Am Rande der Sicherheitskonferenz

von Orly Richter -- Es gibt eine Art von Veranstaltung, bei der Begriffe so verladen, festgezurrt und aufgegleist werden, daß ein Abspringen vom Diskurs-Waggon danach fast unmöglich scheint. So eine fand am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz statt.

Das Sym­po­si­um „Russ­lands Hybrid­krieg: Die Auf­lö­sung der Wahr­heit“ ver­sam­mel­te pro­mi­nen­tes­te Kir­chen­ver­tre­ter und Aka­de­mi­ker aus Deutsch­land, den USA und der Ukrai­ne, die ent­lang der Fra­ge nach der Wahr­heit im Krieg Grund­sätz­li­ches wuch­ten sollten.

Wäh­rend sich die Rech­te an der Auf­lö­sung aller Din­ge und Struk­tu­ren abar­bei­tet, konn­te man hier genau das Gegen­teil beob­ach­ten: den Umschwung der Wahr­heit in den Fetisch von Objek­ten, Argu­men­ten und Begebenheiten.

Zunächst wur­den bekann­te Lini­en nach­ge­zo­gen: „Trum­pis­mus“ wur­de mit „Puti­nis­mus“ gleich­ge­setzt. Bei­de Staats­ober­häup­ter gel­ten als zwil­lings­haf­te Agen­ten einer post-truth Welt, mör­de­ri­sche bull­shit artists. Ruß­land, so der Tenor, habe sich eine Hyper-Post­mo­der­ne zu eigen gemacht und betrei­be intern die rela­ti­vis­ti­sche Auf­lö­sung der Wahr­heit in unzäh­li­ge Per­spek­ti­ven und Nar­ra­ti­ve. Alle, teils von höchs­ter Stel­le geneh­mig­ten Ver­bre­chen wür­den so sub­til in Fra­ge gestellt; Spin und Lüge herrsch­ten. Spiel­feld dafür sei die digi­ta­le Welt, die des­halb hier­zu­lan­de nach „Regu­lie­rung“ schreie.

Rus­si­sche Des­in­for­ma­ti­on, Troll- und Klick-Far­men schei­nen über­all zu sein. Aus­läu­fer davon im Wes­ten: die “Ver­schwö­rungs­theo­rien” wäh­rend “Coro­na” und zum “Kli­ma”. In die­sem Sin­ne ver­such­te ein abge­half­ter­ter, ehe­ma­li­ger deut­scher Bot­schaf­ter auch den Ein­fluß Ruß­lands auf Deutsch­land über die AfD nach­zu­wei­sen. Zwar muß­te er zuge­ben, daß er sei­ne stei­le The­se nicht quan­ti­ta­tiv bele­gen kön­ne; aber das Nar­ra­tiv stütz­te es allemal.

Kaum über­ra­schend wur­de der Bogen zu Han­nah Are­ndt gespannt: Der Tota­li­ta­ris­mus ver­wischt, schrieb sie, die Linie zwi­schen Wahr­heit und Lüge. Neo­lo­gis­tisch ver­bin­det „Ruschis­mus“ jetzt Ruß­land mit Faschis­mus. Im Ukrai­ne-Krieg wird die­ses Gefü­ge gleich­sam potenziert:

Yurii Nyky­ti­uk, Gene­ral­kon­sul der Ukrai­ne, sprach davon, daß Ruß­land einen “Krieg gegen die Wahr­heit selbst” füh­re. Mak­sym But­ke­wytsch, ein ukrai­ni­scher Akti­vist und Jour­na­list, der schon 1990 in der anti-sowje­ti­schen „Revo­lu­ti­on auf Gra­nit“ aktiv und ab 2022 zwei Jah­re lang in rus­si­scher Kriegs­ge­fan­gen­schaft war, modu­lier­te: Ruß­land kämp­fe gegen den “Begriff einer objek­ti­ven Wahr­heit als solcher”.

Von deutsch-ame­ri­ka­ni­scher Sei­te aus band der Phi­lo­so­phen-Groß­meis­ter Vitto­rio Hös­le die Fäden zusam­men: Brei­te “Kräf­te” woll­ten “die libe­ra­le Demo­kra­tie intern und extern zer­stö­ren“. Hös­le, der eini­ge Zeit in Mos­kau ver­brach­te und der Spra­che mäch­tig ist, hat­te schon zu Kriegs­be­ginn das Buch Mit dem Rücken zu Ruß­land ver­öf­fent­licht und tritt seit­dem aus trans­at­lan­ti­scher Distanz als vehe­men­ter Ruß­land-Kri­ti­ker auf.

