Der Kamerad hat dort vorbestellt, die Lieferung ist pünktlich, über Stövchen köcheln die Gerichte, man wird satt und kann, was übrigbleibt, einfrieren. Während wir speisen, geht es um den Winter, um Anekdoten von festgefahrenen Autos im Wald und um Politik. Die Rede kommt auf die verbalen Verrenkungen, die AfD-Politiker in Sachsen-Anhalt anstellen müssen, um zu erklären, warum man Verwandte untereinander angestellt und mit Posten auf Kosten des Steuerzahlers versorgt habe.
Das Ergebnis des Gesprächs, die einhellige Meinung in einem Raum, in dem die AfD ein Wahlergebnis von mindestens 100 Prozent hätte, ist rasch zusammengefaßt: Besser ist, man geht gar nicht mehr wählen, wenn die Neuen nicht anders sind als die Apparatschiks aus den Altparteien.
Man müßte so ein Gespräch aufzeichnen oder in Dialekt und Verlauf mitstenografieren: Das ist kein Gerumpel und kein pauschales Wegwischen. Am Tisch: vier Selbständige, zwei Angestellte, ein Soldat, ein Frührentner – eine klassische Konstellation für hier, keine Beispielfalle, sehr repräsentativ, und das Gespräch bezog die schlechten Erfahrungen, die man mit “den Medien” und dem verlogenen Gerede der Konkurrenz machte, mit ein.
Aber es gibt eben nichts schönzureden, und dabei lag vor Tagen noch gar nicht auf dem Tisch, was heute nun aus Niedersachsen dazukam – und wohl alles in den Schatten stellt, das in Sachsen-Anhalt Schatten warf: Berichte über eine Art Geheimbündnis mit dem Namen “Allianz” unter Beteiligung der dortigen Führungsspitze der AfD, über einen Schweigekodex rund um ein Bereicherungsnetzwerk, über Filz und Parallelstrukturen.
Meine Neigung, solch ein Verhalten mit findigen Argumenten und Begriffen “einzuordnen”, geht gegen Null. Natürlich wurde ich darauf angesprochen, ob das alles so stimmen könne, ob es das wirklich gebe, in einer Partei, die angetreten sei, eine “Alternative für Deutschland” auf allen Ebenen und in allen Bereichen nicht nur zu formulieren und vorzuhaben, sondern doch vor allem vorzuleben. Leider konnte ich es nicht dementieren.
Oft genug war das ja möglich, ist das möglich: Immer wieder kommt es zu Fragen, ob das, was in den Medien über das Projekt der Remigration, über Martin Sellner, über die Identitäre Bewegung und Höcke und natürlich auch über Rangeleien mit Journalisten in Schnellroda geschrieben und behauptet würde, so den Tatsachen entspräche oder vielleicht doch ganz anders sei. Jedesmal ist es gut, wenn man dann ausführlich und nach bestem Wissen und Gewissen das eine zurechtrücken, das andere anders erzählen und das dritte als Notwendigkeit auf den Begriff bringen kann. Dabei ist Ehrlichkeit die harte, die einzige Währung – solche Abendrunden haben feinste Ohren für ausweichendes Gesülze und professionellen Sprech.
So also auch diesmal. Kein Beschönigen, kein Ausweichen, kein Erklärungsversuch außer dem, der so alt ist wie diese neue Partei selbst: daß sie auch und von Anfang an einen korrumpierenden Sog entwickelt habe, weil sich in ihr nicht nur jene Kräfte sammelten, die ums Vaterland kämpfen und ringen wollten, sondern auch drittklassiges Personal aus den Altparteien selbst, also Leute, die dort nichts wurden, und Glücksritter und Schlaumeier und solche, die der allzumenschlichen Tendenz zur Verhausschweinung nicht viel Disziplin entgegenzusetzen hätten.
Verhausschweinung – ein Begriff aus dem Wortschatz des Verhaltensforschers Konrad Lorenz. Erinnert sich noch jemand daran, daß die Warnung vor dieser Verhausschweinung, vor der warmen Suhle im Zentrum jener Rede stand, die Björn Höcke vor zehn Jahren in Dresden hielt und aus der die Medien ausschließlich die Revision der Geschichte filterten?
Dabei war diese Rede nach innen ausgerichtet, war eine Rede für den Nachwuchs der Partei, die eingeladen hatte ins Ballhaus Watzke, und diesem Nachwuchs redete Höcke ins Gewissen, damals: nicht zu früh in die Politik, nicht gleich von der Politik leben, erst einmal etwas abschließen – eine Ausbildung, ein Studium, Lebenserfahrung sammeln, in die Lehre gehen, einen Standpunkt gewinnen, Schule der Tugend, und begreifen, daß wirklich eine “Alternative für Deutschland” notwendig sei, und zwar vorgedacht, vorexerziert, vorgelebt.
Parteien sind Gebilde, die so gebaut sind, daß es zu derlei kommt: zu Bereicherungen, Versorgungsnetzwerken, Begehrlichkeiten. Aber eine neue Partei, die eine Alternative sein will, muß diese Tendenzen (oder Gesetzmäßigkeiten) so lange wie irgend möglich bekämpfen, ächten, zurückdrängen, vor allem doch, weil in diesem Land nicht mehr viel in Ordnung ist und weil aufgeräumt werden muß – und das heißt immer auch: entfilzt, und der Beutesinn des Parteienstaats entlarvt.
Mir fällt dabei nun eine meiner liebsten Stellen aus Jochen Kleppers Preußenroman Der Vater ein. Dieser Vater, also: der Soldatenkönig, der Vater Friedrichs des Großen, kehrt aus dem hungernden Ostpreußen zurück nach Berlin. Er hat dort zu helfen und zu retten versucht, hat Zuversicht verbreitet und Hilfe versprochen und den Landadel an die Kandare genommen und an seine Pflicht erinnert.
Er kommt also nach Berlin zurück und gerät im Schloß seiner Frau in eine Abendgesellschaft, überraschend. Dort geht es üppig zu, und auf einem Tisch sind exquisite Tabakdosen angerichtet, die er noch nicht wahrnahm. Nun nimmt er sie wahr und fragt nach Herkunft und Preis und erfährt von Paris und von Unsummen für diesen Plunder, der gerade “à la Mode” sei. Der Soldatenkönig wischt das Zeug vom Tisch und sagt, bevor er die Party verläßt: “In Ostpreußen ist gerade Hunger à la Mode”.
Ich meine dies: Kaum etwas kann der AfD gefährlich werden, fast nichts von außen, keine Remigration-Debatte, keine Rußland-Debatte, kein Verfassungsschutz, keine Verleumdung, keine Ignoranz, und die Gewalt gegen ihre Repräsentanten schon gar nicht. Aber sich selbst schweren Schaden zufügen – das kann sie, und zwar, indem sie sich verstreitet oder indem sie offenbart, daß sie nicht besser, disziplinierter, konsequenter agiert als die anderen.
Der Schaden ist schon da, die Glaubwürdigkeit hat einen Riß. Tünche reicht nicht, aufräumen muß man.
Martha
Wahre Worte. Volle Zustimmung. Die AfD ist kein Selbstzweck, sie ist Mittel zum Zweck.