Völkisch. Eine Begriffskarriere

Sind wir völkisch? Was soll das überhaupt sein, „völkisch“?  Wir wissen ja, daß manche Wörter über die Jahrzehnte oder –hunderte einem Bedeutungswandel unterliegen. Nehmen wir nur die Attribute „geil“, „brav“, „toll“ – die Semantik hat sich im Laufe der Zeiten radikal geändert!

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Ein eher unbe­deu­ten­der Jour­na­list (aus der lin­ken NGO „Cor­rec­tiv“) lei­det an dem, was man „Ono­ma­to­la­lie“ nennt: näm­lich den zwang­haf­ten Drang, immer wie­der bestimm­te Wör­ter oder Wort­grup­pen aus­zu­spre­chen. Das Sym­ptom ist medi­zi­nisch ganz gut erforscht.

Es geht oft ein­her mit Hirn­schä­di­gun­gen und neu­ro­na­len Stö­run­gen wie dem Tour­et­te-Syn­drom. Dar­über soll­te man nicht spa­ßen – ohne­hin über nichts, was Krank­heits­wert hat.

Aus die­ser Rück­sicht bleibt sein Name hier auch unge­nannt. Der steu­er­fi­nan­zier­te Typ wird nicht müde, Woche für Woche (auf Twit­ter) trie­fen­den Haß über die „völ­ki­sche Trach­ten­grup­pe Schnell­ro­da“ zu ver­brei­ten. Ich zäh­le etwa 50 ent­spre­chen­de, völ­lig gleich­lau­ten­de Ein­trä­ge aus sei­ner „Feder“. Es ist sein Tic, und vor allem muß er selbst mit die­ser tris­ten wie phan­ta­sie­lo­sen Manie klar­kom­men. Uns, die wir gemeint sind, kann es nichts anhaben.

Er, die­ser Typ, schlägt bis zur Ohn­macht gegen einen zent­ner­schwe­ren Box­sack, der ein­fach unbe­weg­lich bleibt. Uns – denen mit den legen­dä­ren „Trach­ten“ und dem “völ­ki­schen Bewußt­sein”, haha, bit­te wo? – bleibt nur Fremd­scham und die Fra­ge, ob der Kerl kei­ne Freun­din hat, die ihn besänf­ti­gend berät?

Er ist dabei kei­nes­wegs der ein­zi­ge, der uns feh­ler­haft und in dis­kre­di­tie­ren­der Absicht das Attri­but “völ­kisch” anhängt.

Im Herbst 2016 hat­ten bei der dama­li­gen Debat­te um “völ­kisch” nicht wir, son­dern hat­te Frau­ke Petry, damals Wort­füh­re­rin der AfD, das Wort noch vehe­ment verteidigt.

Wenn es damit zu tun hat, dass es um das Volk geht, was ist dar­an per se negativ?,

frag­te sie. Daher soll­te dar­an gear­bei­tet wer­den, “daß die­ser Begriff wie­der posi­tiv besetzt ist”. Letzt­lich sei “völ­kisch” ein zuge­hö­ri­ges Attri­but zu “Volk”, argu­men­tier­te Petry.

Daß war so gut­ge­meint wie naiv und geschichts­ver­ges­sen. Und übri­gens auch nicht up-to-date.

Gehen wir mal ad fon­tes: Armin Moh­ler behan­delt die “Völ­ki­schen” in sei­nem Haupt­werk Die Kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on in Deutsch­land 1918–1932 (1950, man soll­te es gele­sen haben, gera­de die­se von Karl­heinz Weiß­mann her­vor­ra­gend erwei­ter­te “Handbuch”-Fassung) als eine von fünf Strö­mun­gen inner­halb der soge­nann­ten Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on (KR) der Wei­ma­rer Zeit. Sie bil­den eine eige­ne Grup­pe neben Jung­kon­ser­va­ti­ven, Natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­ren, Bün­di­schen und der Landvolkbewegung.

