Am 3. November 2020 verlor Donald Trump die US-Präsidentschaftswahl. Im Jahr 2022 blieb auch ein Erfolg bei den »Midterms« aus. Zwischen diesen politischen Niederlagen ereignete sich jedoch ein metapolitischer Sieg, dessen Folgen erst heute spürbar werden. Am 14. April 2022 kaufte Elon Musk den Kurznachrichtendienst Twitter und machte ihn zu X.
Die Wahlsiege von Trump, FPÖ und AfD hängen eng damit zusammen. Andere Unternehmer wie Marc Zuckerberg folgen nun dem Beispiel von Elon Musk und reduzieren die Zensur. Der Zenit der linksliberalen Beschränkung der Meinungsäußerungsfreiheit scheint überschritten. Doch die Begeisterung, die viele erfaßt hat, könnte die Analysefähigkeit trüben. Aus Besorgnis darüber übertreiben andere wiederum die Kritik und lassen kein gutes Haar an Musk. Ich will versuchen, dem Phänomen in allen Facetten gerecht zu werden.
1. Musk als Mehrwert
Ich schicke vorweg, daß ich persönlich Musk viel verdanke. Noch vor einem Jahr war ich von allen großen Plattformen gesperrt. Ich mußte auf dem Höhepunkt der Potsdam-Kampagne »stummgeschaltet« und ohnmächtig zusehen, wie überall im Netz Lügen über mich und mein Remigrationskonzept verbreitet wurden. Nach der Sprengung meiner Lesung in der Schweiz im März 2024 kam die Wende. Mein X‑Konto wurde reaktiviert.
Binnen eines Jahres explodierte meine Folgerzahl von 30 000 auf über 100 000. Ab jetzt kann ich meine Positionen öffentlich klarstellen und Journalisten direkt konfrontieren. Erstmals seit meinem »Deplatforming« im Jahr 2019 bin ich nicht mehr wehrloses Objekt, sondern wieder aktiver Teilnehmer der Debatte. So wie mir erging es weltweit vielen Dissidenten.
Dabei entsteht ein binnenrechter Netzwerkeffekt, der wichtiger ist als die nackte Reichweite. Vor X gab es keine große Plattform, auf der Rechte ihre Ideen austauschen und erproben konnten. Wie Ernst Jüngers Waldgänger hausten wir vereinzelt in Echokammern, Netzseiten und Telegramkanälen. X ist das gemeinsame Gelände, auf dem erstmals eine Gegenöffentlichkeit entstehen kann. Hier stimmen sich rechte Politiker, Aktivisten, Theoretiker, Künstler und Medienmacher sekundenschnell ab.
Nur so bildet sich Schwarmintelligenz, die organische rechte Trends ermöglicht. Stolzmonat? Ohne X hätte es diese Kampagne niemals gegeben. »L’amour toujours« als internationaler Sommerhit? Ohne den Austausch auf X undenkbar. Die humorvolle Gegenbewegung zur Repression von Habecks »Schwachkopf-Gate« bis zur Bürosesselbeschlagnahme bei Compact? Nur dank X möglich. Der unwiderstehliche Witz und die Dynamik sind Ergebnisse des Netzwerkeffekts. Der Ruck, der seit 2022 nicht nur durch die deutsche Rechte geht, verdanken wir Elon Musks weitgehender Abschaffung der Zensur.
Der Effekt wird sich auf andere Plattformen ausbreiten. Das könnte uns mittelfristig Waffengleichheit im Infokrieg bescheren. Der Mehrwert von Musk ist unwiderlegbar.
2. Musk als Risiko
Wieso gelang es uns bisher nicht, eine alternative Plattform aufzubauen? Die logistischen und finanziellen Hürden dafür waren schlicht zu groß. Man mußte schon der reichste Mann der Welt sein, um sich erfolgreich mit dem Silicon Valley anzulegen. Der Befreiungsschlag durch X kam also von außen.
Schon Machiavelli lehrte uns, daß die Rettung durch eine fremde Macht sofort und ausnahmslos eine neue Abhängigkeit bedeutet. In dem Moment, in dem unsere Interessen von denen Musks abweichen, wird der Mehrwert zum Risiko. Je stärker der Milliardär seinen Fokus auf Deutschland legt und die AfD lobt und je öfter und intensiver er mit Weidel spricht, desto mehr Gewicht erhält die Abwägung: Was dürfen wir noch riskieren, wenn die Abwendung Musks drohen könnte?
Es gab auch schon vor Musk Milliardäre. Viele von ihnen (etwa Bill Gates und George Soros) üben politische Macht aus. Doch keiner tut das so offen und so direkt. Möglich geworden ist es dank neuer Informationstechnologien, die Musk erstmals in ihrem vollen Umfang nutzt. Kein Pharao oder König verfügte über diese Kommunikationsmittel und konnte so stark Aufmerksamkeit binden und fokussieren. Musks technisch vergrößertes Ego bildet eine überstaatliche Macht.
