Kritik der Woche (78): Wie konnte das geschehen?

Gastbeitrag von Felix Dirsch

Götz Aly gilt als Außenseiter unter den Universitäts-Historikern. 2011 wurde ihm eine außerplanmäßige Professur an der Freien Universität Berlin verweigert.

Einer der Grün­de ist auf den Neid von Zunft­kol­le­gen über sei­ne publi­zis­ti­schen Erfol­ge zurück­zu­füh­ren. Von Alys Büchern erlang­te neben der hef­ti­gen Kri­tik an den Kul­tur­re­vo­lu­tio­nä­ren von 1968 (Unser Kampf) beson­ders sei­ne 2006 erschie­ne­ne Schrift Hit­lers Volks­staat Bekannt­heit. Die­se Publi­ka­ti­on ver­bin­det die ideo­lo­gi­schen Hin­ter­grün­de von Hit­lers Erobe­rungs- und Ras­se­krieg mit den viel­fäl­ti­gen Kon­zep­ten des natio­na­len Sozia­lis­mus, die für vie­le Zeit­ge­nos­sen ein attrak­ti­ves Zucker­brot dar­stell­ten. Kei­ne Gewalt­herr­schaft exis­tiert aus­schließ­lich auf der Basis von Unter­drü­ckung, son­dern muß zumin­dest Tei­len der Bevöl­ke­rung in der einen oder ande­ren Wei­se Zustim­mung abringen.

Sol­che Lini­en wer­den in der neu­es­ten, sehr mate­ri­al­rei­chen Dar­stel­lung noch­mals aus­ge­zo­gen. Man hat nicht zu Unrecht von der Krö­nung eines Lebens­werks gespro­chen. Wie konn­te das gesche­hen? liegt nun bereits in der ach­ten Auf­la­ge vor.

Aly nähert sich dem Objekt sei­ner For­schung aus einer lebens­welt­li­chen Per­spek­ti­ve. Im Mit­tel­punkt der facet­ten­rei­chen Arbeit, die vie­le Aus­sa­gen bekann­ter wie unbe­kann­ter Zeit­ge­nos­sen von 1933 bis 1945 anführt, steht eine detail­lier­te Aus­wer­tung der The­men­be­rei­che Finan­zen und Geld. Alys Leis­tung besteht nicht zuletzt in sei­ner Fähig­keit, Sta­tis­ti­ken, Ein­zel­fall­bei­spie­le und Zita­te in einer gro­ßen Syn­op­se zu ver­an­schau­li­chen. Auf die­se Wei­se gelingt es, ein­zel­ne Ereig­nis­se in über­grei­fen­de struk­tu­rel­le Zusam­men­hän­ge einzubetten.

Der Autor führt vie­le (oft auf­grund der feh­len­den zuver­läs­si­gen Mei­nungs­um­fra­gen indi­rek­te) Bele­ge für die wenigs­tens anfäng­lich gro­ße Zustim­mung der Bevöl­ke­rung an. So erge­ben im Juli 1933 noch kor­rekt abge­hal­te­ne Wah­len zu den pro­tes­tan­ti­schen Kir­chen­ge­mein­de­rä­ten einen Erfolg der Deut­schen Chris­ten in Höhe von 80%. Im Saar­land ent­schie­den sich rund neun von zehn Wäh­lern in der inter­na­tio­nal beauf­sich­tig­ten Wahl für die Anglie­de­rung an das Deut­sche Reich. Die Pro­pa­gan­da-Insze­nie­run­gen tru­gen nicht wenig dazu bei, eine voll­kom­me­ne Über­ein­stim­mung von Füh­rung und Volk zu suggerieren.

Der öko­no­mi­sche Auf­schwung im Lau­fe der 1930er Jah­re kam einer gro­ßen Zahl von Arbei­tern und Ange­stell­ten zugu­te. Die Sti­mu­lanz der Nach­fra­ge war vor allem staat­li­chen Kon­junk­tur­pro­gram­men, ins­be­son­de­re in der Rüs­tungs­in­dus­trie, zu ver­dan­ken. Beson­ders die rasch wach­sen­de Ver­schul­dung (ein­schließ­lich wäh­rungs­po­li­ti­scher Mani­pu­la­tio­nen, die auch inner­halb des NS-Appa­rats auf Wider­spruch stie­ßen) setz­te die Regie­rung unter Druck. Ein­zel­ne „Volks­ge­nos­sen“, die die (wenigs­tens beschei­de­ne) Ver­bes­se­rung ihres Lebens­stan­dards in der Regel regime­ge­wo­gen stimm­te, inter­es­sier­ten sich für makro­öko­no­mi­sche Mecha­nis­men im Hin­ter­grund eher wenig. Über poli­zei­li­che Will­kür­maß­nah­men sah man gern hinweg.

Die Begeis­te­rung über Kraft-durch-Freu­de-Pro­jek­te stieß nach 1945 öfters auf Unver­ständ­nis. Für vie­le jedoch, die in den Genuß sol­cher Ange­bo­te kamen, waren sie eine Unter­bre­chung des oft tris­ten All­ta­ges. Über­dies freu­ten sich die meis­ten über anfäng­li­che außen­po­li­ti­sche Erfol­ge. Die enor­me Beschleu­ni­gung und Ver­dich­tung der Zeit­er­eig­nis­se spiel­ten den Macht­ha­bern ent­schei­dend in die Hände.

Aly prä­sen­tiert vie­le Bei­spie­le für die NS-Herr­schaft als Auf­stiegs­ge­sell­schaft, die es schaff­te, einen Teil der Bevöl­ke­rung eben­so bru­tal aus­zu­gren­zen wie ande­re Tei­le in die „Volks­ge­mein­schaft“ zu inte­grie­ren. Ein eige­nes Kapi­tel ist der Gewin­nung der Bevöl­ke­rung mit­tels Unter­hal­tung, vor allem durch Film und Rund­funk, gewidmet.

In den Abschnit­ten über den Krieg wer­den beson­ders die mate­ri­el­len Vor­tei­le exem­pla­risch beleuch­tet, die Deut­sche in erheb­li­cher Zahl infol­ge der Raub­zü­ge der Wehr­macht erlan­gen konn­ten. Zu den Nutz­nie­ßern der Beu­te zähl­ten auch NS-Distan­zier­te wie Hein­rich Böll, Sophie Scholl und die Fami­lie des Autors. Dar­über hin­aus wer­den vie­le Erfah­rungs­be­rich­te von der Front ange­führt, die den Rezi­pi­en­ten aufwühlen.

Wenn­gleich man nicht alle Wer­tun­gen Alys tei­len muß, bie­tet der Autor wich­ti­ge Schlüs­sel zur Beant­wor­tung der Fra­ge: „Wie konn­te das gesche­hen?“ Mehr Annä­he­rung an die Wahr­heit denn auf sol­che Wei­se ist kaum vorstellbar.

Götz Aly: Wie konn­te das gesche­hen? Deutsch­land 1933 bis 1945,  768 S., 34 € – hier bestel­len

 

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