Die Völ­ki­schen sind stark bio­lo­gis­tisch und ger­ma­nisch-mythisch ori­en­tiert, mit zen­tra­len The­men wie Ras­se, Blut, Boden, völ­ki­sche Erneue­rung und Abgren­zung vom „Frem­den.”

Moh­ler grenzt sie aber vom Natio­nal­so­zia­lis­mus ab: Er sieht sie als älte­re, teil­wei­se vor-nazis­ti­sche Strö­mung, die nicht voll­stän­dig im NS auf­ging und teil­wei­se sogar mit ihm kon­kur­rier­te oder von ihm abge­lehnt wurde.

In Moh­lers Dar­stel­lung sind die Völ­ki­schen also die bio­lo­gis­tischs­te und „erd­haf­tes­te“ Frak­ti­on der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on. Die “Völ­ki­schen” sind in sei­nem Opus Magnum die ers­te Grup­pe, aber:

Es ist nicht zu ver­ken­nen, daß die Völ­ki­schen selbst sich suk­zes­si­ve vom welt­an­schau­li­chen Kern des revo­lu­tio­nä­ren Kon­ser­va­tis­mus  ent­fern­ten und am Ende kaum noch jemand eine Deckungs­gleich­heit behaup­te­te. Die Ursa­chen lagen in der fort­dau­ern­den Zer­strit­ten­heit des Lagers, im Alter der Prot­ago­nis­ten, der eigen­tüm­li­chen Starr­heit ihrer Ideologien.

Moh­lers Dar­stel­lung der “Völ­ki­schen” macht in der vor­lie­gen­den Aus­ga­be gera­de ein­mal 15 Sei­ten aus, wohin­ge­gen Weiß­manns kom­men­tier­te Biblio­gra­phie zu Lite­ra­tur über die Völ­ki­schen sowie zur Eigen­li­te­ra­tur der “völ­ki­schen Sys­tem­bau­er” (etwa Hans Haupt­mann, der Jesus der Ari­er. Ein Hel­den­le­ben schrieb; oder Wil­helm Erbt, der eine Welt­ge­schich­te auf ras­si­scher Grund­la­ge ver­faß­te),  der “Ario­so­phen” (Gui­do von List, Jörg Lanz von Lie­ben­fels), der völ­ki­schen Anti­se­mi­ten und Anti­mau­rer, der weib­li­chen Völ­ki­schen, der völ­ki­schen Refor­mer (etwa Paul Schult­ze Naum­burg), der “Deutsch­gläu­bi­gen” und ande­ren völ­ki­schen Unter­grup­pen gan­ze 70 Sei­ten umfaßt. Weißmann:

Bei den Völ­ki­schen ist das Miß­ver­hält­nis zwi­schen dem Umfang des Stof­fes und der vor­lie­gen­den kri­ti­schen Bear­bei­tung am größ­ten. Sie haben eine Flut an eige­ner Lite­ra­tur pro­du­ziert, die ein ein­zel­ner gar nicht über­bli­cken kann; sie sind das an der KR, was am angreif­bars­ten ist und dar­um auch von ihren Fein­den am häu­figs­ten zitiert wird.

Was haben wir – „Schnell­ro­da“ und der zuge­hö­ri­ge Bedeu­tungs­raum – nun damit zu tun? Nun, so gut wie nichts. Wenn man die Sezes­sio­nen der letz­ten zwei­ein­halb Jahr­zehn­te durch­blät­tert, wird man zahl­rei­che affir­ma­ti­ve Bezugs­punk­te zu den Jung­kon­ser­va­ti­ven (Arthur Moel­ler van den Bruck, Oth­mar Spann, Edgar Juli­us Jung, Georg Quab­be) fin­den wie auch zu den „Natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­ren” vom Schla­ge der Gebrü­der Jün­ger, Ernst Nie­kisch, Ernst v. Salomon.