Sie gleicht eher der eines griechischen Gottes. Ein großes Ego lenkt wie Helios den Sonnenwagen, den Aufmerksamkeitsbrennpunkt am Firmament der Weltöffentlichkeit. Schlagzeilen säumen seinen Weg, und er pflügt die Diskurse um, wie es ihm beliebt. Seine Posts können binnen Sekunden Karrieren befördern oder zerstören. Wann war jemals soviel Einfluß in einem Einzelsubjekt konzentriert?
Wie ein digitaler Sonnenkönig regiert Musk über ein parapolitisches Informationsreich. Um ihn kreist sein Hofstaat, der eine Art neuen digitalen Adels bildet. Wer das Ohr von Musk hat, hat an seiner Macht teil. »Musk-Flüsterer« aus aller Herren Länder werden zu heiß begehrten Schlüsselfiguren dieser neuen Öffentlichkeit. Musk ist sich dessen bewußt. Unlängst änderte er seinen X‑Nutzernamen temporär in »Kekimus Maximus«. Kek, der Meme-Chaosgott, ist ein passender Avatar.
Die Risiken diese Konstellation liegen auf der Hand. Was, wenn Musk morgen, im Stil von Julian Reichelt, die Absetzung von Björn Höcke fordern und Neurechte auf X sperren würde? Sein Verhalten während der erbitterten Debatte über die H1B-Arbeitsvisa schürte diese Angst bei vielen Nutzern. Denn Musk reagierte auf erste Dissonanzen und Kritik aus seiner bisher loyalen Anhängerschaft erratisch, unwirsch und teilweise mit Zensur. Solange Musk will, was wir als europäische Rechte wollen, ist alles eitel Wonne. Doch wehe uns, wenn sich das eines Tages ändern sollte.
3. Musk will den Mars
Was will Elon Musk? Viel wird gerätselt über die Motivationen des digitalen Sonnenkönigs. Will er sich an der woken Ideologie rächen, die ihm ein »Transkind« bescherte? Hat ihn seine Jugend in Südafrika geprägt? Die möglichen Gründe für sein Verhalten sind Legion.
Musk selbst nennt als Maxime seines Handelns stets den Mars. Seine Hauptmotivation sei, die Menschheit zu einer interstellaren Spezies zu machen. Futuristen und Transhumanisten verehren ihn dafür. Er ist für sie ein Pionier der Sterne und ein Held des Fortschritts. Musk sieht im Woken etwas von der Tradition der Technik- und Kulturkritik aufscheinen.
Damit hat er recht: Der Vorbehalt gegen das Machbare ist eine der Wurzeln des grünen Weltverständnisses, und etwas davon ist in die Verbots- und Transformationspläne der »Letzten Generation« eingemündet. Daß dieser Anteil von der individualistischen Identitätspolitik dieser Generation verdeckt und konterkariert wird, ändert nichts daran, daß er existiert.
In Musks Augen könnte er den Eifer der Menschheit, ins All vorzustoßen, dämpfen. Aber nur dann, wenn dieser Vorstoß gelänge, könnte Musk wirklich eine historische Figur vom Range Magellans, Napoleons und Cäsars werden. Wenn Musks Raketen kein utopisches Milliardärshobby, sondern den Startschuß für ein neues interstellares Kapitel der Menschheitsgeschichte darstellen, würde sein Name mit Sicherheit in sie eingehen. X wäre damit das politische Vehikel, das den stellaren Erfolg von SpaceX und den unsterblichen Ruhm von Musk garantierten soll.
Zu diesem großen Ziel kommt sicher eine profanere Motivation. Musk genießt seinen Heldenstatus sichtlich. Niemand ist dankbarer, loyaler und begabter im humorvollen Herrscherlob als das leidgeplagte, rechte Lager. Es verklärt Musk als »Rächer der Gesperrten« in einer memetischen Apotheose. Kein Milliardär und Mitglied der Elite wird vom »Internet-Volk« so ehrlich geliebt wie Musk.
In der Debatte um die H1B-Visa wurde Musks politische Motivation klar. Selbst als Migrant in die USA gekommen, erklärte er: Eine Nation solle wie eine Sportmannschaft gemanagt werden. Die ethnische Dimension der Migration und der nationalen Identität wurde von ihm völlig ausgeblendet.
Musk hat kein Volksbewußtsein und keine ethnokulturelle Verwurzelung im europäischen Sinn. Woher auch? Er ist kein Konservativer oder gar Identitärer. Ein tiefer Graben trennt ihn vom Weltgefühl des rechten Europäers. Es ist wohl müßig, ihn und seine Motivationen vollkommen zu ergründen. Wichtiger ist zu verstehen, welchen Zeitgeist er verkörpert.
4. Schnittmengen mit Musks Technolibertarismus
Elon Musk verkörpert im Fortschritt des Gestells den Pfad des »Cyberpunks«. Sein Feind ist eine globale, sozialistische Technobürokratie. Er vertritt dagegen eine libertäre Technomeritokratie, in der Wirtschaftsgenerale und Raketenmagnaten in einem freien Spiel der Kräfte um Prestige ringen. Auch diese Strömung widerspricht unserer Weltanschauung in vielen Punkten. Doch sie ermöglicht im Unterschied zur egalitären Technokratie ein Maximum an Meinungs- und Unternehmerfreiheit im universalistisch-liberalen Denkrahmen.
