Der Antimodernisteneid von Pius X. aus dem Jahre 1910 hielt hingegen fest:
Ich bekenne, daß Gott, der Ursprung und das Ziel aller Dinge, mit dem natürlichen Licht der Vernunft “durch das, was gemacht ist” (Röm 1, 20), das heißt, durch die sichtbaren Werke der Schöpfung, als Ursache vermittels der Wirkungen sicher erkannt und gar bewiesen werden kann.
War unser alter Dávila etwa ein Modernist? Womöglich ein Aufklärer? Oder gar ein Existenzialist, der das Verhältnis des Menschen zu Gott ganz auf den Glauben stützen will und Ihn keines Beweises für bedürftig hält? Gemach, gemach.
Nicht alle, die theologische Gottesbeweise für obsolet halten, tun dies aus demselben Erkenntnisinteresse heraus (die Zyniker klammere ich hier aus, uninteressant). Dávilas auftrumpfender Satz richtete sich gegen eine blutleere akademische Scholastik, die auch vielen “rechten Christen” dieser Tage nicht kämpferisch genug erscheint gegen liberale Dekadenz, Islam und Antichrist. Ihr politischer Irrationalismus speist sich teilweise aus derselben Quelle wie der Irrationalismus der “Erwachten”, die die göttliche Energie tief im Herzen spüren wollen, auch wenn beide sich entrüstet dagegen verwehren würden: nämlich der Kant’schen Aufklärung.
Wenn die kantische Philosophie, den Propheten gleich, an ihren Früchten zu erkennen ist, dann muss ihre zersetzende Wirkung auf das Jahrtausende währende Gottesbild festgestellt werden.
Hier zitiere ich aus dem soeben erschienenen, bereits in zweiter Auflage vorliegenden Buch Serpentinen von Sebastian Ostritsch.
Ebendiese “zersetzende Wirkung” von Kants Subjektphilosophie zeigt sich in Modernismus, Existenzialismus, politischer und esoterischer Vernunftkritik (vom Postmodernismus ganz zu schweigen). Seit Kant gilt die objektive Wirklichkeit als unerkennbar, insofern die Kategorien, mit denen wir die Welt erfassen, in der menschlichen Vernunft und nicht in der Wirklichkeit lägen. Das hat Konsequenzen, und zwar gewaltige: Wir verstehen die Welt nicht mehr. Das “freie Erkenntnissubjekt” schaut auf die sichtbaren Werke der Schöpfung und zieht daraus keine Schlüsse, es erkennt nur mehr sich selbst.
Wenn es aber bloß sich selbst erkennt, erkennt es auch Gott nicht mehr. Das ist der Punkt, von dem aus es keineswegs “nischig”, sondern hochbrisant ist, wenn uns ein habilitierter Philosoph im Jahre 2026 mit Thomas von Aquins fünf Gottesbeweisen kommt.

Das Buch trägt diesen Titel (dessen Umschlagabbildung keine Serpentinen darstellt, sondern einen eher subjektphilosophisch-unpassenden Schneewanderer), weil fünf verschiedene Argumente des hl. Thomas zum selben Gipfel führen. Allerdings ließe der direkte Aufstieg manchen Leser schwindlig werden, weshalb es unterwegs der retardierenden Momente bedarf (ich darf verraten: diese Momente sind die besten der ganzen Gipfeltour).
Im Marschgepäck hat Ostritsch die dafür nötigen Fragen verstaut: Warum hält sich das “kantianische Dogma”, daß Gott unerkennbar sei, besonders in Deutschland so hartnäckig? Warum war das Mittelalter in Wirklichkeit ein Zeitalter der Vernunft? Warum ist der “ontologische Gottesbeweis” des Anselm von Canterbury ein Strohmann, den Thomas und Kant beide widerlegen? Warum verstehen wir Kinder der Neuzeit Kausalität in einem (im Gegensatz zu Thomas’ Gewährsmann Aristoteles) extrem verengten Sinne? Was hat es mit dem intelligent design, der Trumpfkarte der Kreationisten, auf sich?
Ostritsch versteht es, das geistige Rüstzeug, das man braucht, um die Gottesbeweise überhaupt nachvollziehen zu können, so zu ordnen, daß ein interessierter, aber nicht unbedingt studierter Leser kapiert, worum es erstens Thomas damals gegangen ist und was dessen Argumente zweitens heute für uns bedeuten.
Für einen Atheisten oder Agnostiker, der an seinen Überzeugungen hängt, ist die Beschäftigung mit den fünf Wegen des Thomas riskant, muss er doch bereit sein, bei einer Anerkennung der Argumentation seine Meinung zu ändern oder aber sich einer zwingenden Schlussfolgerung verschließen.
Daß Thomas’ zwingende Argumente diesen Zeitgenossen nicht zum Gläubigen machen, weiß der Verfasser natürlich:
Wenn der Mensch sich der Erkenntnisfähigkeit seines eigenen Verstandes verschließt, wird er auch nicht an Gott glauben können – so stark die Beweise auch sein mögen.
Dem eingangs erwähnten kritischen Exitenzialisten nimmt der hl. Thomas selbst den Wind aus den Segeln, er wird in den Serpentinen mit den Worten zitiert:
Der Glaube kann sich gar nicht auf etwas beziehen, das man sieht…; und auch was bewiesen werden kann, gehört nicht zum Glauben.
Thomas’ Beweisführungen sind für den aufgeklärten Modernisten gewissermaßen ein Hinaufführen, Glaubenspropädeutik, eine neue Schule des Realismus. Der Glaube steht über der Vernunft, aber der Glaubensakt ist “rationi consentaneus” (Thomas von Aquin), das heißt: er steht mit der Vernunft in Einklang. Um dieses Einklangs willen hat Sebastian Ostritsch sein Buch geschrieben – was will man mehr als heutiger skeptischer Christ?
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Sebastian Ostritsch: Serpentinen. Die Gottesbeweise des Thomas von Aquin nach dem Zeitalter der Aufklärung, Berlin 2026, 219 S., 20€ – hier bestellen

Gracchus
Ich hoffe, es wundert sich niemand, wenn die Kommentare hier sich um Religiöses drehen. Zunächst: Als ich vor Jahren die Summe der Theologie in der Kröner-Ausgabe zu lesen versuchte, fand ich die Übersetzung gruselig, so dass ich aufgab. Geht es nur mir so? Kennt jemand eine andere Übersetzung (mir fehlt die Zeit mein Latein aufzufrischen und zu verbessern)?
Dass es anders geht, zeigt mir das Sentenzenbuch zu Thomas von Aquin, zusammengestellt und übersetzt von Josef Pieper. Darin lese ich mit großem Gewinn und, ja, Vergnügen. Es sind aber nur Auszüge.
"Eine neue Schule des Realismus" - so ist es.