Krah, Fiume, Politik

Maximilian Krah war Antaios-Autor. Wir setzten ihn nicht vor die Tür, weil er ein anderes Konzept für den Umgang mit der Überfremdung hat, sondern weil er mit politischen Gegnern paktierte. Politisch ist er leider fertig, das hat er alleine geschafft. Mit seinem Roman ist er nun bei Castrum in Wien gelandet. Ich las ihn vor drei Jahren und brachte ihn nicht, aus guten Gründen, denn er vertrug sich nicht mit dem, was Krah sein wollte: ein seriöser Politiker. Auch andere Verleger winkten ab.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

Das Buch wird bei Castrum nun ohne das knall­har­te Lek­to­rat erschei­nen, das not­wen­dig gewe­sen wäre. Aber das paßt zur neu­en Kar­rie­re. Außer­dem gehört zu Castrum auch das Maga­zin Fiume, das Rein­kul­tur ver­spricht und gegen alles pin­kelt, was rechts an soli­dem Auf­bau arbei­tet. Noch ringt man dort ums ers­te gedruck­te Heft, aber die wie­der­um soli­den Autoren sind längst über alle Ber­ge. Paßt also auch.

Krah woll­te (und will immer noch) sei­nen Roman auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se prä­sen­tie­ren. Man will es ihm ver­wei­gern, weil man für sei­ne Sicher­heit nicht garan­tie­ren kön­ne. Für die Sicher­heit Sal­man Rush­dies konn­te man vor Jah­ren garan­tie­ren, irgend­et­was ist also schlech­ter gewor­den seit­her, wie so vieles.

Armuts­zeug­nis­se also, wohin man schaut. Dabei könn­te es so schön sein: ech­te Kon­fron­ta­tio­nen im öffent­li­chen Raum, Scha­ber­nack in Mes­se­hal­len, gut lek­to­rier­te gute Roma­ne, Fana­le, Irr­lich­ter, irres Zeug, gut begrün­det oder auch nicht. Jeden­falls: eine sich auf­fä­chern­de Sze­ne, in der die stei­fen Typen mit Stock im Rücken eben­so ihren Platz haben wie die­je­ni­gen, die als Kari­ka­tu­ren eines schon vor hun­dert Jah­ren absur­den Poli­tik­thea­ters für ver­korks­te und ver­koks­te Aben­de plus Schlä­ge­rei ver­ant­wort­lich wären.

Poli­tik­thea­ter: Ich habe den Fiume-Roman Die Repu­blik der Irren nicht ungern gele­sen. Man erwar­te­te eine ver­knif­fe­ne Dekon­struk­ti­on und fand eine lite­ra­ri­sche Zwei­bis­drei, in der sich aber doch ein grund­sätz­li­ches Ver­ständ­nis für die­se prä­fa­schis­ti­sche, futu­ris­ti­sche, eksta­ti­sche Anar­chie herausschälte.

Stim­men rund­um: Der eine las das als Ken­ner des Werks und Lebens Gabrie­le D’An­nun­zi­os – und war posi­tiv über­rascht; der ande­re nahm genau jenen gegen rechts­po­pu­lis­ti­sche Dyna­mik gewen­de­ten Ton wahr, den er erwar­tet hat­te; der nächs­te emp­fahl mir einen ande­ren Roman über das Expe­ri­ment Fiume, eine dick­lei­bi­ge Sache, die aus dem Eng­li­schen über­tra­gen wer­den müßte.

Mein Sohn las vor, las dann allei­ne wei­ter, kam aber mit vie­len Fra­gen, und dar­über ist mir klar gewor­den, daß das Welt­wis­sen der jun­gen Rech­ten von vor drei­ßig Jah­ren sich von dem heu­ti­ger unter­schei­det. In den Krei­sen, in denen ich unter­wegs war, wuß­te man, was Fiume war, und man­cher hat sein schwar­zes Hemd seit­her nicht mehr abge­legt. Man las Filip­po Mari­net­tis Futu­ris­ti­sches Mani­fest und gab Geld aus für sein nur anti­qua­risch ver­füg­ba­res Futu­ris­ti­sches Koch­buch, das auch in der Vil­la Kun­ter­bunt hät­te ver­faßt wor­den sein können.

Die jun­gen Rech­ten von heu­te wis­sen ande­re Din­ge und müs­sen sich ande­ren Her­aus­for­de­run­gen stel­len. Des­halb ist es sinn­voll, ein wenig von Fiume zu erzäh­len, bevor der Strang sich an den Anfang zurück­biegt, zu Krah und sei­ner Art von Theater.