Dem post­mo­dern-tota­li­tä­ren Wahr­heits­ver­lust setz­te man kon­ven­tio­nell die Schlag­wör­ter von Frei­heit, Ver­trau­en und Demo­kra­tie ent­ge­gen. Die basie­ren noch auf dem auf­ge­klär­ten, erkennt­nis­fä­hi­gen Sub­jekt. Aber schon die Post­mo­der­ne, die man nun mit Myria­den von rus­si­schen Bots gegen den Wes­ten in Stel­lung gebracht sieht, hat­te das ero­diert. Das vor­aus­ge­setz­te Sub­jekt ver­schwand denn auch immer wie­der in tra­gi­schen Selbstwidersprüchen.

“Unse­re Demo­kra­tie” möch­te gegen Russ­land als neue alte Impe­ri­al­macht stand­hal­ten, soll­te sich aber erst­mal post­ko­lo­ni­al gesund-dekon­stru­ie­ren (so der Cam­bridge-basier­te Ukrai­ne-His­to­ri­ker Rory Fin­nin). Sie möch­te Frei­heit für alle, aber kei­ne stö­ren­den Mei­nun­gen, die das “Ver­trau­en” in die demo­kra­ti­sche Regie­rung ero­die­ren. Sie möch­te “sozia­le Kohä­si­on gegen die Pola­ri­sie­rung” und für “Resi­li­enz” im Kriegs­fall, dämo­ni­siert aber nach Kräf­ten sou­ve­rä­ne (Meta-)Politik.

Kurz­um: Jede For­de­rung ist ein Schritt, über den der ande­re Fuß stol­pert. Das Sub­jekt, ob indi­vi­du­ell oder kol­lek­tiv, schred­dert sich stän­dig selbst.

In die­ses Vaku­um des Sub­jekts dräng­ten nun selbst­be­wußt die Ukrai­ner aufs Podi­um: mit abgrün­di­gen Kriegs­er­fah­run­gen ein­schließ­lich Fol­ter und Kin­des­ent­füh­rung, rou­ti­nier­ter Resi­li­enz, tech­no­lo­gi­scher Agi­li­tät und über Dank­bar­keit ver­mit­tel­te For­de­run­gen nach mehr Kriegs­ge­rät. Die “objek­ti­ven Fak­ten” gal­ten dabei als klar, unverhandelbar.

Ein ukrai­ni­scher Droh­nen-Inge­nieur erschien im Selen­s­kiy-Stil wie ein Bot­schaf­ter von der Front. Mit geschwol­le­nem Kamm schenk­te er den Tweed-Aka­de­mi­kern ein wenig Zynis­mus ein: er, der Nicht-Reli­giö­se, ermög­li­che rus­si­schen Sol­da­ten eine Ant­wort auf die sehr phi­lo­so­phi­sche Fra­ge, ob es ein Leben nach dem Tod gäbe.

Man erleb­te so eine Form des Über­wäl­ti­gungs-Objek­ti­vis­mus, bei dem die Wahr­heit des Krie­ges sich in der bra­chia­len Prä­senz ukrai­ni­scher Akti­vis­ten ergießt. An ihren teils ent­setz­li­chen Erzäh­lun­gen ist per se nichts „falsch“, aber sie tref­fen eben auf ein post­mo­der­nes deut­sches Sub­jekt. Pos­ter­boy ist seit jeher Jac­ques Der­ri­da: Er beschrieb das „Zei­chen“ als etwas, des­sen Bedeu­tung in einem abstru­sen Raum weg­rutscht, sich stän­dig ent­zieht. Das Sub­jekt ver­schwin­det in einem Flux der „Gram­ma­to­lo­gie“.

Die­se Ein­sei­tig­keit stürzt dia­lek­tisch immer ins Gegen­teil: Eigent­lich ist der Mensch völ­lig gefan­gen bei sich, er ist umge­ben von einer Hyper­prä­senz der Bedeu­tung. All­täg­li­ches Bei­spiel: was eine „Frau“ ist, wird nach Der­ri­da völ­lig unklar, aber wenn sich ein Mann als Frau dekla­riert, ist die­se Selbst­be­zeich­nung unan­tast­bar, er gilt als „sui­zi­dal“, sprä­che man ihm die­se „Wahr­heit“ ab.

In die­sem Sinn hat das deut­sche Publi­kum der ukrai­ni­schen Real­prä­senz des Krie­ges wenig ent­ge­gen­zu­set­zen. Es fehlt das Selbst­sein, die Distanz zu den Wahr­hei­ten  –  zu sich selbst genau­so wie zur neu­en, maxi­mal objek­ti­ven Lage. Statt­des­sen wer­den der Ver­bün­de­te und sei­ne Fak­ten zum Fetisch. Man zer­fließt rausch­ar­tig in einem Euro­pa, an des­sen Ost­front „Arma­ged­don abge­schreckt“ wird, wie eine ukrai­ni­sche Exper­tin für EU-Bezie­hun­gen formulierte.