Mit den „Völ­ki­schen“ frem­deln wir eher. Weni­ger aus Berech­nung (weil es uns irgend­wie scha­den könn­te) denn aus natür­li­chem Instinkt. Die  Zusam­men­stel­lung Moh­lers und Weiß­manns über den völ­ki­schen Fli­cken­tep­pich (nicht alle Völ­kis betrach­te­ten Ras­se als obers­ten Wert, nicht alle waren Anti­se­mi­ten) liest sich äußerst span­nend – in die­sen Kos­mos gehö­ren auch der Erfin­der der “Wel­teis­leh­re” Hanns Hör­bi­ger und die The­se eines Her­mann Wirth, wonach die “nor­di­sche Ras­se” im Polar­ge­biet als “Kul­tur­brin­ger- und Her­ren­ras­se” ent­stan­den sei. Mit Moh­ler kom­men wir nicht umhin, die­sen Ast der KR einen “erkenn­bar wahn­haf­ten Zug” zu attestieren.

Dies alles jedoch, die­se Zuord­nung: Acht­zig Jah­re alt! Längst haben sich die Begriff­lich­kei­ten ver­än­dert. Wehe dem, der „jung­kon­ser­va­tiv“ von damals mit der „Jun­gen Uni­on“ von heu­te ver­wech­selt! Von einer „Land­volk­be­we­gung“ (die wenig zu tun hat mit den jün­ge­ren “Bau­ern­pro­tes­ten”) spricht ohne­hin kei­ner mehr – die sind ähn­lich pas­sé  wie ande­re Eti­ket­ten Mohlers.

Das Zer­ti­fi­kat „völ­kisch“ (heu­ti­ger Sprach­ge­brauch: „Das ist so‘n Völ­ki“) hat sich aber sta­bil erhal­ten inner­halb der Neu­en Rech­ten. Und nur in sel­te­nen Fäl­len sind damit die “Luden­dorf­fer” gemeint, die es tat­säch­lich noch heu­te gibt und gele­gent­lich Tanz- und Vor­trags­aben­de veranstalten.

Was ist also so ein “Völ­ki”? Zunächst ein­mal ist er durch­aus ein Guter. Er ist ehr­gei­zig, flei­ßig, will etwas schaf­fen. Eine Fami­lie, ein Haus. Sel­ten ist er Aka­de­mi­ker, noch sel­te­ner Geis­tes­wis­sen­schaft­ler. Inge­nieur­be­ru­fe hat man häufiger.

Er – unser Völ­ki –  hat nor­ma­ler­wei­se eine freund­li­che Frau mit lan­gem Rock, vie­le Kin­der und einen gro­ßen Gar­ten. Er sagt “Hand­funk” und “Welt­netz”. Der Völ­ki­sche hat wenig Ambi­gui­täts­to­le­ranz. Er kennt nur wahr oder falsch, da ist wenig Spiel­raum, weil er sich fest an sei­ne Welt­an­schau­ung hält. Daher – weil er eine Infil­trie­rung und Mani­pu­la­ti­on sei­ner Kin­der fürch­tet, er ist ein eher miß­traui­scher Typus – betreibt er oft Home­schoo­ling (das er anders nennt).

Er trägt Tac­ti­cal Pants mit ganz vie­len Taschen. Und in einer davon steckt stets ein Zoll­stock; er ist hand­werk­lich meist sehr versiert.

Er ist häu­fig Euge­ni­ker. Falls es ihn schlecht trifft (behin­der­tes Kind, psy­chi­sche Erkran­kung etc.), fin­det er sehr gute spi­ri­tu­el­le Grün­de, war­um es doch gehen mag. Zum Glück. Aber christ­lich ist nichts dar­an. Der Völ­ki­sche von heu­te kann Chris­ten nicht leiden.

Nichts ist eigent­lich ver­kehrt an unse­rem Völ­ki. Es ist eine Aus­prä­gung, die sein darf, die gar im Schnitt sym­pa­thi­scher ist als der heu­ti­ge Durch­schnitts­bür­ger. Allein: Die Neue Rech­te ist so nicht. Sie ist nicht völkisch.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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