Also: Ita­li­en war als einer der Sie­ger aus dem Ers­ten Welt­krieg her­vor­ge­gan­gen und hat­te Gebiets­an­sprü­che ent­lang der Dal­ma­ti­ni­schen Küs­te ange­mel­det. Fiume, das heu­ti­ge kroa­ti­sche Rije­ka, war Zank­ap­fel. Auf Vor­schlag Wood­row Wil­sons ent­stand der Frei­staat Fiume – eine die­ser typisch hirn­lo­sen, geo-idea­lis­ti­schen Schnaps­ideen, der Sta­tus Dan­zigs ist ein wei­te­res Bei­spiel aus die­ser Liga.

Mit­ten in die offe­ne Fra­ge hin­ein stieß nun der ita­lie­ni­sche Schrift­stel­ler Gabrie­le D’An­nun­zio mit einer Trup­pe aus Frei­schär­lern und demo­bi­li­sier­ten Sol­da­ten auf Fiume vor, über­nahm die Stadt kampf­los und führ­te dort ein eben­so anar­chis­ti­sches wie thea­tra­lisch insze­nier­tes Regime, in dem futu­ris­ti­sche, kom­mu­nis­ti­sche, natio­na­lis­ti­sche und an Vor­stel­lun­gen der Lebens­re­form­be­we­gung ange­lehn­te Ele­men­te durch ihn und sein cha­ris­ma­ti­sches Talent gemischt und zusam­men­ge­hal­ten wurden.

Mus­so­li­ni ließ D’An­nun­zio poli­tisch im Stich, über­nahm aber For­men der Mas­sen­cho­reo­gra­phie und des poli­ti­schen Kults, die thea­tra­li­sche Wech­sel­re­de zwi­schen Füh­rer und Men­ge, das Schwarz­hemd, den Gruß, die auf­ge­peitsch­te Todes­ver­ach­tung, die Fei­er der Jugend – über­haupt: den Stil, Poli­tik als Insze­nie­rung, als Anspra­che einer Kol­lek­tiv­see­le zu begrei­fen und zu praktizieren.

Fiume war poli­ti­sche Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit in einem schma­len Zeit­fens­ter. Das wuß­ten die­je­ni­gen, die Fiume insze­nier­ten, natür­lich auch, und zwar nicht erst hin­ter­her, son­dern wäh­rend sie es trieben.

Aber sie kamen aus Jah­ren, Lagen und Bege­ben­hei­ten, in denen ihnen die Poli­tik geord­ne­ter Staa­ten als das Ver­ant­wor­tungs­lo­ses­te über­haupt hat­te vor­kom­men müs­sen – als unge­heu­re und bis dahin nicht vor­stell­ba­re Abschät­zig­keit dem Leben gegen­über: Hun­dert­tau­sen­de jun­ge Euro­pä­er hat­ten ein­an­der nie­der­ge­met­zelt, waren von Maschi­nen zer­schos­sen, zer­fetzt, ver­schüt­tet, nie­der­ge­walzt, ver­gif­tet, zer­stü­ckelt wor­den, wäh­rend sich die Front um ein paar Kilo­me­ter hin und wie­der her bewegt hatte.

Man kann, man muß ver­ste­hen, daß die Rück­keh­rer aus sol­chen Räu­men kei­ner­lei Inter­es­se dar­an hat­ten, sich in ein aus­ge­laug­tes Wei­ter-so ein­zu­glie­dern und zuzu­schau­en, wie der nächs­te Waf­fen­gang von den­je­ni­gen vor­be­rei­tet wür­de, die selbst natür­lich an der Front, in den Grä­ben, in Stahl­ge­wit­tern nicht gewe­sen waren.

Aus die­ser Per­spek­ti­ve schien das ver­rück­tes­te Gesell­schafts­expe­ri­ment weni­ger gefähr­lich und viel­leicht sogar nor­ma­ler zu sein als der Moment, an dem ein Tiro­ler jenem Ita­lie­ner den Kopf ein­schlug, in des­sen Trat­to­ria er zwei Jah­re zuvor in Raven­na ein zwei­tes und drit­tes Glas Wein bestellt hatte.

Die Repu­blik der Irren, Fiume: eksta­tisch, trun­ken, pro­mis­kui­tiv, rasend, laut, ver­schwen­de­risch, insta­bil, ein Magnet, ein fieb­ri­ges Nest, eine Anstalt.

Ist doch inter­es­sant: So funk­tio­niert Poli­tik eben auch, zumal Poli­tik in Mas­sen­ge­sell­schaf­ten. Aber wenn der alte Spruch gilt: daß eine libe­ra­le Gene­ra­ti­on die Sub­stanz von hun­dert kon­ser­va­ti­ven Jah­ren auf­brau­che, dann galt das für Fiume in ver­schärf­ter Form. Fünf­zehn anar­chis­ti­sche, artis­ti­sche, expe­ri­men­tel­le Mona­te reich­ten hin, um alle Sub­stanz auf­zu­brau­chen, die in der Stadt vor­han­den gewe­sen war.