Hös­le rief drei­mal pas­sio­niert “Sla­va Ukrai­ne!” Als spä­ter eine „wahr­heits­ba­sier­te, glo­ba­le Ord­nung“ zur Spra­che kam, fiep­te manch einem Orwell im Ohr.

Es war in die­ser geis­ti­gen Lage also kein Zufall, daß die deut­sche Poli­tik auf der Münch­ner Sicher­heits­kon­fe­renz dann erneut an einem zivi­li­sa­to­ri­schen Aus­fahrts­schild vor­bei­ras­te. Der Main­stream ist auf schwär­me­ri­sche, illu­so­ri­sche Expan­si­on und, lang­fris­tig, Kriegs­be­tei­li­gung in der Ukrai­ne aus­ge­rich­tet. Hori­zont dafür ist ein neu­er anti-post­mo­der­ner Objek­ti­vis­mus, der sub­til auch die Schnei­sen nutzt, die sonst die Rech­te bean­sprucht: Ver­ant­wor­tung, Die­nen, ein „Wir“ – nur eben sämt­lich in die Ukrai­ne absorbiert.

Was fehlt, ist das eige­ne Kon­kre­te: Wir sind nicht die Ukrai­ne (oder Ruß­land), offen­sicht­lich. Erst eine sol­che Distanz zum Nächs­ten ermög­licht selb­stän­di­ges Ver­hal­ten ohne Kriegs­lei­den weg­zu­re­den oder davon gelähmt zu wer­den. Momen­tan ist maxi­mal schnö­der Prag­ma­tis­mus vor­han­den. So infor­mier­te der deut­sche Gene­ral Breu­er (kein Sol­da­ten-Sol­dat, der Petu­ni­en aggres­siv macht, eher der Typ „sorg­fäl­ti­ger Orga­ni­sa­tor“) lei­den­schafts­los über die rea­len Gren­zen deut­scher mili­tä­ri­scher Kapa­zi­tä­ten. Immerhin.

Dem rech­ten Ur-Inter­es­se am Eige­nen wäre wegen die­ser Ver­zer­run­gen auch ein Wahr­heits­be­griff zur Sei­te zu stel­len, der über Post­mo­der­ne-Schel­te hin­aus­geht. Wahr­heit besteht kaum nur in über­wäl­ti­gen­den, schein­bar nicht hin­ter­frag­ba­ren Fak­ten. Zugleich ver­langt die schnuf­fi­ge links­li­be­ra­le Rede von Wahr­heit als Lie­be und Rela­tio­na­li­tät danach, in ihrer gan­zen Här­te aus­buch­sta­biert zu werden.

Tra­di­tio­nell jeden­falls war das christ­li­che Abend­mahl der Ort für die letzt­lich poli­ti­sche Fra­ge nach „Wahr­heit“ und „Wir“. Sub­jekt, Objekt und die tran­szen­den­te Ver­an­ke­rung des Ver­hält­nis­ses von bei­dem ist in die­sem Ritu­al kon­kret, ein regu­lä­res Hap­pe­ning vor Ort. Es strahlt auf das gan­ze Leben aus, indem es real­sym­bo­lisch Raum und Zeit schafft. An der Wahr­heit hat man so teil, wenn auch stück­haft und ver­dun­kelt, sie ist für uns.

Daß die Eucha­ris­tie außer­dem noch diver­se Feti­sche auf­hebt, wird momen­tan lei­der nur von mar­xis­tisch inspi­rier­ter Sei­te gese­hen. Hier liegt also eini­ges brach. Und egal, wie man selbst die Gret­chen­fra­ge beant­wor­tet:  Ent­lang solch abs­trak­ter meta­phy­si­scher und lit­ur­gi­scher Fra­gen zeich­nen sich jetzt schon Dif­fe­ren­zen inner­halb der glo­ba­len Rech­ten ab, z. B. zwi­schen Tech-Bro-Olig­ar­chen und tra­di­tio­na­lis­ti­schen Postliberalen.

Bezeich­nen­der­wei­se hat­te das Münch­ner Wahr­heits-Sym­po­si­um mit einer öku­me­ni­schen Frie­dens­an­dacht begon­nen. Kir­chen, Wis­sen­schaft und Kriegs­par­tei tarier­ten sich dort auf eine Linie ein. Von baß-gesät­tig­ten ortho­do­xen Gesän­gen des „Vol­kes“ umrahmt, hieß es für die Ukrai­ne in der „gro­ßen Litanei“:

Laßt uns auch beten, daß Gott der Herr alle behü­te, die der Pflicht des Schut­zes ihrer Hei­mat nach­ge­hen: Er möge ihren Mut und ihre Ent­schlos­sen­heit stär­ken, sie bewah­ren vor allen Fein­den, den sicht­ba­ren und den unsichtbaren.

