge­setz­ten mes­sia­ni­schen End­zeit- und »Armageddon«-Ideen ver­bin­det. Die christ­li­che Ver­haf­tung an das Alte Tes­ta­ment wird hier mani­pu­la­tiv miß­braucht, um die zio­nis­ti­sche Sache zu stützen.

Auch im außen­po­li­ti­schen Bereich sind die Gewich­te heu­te ungleich ver­teilt. Den Wen­de­punkt kann man wohl in der Bush-Ära nach »9/11« anset­zen. Der »Kampf gegen den Ter­ror« (bzw. der von Samu­el Hun­ting­ton beschrie­be­ne »Kampf der Kul­tu­ren«) wur­de damals von vie­len als neo­re­li­giö­ser Kreuz­zeug der revi­ta­li­sier­ten »christ­li­chen Rech­ten« gegen den Islam oder zumin­dest den »Isla­mis­mus« inter­pre­tiert. Die trei­ben­de Kraft waren jedoch vor­wie­gend jüdi­sche Neo­kon­ser­va­ti­ve, eng mit Isra­el und der Likud-Par­tei verbunden.

Ähn­li­che Kräf­te wie damals bestim­men auch heu­te die ame­ri­ka­ni­sche Außen­po­li­tik. Um ein gän­gi­ges Bild zu bemü­hen, weiß man hier nicht immer so genau, wer der Hund und wer der Schwanz ist, und wer hier mit wem wedelt. Das alte, lin­ke Bild von Isra­el als »Ket­ten­hund des US-Impe­ria­lis­mus im Nahen Osten« stimmt schon lan­ge nicht mehr; eher sieht es inzwi­schen so aus, als wäre der ame­ri­ka­ni­sche inter­ven­tio­nis­ti­sche Impe­ria­lis­mus geka­pert wor­den, um den Inter­es­sen Isra­els zu dienen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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