Blu­ti­ge Weih­nacht 1920: Es war die ita­lie­ni­sche Armee, die dem Trei­ben ein Ende setz­te, kein beson­ders blu­ti­ges, denn ent­ge­gen der im Fackel­schein nächt­lich und oft wie­der­holt vor­ge­tra­ge­nen Todes­ver­ach­tung zer­streu­ten sich die Bür­ger des Frei­staats rasend schnell, als die ers­ten Gra­na­ten ein­schlu­gen. Auch D’An­nun­zio schlüpf­te wie­der unter und genoß bis zu sei­nem Lebens­en­de auf Staats­kos­ten einen luxu­riö­sen Stil. Dage­gen ist nichts einzuwenden.

Die­ser Mann hat der Poli­tik, der Staats­po­li­tik, einen Spie­gel vor­ge­hal­ten – und wohl dem Land, das Orte und Apa­na­gen hat für sol­che Pfau­en. Sie blei­ben auf eine Art im Gedächt­nis und beschäf­ti­gen das Gehirn und die Fan­ta­sie, wie es der eiser­ne Staats­se­kre­tär, der das Sta­bi­le, Belast­ba­re kennt und tut, nie könnte.

Aber eines darf man über aller Fas­zi­na­ti­on an der Ope­ret­te nicht ver­ges­sen: Irgend­je­mand muß­te damals schon und muß heu­te, wo sich Din­ge als Kari­ka­tur zu wie­der­ho­len anschi­cken, die Zeche zah­len. Das ist kein Argu­ment, das sich gegen Thea­ter, Grö­ßen­wahn, künst­le­ri­sche Rück­sichts­lo­sig­keit und ver­brann­te Erde rich­tet. Vie­les, was gran­di­os ist und über­dau­ert und inspi­rie­rend wirkt, gedeiht auf die­sem Boden und nährt sich aus einem gerüt­telt Maß an Asozialität.

Das his­to­ri­sche Fiume hat­te gute Grün­de, ein­mal so zu sein. Wo aber wären die­se Grün­de heu­te, und vor allem: wo der vol­le Ein­satz? Was ist aus der Erschüt­te­rung gebo­ren, was Schmierentheater?

Kurz­um: Nie­mand, dem der Staat, das Volk, der gesell­schaft­li­che Auf­bau und die Lebens­ab­si­che­rung von Mas­se Mensch am Her­zen liegt (oder lie­gen muß), wür­de sich Rat bei so etwas wie Fiume und den Prot­ago­nis­ten die­ses Wahns holen. Denn meist bezahlt sich die Zeche nicht so leicht, wie es von dort aus wirkt, wo Poli­tik als Thea­ter insze­niert und die Kari­ka­tur einer his­to­ri­schen Erup­ti­on gezeich­net wird. Dar­an muß ab und an erin­nert wer­den, wer von Man­da­ten und Gut­gläu­bi­gen lebt.

So. Habe ich den Faden ver­lo­ren? Ich woll­te einen Bogen schla­gen und auf Krah zurück­kom­men. Habe ich das? Egal.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

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Kommentare (1)

Boreas

19. Februar 2026 18:37

Schon eine merkwürdige Entwicklung des Verlages Castrum, der nach dem Tod des Verlegers Uwe Lammla (Arnshaugk) eine neue Heimat für den Jahrhundertdichter Rolf Schilling zu werden schien. Jedenfalls wurde sein letzter Gedichtband dort editiert. Danach aber Funkstille vonseiten des Verlegers. Es ist ein langer Weg von Schilling zu Krah aber man scheint ihn gegangen zu sein. Fiume, welch expressiv-größenwahnsinniger Zauberklang. Die Chaostriebe dieses Experimentes ragen sogar ins Feld der Philatelie: http://www.briefmarkenverein-berliner-baer.de/vereinszeitung/252-2-annunzio.htm
Legendär auch der Luftangriff mit einem Nachttopf voller Rüben, den d´Annunzio seinen Adjudanten auf den römischen Regierungssitz vollführen ließ.
Gerade wollte ich GK noch für eine gelungene Metapher zur Beschreibung unguter Gesichter im obigen Text loben, da sehe ich, das er rausredigiert wurde. Die Beschreibung, daß jemandem  die "fechterische Unfähigkeit ins Gesicht geschrieben ist", sollte dennoch der Nachwelt erhalten bleiben. Zumindest für gewissen subkulturellen Nischen.