Gegen den Strich kann und muss man das­sel­be für uns, für sich erbe­ten und dar­an arbei­ten. Das ent­sprä­che neben­bei der ursprüng­li­chen Bedeu­tung von Lit­ur­gie, leit­our­gía: „Arbeit des Vol­kes“, „Arbeit fürs Volk“.

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Kommentare (4)

Maiordomus

23. Februar 2026 19:04

Das mit dem Abendmahl könnte noch interessieren, so wie man ohne die Differenz bei der Abendmahlsinterpretation von Zwingli und der von Luther den Unterschied zwischen schweizerisch-oberdeutscher und deutsch-preussischer Mentalität in der Tiefe nie begreifen wird.  Nehme an, dass diejenigen, welche die Ukraine von der spirituellen Seite sehen, hoffentlich über die Sicht des Protopopen Awwakum, Erzstarzen altrussischen Glaubens im Bilde sind, nämlich den innerorthodoxen Gegensatz beim Kreuzzeichen mit zwei Fingern ("Wahrer Gott und wahrer Mensch") oder drei Fingern ("im Namen der hl. Dreifaltigkeit").Für Awwakum einst noch wichtiger wie für Putin Natobeitritt der Ukraine Ja oder Nein, überhaupt zentral mentalitätsbildend. Ohne Vorkenntnisse in dieser Richtung wäre die oben beschriebene Tagung wohl fern grosser Zusammenhänge gestanden, was ohnehin wahrscheinlich ist. Bei Kriegsberichterstattern wäre die Präsenz beider Seiten für Wahrheitsfindung unabdingbar.  Mir macht  @"Orly" einen skeptischen Eindruck, ohne dass ich bei ihm Vorhandensein von Spitzenwissen supponiere. Kant, der Königsberg nie verliess, deutete Geschehnisse der Franz. Revolution langfristig objektiver als deren vermeintliche Gestalter an den Originalschauplätzen, wiewohl er durch Burke ergänzt werden muss. Beide waren indes keine "Kriegsberichterstatter".  Das Wort "Wahrheit" sollte bei diesem Bericht ohnehin durch "Perspektive" ersetzt werden.      

Nadja

23. Februar 2026 19:06

Mumbo jumbo!
Wenn Begriffe verladen, festgezurrt und aufgegleist werden, wenn das Abspringen vom Diskurs-Waggon unmöglich scheint, wenn Grundsätzliches entlang einer Frage gewuchtet werden soll, wenn die Wahrheit in einen Fetisch umschwingt… und wenn ein Autor eine unglückliche Liebe zu Anführungszeichen hat… dann sollte das Lektorat tätig werden.

Kositza: Ich selbst bin hier nicht angesprochen, da ich den Text von Richter erst in dieser Minute las.
Bin jetzt aber all die inkriminierten Sprachbilder und auch die Anführungszeichen durchgegangen. Nun, ich hab wahrlich eine Allergie gg schiefe Metaphern wie auch gg Gänsefüßchenschwemme. Nur: Ich finde hier alles bestens plaziert.

Franz Bettinger

23. Februar 2026 19:15

"Dem postmodern-totalitären Wahrheitsverlust setzte die EU die Schlagwörter von Freiheit, Vertrauen und Demokratie entgegen.“ Zum Totlachen! Alle drei Begriffe sind spätestens an den Schallmauern Corona und Post-Corona zerschellt. 

Rheinlaender

23. Februar 2026 20:02

Früher habe ich solche Veranstaltungen häufiger besucht. Man denkt dort nicht, sondern reproduziert auf der Suche nach Bestätigung und Zugehörigkeit einen moralisierenden Konsens, den es in Deutschland scheinbar zu jedem Thema geben muss. An Orwell erinnert mich, wie schnell dieser Konsens umschwenken kann. So hätten die Teilnehmer der oben beschrieben Veranstaltung bis 2022 wahrscheinlich noch jedem "Militarismus" etc. vorgeworfen, der für eine kriegstüchtige Armee eingetreten wäre. Manchmal erlaube ich mir noch den sadistischen Spaß, solche Leute dazu zu bringen, sich zu Themen zu äußern, auf die der gerade geltende Moralkonsens keine eindeutige Antwort hat. Wie sie sich beim Versuch winden, narrative Minenfelder zu durchschreiten, ohne eines der vielen Tabus zu verletzen, kann amüsant sein.