Die Ablehnung von Zensur ist ein essentieller Grundsatz des Technolibertarismus. Musks unduldsame Reaktion auf ihm unliebsame Meinungen in den Debatten über die H1B-Visa und Israel zeigten zwar erste Grenzen auf. Doch im Vergleich zu anderen Plattformen ist X tatsächlich ziemlich zensurfrei. Nicht nur migrationskritische Positionen sind gestattet. Auch Inhalte, die in Deutschland wohl zu Haftstrafen führen würden, sind zahlreich auf X vertreten.
Musk nutzt diesen freien Diskurs einerseits, um seine KI mit Interaktionen und Informationen zu füttern. Gleichzeitig glaubt er wohl, daß nur die Beseitigung staatlicher Restriktionen in den Bereichen Wirtschaft, Meinung und Migration die Menschheitspotentiale entfesseln und den Aufbruch zum Mars beschleunigen könne. Rechte denken nicht in dieser planetaren Menschheitskategorie. Sie tröstet kein Fortschritt Richtung Mars, wenn darüber ihr Volk untergeht.
Wirtschaft und Migration sind in unserer Weltanschauung nationalen Interessen untergeordnet. Doch die Meinungsfreiheit ist ein Ziel, das wir mit Musks apolitischem Technolibertarismus teilen.
Noch einmal also: Wenn Musk im Rahmen seiner Marsmission die Mauer der Zensur um Themenfelder wie »Geschichte«, »Volk«, »Rasse« und »Migration« einrisse, wäre viel gewonnen. Sein in jeder Hinsicht extremer Charakter ist hier ein Trumpf.
Wissenschaftsgläubigkeit, offene Debatte und tabuloses Effizienzprinzip könnten ihn zu ketzerischen Schlußfolgerungen ermutigen. In einigen Bereichen scheint Musk im Eiltempo den Weg der »roten Pille« vom Libertarismus bis zum Nationalbewußtsein zurückzulegen. Selbst wenn er ihn nicht bis zum Schluß gehen sollte: Die Schnittmengen zwischen Libertarismus und rechtem Denken werden von Musk stark betont: kühler Realismus, Meritokratie, Exzellenz, Fleiß, Ablehnung des Egalitarismus und Kampf gegen die moralinsaure Sklavenmoral. Damit ist auch die Basis für eine temporäre Allianz zwischen Rechten und libertären »Techbros« abgezirkelt. Wir könnten gestärkt daraus hervorgehen.
5. Auf Musk einwirken?
Daß Rechte von Musk wahrgenommen werden, ist belegt. Direkt nach der emotionalen Visa- Debatte lenkte der Sonnenkönig die Aufmerksamkeit über X auf das Thema der »Grooming gangs« in England um. Sichtlich bereitet ihm die massive Kritik aus dem MAGA-Lager Bauchschmerzen. Er solidarisierte sich emphatisch mit Tommy Robinson und verbreitete Postings des irischen Nationalisten Keith Woods zu ethnischen Verbrechensstatistiken.
Die junge patriotische Bloggerin Naomi Seibt machte ihn auf die AfD aufmerksam, was prompt zum »Space« mit Alice Weidel führte. Musk ist offen für neue Informationen. Er läßt sich von Logik und Fakten ebenso beeindrucken wie von guten Memes und mutigem Aktivismus.
Je zensurfreier und »rechter« Musk in den nächsten Monaten wird, desto besser für uns. Jede Gelegenheit, seinen Horizont zu erweitern, sollte genutzt werden. Ziellose Kritik an ihm, um ihrer selbst willen, auf X nutzt uns wenig. Was bringt es, den Sonnenkönig an seinem Hof zu reizen und danach die erwartbaren Folgen zu beklagen? Daß sich soviel Macht auf Musk konzentriert, bleibt gefährlich. Doch das trifft ebenfalls auf Smartphones, Drohnen, das Internet und die KI zu.
Daß jemand wie Musk auf den Plan treten mußte, war wohl unvermeidlich. Er markiert ein neues Kapitel des technokapitalistischen Fortschritts, dem wir uns stellen müssen. Wenn er eine neue Phase des Gestells einläutet, in der ein »Cyberpunk- Technolibertarismus« die egalitäre Technokratie ablöst, wächst viel Rettendes in der neuen Gefahr.
Die aktuelle Lage zu nutzen heißt nicht, die Gesamtsituation zu akzeptieren. Noch weniger dürfen wir uns häuslich in ihr einrichten. Morgen könnte Musk pleite gehen oder die Lust an X verlieren. Die Welle, die uns derzeit trägt, könnte jederzeit brechen. Wir müssen uns daher auf die Sturzwoge vorbereiten.
Das heißt: Die Stärkung unserer Reichweite und Netzwerke auf X muß in Strukturen gelenkt werden, die die Plattform überdauern können. Musks Hilfe von außen ist begrüßenswert. Doch unser Ziel muß es bleiben, eigene Macht aufzubauen, um aus eigener Kraft frei zu werden. Denn alles andere bringt uns am Ende nur in eine neue Abhängigkeit.