Einer der Gründe ist auf den Neid von Zunftkollegen über seine publizistischen Erfolge zurückzuführen. Von Alys Büchern erlangte neben der heftigen Kritik an den Kulturrevolutionären von 1968 (Unser Kampf) besonders seine 2006 erschienene Schrift Hitlers Volksstaat Bekanntheit. Diese Publikation verbindet die ideologischen Hintergründe von Hitlers Eroberungs- und Rassekrieg mit den vielfältigen Konzepten des nationalen Sozialismus, die für viele Zeitgenossen ein attraktives Zuckerbrot darstellten. Keine Gewaltherrschaft existiert ausschließlich auf der Basis von Unterdrückung, sondern muß zumindest Teilen der Bevölkerung in der einen oder anderen Weise Zustimmung abringen.
Solche Linien werden in der neuesten, sehr materialreichen Darstellung nochmals ausgezogen. Man hat nicht zu Unrecht von der Krönung eines Lebenswerks gesprochen. Wie konnte das geschehen? liegt nun bereits in der achten Auflage vor.
Aly nähert sich dem Objekt seiner Forschung aus einer lebensweltlichen Perspektive. Im Mittelpunkt der facettenreichen Arbeit, die viele Aussagen bekannter wie unbekannter Zeitgenossen von 1933 bis 1945 anführt, steht eine detaillierte Auswertung der Themenbereiche Finanzen und Geld. Alys Leistung besteht nicht zuletzt in seiner Fähigkeit, Statistiken, Einzelfallbeispiele und Zitate in einer großen Synopse zu veranschaulichen. Auf diese Weise gelingt es, einzelne Ereignisse in übergreifende strukturelle Zusammenhänge einzubetten.
Der Autor führt viele (oft aufgrund der fehlenden zuverlässigen Meinungsumfragen indirekte) Belege für die wenigstens anfänglich große Zustimmung der Bevölkerung an. So ergeben im Juli 1933 noch korrekt abgehaltene Wahlen zu den protestantischen Kirchengemeinderäten einen Erfolg der Deutschen Christen in Höhe von 80%. Im Saarland entschieden sich rund neun von zehn Wählern in der international beaufsichtigten Wahl für die Angliederung an das Deutsche Reich. Die Propaganda-Inszenierungen trugen nicht wenig dazu bei, eine vollkommene Übereinstimmung von Führung und Volk zu suggerieren.
Der ökonomische Aufschwung im Laufe der 1930er Jahre kam einer großen Zahl von Arbeitern und Angestellten zugute. Die Stimulanz der Nachfrage war vor allem staatlichen Konjunkturprogrammen, insbesondere in der Rüstungsindustrie, zu verdanken. Besonders die rasch wachsende Verschuldung (einschließlich währungspolitischer Manipulationen, die auch innerhalb des NS-Apparats auf Widerspruch stießen) setzte die Regierung unter Druck. Einzelne „Volksgenossen“, die die (wenigstens bescheidene) Verbesserung ihres Lebensstandards in der Regel regimegewogen stimmte, interessierten sich für makroökonomische Mechanismen im Hintergrund eher wenig. Über polizeiliche Willkürmaßnahmen sah man gern hinweg.
Die Begeisterung über Kraft-durch-Freude-Projekte stieß nach 1945 öfters auf Unverständnis. Für viele jedoch, die in den Genuß solcher Angebote kamen, waren sie eine Unterbrechung des oft tristen Alltages. Überdies freuten sich die meisten über anfängliche außenpolitische Erfolge. Die enorme Beschleunigung und Verdichtung der Zeitereignisse spielten den Machthabern entscheidend in die Hände.
Aly präsentiert viele Beispiele für die NS-Herrschaft als Aufstiegsgesellschaft, die es schaffte, einen Teil der Bevölkerung ebenso brutal auszugrenzen wie andere Teile in die „Volksgemeinschaft“ zu integrieren. Ein eigenes Kapitel ist der Gewinnung der Bevölkerung mittels Unterhaltung, vor allem durch Film und Rundfunk, gewidmet.
In den Abschnitten über den Krieg werden besonders die materiellen Vorteile exemplarisch beleuchtet, die Deutsche in erheblicher Zahl infolge der Raubzüge der Wehrmacht erlangen konnten. Zu den Nutznießern der Beute zählten auch NS-Distanzierte wie Heinrich Böll, Sophie Scholl und die Familie des Autors. Darüber hinaus werden viele Erfahrungsberichte von der Front angeführt, die den Rezipienten aufwühlen.
Wenngleich man nicht alle Wertungen Alys teilen muß, bietet der Autor wichtige Schlüssel zur Beantwortung der Frage: „Wie konnte das geschehen?“ Mehr Annäherung an die Wahrheit denn auf solche Weise ist kaum vorstellbar.
Götz Aly: Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945, 768 S., 34 € – hier bestellen